Gottesdienst Ex. 34, 29-35 (Pfr. Paul Wassmer)

 
Gnade und Friede sei mit euch,
von Gott unserem Herrn.
 
Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst heute am letzten Sonntag nach dem Epiphaniasfest. Vom Kirchenjahr her steht dieser Sonntag an einem Wendepunkt. Er schließt auf der einen Seite die Weihnachtszeit ab, die Zeit der Freude, der Lichter und des Glanzes. Auf der anderen Seite lenkt er unseren Blick in Richtung auf die Passionszeit, in der Gottes Licht bedroht ist von Leid und Tod.
Mitten in dieser Umbruchszeit erzählt der Bibeltext für den heutigen Sonntag von einer Begegnung voller Licht. Mose, der mit Gottes Hilfe die Israeliten aus Ägypten herausgeführt, trifft auf Gott und sieht den Glanz Gottes. Dabei springt etwas von dem Glanz Gottes auf ihn über. Mehr dazu in der Predigt.
 
Lasst uns beten:
 
Barmherziger Gott, dein Licht scheint in die Welt
und schenkt ihr einen ganz besonderen Glanz.
 
Dich bitten wir:
für die grauen und öden Tage,
die wir - gerade in diesen Corona-Zeiten - alle kennen
Schenke uns etwas von diesem Glanz
 
für die dunklen Momente in unserem Leben, wenn wir nicht mehr weiterwissen und die Angst wie ein schwarzer Vogel über uns kreist:
Schenk uns dein Licht
 
für die Tage, an denen wir an der Oberfläche unseres Lebens kleben bleiben und uns der Zugang zu uns selbst und zu der Tiefe unseres Lebens verschlossen bleibt
Öffne unsere Herzen
 
und in den Zeiten, in denen wir nur noch eine Farbe sehen,
rot, vor Zorn
gelb, weil uns der Neid auffrisst
schwarz, weil wir so verzweifelt sind
spanne du deinen Regenbogen der Hoffnung über uns auf
und fülle unser Leben mit deinen Farben,
damit unsere Welt wieder bunt und lebendig wird,
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Wir hören als Lesung die Geschichte vom Glanz auf dem Gesicht des Mose. Im 34. Kapitel des II. Buches Mose heißt es:
 
Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Als aber Aaron und ganz Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm näher zu kommen. Da rief sie Mose und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden. (Exodus 34, 29-35)
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
Ein Jugendlicher kommt von der Schule nach Hause.
„Was ist denn mit Dir los?", fragt ihn seine Mutter. „Bist du etwa verliebt?"
Der Angesprochene macht eine unschuldige Miene und tut so, als wäre nichts. Trotzdem ist das Strahlen in seinem Gesicht deutlich zu sehen. Außer für ihn selbst. Er weiß von nichts.
 
Mit einem solchen Strahlen im Gesicht
kam auch Mose vom Berg Sinai herab.
Mit einem Strahlen, hell und voller Licht,
einem Strahlen, wie ein Honigkuchenpferd.
 
Er hat auf dem Gipfel des Berges die zehn Gebote empfangen.
Wieder einmal, muss man sagen.
Denn das erste Mal ging alles schief.
Da konnte das Volk nicht warten.
Da wollte es Gott ganz nah haben. Greifbar. Voller Glanz.
Aber nicht später. Sondern hier und jetzt. Sofort.
So nahmen sie die Sache selbst in die Hand.
Sie sammelten den Schmuck, den sie dabei hatten.
Gold und Silber, alles was glänzte
und formten daraus einen jungen Stier, als Zeichen der Macht.
Eine Statue entstand, gestaltet von den besten Künstlern.
Vor dieser Statue fielen sie auf die Knie.
Sie beteten sie an.
Ihre eigene Macht beteten sie an.
 
Doch dann kam Mose vom Berg herab.
Als er sie vor der Statue knien sah,
zerbrach er vor lauter Wut die Tafeln in seiner Hand.
Dicke Luft herrschte.
Es ging hoch her.
Alle schrieen.
Und am Ende gab es ein großes Heulen und Zähneklappern.
Die Menschen hatten auf die falsche Karte gesetzt
und ihre Zukunft verspielt.
 
