Gottesdienst I. Kor. 2, 1-10 (Pfr. Paul Wassmer)

 
Gnade und Friede sei mit euch,
von Gott unserem Herrn.
 
Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst, heute am II. Sonntag nach dem Epiphaniasfest. Vom Kirchenjahr her ist dieser Sonntag mit Worten des Apostel Paulus aus dem ersten Korintherbrief verbunden. Dort geht es um einen Konflikt innerhalb der Gemeinde. Alles was ein guter Streit braucht, taucht dort auf: verletzte Eitelkeiten, unangenehme Wahrheiten und - nicht zuletzt - ein Geheimnis, in dessen Mitte Jesus, der Gekreuzigte steht. Seien Sie also gespannt.
 
Psalm:
 
Wir beten mit Worten nach Psalm 36:
 
Barmherziger Gott,
manchmal kann unser Herz wie ein Giftlager sein,
und sich tausend Sachen einfallen lassen,
um anderen Menschen zu schaden.
Trotzdem gibst du uns
mit deiner Güte und Liebe nicht auf.
Diese Liebe, Gott, ist für uns Menschen unbegreiflich,
sie ist hell wie die Sonne,
weit wie das Meer,
und hoch wie die Berge.
Sie wandert durch alle Erdteile,
und umschließt Menschen wie Tiere.
Denn du sorgst dich um alles Leben,
das bei dir seinen Ursprung hat.
Und alles Leben
strahlt etwas von deiner Liebe aus.
die du in alles was lebt hineingelegt hast.
So bitten wir dich Gott:
Öffne uns die Augen für diese Liebe.
Denn mit unseren Augen sehen wir oft nur die Dunkelheit,
aber in deinem Licht sehen wir das Licht. Amen.
 
Lesung:
 
Wir hören auf Worte aus dem zweiten Kapitel ersten Korintherbriefes. Der Apostel Paulus schreibt dort:
 
„Liebe Brüder und Schwestern,
Als ich zu euch kam, um euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen, da ging es mir nicht darum, mit langen, großartigen und tiefsinnigen Reden zu glänzen. Ich kannte allein Jesus Christus - und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten. Als ich zu euch kam, da fühlte ich mich ziemlich elend, ich hatte große Angst und zitterte am ganzen Leib. Meine Predigt war nicht tiefsinnig oder bestach durch besondere Überzeugungskraft, und doch wurde Gottes Geist und Kraft darin sichtbar. Und so muss es auch sein, denn euer Glaube beruht nicht auf menschlichen Tiefsinn und Weisheit, sondern ihr wurdet angesteckt durch die Kraft Gottes.
Wovon ich aber rede, ist dennoch eine Weisheit - für alle, die glauben. Aber es ist nicht das, was Menschen normalerweise unter Weisheit verstehen, und auch nicht die Weisheit der Mächtigen dieser Welt, die trotz ihrer Macht doch zugrunde gehen müssen. Wenn ich von Gottes Weisheit rede, so liegt diese Weisheit verborgen und ist wie ein Geheimnis, das Gott hervorgebracht hat, noch bevor die Welt entstanden ist, zu unserer Herrlichkeit. Keiner der Mächtigen dieser Welt hat dieses Geheimnis gekannt, sonst hätten sie Jesus, den Herrn der Herrlichkeit, nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie es geschrieben steht:
 
„Was kein Auge jemals gesehen hat und kein Ohr gehört hat
und worauf kein Mensch jemals gekommen ist,
das hält Gott bereit für die, die ihn lieben." (Jes. 64,3)
 
Denn uns hat Gott dieses Geheimnis offenbart durch seinen Geist. Denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes."
 
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
Dass es die Elenden hören und sich freuen. Halleluja!
 
Predigt
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde.
Wenn man sich streiten, sagt man manchmal Dinge, die man später wieder bereut. Er vergreift sich im Ton. Sie übertreibt. Und jeder von beiden versucht, den anderen zu demütigen.
Manchmal sagt man sich im Streit gegenseitig aber auch die Wahrheit. Die Dinge, die man vor sich selbst und vor dem anderen schon viel zu lange verborgen hat. Die unangenehmen Dinge, die weh tun, auch und gerade weil sie wahr sind.
 
Dabei ist jeder Streit anders. Und manchmal gerät jemand sogar in einen Streit, ohne dass er überhaupt etwas davon weiß.
 
