150 Jahre Albert Schweitzer - Albert Schweitzer und die Musik

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
es gibt Momente, da staune ich einfach nur.
Zum Beispiel, wenn sich ein passionierter Kirchenmusiker oder Musikerin an die Orgel setzt und musiziert.
 
Oft bin ich ganz nah dran und kann sehen und hören, was da alles passiert. Wie er oder sie an der Orgel die verschiedensten Register zieht und Töne herauslockt, die ich vorher noch nie gehört habe.
 
Wer an einer Orgel sitzt, bewegt nicht nur die Hände über den Tasten, sondern auch die Füße über die Pedale. Orgelspielen ist eine Ganzkörperübung. Der ganze Mensch ist in Bewegung. Das muss man erstmal hinkriegen. Da ist viel Köpfchen dabei, unendlich viel Training und eine Menge Leidenschaft.
 
Am Anfang meines Studiums hätte ich das auch gerne gelernt. Doch ich bin über die erste Orgelstunde nicht hinausgekommen. Ich habe sehr schnell eingesehen, dass ich es nicht packen würde, täglich mindestens eine Stunde in der Kirche konzentriert zu üben. Und das, obwohl mir die Klaviertasten vertraut waren.
 
Meine Bewunderung für diejenigen, die Orgel spielen können, hat seitdem nie nachgelassen. Und dass die Orgel die „Königin der Instrumente“ genannt wird, finde ich ganz logisch. Auf keinem Instrument kann eine einzelne Person so viele Klangfarben erzeugen. Kaum ein Instrument ist so schwer zu spielen, wenn es wirklich virtuos klingen soll.
 
Albert Schweitzer war, neben allem anderen, was er als Philosoph, Theologe und Urwaldarzt bewirkt hat, auch noch Orgelvirtuose.
 
Die Orgel war Albert Schweitzers ganze Leidenschaft.
Wie er das zeitlich hinbekommen hat, ist mir ein Rätsel. Er selber schreibt dazu, dass er sehr dankbar war, eine robuste Gesundheit geerbt zu haben und dass er so manche Nacht durchgearbeitet hat. Da konnte es vorkommen, dass er in Paris nachts an seiner philosophischen Doktorarbeit arbeitete, und morgens, ohne einen Moment Schlaf, zum Orgelunterricht erschien.
 
Albert Schweitzer war, was die Musik und speziell die Orgel betraf, ein besonderes Talent schon in die Wiege gelegt. Auf der mütterlichen Seite seiner Familie hatte Orgelbau Tradition. Da gab es einen Großvater Schillinger, der war regelrechter Orgelfanatiker und Experte im Orgelbau. Wenn der irgendwohin reiste, dann ging es immer darum, fremde Orgeln zu entdecken, ihre Bauart zu studieren und darauf zu spielen.
 
Albert Schweitzer hat das später selbst so gemacht. Er hat auf den berühmtesten Orgeln in Europa und in Amerika gespielt. Von London bis New York. Und er hat von Afrika aus immer wieder Orgelkonzertreisen gemacht. Die Spenden, die er bei den Konzerten einnahm, waren später ein wichtiger Faktor, um das Urwaldhospital in Lambarene zu finanzieren.
 
Er hat früh angefangen mit der Musik. Er schreibt dazu selbst:
„Schon vor meiner Schulzeit hatte mein Vater begonnen, mich auf einem alten Tafelklavier in Musik zu unterrichten. Von Noten spielte ich nicht viel ab. Meine Freude war, zu improvisieren und Lieder und Choralmelodien mit selbst erfundener Begleitung wiederzugeben. Als nun in der Gesangsstunde die Lehrerin fortgesetzt den Choral Note für Note ohne Begleitung anschlug, empfand ich dies als nicht schön und frug sie in der Pause, warum sie ihn nicht richtig mit Begleitung spiele. Im Eifer setzte ich mich an das Harmonium und spielte ihr ihn schlecht und recht mehrstimmig aus dem Kopfe vor. Da wurde sie sehr freundlich zu mir und schaute mich merkwürdig an. Aber selber tippte sie den Choral auch weiterhin nur mit einem Finger. Da ging mir auf, daß ich etwas konnte, was sie nicht konnte, und ich schämte mich, ihr mein Können, das ich für etwas Selbstverständliches angesehen hatte, vorgemacht zu haben.“ (Das Albert Schweitzer Lesebuch, S. 23-23)
 
