Predigt 1. Petrus 2, 2-10 (Einführung 2019) (Pfr. Paul Wassmer)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Wir hören heute auf Worte aus dem ersten Petrusbrief. Der Apostel schreibt dort am Anfang des zweiten Kapitels:
Seid begierig nach unverfälschten Worten, so wie neugeborene Kinder, die nach Milch schreien. Denn diese Nahrung wird euch stark machen und euer Heil wird dadurch zunehmen. Auch schmeckt ihr so, wie freundlich der Herr ist.
Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen wurde, den Gott aber auserwählt hat und den er als wertvoll erachtet. So werdet auch ihr zu lebendigen Steinen, aus denen Gott ein Haus baut, das sein Geist zusammenhält. In diesem Haus werdet ihr Priester sein und geistliche Opfer darbringen, so wie es Gott gefällt, durch Jesus Christus.
Liebe Gemeinde.
Lebendige Steine - diese beiden Worte sind mir nachgegangen, als ich den Bibeltext für den heutigen Sonntag zum ersten Mal gelesen habe. Ich fragte mich, ob ich einen solchen Stein schon einmal gesehen habe - und stellte fest, dass ich, obwohl ich schon viel gesehen habe, Tiere, die sprechen konnten, Berge, die über tausend Meter senkrecht in die Höhe ragten, ... mir trotzdem noch kein Stein unter die Augen gekommen ist, der lebte. Das machte mich stutzig.
Es ist ja auch ein eigentümliches Begriffspaar, das uns hier im Predigttext für den heutigen Sonntag begegnet. Da werden zwei Begriffe miteinander verbunden, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben. „Leben", „lebendig sein" auf der einen Seite, also etwas, das atmet, das sich bewegt, das fühlt ... und zugleich auch zerbrechlich ist, wird zusammengefügt mit etwas, das fast das genaue Gegenteil davon darstellt. Schließlich ist so ein Stein hart und unbeweglich, er ist Jahrmillionen Jahre alt und durch nichts zu erschüttern. Und, nicht zuletzt: er ist tot.
Trotzdem bringt der Apostel die beide Begriffe zusammen und spricht in seinem Brief, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, von lebendigen Steinen. Dazu sagt er: dass wir - also Sie und ich - zu solchen lebendigen Steinen werden sollen - was die ganze Sache - gelinde gesagt - für mich noch seltsamer macht. Denn wie können wir zu etwas werden, das wir gar nicht verstehen? Außer wir begreifen es als ein poetisches Bild, eine Art von Metapher, die keine reale Welt abbildet, sondern uns auf einer anderen Ebene ansprechen soll. Und angesprochen hat mich diese Bild. Vielleicht, weil ein Widerspruch in diesem Begriffspaar steckt - und Widersprüche immer irgendwie spannend sind. Vielleicht wegen der Poesie, die in diesen Worten der lebendigen Steine mitschwingt. Und nicht zuletzt, weil es bei diesem Begriffspaar um die Identitätsfrage geht. Also darum, wer wir sind - oder wer wir sein wollen. Jede und jeder für sich - und wir alle zusammen als Kirche.
Gründe genug, sich dieses eigentümliche Begriffspaar näher anzusehen. Und dazu lade ich Sie jetzt ein.
Da ist zum einen das Wort „lebendig". Wir sollen also lebendig sein. Das klingt ja schon einmal ganz gut. Was aber heißt lebendig sein? In der Biologie gibt es dafür verschiedene Kennzeichen:
Eines davon ist die Reizbarkeit. Also nicht, dass jemand auf alles gereizt reagiert, sondern dass er auf die Reize der Umwelt eine Antwort gibt. Manchmal kann diese Antwort ein Abwarten sein, manchmal eine Flucht, manchmal eine neugierig Annäherung. Welche Antwort geben wir - jede und jeder für sich - auf die Welt? Und welche Antwort geben wir als Kirche? Eine spannende Frage. Die Antwort darauf finden wir, wenn wir miteinander diskutieren. Denn es gibt in der evangelischen Kirche nicht die eine Antwort auf die Frage, was gerade not tut in der Welt, sondern jede Zeit, jede Situation, braucht ihre eigene Antworten. Diese Antworten finden wir, wenn wir offen miteinander unsere Meinungen austauschen. Auf diese Diskussionen hier in Maulburg freue ich mich. Ich freue mich auf eine Kirche, in der sich die Menschen trauen, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne dabei die Menschen, die eine andere Meinung vertreten, schlecht zu machen. Ich freue mich auf einen Chor von Stimmen, der in sich ein Zeichen großer Lebendigkeit darstellt. Und ich freue mich, wenn aus diesem Chor immer wieder durch die Diskussionen eine gemeinsame Stimme entsteht, so dass wir Antworten geben, was gut tut, hier in Maulburg und in der Welt.
