Predigt 150 Jahre Albert Schweitzer - Mein Wort an die Menschen

Albert Schweitzer, Mein Wort an die Menschen
(Matthäus 5, 13 – 16)
Sommerkirche 2025
 Hasel 10. August 202
Präd. Dorothea Schaupp
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
 
Liebe Gemeinde,
 
Albert Schweitzer – wer war dieser Mann, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern?
Albert Schweitzer – der uns zu einer Gottesdienstreihe in der Sommerkirche in unserem Kooperationsraum inspiriert hat?
Albert Schweitzer – der Mensch, dessen Leben und Wirken im Mittelpunkt eines Oratoriums steht, das am 4. Juli beim Badischen Chorfest in Emmendingen uraufgeführt wurde?
 
Am liebsten würde ich Sie jetzt zu einer kleinen Erzählrunde einladen:
Was verbinde ich mit dem Namen Albert Schweitzer?
Aber für heute übernehme ich einen kurzen Überblick über die wichtigsten Daten seiner Biographie.
Danach geht es um Gedanken aus seinem „Wort an die Menschen“;
und zum Schluss will ich Linien zu biblischen Texten ausziehen.
 
Zur Person Albert Schweitzer
 
Er wurde 1875 als Sohn eines evangelischen Pfarrers und einer Pfarrerstochter in Kaysersberg in Elsass-Lothringen geboren,
das damals zu Deutschland gehörte.
Noch im Jahr seiner Geburt zog die Familie von Kaysersberg nach Günsbach um.
Er studierte, promovierte und lehrte Theologie und Philosophie, Orgel und Musikwissenschaft.
Dieser Mann mit den vielen Begabungen war von der Botschaft Jesu
ebenso geprägt wie von Johann Sebastian Bachs Musik.
 
Zur Verwunderung seiner Eltern und Freunde begann er mit
30 Jahren noch ein Medizinstudium, mit dem Ziel,
in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden.
1913 setzte Schweitzer sein Vorhaben in die Tat um und gründete das Urwaldhospital in Lambarene (im heutigen Gabun).
Dort arbeitete der „Urwalddoktor“ immer wieder in z.T. jahrelangen Einsätzen.
1965 starb Albert Schweitzer im Alter von 90 Jahren in Lambarene.
 
Schweitzer wurde verehrt und kritisiert, bewundert und in Frage gestellt.
Ich gehe heute nicht auf die Vorwürfe ein, die ihm vor allem im Zusammenhang mit seiner Arbeit in Lambarene gemacht wurden.
Vor ein paar Tagen gab es gerade wieder einen Film dazu. Es geht darum, ob bzw. wie sehr Albert Schweitzer noch gefangen war in dem kolonialistischen und rassistischen Denken der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
 
Ich folge heute einem Satz aus dem modernen Musical, in dem es heißt: „Uns bewegt, …. was durch ihn hindurchstrahlte: die Mitmenschlichkeit und die moralische Größe, der Respekt vor allem Leben und der unbeirrbare Wille zum Frieden in einer bedrohten Welt.“
 
Albert Schweitzer hatte nicht nur eine Muttersprache. Er sprach Französisch und Deutsch und das Alemannische des südelsässischen Münstertals. Er fühlte sich der französischen und der deutschen Kultur tief verbunden.
Als ihm 1953 (für 1952) der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, gab es Streit über Schweitzers Nationalität: War es ein Deutscher, der nun geehrt wurde, oder ein Franzose?
 
Schweitzers eindeutige Antwort war:
„Homo sum!“, „Ich bin ein Mensch!“
 
Aus der Philosophie und der Ethik Albert Schweitzers ist sein Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“ am bekanntesten.
Diese Ehrfurcht gilt nicht nur dem menschlichen Leben
sondern ebenso Pflanzen und Tieren.
Denn Schweitzer erkennt und empfindet sich als Teil eines großen Ganzen, das wunderbar und geheimnisvoll miteinander verbunden und vernetzt ist.
 
