Er ist nach der Bibel ein Ebenbild Gottes (I. Buch Mose 1).
Aber worin gleicht der Mensch Gott?
Das ist eine spannende Frage. In der Bibel wird diese Frage nicht eindeutig beantwortet. Stattdessen erzählt die Bibel ganz unterschiedliche Geschichten über das, was das Menschsein ausmacht.
Da gibt es zum Beispiel die Geschichte vom Turmbau zu Babel (I. Buch Mose 11). In ihr wird erzählt, wie die Menschen einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht. Ein solches Streben nach Höherem zeichnet uns Menschen aus.
Doch hat Gott damals auf dieses Streben nach Höherem nicht unbedingt positiv reagiert.
Ja, manche sagen, Gott sei auf die Menschen eifersüchtig geworden und hätte deshalb den Bau des Turmes gestoppt. Ich glaube das nicht. Vielmehr glaube ich, dass sich die Menschen mit diesem Projekt hoffnungslos verrannt haben. Ein Turm, der immer höher wird, kostet unendlich viel Kraft. Er kostet mit jedem Meter, den der Turm an Höhe gewinnt, mehr Menschenleben und am Ende wäre der Turm vermutlich irgendwann in sich zusammengefallen und hätte die ganze Stadt unter sich begraben.
Nein, ich glaube nicht, dass Gott eifersüchtig war. Vielmehr hat er die Menschen vor den Folgen ihres Größenwahns beschützt. Und das auf friedliche Weise, indem er ihre Sprachen verwirrte.
Heißt das, wir Menschen müssen manchmal vor uns selbst geschützt werden?
Ja, das ist eine der Urerfahrungen von uns Menschen. Der Mensch kann dem Menschen zu einem Wolf werden. Gewalt, Hass, Größenwahn, .... das alles steckt in uns und manchmal brechen diese Gewalten auch aus.
Wie kann so etwas geschehen?
Wie kann so etwas geschehen?
Jemand, der sich mit diesen Fragen beschäftigt hat, war der Psychoanalytiker Arno Grün. Er sagte - sinngemäß - dass ein Leben ohne Mitgefühl, also ohne die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ein Leben in einer Scheinwelt ist. In solchen Scheinwelten nehmen die Konkurrenz und die Machtkämpfe immer mehr zu und bauschen sich zu einer eigenen Realität auf. So entsteht in den Köpfen der betreffenden Personen eine ganz eigene Wirklichkeit, während das reale Leben um sie herum immer mehr verkümmert.
Das heißt, um unsere Menschlichkeit zurückzufinden, müssen wir diese Scheinwelten wieder verlassen?
Ja, und der Schlüssel dazu ist unser Mitgefühl.
Wie kann man dieses Mitgefühl wiederfinden, wenn man es verloren hat?
Ich weiß es nicht. Ich denke, manche Menschen gehen so „verbohrt“ durch ihr Leben, dass es bei Ihnen eine große Erschütterung braucht, um sie aus ihrer Scheinwelt wieder herauszulocken. Manchmal braucht es dazu aber auch gar nicht viel. Es reicht ein Photo von einem Kind in Not, eine Berührung, mit dem man nicht gerechnet hat oder eine Erzählung, die einem nachgeht. Und plötzlich ist das Mitgefühl da.
So, wie in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Zwei Leute gehen an dem Mann vorbei, der auf dem Boden liegt, aber der Dritte bleibt stehen und hilft. Vielleicht, weil er sich in diesem Moment ohne es zu wollen in die andere Person hineinversetzt hat.
Kann man ein solches Mitgefühl auch noch aus anderen Geschichten der Bibel lernen?

Man könnte die Liste noch beliebig fortsetzen, dann direkt nach der Geburt kam ja noch die überstürzte Flucht vor einem machtgierigen Herrscher.
Wie hier von der Geburt Jesu erzählt wird, provoziert geradezu unser Mitgefühl. Wir können fast nicht anders, als Mitleid mit diesem Kind und seinen Eltern zu haben. Das ist, wenn man es sich genau überlegt, fast ein wenig verrückt. Oder zumindest seltsam.
Warum?
Weil uns die Weihnachtsgeschichte dazu bringt mit Gott Mitleid zu haben. Mit dem Gott, der die ganze Welt erschaffen hat, und der so groß ist, dass wir Menschen uns ihn nicht einmal in unseren kühnsten Gedanken vorstellen können.
Könnte das Gottes Absicht gewesen sein?
Wer kann das schon sagen? Aber zumindest ist es so, dass Gott mit der Art und Weise wie er Mensch wurde, uns bei unserer Menschwerdung hilft. Indem er uns berührt und uns Menschen so die Chance gibt, unser Mitgefühl zu entwickeln. Er bricht damit unsere Scheinwelten auf, hinter denen wir Menschen uns immer wieder verstecken und zeigt uns einen Weg zu einem menschlicherem Leben.
Was ist der Mensch? Um noch einmal die Frage vom Anfang zurückzukommen.
Ein Wesen, das Gott darin gleicht, dass es für andere Menschen Mitgefühl entwickelt und aus diesem Mitgefühl heraus tätig wird. Manche Menschen wachsen auf diese Weise über sich selbst hinaus, andere bleiben mitten in diesem Versuch stecken. Aber sie alle zeigen darin ihre Menschlichkeit.
Ein Wesen, das Gott darin gleicht, dass es für andere Menschen Mitgefühl entwickelt und aus diesem Mitgefühl heraus tätig wird. Manche Menschen wachsen auf diese Weise über sich selbst hinaus, andere bleiben mitten in diesem Versuch stecken. Aber sie alle zeigen darin ihre Menschlichkeit.