Da ist der Eine.
Er glänzt durch sein Aussehen.
Durch sein selbstsicheres Auftreten.
Auch weiß er zu überzeugen,
mit sich, und seiner Stimme.
Die Herzen der Leute fliegen ihm wie von selbst zu.
Er zieht die Menschen an,
auch die, die sich bisher eher fern hielten.
Kein Wunder, dass sein Vorgänger blass dagegen aussieht.
Der konnte nicht so gut reden.
Der war immer wieder krank und fiel aus.
Der überzeugte die Leute erst auf den zweiten Blick,
und auch da nicht alle.
 
Nein. Der Vorgänger kann im direkten Vergleich nur verlieren.
Und das nicht nur, weil er nicht mehr da ist,
während der Eine die Bühne rockt.
Trotzdem hat der Vorgänger
noch den einen oder die andere Anhängerin.
So kommt es in der Gemeinde zum Streit.
Zählt nur, was glänzt?
Zählt nur, das jetzt?
Und ist alles, was davor war, plötzlich nichts mehr wert?
 
Wenn zwei sich streiten, sagt einer oft Dinge, die er später wieder bereut. Sie vergreift sich im Ton. Er übertreibt. Und jeder von beiden versucht, den anderen zu demütigen.
Das war damals nicht viel anders als heute. Und so wie heute ging auch damals schon die Wahrheit im Streit manchmal auch verloren.
 
Der Eine, der Glanzvolle, bekommt nur einen Teil davon mit.
Er ist noch zu neu, um hinter alle Kulissen zu blicken.
Auch erzählen ihm die Leute nicht alles.
Nur das, was schön ist, was glänzt und zu ihm passt.
Auch der Vorgänger, der mittlerweile weit entfernt,
in einer Stadt jenseits des Meers lebt,
bekommt von dem Streit Wind.
Er kennt seine Leute.
Er hat mehrere Jahre mit ihnen gelebt.
Er weiß, wie sie ticken
und kennt ihre Suche nach Anerkennung und Ruhm.
 
Doch was soll er tun? Von der Ferne aus?
Nicht viel. Außer vielleicht zu schreiben.
 
Und so schreibt er einen Brief.
Dort nennt er die Dinge beim Namen.
Auch die unangenehmen Dinge.
 
Nein, er konnte noch nie mit langen, großartigen und tiefsinnigen Reden glänzen. Und als er damals bei ihnen war, da war auch nicht alles großartig. Vielmehr fühlte er sich damals ziemlich elend, auch hatte er immer wieder Angst, so dass er am ganzen Leib zitterte. Kein Wunder, dass seine Predigten weder tiefsinnig waren, noch durch besondere Überzeugungskraft bestachen. Das alles gibt er zu.
 
Und doch ... so geht es weiter.
Und wie es weiter geht.
 
Mit einem Geheimnis.
Mit diesem Geheimnis macht er den Menschen den Mund wässrig.
Ein Geheimnis - da will jeder mehr wissen.
 
Dabei gehört es doch zum Wesen eines Geheimnisses, dass man es nicht weiß und es sich einem entzieht. Denn sonst, ja sonst, wäre es ja kein Geheimnis.
Ein Beispiel für ein solches Geheimnis ist das Leben. So ist uns das eigene Leben - wie jedes gute Geheimnis - oft verborgen und wir verstehen es nicht. Trotzdem suchen wir nach einem Sinn in ihm. Doch dieser Sinn ist mit unserem Verstand, mit unserer Weisheit oft nicht zu greifen. Er entzieht sich uns, selbst wenn wir glauben, ihn immer wieder einmal für einen Moment in der Hand zu halten.
Darin, dass das Leben - auch unser eigenes Leben - sich uns immer wieder entzieht, liegt ein Teil der Würde, die unser Leben ausmacht. Eine Würde, die verloren ginge, wenn wir das Geheimnis des Lebens aufgeben würden und unser Leben darauf festschreiben, auflösen oder reduzieren würden, was uns unsere Gene sagen, unsere Triebe oder unser Wille - oder was uns Menschen sonst noch so alles einfällt.
Das alles kann zwar manches in unserem Leben erklären, aber trotzdem bleibt im Leben immer noch ein heiliger Rest übrig, der sich nicht erklären lässt - und den wir auch nicht erklären müssen - und der uns - in dieser Unerklärbarkeit - mit Gott verbindet - dem großen Geheimnis dieser Welt. Ja, vielleicht ist dies ja sogar ein Teil unserer Ebenbildlichkeit mit Gott, dass auch wir etwas von diesem Geheimnis Gottes in uns tragen. Und dass wenn wir dieses Geheimnis verlieren, wenn wir es aufgeben, und wir uns und unser menschliches Leben auf unsere Gene, unsere Triebe, unsere Herkunft oder unseren Willen reduzieren, wir damit auch unsere menschliche Würde aufgeben und verlieren.
 
