Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
Albert Schweitzer, der berühmte Urwalddoktor in Lambarene. Die meisten kennen ihn, weil er sich als Arzt für kranke Menschen in Afrika eingesetzt hat. In Lambarene ist er im Jahr 1965 im Altern von 90 Jahren gestorben.
Manche wissen auch, dass er nicht nur Mediziner war, sondern auch studierter Theologe und Philosoph und ein begnadeter Musiker, Organist und Musikwissenschaftler.
Ein echtes Ausnahmetalent! Aber wie wird man so ein Ausnahmetalent? War er als Kind schon ein Wunderkind?
Albert Schweitzer ist nicht weit weg von hier aufgewachsen. Er wurde am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass geboren. Sein Vater war evangelischer Pfarrer und auch die Mutter kam aus einem Pfarrhaus. Albert war also ein echtes Pfarrerskind. Er wuchs mit drei Schwestern und einem Bruder auf.
Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Günsbach um. Günsbach liegt im Münstertal, etwas westlich von Colmar. Kürzlich war ich dort - das ehemalige Pfarrhaus von Günsbach, in dem Albert Schweitzer aufgewachsen ist, kann man heutzutage besichtigen.
Ein echtes Pfarrerskind also.
Albert war schon als kleiner Junge mit 3 Jahren jeden Sonntag im Gottesdienst. Er erinnert sich an die Handschuhe der Magd auf seinen Lippen, weil sie ihm vorsichtig die Finger auf den Mund gelegt hat, wenn er zu laut oder falsch mitgesungen hat. Es hat ihn als kleines Kind schon tief berührt, wenn die Erwachsenen sonntags alle so andächtig waren. Am meisten fasziniert war er vom Organisten. Der thronte oben an der Orgel, schaute ab und zu grimmig durch den Spiegel zum Pfarrer und entlockte der Orgel die tollsten Töne.
Albert war ein schüchternes Kind. Ich finde, das ist auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos von ihm gut zu sehen. In der Schule war er lange Zeit eher mittelmäßig. Mit Schreiben und Lesen hat er sich am Anfang schwer getan – und was ihm ein echtes Greuel war, das waren die handgeschriebenen Dankesbriefe, die jedes Jahr nach Weihnachten für die Weihnachtsgeschenke fällig waren. Diese Briefe haben ihm „so manches Essen mit Tränen versalzen“, wie er selbst schreibt.
Am liebsten war er in der Natur unterwegs, gemeinsam mit den anderen Dorfjungen. Und es war ihm extrem wichtig, dass er nicht als eingebildetes „Pfarrerssöhnle“ rüberkam, sondern in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurde. Einmal brachte er seine Mutter zur Weißglut, als es ums Einkaufen einer neuen Mütze ging. Die für ihn vorgesehene Matrosenmütze wollte er um nichts in der Welt haben. Erst als die Verkäuferin nachfragte, kam heraus, dass er nichts lieber wollte, als die gleiche einfache Kappe, die die anderen Dorfjungen aufhatten. Bloß nicht auffallen, bloß nichts Besonderes sein, das war seine Devise.
In der Musik allerdings, da fiel ziemlich bald auf, dass er doch etwas Besonderes konnte. Der kleine Albert bekam schon vor der Schulzeit Unterricht vom Vater am Tafelklavier. Schon als Kind saß er auch an der Orgel und durfte bereits im Alter von 9 Jahren den Organisten in Günsbach an der Orgel vertreten.
Als Albert 10 Jahre alt war, bekam er die Chance, nach Mühlhausen im Elsass, heute Mulhouse, aufs Gymnasium zu wechseln. Großonkel Louis und Großtante Sophie hatten angeboten, den 10-Jährigen in ihren Haushalt aufzunehmen. Sie waren streng, aber ohne ihre Hilfe hätten die Eltern das Gymnasium nicht bezahlen können.
Albert war weiterhin ein verträumtes, schüchternes und verschlossenes Kind. Er hatte Heimweh nach der Natur im heimischen Günsbach und auch nach der behütenden Pfarrfamilie. Am Anfang machten sich seine Eltern große Sorgen, ob er wohl das Abitur schaffen würde. Sie waren kurz davor, ihn wieder vom Gymnasium zu nehmen. Ein neuer Klassenlehrer war die Rettung für ihn. Von da an bewältigte er die Schulzeit ohne Probleme. Er interessierte sich vor allem für Geschichte und Naturwissenschaften.