Er sagt:
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
 
Wegweisung
 
Ehrfurcht beinhaltet Hochachtung, Wertschätzung, Respekt, Bewunderung oder Verehrung.
Auch Ehrfurcht vor Gott gehört dazu.
Vor allem hat Ehrfurcht in Albert Schweitzers Sinn zu tun mit Demut, mit der Einsicht, dass es Dinge gibt, die größer sind als wir Menschen. Dadurch hilft Ehrfurcht uns dabei, uns nicht zu sehr auf die eigenen Interessen zu fokussieren, sondern mehr darauf zu achten, was um uns herum geschieht.
 
Aus der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben ist Albert Schweitzer zu einem Mahner für den Frieden geworden.
Seine Friedensethik wird in zwei Wochen Thema unseres Gottesdienstes sein.
 
Heute möchte ich auf Gedanken eingehen,
die in kleinen Schriften veröffentlicht wurden,
mal unter der Überschrift: „Wegweisung“,
mal als „Mein Wort an die Menschen“.
 
Darin sagt Albert Schweitzer:
„In dieser Zeit (1920er Jahre), in der Gewalttätigkeit sich hinter der Lüge verbirgt und so unheimlich wie noch nie die Welt beherrscht, bleibe ich dennoch davon überzeugt, dass Wahrheit, Friedfertigkeit und Liebe, Sanftmut und Gütigkeit die Gewalt sind, die über aller Gewalt ist. Ihnen wird die Welt gehören, wenn nur genügend Menschen die Gedanken der Liebe und der Wahrheit, der Sanftmut und der Friedfertigkeit rein und stetig genug denken und leben.“
 
Alle gewöhnliche Gewalt schafft Gegengewalt. 
Aber die Gütigkeit entspannt bestehende Spannungen, beseitigt Misstrauen und Missverständnisse.
 
„Was ein Mensch an Gütigkeit in die Welt hinausgibt, das arbeitet an den Herzen der Menschen und an ihrem Denken.“
 
„Eine … tiefe Wahrheit liegt in dem phantastischen Wort Jesu:
‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‘“
 
Schweitzer bezieht sich also einerseits auf eine der Seligpreisungen Jesu, wie wir sie eben in der Schriftlesung gehört haben. Andererseits ist er davon überzeugt, dass das Gute und das Wahre im Menschen angelegt sind. 
Wir dürfen uns nur nicht die Ideale, für die wir uns in der Jugend begeistern, von Erwachsenen ausreden lassen.
Anscheinend gehört, so hat Schweitzer beobachtet, für viele zum „Reif-Werden“ im Leben dazu, vor der Wirklichkeit zu resignieren. Stück für Stück werden dann Gedanken und Überzeugungen preisgegeben, die einem in der Jugend wichtig waren.
Viele Erwachsene glauben nicht mehr an den Sieg der Wahrheit; sie glauben nicht mehr an die Menschen, an das Gute, an Gerechtigkeit, an die Macht der Gütigkeit und der Friedfertigkeit. 
 
„Wir alle müssen darauf vorbereitet sein, dass das Leben uns den Glauben an das Gute und das Wahre und die Begeisterung dafür nehmen will. Aber wir brauchen sie ihm nicht preiszugeben.“
 
Albert Schweitzers Erklärung dazu sieht so aus:
Wenn unsere Ideale von den Tatsachen, von der Wirklichkeit, erdrückt werden, liegt das nur daran, „dass unsere Ideale nicht stark genug sind“.
 
Wir müssen an uns arbeiten, damit wir immer wahrhaftiger, immer sanftmütiger, immer gütiger werden.
Wenn ich mit meinem Verhalten der Liebe nichts ausrichte, zeigt das, dass noch zu wenig Liebe in mir ist.
Wenn ich ohnmächtig gegen Unwahrhaftigkeit und Lüge bin,
zeigt das, dass ich selbst noch nicht wahrhaftig genug bin.
Wenn meine Friedfertigkeit missverstanden wird, bedeutet das,
dass noch nicht genug Friedfertigkeit in mir ist.
 