Was gehört noch zum lebendig sein?
Leben wächst, so heißt es in der Biologie. Auch wir Menschen wachsen, innerlich wie äußerlich. Manchmal wachsen wir wie von selbst. Aber dann stockt es manchmal auch, weil wir irgendwo in unseren Wachstumsprozessen feststecken. Was hilft uns dann? Unverfälschte Worte, sagt der Schreiber des ersten Petrusbriefes. Er malt in seinem Brief mit Worten das Bild von einem Säugling, der an der Brust seiner Mutter nach Milch saugt. Genau so begierig, sagt der Schreiber des Briefes, so ganz dem Wunsch nach Nahrung hingegeben, wie es nur ein Säugling kann, der eben noch brüllend, vor Hunger fast zerrissen, plötzlich zur Ruhe kommt, und sich ganz dem Saugen der Milch hingibt, so sollen auch wir nach unverfälschten Worten dürsten. Denn sie bringen uns weiter. Auch wenn sie uns manchmal vielleicht erst einmal weh tun, weil sie sich gegen uns stellen und uns mit unseren Lebenslügen nicht durchkommen lassen. Aber genau an diesen Stellen wachsen wir. Denn die größten Schritte vorwärts machen wir nicht dort, wo wir uns in unsere Komfort-Zonen zurück ziehen, sondern dort, wo wir an unsere Grenzen kommen. Aber nur, wenn wir an diesen Grenzen auch die richtige Nahrung erhalten, nämlich Aufrichtigkeit. Diese Aufrichtigkeit gemeinsam mit ihnen hier in Maulburg zu leben, ist sicher nicht immer eine einfache Aufgabe. Aber sie lohnt sich, weil wir dadurch miteinander wachsen, so wie Gott es sich wünscht.
Was gehört noch zum lebendig sein?
Alles was lebt, bewegt sich. Die Frage ist: wohin? Immer den Fußstapfen Jesu nach, lautet die Antwort der Bibel. Diese Fußstapfen haben eine eindeutige Richtung. Die Welt soll heil werden - und wir sollen etwas dazu beitragen. Jede und jeder für sich. Und wir alle zusammen. Dabei hat die Kirche dieses Heil nicht in der Hand. Wir sind Suchende, so wie alle. Aber wir können bei Gott immer wieder etwas von diesem Heil finden, wenn wir uns ihm öffnen - und dann dieses Heil durch uns hindurchfließen lassen und es mit anderen teilen. So können wir heilsam miteinander Gemeinde leben, füreinander und für die Welt. So dass wir nicht Hass und Gewalt in die Welt tragen, sondern Achtung und Verständnis. Auch das ist eine spannende Herausforderung, auf die sich meine Frau und ich gemeinsam mit ihnen hier in Maulburg freuen.
Noch vieles ließe sich zum „lebendig sein" sagen, aber es gibt da ja noch das zweite Wort in unserem Begriffspaar. Das Wort, das so ganz anders ist als das Erste und das erst in seiner Kombination diesen eigenartigen Spannungsbogen aufbaut, der in diesen Bild der lebendigen Steine wohnt. Also: wenden wir uns dem Stein zu.
Wollen Sie ein Stein sein? Ich für mich weiß das nicht so recht. Schließlich ist so ein Stein nichts Besonderes. Er ist überall zu finden. Die Meisten liegen unbeachtet am Wegrand herum ... und die anderen, die mitten im Weg liegen, stören dort oft nur. Dazu sind sie tot. Warum also sollte ich ein Stein sein?
Für den Schreiber des ersten Petrusbriefes ist die Antwort klar: weil Jesus ein solcher Stein ist. Ja, Jesus ist sogar der Eckstein, wie er einige Zeilen später schreibt. Und als ein solcher Eckstein bildet Jesus das Fundament, auf dem Gott sein Haus baut.
Der Tempel in Jerusalem hatte vier solcher Ecksteine. In jeder Ecke einer. Groß waren diese Steine. Sie bildeten ein stabiles Fundament, so dass für die damaligen Verhältnisse ein gigantisches Gebäude entstehen konnte, das in der Antiken Welt bei allen große Bewunderung auslöste. Und doch stürzte dieser Tempel in sich zusammen. Er wurde zerstört in einem Krieg. Er wurde zerstört durch Hass und Gewalt. Und selbst die vier großen und mächtigen Ecksteine konnten das nicht verhindern.
