Predigt 1. Könige 3, 16-28

 
Lesung: 1. Kön. 3, 5-15 (König Salomo bittet Gott um Weisheit)
 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
„Mit allen Wassern gewaschen“, so lautet der Titel der diesjährigen Sommerkirche. Es ist ein ambivalentes Thema. Wer will schon mit allen Wassern gewaschen sein – zum Beispiel auch mit dem Dreckwasser aus einem Abflusskanal? Umgekehrt stellt sich die Frage aber genauso: Wer will schon ohne jede schlechte Erfahrung durch sein Leben gehen? Ohne Ahnung von dem, wie es in der Welt zugeht, so dass er von jedem und jeder übertölpelt werden kann?
 
Vor genau diesem Problem stand auch der junge König Salomo. Er war in seinem Amt noch unerfahren und fühlte sich von der Aufgabe, das Land zu regieren, hoffnungslos überfordert. Er war nicht mit allen Wassern gewaschen, wie er sich das gewünscht hätte, war nicht so abgebrüht, wie sein Vater David, der das Reich durch alle Wirren sicher hindurchgeführt hatte – wobei König David für manche dieser Wirren durchaus auch selbst verantwortlich war. Nein, er, Salomo, war anders und er wollte auch alles anders machen. Salomo wollte nicht so brutal sein wie sein Vater, der sich alles immer genommen hatte, was er wollte. Er wollte nicht so gewalttätig sein, und auch nicht so voller Misstrauen. Doch gleichzeitig wusste Salomo auch, dass nett zu sein, nicht ausreichte, um ein guter König zu sein. So bittet er Gott um Hilfe. Dabei zeigt die Art seiner Bitte, welcher Art von König er sein will. Er bittet Gott um ein hörendes Herz. Denn er will auf die Zwischentöne achten, auf das, zwischen den Zeilen steht, und was die Menschen bewegt, um so für sie da sein zu können. Und es dauert auch gar nicht lange, da braucht er genau diese Fähigkeiten. Doch hören Sie selbst:
 
Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in „einem“ Hause und ich gebar bei ihr im Hause. Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König. Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach der König: „Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte.“  (I. Kön. 3, 16-25)
 
Liebe Gemeinde
Zwei Frauen von zweifelhaftem Ruf kommen zum neuen König. Und sie werden von den Wachen einfach so vorgelassen. Es scheint, der neue König hat die Abläufe im Palast noch nicht im Griff, wenn jeder einfach so zu ihm kommen kann.
 
Er soll Recht sprechen, fordern die beiden Frauen. Soll Recht sprechen, dort, wo es keine Zeugen gibt - wo Aussage gegen Aussage steht.
Die eine sagt: „Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot.“
Und die andere sagt: „Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt.“
Was soll er da machen, der junge König? Was hätten Sie gemacht? Nachgefragt, nach dem Gewicht des Kindes? Nach seinen Muttermalen? Oder ob es schon Haare hatte? Doch was hätte das genützt? Wenn die eine lügt, und die andere die Wahrheit nicht beweisen kann.

Salomo macht etwas anders. Er sagt: „Holt mir ein Schwert“. Und die Wachen holen ihm ein Schwert – und hoffen zugleich, dass dieses Schwert nichts mit dem Kind zu tun haben möge; mit diesem Neugeborenen, das keine der beiden Frauen im Arm hält, weil jede es im Arm halten will.

Doch kaum ist das Schwert im Raum, spricht der König zu den Wachen:„Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt der einen Frau die eine Hälfte und der anderen Frau die andere Hälfte.“
 
Ein kalter Schauder kann einem da über den Rücken laufen. Was macht der junge König da? Hatte er nicht eben noch um ein hörendes Herz gebeten – und dann befielt er seinen Soldaten, einen unschuldigen Säugling in zwei Teile zu teilen. Hat er denn gar kein Mitleid mit dem Kind? Was ist von seinem Vorsatz geblieben, die Dinge anders zu machen als sein Vater? Nicht mehr so brutal. Nicht mehr mit Gewalt. Und dann das! Wer so anfängt, von dem ist zu fürchten, dass er nicht nur in die Fußstapfen seines Vaters tritt, sondern sogar noch brutaler, noch rücksichtsloser wird, als sein Vater es je war.
 