Doch dann
ging Mose noch einmal auf den Berg.
Nicht dass es ihm leichtgefallen wäre.
Doch er gab die Hoffnung nicht auf.
Nicht die Hoffnung auf Gott und seine Gnade.
Und auch nicht die Hoffnung auf die Menschen,
die doch immer wieder zu allem möglichen Dummheiten fähig waren.
Der Weg nach oben braucht Zeit.
Auch die Verhandlungen mit Gott dauerten.
40 Tage. So lange war er weg.
Aber am Ende hält er erneut die Steintafeln mit den Geboten in seinen Händen.
Zufrieden könnte er sein. Froh könnte er sein. Doch er will mehr.
So fragt er Gott:
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen"
 
Und Mose sieht.
 
Glanz über Glanz.
Licht über Licht.
Gnade über Gnade.
Auch wenn Gott seine Hand vor ihn hält,
damit ihn das Licht nicht verbrennt.
Damit die Herrlichkeit Gottes nicht seinen Verstand sprengt.
Und er leer und ausgebrannt zurückbleibt.
So sieht Mose nicht das Angesicht Gottes,
das er sehen wollte.
Es wäre zu viel für ihn.
Aber er konnte zumindest Gott hinterher sehen.
Und das war großartig genug.
Jenseits von allem, was er kannte.
Herrlich und fantastisch zugleich.
 
Diese Begegnung veränderte ihn.
Doch er selbst weiß nichts davon.
Er hat keine Ahnung von dem Strahlen in seinem Gesicht.
Fast wie jemand, der verliebt ist, und es selbst nicht weiß.
 
So kommt Mose von dem Berg herunter.
Und trifft auf Aaron, seinen Bruder.
Wie auch auf die Oberen Israels,
die sich bei der Erschaffung des goldenen Kalbs
nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben.
Damals wollten sie einen Glanz haben. Ganz nah bei sich.
Nun sehen sie Mose vom Berg herabkommen.
Voller Glanz.
Da bekommen sie Angst.

Angst, dass in diesem Glanz ihre Schuld nur noch sichtbarer wird.
Angst, dass in diesem Glanz ihr eigenes Dunkel nur noch mehr auffällt.
Angst, dass sie selbst nicht genügen können.
 
So zucken sie zurück.
 
Und Mose?
Der versteht nicht, warum sie sich so seltsam benehmen.
 
Ich finde es sympathisch, dass Mose nichts von dem Strahlen in seinem Gesicht weiß. Denn solange er nicht merkt, dass sein Gesicht strahlt, kann er sich auch nichts darauf einbilden. Auch strahlt ja letztlich nicht er selbst, sondern es ist ein Wiederschein vom Strahlen Gottes, das in seinem Gesicht zu sehen ist. Ein Echo von Gottes Licht, das gnädig ist und barmherzig.
 
In diesem Licht der Gnade ruft Mose. „Kommt doch her!"
Und sie kommen. Zaghaft, langsam, vorsichtig.
Sie erklären ihm, was los ist.
Dass sein Gesicht strahlt.
Hell und voller Licht.
 
Und was macht Mose?
Er gibt sein Strahlen an sie weiter.
Begeistert erzählt er von seiner Begegnung mit Gott.
Er zeigt ihnen die Steintafeln und erklärt ihnen die Gebote.
Das alles macht er leuchtend. Voller Kraft.
Danach legt er sich eine Decke über den Kopf, wie Martin Luther übersetzt hat - oder einen Schleier. Je nach Übersetzung. Auf jeden Fall, er zeigt das Strahlen nicht mehr.
 
Er zeigt es nur,
wenn er der Menge von dem erzählt,
was er mit Gott erlebt hat.
Denn es ist nicht sein Strahlen. Es gehört nicht ihm.
Es gehört Gott. So zeigt er es auch nur, wenn er von Gott spricht.
Er tut dies
damit alle sehen,
dass seine Worte wahr sind.
Dass Gott selbst mit seinem Licht in diesen Worten wohnt,
im Gegensatz zu dem Leuchten des goldenen Stiers
das falsch war und die Leute nur blendete.