Herzlich gelacht habe ich, als ich gelesen habe, wie Albert Schweitzer das beschreibt, was heute „Pubertät“ heißt. Er schreibt wörtlich:
„Von meinem vierzehnten bis etwa zum sechzehnten Jahr machte ich ein üble Phase durch. Ich wurde allen Menschen, besonders aber meinem Vater, durch einen Drang zum Diskutieren unausstehlich. Mit jedem Menschen, der mir in den Weg geriet, wollte ich über die Fragen, die gerade berührt wurden, eingehende und vernunftgemäße Überlegungen anstellen, um dabei die Irrtümer der Gewohnheitsmeinungen aufzudecken und das Richtige zur Geltung zu bringen……Jedes Gespräch, an dem ich beteiligt war, sollte auf den Grund der Dinge gehen. So trat ich aus meiner bisherigen Verschlossenheit heraus und wurde der Störenfried jeglicher Unterhaltung, die nur Unterhaltung sein wollte. Wie viele Tischgespräche zu Mülhausen und zu Günsbach habe ich in ein böses Fahrwasser gebracht! Die Tante schalt mich frech, weil ich mich mit den Erwachsenen auseinandersetzen wollte, als wären sie meine Altersgenossen. Gingen wir irgendwo auf Besuch, so mußte ich meinem Vater versprechen, ihm den Tag ja nicht durch „dummes Benehmen bei Gesprächen“ zu verderben.
Tatsächlich war ich so unausstehlich, wie ein halbwegs gut erzogener Mensch nur sein kann. Aber es war keine einfache Rechthaberei, die mich so werden ließ, sondern ein leidenschaftliches Bedürfnis zu denken und mit anderen Menschen nach dem Wahren und Zweckmäßigen zu suchen….
Nach dieser üblen Gärung klärte sich der Wein. Eigentlich bin ich geblieben, was ich damals wurde……
Treffe ich auf Menschen, mit denen man sich als denkender Mensch auseinandersetzen darf, so genieße ich sie mit Leidenschaft, als wäre ich so jung wie damals.“ (Das Albert Schweitzer Lesebuch, S. 44-45)
Albert Schweitzer beschreibt die Elemente seiner Kindheit selbst ganz lebendig. Es ist eine behütete Kindheit in einem Pfarrhaus, in dem es zwar manchmal Geldsorgen gab, aber dafür viel Liebe und Freiheit. Selbst in der von ihm beschriebenen „üblen Zeit“ zwischen 14 und 16 Jahren atmet dieses Pfarrhaus Freiheit, denn die Eltern haben intern alle Diskussionen toleriert und ihren Sohn weiter unterstützt. Es ist eine Kindheit, in der es die Natur gab und die Musik und eine riesengroße Dankbarkeit darüber, so aufwachsen zu dürfen. Ich zitiere noch einmal, wie Albert Schweitzer es selbst zusammenfasst:
Der Gedanke, daß ich eine so einzigartige glückliche Jugend erleben durfte, beschäftigte mich fort und fort. Er erdrückte mich geradezu. Immer deutlicher trat die Frage vor mich, ob ich dieses Glück denn als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe. So wurde die Frage nach dem Recht auf Glück das zweite große Erlebnis für mich.
Als solches trat sie neben das andere, das mich schon von meiner Kindheit her begleitete, das Ergriffensein von dem Weh, das um uns herum in der Welt herrscht. Diese beiden Erlebnisse schoben sich langsam ineinander. …
Immer klarer wurde mir, daß ich nicht das innerliche Recht habe, meine glückliche Jugend, meine Gesundheit und meine Arbeitskraft als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Aus dem tiefsten Glücksgefühl erwuchs mir nach und nach das Verständnis für das Wort Jesu, dass wir unser Leben nicht für uns behalten dürfen. Wer viel Schönes im Leben erhalten hat, muß entsprechend viel dafür hingeben. Wer von eigenem Leid verschont ist, hat sich berufen zu fühlen, zu helfen, das Leid der andern zu lindern. Alle müssen an der Last von Weh, die auf der Welt liegt, mittragen. (Ebda. S. 48)
Soweit Albert Schweitzer selbst.
Aus dem schüchternen, nachdenklichen und musikalischen Jungen, der von Anfang an die Natur und den Glauben liebte, war einer geworden, der sich als junger Erwachsener so sehr seiner Verantwortung gegenüber anderen und der Schöpfung bewusst war, wie ich das noch ganz selten gesehen habe.