Erwachsene haben den Jugendlichen also nicht mitzuteilen:
„Die Wirklichkeit wird schon unter euern Idealen aufräumen“,
sondern: „Wachset in eure Ideale hinein,
dass das Leben sie euch nicht nehmen kann!“
 
Biblische Stellungnahme
 
So weit Albert Schweitzer.
Ich weiß nicht, wie weit Sie mitgehen,
wie weit Sie diesen Gedanken zustimmen.
Zustimmen kann ich,
dass Liebe, Gütigkeit, Friedfertigkeit die Welt verändern;
dass es sich lohnt, sich immer wieder dafür einzusetzen.
 
Hängengeblieben bin ich an der Stelle,
wo anscheinend alles auf meine innere Kraft ankommt,
wo Erfolg oder Misserfolg ganz in meiner Hand liegen,
wo ein gelingendes Miteinander mit meinen Mitmenschen davon bestimmt ist, wie stark meine Liebe, meine Gütigkeit, meine Friedfertigkeit sind.
Ehrlich gesagt, wird mir dabei ein bisschen angst.
Was ist, wenn ich es nicht schaffe, dementsprechend an mir zu arbeiten?
 
Darum schaue ich jetzt noch auf ein Bibelwort aus dem Matthäusevangelium, in dem es darum geht, wer ich bin, was ich kann und warum das so ist.
 
Da sagt Jesus:
„Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt:“
 
Ist das nicht das Gleiche wie bei Albert Schweitzer?
Die gleiche Überforderung, die mir da begegnet?
 
Beim genauen Hinschauen sehe ich:
Jesus sagt das nicht zu Menschen,
die gerade ihre Stärke bewiesen haben.
Er sagt es zu denen, die sich wenig zutrauen.
Zu denen, die er seliggepriesen hat:
zu den geistlich Armen und den Sanftmütigen,
zu den Barmherzigen und den Verfolgten,
zu den Friedfertigen und zu denen, die geschmäht werden.
Jesus sagt es zu denen,
die sich selbst nicht als das Salz der Erde und das Licht der Welt einschätzen.
Und er sagt nicht: „Ihr sollt Salz und Licht sein“,
sondern er sagt: „Ihr seid Salz und Licht.“
 
Diese Worte Jesu stehen vielleicht erst einmal quer zu dem,
was wir jeden Tag sehen und erleben.
Und trotzdem appelliert Jesus nicht an unsere eigene Kraft.
Sondern er macht uns diese Zusage: Ihr seid …. ,
weil er es uns zutraut und uns ermächtigt.
Das ist unsere Kraftquelle.
 
Wie bei den ersten Jüngern Jesu sind wir als Menschen gemeint,
die verstanden haben, was Gnade ist,
die liebevolle Zuwendung erlebt haben.
Aus solchen Erfahrungen können wir selbst mit Liebe und Güte handeln.
 
Es geht um Menschen, die Gott immer wieder in seinen Dienst nimmt,
selbst wenn sie versagt haben,
selbst wenn sie schuldig geworden sind,
selbst wenn sie der Mut verlässt in schwierigen Zeiten.
Unvollkommen und schwach, wie wir oft sind,
lässt Gott uns trotzdem mitwirken,
sein Licht in der Welt scheinen zu lassen.
 
Wo wir Menschen durch Gottes Zusage Salz sind,
bringen wir ein Stück von Gottes Liebe in die Welt.
Wo wir Salz sind,
wird das Zusammenleben in Familien und Gemeinden,
in Schulen und bei der Arbeit wunderbar wohlschmeckend.
Wo wir Menschen Licht sind, weicht manches Dunkle in der Welt.
Wo wir Licht sind, weicht der Hass und vergehen Ängste.
Wo Gott uns Licht sein lässt, stärken wir einander die Hoffnung.
So sind wir „Kinder des Lichts“,
wie wir im Wochenspruch für die kommende Woche genannt werden.
 
Und so kann ich Albert Schweitzer wieder zustimmen,
der auch einmal gesagt hat:
 
„Das einzige Glück, das wir haben, ist, dass wir ein Licht für andere Menschen sein können.“
Amen.