Was ist schon richtig? Oft weiß man dies ja erst im Nachhinein.
Aber es gibt doch Wahrheiten?
Sicher gibt es die. Eins und eins ist zwei. Ein Kreis ist rund. Das sind Aussagen, denen fast jeder Mensch zustimmen kann. Manchmal wird unter dem Etikett einer "einfachen Wahrheit" aber auch etwas ganz anderes verkündet, zum Beispiel, dass jeder Mensch egoistisch sei und dass wir Menschen am Besten nur auf uns selbst achten sollten.
Aber stimmt das nicht?
Nun, dass Menschen egoistisch sind, stimmt, aber es stimmt eben nur zum Teil. Denn auf der anderen Seite können Menschen auch äußerst selbstlos sein und sich ohne Hintergedanken für andere Menschen einsetzen.
Hat also jede Wahrheit immer zwei Seiten. Und gibt es gar kein richtig und falsch?
Manche Menschen hätten gerne, dass es kein richtig und falsch gibt. So könnte sie niemand mehr stören, wenn sie Unrecht tun. Obwohl es natürlich stimmt, dass unsere Welt kompliziert ist und wir mit einfachen Wahrheiten oft nicht weit kommen.
Wie finden wir heraus, was richtig ist oder falsch?
Die meisten Menschen verlassen sich dabei auf ihr Gefühl. Das ist auch erst einmal keine schlechte Idee. Denn ihr Gefühl ist aus den gesammelten Erfahrungen ihres bisherigen Lebens erwachsen. Trotzdem sind wir Menschen gut beraten, uns bei unseren Entscheidungen nicht nur auf unser Gefühl zu verlassen.
Warum?
Weil uns Gefühle auch trügen können. Dazu entstehen Gefühle oft nur kurzfristig und sind dazu von äußeren Einflüssen abhängig. Je nachdem, ob wir gerade glücklich sind oder nicht, ob wir Angst haben oder im Moment voller Vertrauen sind, entscheiden wir anders. Richtig und falsch sollten aber nicht von unserer momentanen Stimmung abhängen. Darum sollten wir uns bei wichtigen Entscheidungen nicht nur auf unser Gefühl verlassen.
Weil uns Gefühle auch trügen können. Dazu entstehen Gefühle oft nur kurzfristig und sind dazu von äußeren Einflüssen abhängig. Je nachdem, ob wir gerade glücklich sind oder nicht, ob wir Angst haben oder im Moment voller Vertrauen sind, entscheiden wir anders. Richtig und falsch sollten aber nicht von unserer momentanen Stimmung abhängen. Darum sollten wir uns bei wichtigen Entscheidungen nicht nur auf unser Gefühl verlassen.
Was spielt bei unseren Entscheidungen noch eine Rolle?
Unser Gefühl für richtig und falsch ist auch durch unsere Erziehung geprägt. Als Kind haben wir Menschen mit unserer Muttermilch aufgesaugt, was in unserer Familie akzeptiert wird und was nicht. Dabei gibt es oft zwei Botschaften, die wir in uns aufgenommen haben. Eine offene Botschaft, die wir auch mit Worten benennen können, wie zum Beispiel: „Sei immer ehrlich!“ und eine versteckte Botschaft, die auch ganz anders lauten kann, wie zum Beispiel: „Du darfst alles machen, was du willst, solange du mich nicht enttäuscht!“ Über solche versteckten Botschaften wird in den Familien meist nicht gesprochen, trotzdem sind sie da und wir nehmen sie in unser Erwachsenenleben mit. Genau das macht sie so gefährlich.
Aber wäre es dann nicht besser, das, was richtig und falsch ausmacht,
aus einer „objektiven“ Quelle zu schöpfen?
Genau dies versucht der christliche Glaube. Er sagt: Was richtig ist und falsch, sagt uns nicht nur unser Gefühl, wir lernen es auch nicht nur in unserer Familie oder von unseren Freunden, nein, wir lernen es auch von Gott.
So wird in der Bibel die Geschichte von Mose und den zehn Geboten erzählt. In dieser Geschichte heißt es, dass diese Gebote sogar in Stein gemeißelt sind. Also auf keinen Fall übertreten werden sollten.
Auch an Jesus können wir uns in unserem Verhalten orientieren. An seiner Barmherzigkeit und an seiner Art, mit Menschen umzugehen.
Das heißt, der Glaube bringt immer auch Werte in eine Gesellschaft ein?
Ja. Er versucht dies. Dabei ist die Religion nicht nur dafür da, um Moral zu vertreten. Aber sie bringt moralische Vorstellungen und Werte in eine Gesellschaft ein. Und die Gesellschaft verbraucht diese Werte regelmäßig wieder.
Was sollen wir tun, wenn diese Grundwerte bedroht sind?
Uns für diese Werte einsetzen. Jede Gesellschaft braucht Menschen, die sich für die Werte einsetzen, an die sie glauben. Werte wie Wahrheit oder Gerechtigkeit, oder dass jeder Mensch vor Gott gleich viel wert ist.
Warum ist die Wahrheit ein so hohes Gut?
Weil jede Lüge die Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Wenn gefühlte Wahrheiten auf einmal objektive Fakten ersetzen, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet.
Wie gefährlich solche gefühlte Wahrheiten sein können, zeigt die Geschichte von Pontius Pilatus. Er ist derjenige, der Jesus zum Tode verurteilt. Doch anstatt die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, wäscht er seine Hände öffentlich in einer Schüssel mit Wasser und erklärt sich damit für unschuldig. Und als Krönung des Ganzen schiebt er im Anschluss die Schuld an Jesu Tod auch noch dem jüdischen Volk zu.
Mit der Wahrheit hat dies nichts mehr zu tun. Schließlich war Jesus selbst ein Jude und viele Jüdinnen und Juden waren damals entsetzt darüber, dass Jesus umgebracht wurde. Trotzdem diente diese falsche Schuldzuweisung über Jahrhunderte hinweg als Vorlage für einen offenen Antisemitismus
Gibt es auch so etwas wie eine innere Wahrheit?
Ja. Wir brauchen in uns eine Art moralischen Kompass. Doch geht dieser Kompass verloren, wenn plötzlich so getan wird, als spielten Werte wie Wahrheit, Gerechtigkeit oder das Recht auf Leben keine Rolle mehr.
Gibt es ein hundertprozentiges richtiges Leben?
Nein. Wir Menschen stoßen immer an unsere Grenzen. Von daher gibt es kein perfektes Leben. Trotzdem können wir Menschen unsere menchliche Würde bewahren, indem wir zumindest versuchen, richtig zu leben. Und manchmal gelingt uns dies ja.
Der Philosoph Theodor Adorno hat einmal gesagt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Vielleicht hat er damit ja recht. Aber zumindest gibt es ein Leben, das aufrichtig ist, und das versucht, richtig zu leben. Und es gibt ein Leben, das mit seinem Scheitern offen umgeht, ja, das aus der Vergebung lebt, anstatt die Schuld für das eigene Scheitern immer nur anderen in die Schuhe zu schieben.