Blut ist dicker als Wasser, heißt es immer wieder. So sitzt das, was wir als Kinder von unseren Eltern mit der Muttermilch in uns aufgesogen haben, oft tiefer, als wir meinen. Es ist nicht so einfach mit ein paar guten Vorsätzen zu überwinden. Es sitzt in uns fest. Und will nicht aus uns heraus.
 
Ist Salomo auch so einer? Einer, der das Gute will, aber in seiner Naivität die Schatten nicht sieht, die auf seiner Seele lasten? Die Schatten, die ihn in die Dunkelheit ziehen, in der sein Vater gelebt hat? Doch war sein Vater ein gestandener Mann, der mit allen Wassern gewaschen war. Der alte König David konnte in dieser Dunkelheit schwimmen, wie ein Fisch im Wasser. Salomo jedoch, sein Sohn, kann das nicht. Es fehlt ihm die Erfahrung. Wird diese Dunkelheit, die er da gerufen hat, seine junge Seele überwältigen und sie ausfüllen, so dass am Ende nichts mehr von ihr übrig bleibt?
 
Zu fürchten ist das. Wie oft wollen wir etwas, doch tun am Ende genau das Gegenteil? Weil da etwas in uns ist, das stärker ist. Weil wir nicht mit allen Wassern gewaschen sind. Nicht, im Umgang mit uns selbst.
 
Doch zurück zu dem jungen König und den beiden Frauen. Wie geht die Geschichte weiter. Die Bibel erzählt:
 
Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König - denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn - und sprach: „Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht!“ Jene aber sprach: „Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen!“ Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet’s nicht; die ist seine Mutter. Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten. (I. Kön. 3, 26-28)
 
Uff, gerade noch einmal gut gegangen, könnte man meinen. Außer, man hat von der Geschichte schon einmal gehört, schließlich ist sie nicht nur in ganz Israel bekannt – nein – die Geschichte von Salomons Urteil hat sich über die ganze Welt ausgebreitet. Doch bevor wir uns jetzt zufrieden zurücklehnen, weil nun ja alles wieder in Ordnung ist, lohnt es, sich auch den zweiten Teil der Geschichte genauer anzusehen. Was ist dort geschehen?
 
Da sind die beiden Frauen. Die eine, die Mutter des Kindes, bringt es nicht über ihr Herz, ihr Kind sterben zu lassen. Lieber gibt sie es in die Hände der anderen Frau, der Lügnerin, die vielleicht früher sogar einmal ihre Freundin gewesen war, schließlich haben sie ihre Kinder in einem Raum zur Welt gebracht, die aber nun, durch die falsche Aussage, zu ihrer Feindin geworden ist, ihrer Erzfeindin, die ihr ihr Kind wegnehmen will. Trotzdem springt sie über ihren Schatten und gibt ausgerechnet dieser Frau ihr Kind. Um so das Leben ihres Kindes zu retten.
 
Und die andere? Lässt sie sich von diesem Akt der Liebe erweichen? Nein. Sie bleibt hart, schließlich hat sie nichts zu verlieren. Ihr Kind ist schon tot. Genauso wie ihr Herz. Will sie das andere Kind überhaupt?, fragt man sich unwillkürlich. Oder geht es ihr nicht um etwas ganz anderes? Um ihren verletzten Stolz, um Rache? Weil sie der anderen Frau das lebende Kind nicht gönnt? Um ihr Ansehen, ihr Prestige? Weil sie vor den anderen nicht als jemand dastehen möchte, der in der Nacht sein eigenes Kind umgebracht hat?
 
Und was macht Salomo? Was macht der junge, unerfahrene König? Folgt er den Worten der beiden Frauen? Nimmt er das Kind und drückt es der Frau in die Hand, die hart geblieben ist?
 
Nein. Er hört nicht auf ihre Worte. Er hört auf sein Herz. Und sein Herz sagt ihm etwas anderes. So gibt er das Kind der Frau, die dem Kind mit Liebe begegnet und die dem Kind eine gute Mutter sein kann. So endet die Geschichte mit einem Urteil, das in die Geschichte eingeht.
 
