Die Einführung der Reformation im Markräflerland

 Zu Beginn des 16. Jahrhunderts befand sich die Welt in einem radikalen Umbruch. Lag die politische Macht im Mittelalter noch bei den Fürsten und Rittern, gaben nun auf einmal die reichen Kaufleute in den Städten den Ton an. Schließlich blühten die freien Städte immer mehr auf, während die Burgen der Ritter und Fürsten nach und nach zerfielen. Auch das feste Bild einer Welt, die wie eine Scheibe geformt war und an deren Himmelszelt die Sonne und die Sterne ihre Bahnen zogen, zerfiel in dieser Zeit und wurde durch ein neues Weltbild ersetzt, in dem die Erde als Kugel um die Sonne kreiste. Hinzu fiel in dieser Zeit die  Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, sowie die Erfindung der Druckmaschine durch Johann Gutenberg, die es auf einmal ermöglichte, Informationen in einer für die damalige Zeit unvorstellbaren Geschwindigkeit zu verbreiten.
 
Diese vielen Umbrüche verunsicherten die Menschen. Sie suchten nach einem neuen Fundament für ihr Leben und ihren Glauben. Dabei hatten viele Menschen das Vertrauen in die katholische Kirche verloren, weil diese in dieser Zeit oft nur auf Macht und Geld ausgerichtet war.
 
 
Die Anfangsjahre der Reformation
Ausgangspunkt der Reformation im Markgräflerland war die benachbarte Stadt Basel. Sie gehörte Anfang des 16. Jahrhunderts zu den großen geistigen Zentren Europas. Von hier aus verbreiteten sich die Ideen des Humanisten Erasmus von Rotterdam, wie auch die Ideen der Reformatoren Huldreich Zwingli und Martin Luther, die eine Reform der Kirche anstrebten. Im Mittelpunkt dieser Reform stand die Bibel. Sie sollte der zentrale Maßstab sein, an dem sich die Kirche orientierte. Alle Lehren, alle Tradiditionen und alle Organisationsformen der Kirche sollten sich nach ihr ausrichten. Durch die Erfindung der Druckerpresse wurden die Ideen der Reformatoren schnell verbreitet. So wurden in einer Werkstatt in Basel bereits im Herbst 1517 die 95 Thesen Martin Luthers nachgedruckt. Bei vielen Menschen fielen die Ideen der Reformatoren auf furchtbaren Boden. Hier fanden sie eine neue Freiheit im Denken, wie auch eine neue Grundlage für ihren Glauben.
 
 
Die Reformation in der Stadt Basel
Prägend für die Reformation in Basel war Johann Ökolampad, der im Jahr 1522 nach Basel kam. Er war von den Ideen der Reformatoren begeistert und unterstützte die Basler Zünfte bei ihrem Aufstand, in deren Folge sich die Bischofsstadt Basel nach einem Bildersturm im Jahr 1527 der Reformation anschloss. Auch schaffte es der Basler Rat während der Zeit des Bauernaufstandes die Bauern zu besänftigen, so dass es im Gebiet von Basel zu keinen Gewaltaktionen kam.
 
 
Die Anfangsjahre der Reformation im Markgräflerland: Der Bauernaufstand
Während sich in der benachbarten Stadt Basel Teile der Geistlichkeit (Johann Ökolampard) und der Zünfte hinter die Anliegen der Reformation stellten, griffen im benachbarten Markgräflerland vor allem die Bauern die Ideen der Reformation auf. Sie erhofften sich von der Reformation mehr religiöse, aber auch mehr politische Freiheiten. Doch stießen die unzufriedenen Bauern mit ihren Forderungen bei den Fürsten auf taube Ohren. In Folge dessen griffen sie zur Gewalt. Dabei teilten sich die Bauern im Markgräflerland in zwei Gruppen. Der "helle Haufen" zog vom Markgräfler Land weiter nach Heitersheim, während die zweite Gruppe die Burg Rötteln besetzte.
 Die Bauern hofften bei ihrem Kampf auf Unterstützung durch die Reformatoren. Als Erstes wandten sie sich an die benachbarte Stadt Basel und baten dort um Waffenhilfe. Doch die Räte dort verweigerten den Bauern ihre Unterstützung. Noch deutlicher war die Abfuhr, welche die aufständischen Bauern durch den Reformator Martin Luther erhielten. In mehreren Schriften verurteilte er jede Anwendung von Gewalt durch die Bauern aufs Schärfste. Viele Bauern wandten sich in Folge von der Reformation ab, da ihre Hoffnungen auf mehr Freiheiten von den Reformatoren enttäuscht wurden.
 
Auch die Hilfe der Stadt Basel, mit deren Unterstützung es im Jahr 1527 gelang, einen friedlichen Auszug der Bauern aus der Burg Rötteln zu vermitteln (und damit ein Blutvergießen auf der Burg zu verhindern) änderte nichts mehr an dieser negativen Einstellung gegenüber der Reformation.
 