Jesus ist ein anderer Eckstein. Er ist allein. Er ist nur einer, keine vier. Dazu ist er ein Mensch. Kein Wunder, dass die Bauleute ihn verworfen haben und sagten: „Daraus kann ja nichts werden." Gott sah das anders. Er erwählte Jesus, um mit ihm als Fundament seinen Tempel zu bauen. Nicht aus toten Steinen, die jederzeit wieder in sich zusammenstürzen können, sondern aus Menschen, aus lebendigen Steinen, die durch den Geist Jesu zusammengeführt werden und die sein Geist zusammenhält.
Aber wie wird man zu einem solchen lebendigen Stein?
Durch Begegnung, sagt der Bibeltext. Wenn ihr zu ihm kommt, dem lebendigen Stein, werdet auch ihr zu lebendigen Steinen, so heißt es dort. Wie sieht eine solche Begegnung nun aus? Ganz unterschiedlich, weil wir Menschen ganz unterschiedlich sind. Manche Menschen können den Tag, ja sogar die Stunde in ihrem Leben benennen, in der sich für sie alles schlagartig verändert hat. Andere Menschen haben kein solches Bekehrungserlebnis. Für sie war es ein langsamer Prozess. Mit Phasen der Annäherung, getragen von der Faszination, wer dieser Jesus ist. Aber auch mit Phasen, in denen ihnen manches fremd vorkam und sie sich wieder entfernten. Ich selbst gehöre eher zu der zweiten Kategorie. Es gibt einen Begriff des Soziologen Hartmut Rosa, der für mich diese Art der Begegnung passend beschreibt. Hartmut Rosa nennt es „Resonanz". Was ist Resonanz? Es ist eine Art von Mitschwingen, die entstehen kann, wenn wir von etwas berührt werden. Dabei werde ich vom anderen berührt, ohne dass dieses Andere über mich bestimmt. Und ich berühre den anderen, ohne über ihn zu verfügen. Trotzdem geschieht etwas, wenn auch nicht immer. Denn Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Sie geschieht nur dort, wo in dem Moment eine Art von Gleichklang entsteht, so wie so bei einer Gitarre, bei der die Seiten gezupft werden und dabei dann der Körper der Gitarre mitschwingt. So schwinge auch ich mit und werde ein Teil von etwas anderem. Oder, um in dem Bild aus dem Petrusbrief zu bleiben: indem ich zu Jesus, dem Eckstein komme, dem lebendigen Stein, werde auch ich zu einem lebendigen Stein. Ich schwinge gleichsam mit ihm mit. Was dabei dann am Ende herauskommt, ist erst einmal offen. Das kann etwas sein, das nur für mich wichtig ist, wie zum Beispiel eine Hoffnung, die mich trägt. Es kann aber auch etwas sein, das mich zu anderen Menschen führt. Aber was es auch ist, wir werden dadurch verwandelt. Wir werden zu jemand anderem. Wir werden zu einem lebendigen Stein, im großen Haus Gottes, das wir alle miteinander bauen, und das durch alles, was jede und jeder beiträgt, größer und stabiler wird, bunter und reicher. Es ist ein Haus, das unsichtbar ist und uns doch Schutz und Wärme schenkt. Das uns stolz macht, weil wir etwas dazu beitragen können, dass es wächst. Und das uns gleichzeitig selbst eine Heimat schenkt, in der wir geborgen sind. Ein Haus, in dem wir als lebendige Steine ein Teil des Hauses sind und zugleich seine Bewohner, die es mit Leben füllen, und die - wie es in dem Bibeltext heißt - als Priester im Haus Gottes Gott Opfer bringen, die Gott gefallen, indem wir Jesus nachfolgen.
An diesem Haus Gottes zu bauen - als lebendige Steine - dazu stärke Gott meine Frau und mich als neue Pfarrerin, als neuen Pfarrer hier in der Gemeinde. An diesem Haus Gottes zu bauen - als lebendige Steine - dazu stärke Gott auch Sie. Denn nur wenn wir gemeinsam an diesem Haus Gottes hier in Maulburg bauen, kann es groß und schön werden, Gott zur Ehre - und uns Menschen zum Segen. Amen.
Predigt zur Einführung von Pfr. Bärbel Wassmer und Pfr. Paul Wassmer; Pfr. Paul Wassmer; 6. So. n. Trin., 21.6.2019, Maulburg