Liebe Gemeinde
es ist eine zutiefst eigenartige Geschichte, von der die Bibel hier erzählt. Doch zugleich ist es auch eine Geschichte, die mich in ihrer Eigenart umso mehr berührt.
 
Es berührt mich, dass Mose sein Angesicht verhüllte, wenn er sich mit den Leuten über alltägliche Dinge unterhielt. Fast so, als wollte er das, was er selbst sagte von dem trennen, was Gott zu ihm gesagt hat. Er wollte beides nicht vermischen. Das finde ich ehrenhaft. So wie ich es auch ehrenhaft finde, dass er sich mit dem Leuchten nicht selbst groß machen wollte. Er suchte nicht seinen eigenen Ruhm, sondern stellte sich selbst in den Dienst von etwas Größerem.
 
Vielleicht wollte er auch durch das Tuch über seinem Kopf das Leuchten möglichst lange erhalten? Wer weiß? Denn irgendwann verblasste es wohl. Zumindest wird in den späteren Geschichten nichts mehr von ihm erzählt. So leuchtete es wohl nur eine begrenzte Zeit. Wie so vieles im Leben, war es nicht ewig. Trotzdem füllte es diese begrenzte Zeit mit einem ganz besonderen Glanz.
 
Auch was Mose zum Strahlen brachte, berührt mich.
Da war zuerst die Begegnung mit Gott.
Das Sehen und Angesehen werden.
 
Gott sah ihn.
Aber er sprach kein Urteil über ihn.
er maß ihn nicht ab,
er schätzte ihn nicht ein.
Alles was er tat, war ihn zu sehen.
Ganz und gar.
Dabei schützte ihn Gott mit seiner Hand.
 
Mose kam von dieser Begegnung mit Gott verändert zurück. Er war nun ein Angesehener. Ja, er hatte bei Gott - wie vor sich selbst Ansehen gewonnen. Denn jede Begegnung mit Gott macht etwas mit uns Menschen.
 
Doch dazu müssen wir Gott erst einmal begegnen. Und das ist ja nicht immer so leicht. Und auch nicht immer so glanzvoll.
 
So kann ich von meinen Begegnungen mit Gott keine so glanzvollen Geschichten erzählen. Aber das Gott mir wie in einen Windhauch begegnete, so wie es der Prophet Elia erlebt hat, als ein zartes, sanftes Wehen eines Windes, in dem etwas von Gott selbst spürbar war, so etwas habe auch ich schon ein oder zweimal erlebt. Sicher, das alles war subjektiv. Es war mein Erleben. Es war auch nicht voller Glanz. Aber es hat mich trotzdem verändert. Es gab mir Vertrauen. Es schenkte mir Sicherheit, Ruhe, Gelassenheit. Ich musste nicht mehr rennen, rennen, rennen. Ich konnte auch mal anhalten, einfach ich selbst sein. Ich musste auch nicht immer noch mehr leisten, mich abmühen, um irgendwem zu genügen. Nein. Das alles war nicht mehr nötig. Von daher, ja, jede Begegnung mit Gott verändert uns Menschen. Sie macht etwas mit uns. Jedes mal, wenn ich bete, merke ich etwas davon. Nur ganz wenig. Aber es ist da. Und das ist schön. Ja, es hat seine ganz eigene Schönheit. Seinen eigenen Glanz.
 
Doch, um noch einmal auf Mose und sein Strahlen zurückzukommen: Ich glaube, Mose strahlte damals nicht nur, weil er Gott und Gott ihn gesehen hatte. Nein, Mose strahlte auch aus Freude über das, was er von Gott erhalten hatte. Die Gebote. Diese Gebote brachte er mit vom Berg nach unten. Sie waren das Geschenk an die Menschen. Ein Geschenk, das länger blieb und tiefer wirkte, als das Leuchten in seinem Gesicht.
 
Diese Gebote waren damals für die Menschen ein Meilenstein. Denn durch die Regeln, die in den Geboten aufgeschrieben waren, wurde das Zusammenleben der Israeliten auf eine ganz neue Stufe gehoben.
 