Einer, der dankbar war für das Glück seiner Kindheit und auch dafür, sich jahrelang seinem freien Studium an der Universität, dem Denken und der Musik widmen zu können.
Gleichzeitig war er einer, den das Elend der Welt und das Weh derjenigen, denen es nicht so gut ging wie ihm, beschäftigt hat. Das Mitgefühl erstreckte sich schon in seiner Kindheit von Anfang an nicht nur auf Mitmenschen, sondern auch auf Tiere und die Natur.
Schon vor seiner Schulzeit fügte er ins Abendgebet, das die Mutter mit ihm sprach, jeden Abend heimlich ein Gebet für „alles was atmet“ ein, denn schon für den kleinen Albert war es unfassbar, warum er nur für die Menschen beten sollte und nicht auch für die Tiere und alles was lebt.
Viel später prägte er für diese verantwortliche Lebenshaltung den von ihm gefundenen Begriff Ehrfurcht vor dem Leben.
Oder, wörtlich:
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Doch bevor er diese Worte gefunden hatte, kam seine größte Lebensentscheidung. Denn der junge Student Albert Schweitzer, gerade mal 21 Jahre alt, traf mitten im Studium die Entscheidung, ab dem 30ten Lebensjahr etwas Neues zu tun, das ganz dem Dienst an anderen diente.
Hören Sie die wichtigste Entscheidung des 21-jährigen Albert im Wortlaut:
Die Entscheidung fiel, als ich einundzwanzig Jahre alt war. Damals, als Student in den Pfingstferien, beschloß ich, bis zum dreißigsten Jahre dem Predigeramt, der Wissenschaft und der Musik zu leben. Dann, wenn ich in Wissenschaft und Kunst geleistet hätte, was ich darin vorhatte, wollte ich einen Weg des unmittelbaren Dienens als Mensch betreten. Welches dieser Weg sein sollte, gedachte ich in der Zwischenzeit aus den Umständen zu erfahren. (Ebda. S. 49)
Schon mit 21 Jahren war also sein Weg entschieden. Auch wenn damals noch nicht klar war, wie dieser „unmittelbare Dienst“ aussehen sollte, den er sich mit 30 Jahren vorstellte. Dass es ein ganzes Medizinstudium werden würde und danach die Gründung eines Krankenhauses in Französisch-Äquatorialafrika….das war mit 21 noch nicht abzusehen.
Als Albert Schweitzer im Alter von 30 Jahren Ernst machte und seine Entscheidung umsetzte, nun auch noch Medizin zu studieren, wurde er von fast allen für verrückt erklärt.
Als er, der bereits als Dozent an der Universität unterrichtete und als Pfarrer in Straßburg arbeitete, sich beim Dekan der medizinischen Fakultät als Medizinstudent anmeldete, hätte der ihn am liebsten an „seinen Kollegen von der Psychiatrie überwiesen“ (Ebda. S.110)
Doch Albert Schweitzer blieb stur. Er blieb bei dem, was er sich schon jahrelang in den Kopf gesetzt hatte. Er wollte Arzt werden, um unmittelbar helfen zu können, auch ohne zu reden. Dafür nahm er bewusst die Mühen eines weiteren Studienganges auf sich. Er wollte nicht als Missionar nach Afrika gehen, sondern als einer, der selbst mit den Händen arbeitet.
Dazu bewegt hatte ihn schon viele Jahre vorher ein Wort aus dem Markusevangelium. Wir haben es vorhin als Lesung gehört.
Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren;
und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen,
der wird’s erhalten. (Markus 8,35)
Albert Schweitzer hat sich mit 21 Jahren dafür entschieden, sein Leben ab dem 30. Lebensjahr dem Dienst an anderen zu widmen.
Er hat seine Lebensentscheidung aus Dankbarkeit getroffen. Dankbarkeit für eine glückliche Kindheit, in tiefem Glauben, voller Freiheit, und für ein freies uns ausgiebiges Universitätsstudium mitsamt der Musik.
Möge seine Entscheidung uns beflügeln, auch etwas von dem weiterzugeben, wofür wir dankbar sind.
Dann wird unsere Seele atmen und sich freuen.
Denn, wie heißt es so schön, an der gleichen Stelle im Markusevangelium:
Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne,
und nähme Schaden an seiner Seele? (Markus 8, 36)
Gott segne unsere Wege. Amen.
Pfrin. Bärbel Wassmer, Sommerkirche 2025 zum Thema: 150 Jahre Albert Schweizer, 3.8.2025 Maulburg und Hausen