 
Die Einführung der Reformation durch Markgraf Karl II. ("der Fromme")
In der Folge des Bauernkrieges standen am Anfang viele Fürsten der Reformation kritisch gegenüber. Sie fürchteten, dass es durch die Einführung der Reformation zu Aufständen in ihren Ländern kommen könnte. Trotz des Eintretens von Martin Luther für die Fürsten nahm auch der Markgraf Ernst von Baden diese Haltung ein.
 
Erst sein Nachfolger Markgraf Karl sympathisierte offen mit der Reformation. Nachdem durch das Augsburger Konzil im Jahr 1555 die rechtlichen Grundlagen für eine Einführung der Reformation geklärt waren, führte er in den darauffolgenden Jahren in den von ihm beherrschten Landesteilen die Reformation ein. Dabei suchte er für den süddeutschen Raum Unterstützung in der benachbarten Stadt Basel, die seit dem Aufstand der Zünfte im Jahr 1527 evangelisch war. Zwar war die Stadt im Jahr 1501 der Eidgenossenschaft beigetreten, doch galt sie noch immer als deutsche Reichstadt, auch wenn sie ihre Rechte als Reichsstadt nicht mehr in Anspruch nahm.
 
 
Simon Sulzer und die Einführung der Reformation im Markgräfler Land
Simon Sulzer studierte unter anderem in Basel bei Ökolampad und wurde später Lehrer an der Universität in Bern. Im Jahr 1538 besuchte er Martin Luther und nahm in den darauf folgenden Jahren zunehmend lutherische Lehren an. An der Universität in Bern stieß er dadurch auf immer mehr Widerstand. So musste er die Universität Bern verlassen und wechselte zur Universität nach Basel. Neben seiner Tätigkeit in der Universität war er dort auch als Pfarrer an der Münsterkirche tätig.
 
Als er im Auftag von Markgraf Karl von Baden angesprochen wurde, ob er nicht bei der Einführung der Reformation im benachbarten Markgräfler Land behilflich sein wollte, stimmte er zu. Durch seine Vermittlung kamen viele Pfarrer aus der Schweiz ins Markgräfler Land und übernahmen hier Pfarrstellen. Auch baute Simon Sulzer im Markgräfler Land eine Kirchenstruktur auf (Kirchenordnung von 1556) und führte verschiedene Visitationen durch, bei denen er die Pfarrer vor Ort besuchte und nach dem Rechten sah.
 
Die Berichte dieser Visitationen geben einen guten Eindruck in die damalige Zeit:
 
So berichtet z.B. Pfr. Heinrich Rieher in einem Visititationsprotokoll aus dem Jahr 1558, dass er in Basel studiert hätte und von Sulzer ordiniert worden sei. Die Einführung der neuen Lehre sei in seiner Gemeinde ohne große Begeisterung angenommen worden. So besuchten viele Kinder den sonntäglichen Katechismusunterricht nicht, auch wurde während der Predigt in der Kirche getrunken und gezecht. Auch Gotteslästerung sei weit verbreitet. Positiv berichtete er, dass es in seiner Gemeinde weder Heiligenbilder gab noch die Gemeindeglieder auswärtige katholische Gottesdienste besuchten.
 
Simon Sulzer organisierte auch eine Fortbildung für die Pfarrer. Sie fand in der Diözese Rötteln durch wöchentliche Disputationen statt, die im Röttelner Kapitelhaus hinter der Kirche abgehalten wurden. Dort mussten die Pfarrer in lateinischer Sprache mit Argumenten aus der heiligen Schrift unterschiedliche Thesen entweder verteidigen oder anfechten, um so zu lernen mit der Schrift zu argumentieren.
 
 
Der Streit um die Ausrichtung der neuen Kirche: reformiert wie in der benachbarten Schweiz - oder lutherisch, wie in den meisten Gebieten in Deutschland?
Die Reformation war in ihren Anfängen keine einheitliche Bewegung. Von Beginn an gab es in ihr unterschiedliche Richtungen. Die beiden Hauptströmungen wurden dabei von Martin Luther in Wittenberg und von Huldreich Zwingli in der Schweiz vertreten. Es gab aber an unzähligen Orten weitere Persönlichkeiten, die vor Ort oft eigene Positionen vertraten, die sich meist an Martin Luther oder Huldrich Zwingli anlehnten. Daneben entstanden aber auch Bewegungen, die sich zum Teil deutlich von Martin Luther und Huldreich Zwingli abgrenzten. Dazu zählten die Täufer, die sich für eine Erwachsentaufe aussprachen oder die Bewegung um Thomas Münzer, die sich dem Bauernaufstand anschloss.
 
