Albert Schweitzer erzählt:
„Solange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene, jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und ich glaube, dass es vielen Kindern ebenso ergeht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und … sorglos scheinen. …
Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebenten oder achten Jahr. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht, mit denen man Steine schleuderte. Es war im Frühjahr in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er zu mir: „Komm, jetzt gehen wir in den Rehberg und schießen Vögel!“ Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht, zu widersprechen, aus Angst, er könne mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaus sangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend legte mein Begleiter einen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, daneben zu schießen.
Im demselben Augenblick fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und den Gesang der Vögel hinein zu läuten … Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren, und floh nach Hause.
Und immer, wenn die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinaus klingen, denke ich ergriffen und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot: „Du sollst nicht töten“ ins Herz geläutet haben.
Von jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher.“
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Albert Schweitzer war ein beeindruckender Mensch. Beeindruckend durch seinen Mut und seinen Einsatz als Arzt in Lambarene. Beeindruckend durch die Virtuosität seines Orgelspiels, die er auf vielen Konzerten zeigte und nicht zuletzt beeindruckte er viele Menschen auch durch die Kraft seiner Worte, mit denen er sich für den Schutz des Lebens einsetzte.
Doch flogen ihm diese Worte nicht einfach so zu, nein, Albert Schweitzer rang um sie. Er wollte einfache Worte. Klare Worte. Worte wie „Ehrfurcht“ oder „Leben“, die jede und jeder sofort verstand. Dabei sollten diese Worte sowohl das Herz, als auch den Verstand ansprechen, denn nur so konnten sie den Menschen, die damals die Orientierung in ihrem Leben verloren hatten, wieder einen festen Boden unter den Füßen geben.
Und Menschen ohne einen festen Boden unter ihren Füßen gab es zur Zeit Albert Schweitzers viele. Schließlich hatte sich ihre Welt in einem geradezu rasanten Tempo verändert. So gab es, als Albert Schweitzer geboren wurde, noch keine Autos, kein elektrisches Licht, und kein Radio. Das alles kam in dieser Zeit, zusammen mit vielen anderen technischen Neuerungen. Aber diese technischen Veränderungen kamen so schnell, dass viele Menschen kaum noch wussten, wie ihnen geschah. Alles schien auf einmal möglich zu sein. Selbst das Fliegen.
Auch in der Gesellschaft vollzog sich in dieser Zeit ein rasanter Wandel. Die Menschen zogen in die Städte, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Doch während die einen in der Stadt reich wurden, nagten die anderen auf einmal am Hungertuch. Auch hier schien auf einmal alles möglich zu sein, selbst eine Armut, wie sie sich die Menschen vorher nicht vorstellen konnten.
Unvorstellbar war auch das Grauen, den der Krieg in diesen Zeiten mit sich brachte. Bis zu 30.000 Menschen starben im ersten Weltkrieg allein beim Kampf um den Hartmannsweilerkopf, im Elsaß, nicht weit von Albert Schweitzers Heimatdorf entfernt. Hunderttausende in Verdun, im Stellungskrieg. Alle Grenzen des Vorstellbaren fielen in diesen Jahren zwischen 1914 und 1918. Ja, auch im Krieg war auf einmal alles möglich.
So ist das, wenn sich eine Welt zu schnell verändert. Dann zählen die alten Werte auf einmal nicht mehr. Sie gelten als altbacken. Als überholt. Als aus der Zeit gefallen. Wer will sich da noch an sie halten? Nein, die neue Zeit braucht neue Werte. Werte, die zu der neuen Zeit passen und zu den Möglichkeiten, die sie bietet.
So wird auf einmal alles möglich, selbst dass ein ganzes Volk ausgerottet werden soll, wie es die Deutschen unter Adolf Hitler versuchten, oder dass eine Atombombe auf eine Stadt abgeworfen wird, in der hunderttausende Menschen leben.
In diese Zeit hinein spricht Albert Schweitzer seine Worte. Er spricht sie zu Menschen, die in diesem Taumel de Zeit, in dem sich ihre Welt immer schneller drehte, die Orientierung verloren hatten. Zum einen, weil ihre alten Maßstäbe nicht mehr zu der neuen Welt passten, zum anderen, weil es noch keine Maßstäbe für diese neue Welt gab oder wenn es sie gab, sie auf eine seltsame Art und Weise verquer waren. So wie bei den Nationalsozialisten, die in ihrer Welt Werte wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, oder das Recht auf Leben völlig neu definierten. Entlang einer seltsamen Rasse-Lehre, oder entlang einem Führerprinzip, in dem es auf Gehorsam ankam, und nicht auf eigenständiges Denken.
Für diese Menschen, die in diesem Taumel der Zeit die Orientierung verloren hatten, suchte Albert Schweitzer Worte. Worte, die noch nicht verbraucht waren und noch nicht verbrannt waren im Kampf der Ideologien. Worte, die die Menschen wieder als Menschen ansprachen und ihnen ihre Menschlichkeit zurückgaben.