Doch was ist das nun für ein Geheimnis, von dem der Apostel Paulus redet? Denn um ihn geht es in diesem Streit auf der einen Seite - während Apollos, ein reisender christlicher Missionar, auf der anderen Seite steht.
 
Es ist Jesus, der Gekreuzigte.
Er ist das Geheimnis.
Ein Geheimnis, das niemand verstehen kann,
genauso wie das Leben niemand verstehen kann.
Denn warum sollte Gott sterben?
Schließlich ist er doch mächtiger als der Tod.
Warum also hat er sich nicht dagegen gewehrt?
Selbst, als die Mächtigen ihn verlachten
und die Gesetzestreuen ihn verachteten?
 
Nein, mit der Weisheit der Welt, mit unserem Verstand
ist das nicht zu begreifen.
Es entzieht sich uns. So wie das Leben.
Und doch liegt genau in diesem Kreuz die Lösung,
In diesem Kreuz, an dem Gott selbst zu finden ist.
Denn dieses Kreuz sagt uns,
dass Gottes Kraft eben nicht nur bei den Starken zu finden ist,
bei den Erfolgreichen und den Mächtigen,
sondern dass seine Kraft in den Schwachen wirkt.
In denen, die nach außen hin nicht viel her machen,
und auf die andere herunter sehen.
Dort, genau dort, ist Gott zu finden.
 
Das ist ein Geheimnis,
sagt der Apostel Paulus,
das wir Menschen mit unserem Verstand nicht begreifen können.
Aber wenn einem der Geist Gottes die Augen öffnet,
dann ist alles auf einmal ganz klar.
 
Dann ist klar,
dass man mit Stärke zwar einen Streit gewinnen,
aber keinen Frieden stiften kann;
dass man mit Glanz zwar die Leute blenden,
aber nicht auf Dauer überzeugen kann;
dass am Ende nicht die Triumphe im Leben zählen,
sondern das, was einem in der größten Not geholfen hat.
 
So schreibt der Apostel Paulus, der Vorgänger, mitten in dem Streit.
Und die Leute hören auf ihn.
Und sie spüren etwas von Gottes Kraft in seinen Worten.
Von Gottes Geist.
Und alles wird anders.
 
Liebe Gemeinde
wenn man sich streiten, geht die Wahrheit oft verloren. Sie wird verbogen, benutzt, als Waffe eingesetzt ... wir Menschen sind unerhört erfinderisch, wenn es darum geht, anderen zu schaden.
Doch manchmal kann jemand im Streit, die Wahrheit auch finden.
 
Die Wahrheit, dass das Leben mehr ist,
als nur ein Rechthaben.
Und dass das Leben kein sich Rühmen braucht,
kein sich Groß-machen,
ja, dass es darauf nicht ankommt.
 
Worauf es aber ankommt, ist,
dass im und hinter dem Leben ein Geheimnis liegt,
das Gott selbst und uns Menschen umschließt,
ein Geheimnis der Hingabe
der Liebe
und des Getragenseins,
 
In diesem Geheimnis
ist Gott selbst zu finden,
der Gott,
dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Fürbitten:
 
Lasst uns miteinander und füreinander beten:

Barmherziger Gott
unser Leben ist oft voller Streit.
Manchmal hilft uns dieser Streit,
Ungerechtigkeiten zu beseitigen
Notstände zu mildern,
oder Irrtümer zu bereinigen.
Doch manchmal verlieren wir uns und andere auch im Streit.
Wir reduzieren uns und andere
auf bestimmte Taten
auf bestimmte Worte
oder bestimmte Ansichten.
Wir nehmen uns gegenseitig das Geheimnis,
das im Leben verborgen liegt.
So kommen wir zu dir Gott,
und bitten dich um deinen Geist:
Hilf uns, das Geheimnis im Leben
zu entdecken und es zu bewahren.
Öffne uns die Augen
dass deine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Und gib uns den Mut,
auch einander
unsere schwachen Seiten zu zeigen.

Lass so Frieden wachsen unter uns,
damit wir unser Leben nicht im Streit verlieren
sondern es im Verständnis füreinander finden.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
(Pfr. Paul Wassmer; II. So. n. Epiph.; 16.1.2022, Maulburg)