Schon früh fanden verschiedene Bemühungen statt, die unterschiedlichen Strömungen unter einem Dach zusammenzuführen. Dabei war der Hauptstreitpunkt zwischen Martin Luther und Huldreich Zwingli die Abendmahlsfrage:
 
Huldreich Zwingli vertrat die Auffassung, das Abendmahl sei ein reines Erinnerungsmahl, schließlich hieße es in der Schrift "das tut zu meinem Gedächtnis". Martin Luther dagegen sagte, dass in - mit - und unter Brot und Wein Gott selbst zu finden sei, schließlich hieße es in der Schrift: "das ist mein Leib". Huldreich Zwingli warf Martin Luther vor, dass er in seinem Herzen noch immer ein katholischer Mönch sei und sich von der katholischen Wandlungslehre nicht lösen könnte. Umgekehrt warf Martin Luther Huldreich Zwingli vor, dass dieser beim Abendmahl weit über das Ziel hinausschöße und die Bibel als Grundlage verraten würde. Die Fronten waren damals so verhärtet, dass eine Einigung in dieser Frage von beiden Seiten vehement abgelehnt wurde. So kam es, dass sich zwei unterschiedliche evangelische Kirchen herausbildeten: die reformierte Kirche (mit dem Schwerpunkt in der Schweiz) und die lutherische Kirche (mit dem Schwerpunkt in Deutschland).
 
Auf welche Seite sollten sich nun aber die Gemeinden im Markgräfler Land stellen?
 
 Der Fürst, Markgraf Karl II., war Lutheraner, ebenso wie Simon Sulzer, der zwar aus der benachbarten Schweiz kam, sich aber im Lauf seine theologischen Entwicklung immer weiter den Positionen Martin Luthers angenähert hatte.
 Umgekehrt vertraten aber viele der Pfarrer im Markgräfler Land Positionen von Huldreich Zwingli. Schließlich kamen viele von ihnen aus der Schweiz und waren dort ausgebildet worden.
 
Auslöser des Konflikts wurde schließlich die Einführung der "Konkordienformel". Diese Konkordienformel war eine Sammlung verschiedener lutherische Bekenntnisse, die in den Zeiten bis 1555 entstanden waren. Der Hauptzweck dieser Sammlung bestand darin, sich mit ihr von den Anhängern Huldreich Zwinglis abzugrenzen. Nach ihrer Zusammenstellung wurde die Konkordienformel in fast allen evang. Fürstentümern und freien Reichsstädten in Deutschland als Bekenntnis angenommen.
 
In der Markgrafschaft Baden führte die Einführung der Konkordienformel jedoch - bedingt durch die Nähe zur Schweiz - zu Problemen.
 
So wurden am 29. Oktober 1577 sämtliche Pfarrer der Diözesen Rötteln und Schopfheim in die Kirche nach Rötteln zu einer außerordentlichen Pfarrsynode bestellt. Einziger Programmpunkt war die Annahme der Konkordienformel durch die Pfarrer der beiden Diözesen. Doch kam es dort zu einem offenen Eklat zwischen Simon Sulzer, der die Konkordienformel unterstüzte, und seinem ehemaligen Schüler Jakob Grynäus, der der Diözese Rötteln vorstand und der die Konkordienfomel ablehnte. In Folge wurde die Synode um einen Monat vertagt und traf sich wieder am 29. November in Rötteln. Bei diesem zweiten Treffen war Jakob Grynäus nicht mehr anwesend, obwohl er der Diözese Rötteln vorstand (es hieß, es wäre vergessen worden, ihm eine Einladung zukommen zu lassen). Auch drohte der Vorsitzende der Synode allen, die eine Unterschrift verweigerten, dass sie die Markgrafschaft verlassen und ihr Amt niederlegen müssten. Trotz dieser Drohung lehnten acht Pfarrer ihre Unterschrift ab, darunter auch der Pfarrer Hieronimus Gysing aus Maulburg. Trotz weiterer Vermittlungsversuche mussten die acht Pfarrer daraufhin unverzüglich die Markgrafschaft verlassen.
 
In den folgenden Synoden wurde im Markgräfler Land die Kirchenordnung von 1556 und die lutherisch geprägte Konkordienfomel angenommen. So blieben die reformiert geprägten Pfarrer von ihrem Dienst ausgeschlossen.
 
Doch war die Bekenntnisfrage zwischen der lutherischen und der reformierten Seite in der badischen Landeskirche damit noch lange nicht abgeschlossen. So gab es in Baden in den folgenden Jahrhunderten immer wieder reformierte Gemeinden, die neben den lutherischen geprägten Gemeinden existierten (Diese reformierten Gemeinden kamen zum Teil auch über die Erweiterung des Regierungsgebietes zum Kurfürstentum Baden). Erst fast dreihundert Jahre später -  im Jahr 1821 - schlossen sich unter Mithilfe des damaligen Prälaten Johann Peter Hebel (1760 - 1826) die Lutheraner und Reformierten zu einer "Vereinigten Evangelisch-Protestantischen Kirche im Großherzogtum Baden" zusammen, so dass in Baden eine einheitliche evang. Kirche entstand.
 
Pfr. Paul Wassmer
 
Quelle: Die Reformation im Markgräflerland (Rudolf Burger, Druckerei Burger, Weil am Rhein 1984)