„Ehrfurcht“, war ein solches Wort.
„Leben“ war ein solches Wort.
Ich möchte diesen beiden Worten an dieser Stelle nachgehen.
Ich beginne mit der Ehrfurcht – und mit dem zweiten Teil des Wortes: der Furcht.
Was ist das für eine Furcht, von der Albert Schweitzer da spricht? Ist es die gleiche Furcht, die auch viele von uns kennen? Die Angst vor Katastrophen? Vor Krankheiten? Oder dem Tod? Nein. Albert Schweitzer meinte mit ihr etwas anders.
In der Lesung haben Sie eine Geschichte aus seiner Jugend gehört. In ihr erzählt er, wie er als kleiner Junge mit einer Schleuder unter einem Baum saß. Sein Freund hatte ihn eingeladen, Vögel zu jagen. Albert Schweitzer hatte damals Angst. Angst, sich vor seinem Freund zu blamieren. Angst, als Pfarrerskind nicht zu den anderen Kindern dazuzugehören. Angst, als feige zu gelten.
Angst hatte er jedoch auch um das Leben des Vogels. Angst, mit seiner Schleuder ein unschuldiges Leben auszulöschen.
Dies war eine andere Angst. Keine Angst vor jemandem, sondern eine Angst um jemanden. Diese Angst ist vergleichbar mit der Angst, die Eltern um ihre Kinder haben. Auch da gibt es immer wieder alle möglichen Ängste. Diese Ängste haben ihren Ursprung in einer tiefen Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Einer Liebe, die Eltern dazu bringen kann, für ihre Kinder alles zu geben, notfalls auch ihr eigenes Leben.
Die Angst um jemanden, macht also mutig. So, wie sie damals Albert Schweitzer mutig gemacht hat. So mutig, dass er seine Angst vor seinem Freund überwand und aufstand. Ja, dass er die Vögel vom Baum verscheuchte, um sie vor der Schleuder seines Freundes in Sicherheit zu bringen.
Um diese Art von Angst geht es Albert Schweitzer. Um eine Angst um jemanden.
Vor diese Angst hat Albert Schweitzer eine zweite Silbe gesetzt, so dass aus der Furcht eine „Ehrfurcht“ wurde.
Das Wort Ehre, das in dieser Ehrfurcht vorkommt, klingt für viele unter ihnen vielleicht wie ein Begriff aus dem vorletzten Jahrhundert. Männer fallen einem ein, die sich um der Ehre willen duellierten, gefangen, in einer seltsamen Vorstellung von Männlichkeit und verletztem Stolz. Aber nicht um eine solche Ehre ging es Albert Schweitzer. Nein. Für ihn hat Ehre etwas mit Aufrichtigkeit zu tun, ja, es hat etwas damit zu tun, sich selbst treu zu bleiben. Ehrenvoll ist es, zu dem Gefühl zu stehen, das einem das eigene Herz sagt. Ehrenvoll ist es, sich dieses Gefühl nicht verbiegen zu lassen, weder durch die eigenen Freunde, die sagen, es sei doch cool, mit einer Schleuder auf Vögel zu schießen, noch durch die Propaganda der Nazis, die damals von der deutschen Ehre sprachen und so taten, als sei diese Ehre den Deutschen angeboren, so dass die Deutschen tun und lassen konnten, was sie wollten, während alle anderen Völker ehrlos waren. Nein. Die Ehre, von der Albert Schweitzer spricht, wohnt in allen Menschen. Es ist eine Ehre, die ihr Ziel nicht darin findet, irgendeinem Führer oder Verführer zu folgen – sondern sich für das Leben einzusetzen.
Von diesem Leben spricht Albert Schweitzer darum auch als Nächstes. Denn erst im Gegenüber zu diesem Leben entsteht diese Ehrfurcht. Kein Mensch hat sein Leben aus sich heraus erschaffen. Wir alle verdanken unser Leben jemand anderem. Letztlich Gott. Für Albert Schweitzer ist darum jedes Leben heilig. Unabhängig, ob es sich dabei um das Leben eines Menschen handelt, einer Pflanze oder eines Tiers. Er sagt:
„Ich bin Leben, das leben will,
inmitten von Leben, das leben will.“
Alles, was lebt, hängt zusammen. Und nur, wenn wir uns für die Bewahrung allen Lebens einsetzen, können wir auch unser Leben erhalten. Darum sollen wir, wenn es uns möglich ist, jedes Leben bewahren. Um des Lebens willen. Aber auch um unserer Menschlichkeit willen. Oder, um noch einmal mit den Worten von Albert Schweitzer zu sprechen: „Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es,was den Menschen erst ... zum Menschen macht.“
An dieser Stelle, liebe Gemeinde, möchte ich einen Sprung wagen. Einen Sprung von der damaligen Welt in unsere Welt heute. Unserer Welt, die sich in vielem gar nicht so sehr von der Welt von damals unterscheidet. Schließlich sind wir heute genauso einem beständigen Wandel unterworfen, wie die Menschen damals. Einem Wandel, der auch viele Menschen heute enorm unter Druck setzt und sie entwurzelt.