Kein mächtiger Mann stand nun mehr an der Spitze und bestimmte über das Schicksal der Menschen, so wie es in Ägypten der Pharao tat, nein, es gab nun einheitliche Regeln, die für alle galten. Selbst für die Menschen, die ganz oben waren. Gleiches Recht für alle. Grundrechte für jede und jeden.
 
Ein Grundrecht
auf das eigenes Leben - du sollst nicht töten.
Ein Grundrecht
auf eine Beziehung - du darfst dir nicht den Partner, die Partnerin des anderen einfach nehmen, nur weil du vielleicht mächtiger, schöner oder reicher bist, als der andere.
Ein Grundrecht
auf den Schutz vor der Lüge und dem Diebstahl
Aber auch ein Grundrecht darauf,
vor den falschen Göttern im Leben geschützt zu werden,
vor den Göttern, die einem das Leben nehmen,
anstatt es einem zu schenken.
 
Moloch, so hieß einer der Götter, denen damals Menschenopfer dargebracht wurden. Heute heißen diese Götter Erfolg, falsches Ehrgefühl oder Geld. Sie tun so, als wären sie wichtiger als alles andere auf der Welt. So opfern die Menschen ihr Leben für sie. Und verlieren es dabei.
 
Damals schenkte Gott den Israeliten die Gebote, damit ihr Leben erhalten blieb. Ein Leben, das frei blieb und nicht wieder in der Sklaverei endete.
 
Auch darum strahlte Mose. Weil er nicht nur seinen Teil dazu beigetragen hatte, die Menschen vor dem Pharao in Ägypten zu retten, sondern weil er auch seinen Teil dazu beigetragen hatte, sie vor dem Pharao in sich selbst zu retten.
 
Und nun? Was bleibt von dieser Geschichte?, mögen Sie fragen.
Ich weiß es nicht, was es bei Ihnen ist.
 
Aber ich nehme auf jeden Fall etwas von dem Strahlen mit, das von Mose ausging. Wie auch etwas von seiner Bescheidenheit, von seiner Art, sich selbst zurückzunehmen, damit Gott strahlen konnte durch ihn.
 
Ich nehme etwas von seiner Freude über die Gebote mit, auch wenn wir heute immer wieder über alle möglichen Regeln schimpfen. Doch sind diese Regeln Abglanz der Gebote Gottes, wenn sie dazu beitragen, dass es eine Gerechtigkeit gibt, die für alle gilt.
 
Und nicht zuletzt nehme ich etwas von dem mit, was man nicht erzählen und auch nicht weitergeben kann. Etwas von dem, was sich uns immer wieder entzieht. Jene kostbaren Momente, in denen wir Gott selbst begegnen. Im Gebet, im Lesen der Bibel, im Gegenüber zu anderen Menschen, in der Natur, oder, oder, oder - schließlich lässt sich Gott und sein Geist an vielen Orten finden. Doch dort, wo er uns findet, lässt er uns strahlen, so wie Mose in der Geschichte, von der sie eben gehört haben. Und auch wenn dieses Strahlen oft nur für eine begrenzte Zeit, anhält, ist es schön. Ja, es hat seine ganz eigene Schönheit. Seinen eigenen Glanz. Amen.
 
Lasst uns miteinander und füreinander beten:
 
Barmherziger Gott,
Unsere Welt ist oft grau
und es fehlt ihr an Glanz.
 
So kommen wir zu dir
und wir bitten dich:
 
Zeige uns deine Herrlichkeit,
so dass wir strahlen und unser Gesicht leuchtet.
 
Lass dein Licht der Gerechtigkeit in unsere Welt scheinen,
damit nicht Eigennutz und Macht,
sondern Fairness unser Zusammenleben prägt.
 
Und bewahre uns davor,
den falschen Lichtern zu folgen,
die zwar nach außen hin glänzen,
aber innerlich dunkel bleiben,
und die uns nur ins Verderben führen.
 
Halte uns in deiner Hand.
Und bewahre uns in diesen seltsamen Zeiten.
Darum bitten dir dich,
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
 
(Pfr. Paul Wassmer, Letzter So. n. Epiph., 30.1.2022, Maulburg)