Der musikbegabte Junge saß bald in der Kirche an der Orgel, schon mit 9 Jahren hat er den Organisten in Günsbach in Gottesdiensten vertreten. In Mühlhausen und Straßburg nahm er weiter Orgelunterricht und setzte sich dann in den Kopf, beim berühmten Charles Maria Widor in Paris Orgelunterricht zu nehmen. Der Pariser Orgellehrer schreibt, Jahre später:
„Im Herbst 1893 stellte sich mir ein junger Elsässer vor und bat mich, mir auf der Orgel vorspielen zu dürfen. „Was denn?“ fragte ich. „Bach selbstverständlich!“ antwortete er.
In den folgenden Jahren kehrte er regelmäßig, bald für längere, bald für kürzere Zeit wieder, um sich unter meiner Leitung im Orgelspiel zu „habilitieren“, wie man zu Bachs Zeiten sagte.  Eines Tages – es war anno 1899 – als wir gerade bei den Choralvorspielen standen – gestand ich ihm, daß mir in diesen Kompositionen manches rätselhaft sei. ….
„Natürlich“, erwiderte der Schüler, „muß Ihnen in den Chorälen vieles dunkel bleiben, da sie sich nur aus den zugehörigen Texten erklären. Ich schlug die Stücke, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatten, vor ihm auf; er übertrug mir die Dichtungen aus dem Gedächtnis in Französische. Die Rätsel lösten sich. Während der folgenden Nachmittage gingen wir sämtliche Choralvorspiele durch. Indem Schweitzer – er war der Schüler – mir eines nach dem anderen erklärte, lernte ich einen Bach kennen, von dessen Vorhandensein ich vorher nur eine dunkle Ahnung gehabt hatte. …. Ich bat Schweitzer, eine kleine Abhandlung über die Choralvorspiele für die französischen Organisten zu schreiben.“ (Aus Vorrede von Charles Marie Widor, 1907 in: A. Schweitzer: Johann Sebastian Bach, spätere Auflage Leipzig 1965, S. 9-10)
 
Albert Schweitzer versuchte es mit einer „kleinen Abhandlung“ über die Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach. Dazu war niemand geeigneter als er. Er hatte zwar nie Musik studiert. Dafür war er ein Praktiker an der Orgel. Er hatte jahrelange Erfahrung, schon als junger Mann mit Chorälen, ihren deutschen Texten, mit Gottesdienstbegleitung und hatte auch schon große Chorkonzerte von Bach, wie z.B. die H-moll Messe oder die Matthäuspassion komplett an der Orgel begleitet. Und er sprach als echter Elsässer fließend französisch und deutsch.
 
Aus dem kurzen Aufsatz für die französischen Organisten wurde nichts. Es wurde ein dickes Buch über Johann Sebastian Bach. Zuerst schrieb er mehrere Jahre an den 700 Seiten des französischen Textes. Das Werk, das 1905 herauskam wurde ein Standardwerk, so dass er gebeten wurde, sein eigenes Buch ins Deutsche zu übersetzen. Und als es ihm nicht gelang, seinen eigenen Text zu übersetzen, klappte er das französische Buch zu und schrieb ganz neu auf deutsch. Die deutsche Ausgabe, die 1908 herauskam, ist mit allen Verzeichnissen 900 Seiten lang. Auch sie wurde ein Standardwerk.
 