So kamen erst vor ein paar Jahrzehnten die ersten Computer auf, dann hatten alle auf einmal ein Smartphone und im Moment erleben wir, wie die künstliche Intelligenz immer mehr Bereiche unseres Lebens erobert. Alles erscheint auf einmal möglich.
Selbst das Unmögliche. Wer kommt da noch mit?
Das Gleiche gilt für die Politik, die dem rasanten Wandel unserer Welt scheinbar immer nur hinterherhinkt, oder seltsame Kontrapunkte setzt, wie Donald Trump oder Wladimir Putin. Auch hier scheint auf einmal alles möglich, selbst ein Krieg. Sei es in der Ukraine – oder um Grönland, wie in den dunklen Fantasien von Donald Trump.
Ja, nichts scheint in unserer Welt mehr sicher zu sein. Auch nicht in der Wirtschaft, in der das deutsche Erfolgsmodell auf einmal bedenkliche Schwächen zeigt.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, stellt man fest, dass es kaum einen Bereich in unserem Lebens gibt, der nicht von einem rasanten Wandel betroffen ist – und da habe ich den Klimawandel noch nicht einmal erwähnt.
Kein Wunder, dass auch viele Menschen heute nach Orientierung suchen. Nach Worten, die zu ihrem Herz sprechen, und zu ihrem Verstand und die ihnen helfen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren. Worte wie „Ehrfurcht“, auch wenn sie für unserer Ohren vielleicht etwas altertümlich klingen. Oder Worte wie „Leben“.
Die Frage ist nun: Wie können wir diese Ehrfurcht vor dem Leben leben?
Was meinen Sie?
Lassen sie ihre Gedanken auf Wanderschaft gehen. An welchen Stellen müsste sich in unserer Welt etwas ändern, damit sich diese Ehrfurcht vor dem Leben in unserer Welt zeigt? Und an welchen Stellen müsste sich unser Leben – beziehungsweise ihr Leben - ändern?
Welche Gedanken kommen ihnen in den Sinn?
Vielleicht, dass es gut wäre, bei der Ernährung möglichst auf Fleisch zu verzichten? Schließlich gilt Albert Schweitzer als einer der Vorreiter für eine vegetarische Ernährung, auch wenn er selbst bis kurz vor seinem Lebensende Fleisch aß. Doch schreibt James Cameron, einer seiner Weggefährten: „Der Arzt frisst nur Obst und Gemüse - aber erheblich große Mengen Mango, Avocado und Sojabohnen und vor allem eine besonders große Art von gekochter Banane.“
Ja, die eigene Ernährung umzustellen, wäre eine Möglichkeit, Ehrfurcht vor dem Leben zu zeigen. Keine Unterstützung der Massentierhaltung, dafür der Einsatz für eine artgerechte Tierhaltung.
Was fällt ihnen noch ein?
Vielleicht ja auf einen wertschätzender Umgang untereinander zu achten? Dass wir, bei allem, was uns trennt, die Achtung vor anderen Menschen nicht verlieren – und uns so der Verrohung unserer Gesellschaft entgegenstellen?
Oder dass es gut wäre, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen? Sicher, allein kann niemand etwas gegen den Klimawandel ausrichten, aber wenn jede und jeder etwas tut, ist zumindest ein Anfang gemacht. Und sagte nicht schon Albert Schweitzer: „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel.“?
Ich möchte die Liste, dessen, was wir tun können, an dieser Stelle nicht verlängern. Nicht, weil ich dies nicht könnte, nein, sondern weil ich glaube, dass dies nicht im Sinne von Albert Schweitzer wäre. Er wollte mit seinen Worten von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ den Menschen nicht von außen ein Moralkonzept überstülpen, dem sie zu folgen hatten, sondern zu den Herzen und dem Verstand der Menschen sprechen, so dass sie selbst darüber nachdenken, was es für ihr Leben bedeutet, Ehrfurcht vor dem Leben zu zeigen. Ja, er wollte, dass in ihnen selbst eine Stimme anfängt zu sprechen, so wie bei ihm damals, als er sich mit seinem Freund auf die Vogeljagd machte und die Kirchenglocken hörte.
Daher: denken Sie weiter über die Frage nach, was es für Sie bedeutet, Ehrfurcht vor dem Leben zu haben. Hier in diesem Gottesdienst. Auf dem Nachhauseweg. Oder morgen, wenn für Sie der Alltag wieder beginnt. Und lassen Sie sich von sich selbst überraschen, wohin Sie diese Ehrfurcht vor dem Leben am Ende führt. Amen.
Sommerkirche 2025 - 150 Jahre Albert Schweitzer
Predigt Pfr. Paul Wassmer (10. und 17. August 2025)