Was mich an dieser Geschichte beeindruckt, ist die „Coolness“, mit der Salomo hier vorgeht. Er, der die Zwischentöne hört, die vielen kleinen Nuancen, mit denen die beiden Frauen ihr Anliegen vorbringen, der den Schmerz hört, der in beiden steckt, der vielleicht sogar ahnt, dass der eine Schmerz der Schmerz über das tote Kind ist, während der andere Schmerz der Schmerz ist, der über den möglichen Verlust des Kindes trauert, der all´ das mitbekommt, was in den beiden Frauen vorgeht, dass dieser junge Mann trotzdem den Mut aufbringt, zu handeln.
 
Denn oft ist es ja so, dass wir – wenn wir uns gleichsam im „Hör-Modus“ bewegen, handlungsunfähig werden. Je mehr wir hören, je besser wir etwas verstehen, umso komplexer wird alles. Denn es gibt schließlich für alles seine Gründe. Selbst für die Frau, die ihren Schmerz über den Tod ihres Kindes damit ersticken will, dass sie sich ein neues Kind greift, quasi als Ersatz, als ob der Tod ihres Kindes nie geschehen wäre. Wer all diese Unter- Neben – und Zwischentöne hört, ja wer sie auch versteht, und den anderen so immer näher und näher kommt, wird oft in diesem Gefühlsstrudel gefangen und findet keinen Abstand mehr, um wieder in einen anderen Modus zu kommen, in den Modus des Handels, in dem man Entscheidungen trifft. Entscheidungen, die nie allem gerecht werden können, die immer etwas übrig lassen, von dem, was man zuvor gehört hat.
 
Salomo aber tut es. Er tut es von Anfang an. Denn nicht seine Grausamkeit hat ihn dazu bewogen, nach dem Schwert zu rufen, sondern seine Tatkraft. Er hat etwas bei den beiden Frauen gespürt, das ihn ahnen ließ, dass er mit dieser, grausam zu nennenden Methode, die beiden Frauen dazu bewegen könnte, Farbe zu bekennen. Und er hat damit Erfolg. Er findet die Mutter, der das Kind gehört, während die andere Frau leer ausgeht. Mit diesem Urteil wurde er berühmt. Und das zu Recht. Denn in ihm vereinigte sich zwei Dinge, die in dieser Welt normalerweise nicht oft zusammen kommen: ein hörendes Herz auf der einen Seite – und eine Tatkraft, die bereit ist, in diese Welt einzugreifen, auf der anderen.
 
Liebe Gemeinde
Mit allen Wassern gewaschen – das war der junge König Salomo nach diesem Urteil. Dieses Urteil war seine Feuertaufe. Nach diesem Urteil kam niemand mehr zu ihm, um ihn mit irgendwelchen billigen Tricks hereinzulegen. Allen war klar, mit diesem König ist nicht zu spaßen. Er macht kein langes Federlesen. Er spürt die Zwischentöne, die Brüche, die jede und jeder in sich trägt, wie auch die Hoffnungen, die falschen Hoffnungen, genauso wie die richtigen. Er kann die Herzen der Menschen lesen. Aber noch mehr. Er tut auch etwas. Er sieht nicht nur zu, sondern greift ein. Schnell, kurz, und wenn es sein muss, auch mit allen dazu notwendigen Mitteln.
 
Auf diese Weise wäre auch ich gern mit allen Wassern gewaschen. Dass das Dunkel, das uns Menschen auf die eine oder andere Weise umgibt, mich nicht einfängt, sondern ich – mit Gottes Hilfe – einen Weg finde, der mich durch dieses Dunkel hindurch führt. Und dass ich diesen Weg auch gehe. Dies wünsche ich mir nicht nur für mich, sondern auch für Sie, ja, für alle Menschen, in Gottes großer, weiter Welt. Amen
 
Pfr. Paul Wassmer (9. So. n. Trin.; 6.8.2023, Maulburg, Fahrnau)