Es ist ein höchst genaues Buch und wird auch heute noch gelesen, 120 Jahre nach dem ersten Erscheinen!!!
Es enthält so manche Geschichte aus Bachs Leben, aber auch jede Menge Musiktheorie. Schweitzer zeigt, dass Bach mit den Tönen Bilder malt. Oft auch versteckt oder als Anspielung. Vor allem Bewegungen werden in Tönen gemalt. Da gibt es zum Beispiel in der Matthäuspassion ein Arioso mit einer merkwürdigen Flötenbegleitung. Dabei sind die Flöten ganz leicht zu verstehen. Direkt vorher wird erzählt, wie Jesus sein Kreuz trägt, wie er sich abmüht unter dem Gewicht des Holzkreuzes und immer wieder nach vorne fällt. Wie Jesus schließlich auf die Knie sinkt und unter dem Kreuz zusammenbricht.
Genau das malen die Töne. Wer diese Flötentöne hört, wird das Bild eines Menschen vor Augen haben, der nach und nach unter der Last seines schweren Leidens zusammenbricht. Man muss eigentlich nur den jeweils dritten Ton etwas schwerer betonen.
 
Im Laufe seines Lebens hat sich Albert Schweitzer auch mit Orgelbau beschäftigt, genau wie sein Großvater Schillinger. Es fing damit an, dass er bei seinem Herumreisen regelmäßig die alten Pfeifenorgeln viel schöner fand, als die Fabrikorgeln, die in dieser Zeit immer öfter die alten Orgeln ersetzten. So manches Gutachten hat Albert Schweitzer geschrieben und so manche alte Orgel gerettet und dafür plädiert, lieber alle Pfeifen auszubauen, sie zu reinigen und wieder einzubauen.
Er hätte sich sicher gefreut, dass wir genau das mit unserer Maulburger Orgel vor einigen Jahren getan haben.
 
Und nun? Wie ist das mit Albert Schweitzer und der Musik? Was hat das mit uns heute zu tun?
 
Musik war seine Leidenschaft. Musik war das, was nicht zwingend notwendig gewesen wäre. Sie war das Sahnehäubchen auf seinem arbeitsreichen Leben, aber ohne dieses Sahnehäubchen wäre es auch nicht gegangen. Selbst in Lambarene war ein altes verstimmtes Tropenklavier dabei, das unter dem feuchten Klima litt und doch viele Stunden gespielt wurde.
 
Haben Sie auch eine Leidenschaft? Etwas, was ein bisschen verspielt ist und nicht richtig notwendig, wofür Sie aber trotzdem viele km zurücklegen würden, so wie Albert Schweitzer die Orgeln gesucht hat, auch welche, die weit weg waren.
 
Leidenschaften sind oft ein bisschen spleenig. Es muss nicht zwingend Musik sein, auch wenn Musik eine sehr schöne Leidenschaft ist. Manche beobachten Schmetterlinge, andere wühlen im Garten. Die nächsten schreiben Geschichten. Wieder andere fahren mit alten Dampfeisenbahnen oder reparieren Oldtimerautos. Wieder andere fühlen sich von jedem Sonnenaufgang magisch angezogen.
Wer eine echte Leidenschaft hat, vergisst währenddessen die Zeit und verliert sich ganz in die Leidenschaft hinein.
 
Oft ist die Leidenschaft auch eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, die sonst keinen Platz haben. Viele Künstlerinnen und Künstler drücken ihre Gefühle in ihren Kunstwerken aus. Und viele, die eine Leidenschaft haben, wissen, was es heißt, zu staunen. Sie freuen sich wie ein kleines Kind an den Wundern Gottes.
 
Wenn Sie noch keine Leidenschaft haben, dann legen Sie sich schnell eine zu, das ist das Sahnehäubchen auf dem Leben. Leidenschaften gehen über die Vernunft hinaus. Sie sind höher als die Vernunft, genau wie Gott. Deshalb gebe ich Ihnen zum Schluss das Segenswort aus dem Philipperbrief mit, über das Albert Schweitzer in seiner letzten Predigt vor der Abreise nach Lambarene am 9. März 1913 gepredigt hat:
 
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu. (Philipper 4,7) 
Amen
 
Themapredigt: Albert Schweitzer und die Musik (Pfrn. Bärbel Wassmer)
14.08.2025, Wiechs
14.09.2025, Maulburg