Predigt 150 Jahre Albert Schweitzer - Seine Friedensbotschaft

Albert Schweitzers Friedensbotschaft
(Matthäus 5, 9)
Sommerkirche 2025
Hausen 7. September 2025
(Ähnlich am 24.08.2025 in Hasel)
Präd. Dorothea Schaupp
 
Gnade sei mit euch
und Friede von Gott,
unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus!
 
Liebe Gemeinde,
 
Albert Schweitzer – wer war dieser Mann, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern?
Albert Schweitzer – der uns zu einer Gottesdienstreihe in der Sommerkirche in unserem Kooperationsraum inspiriert hat?
Albert Schweitzer – der Mensch, dessen Leben und Wirken im Mittelpunkt eines Oratoriums steht, das am 4. Juli 2025 beim Badischen Chorfest in Emmendingen uraufgeführt wurde?
 
Nach einem kurzen Überblick über die wichtigsten Daten seiner Biographie geht es heute um seine Friedensbotschaft.
 
Albert Schweitzer wurde 1875 in einer evangelischen Pfarrersfamilie in Kaysersberg in Elsass-Lothringen geboren.
Noch im Jahr seiner Geburt zog die Familie von Kaysersberg nach Günsbach um.
Er studierte, promovierte und lehrte Theologie und Philosophie, Orgel und Musikwissenschaft.
Dieser Mann mit den vielen Begabungen war von der Botschaft Jesu
ebenso geprägt wie von Johann Sebastian Bachs Musik.
Zur Verwunderung seiner Eltern und Freunde begann er mit
30 Jahren noch ein Medizinstudium, mit dem Ziel,
in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden.
1913 setzte Schweitzer sein Vorhaben in die Tat um und gründete das Urwaldhospital in Lambarene (im heutigen Gabun).
Dort arbeitete der „Urwalddoktor“ immer wieder in jahrelangen Einsätzen, zeitweise zusammen mit seiner Frau Helene,
später auch mit seiner Tochter.
1965 starb Albert Schweitzer im Alter von 90 Jahren in Lambarene.
 
Schweitzer wurde verehrt und kritisiert, bewundert und in Frage gestellt.
Ich gehe jetzt nicht auf die Vorwürfe ein, die ihm vor allem im Zusammenhang mit seiner Arbeit in Lambarene gemacht werden.
Dabei geht es darum, ob bzw. wie sehr Albert Schweitzer noch gefangen war in dem kolonialistischen Denken der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
 
Ich nehme heute einen Gedanken aus dem modernen Musical auf, in dem es heißt: „Uns bewegt, … was durch ihn (Albert Schweitzer) hindurchstrahlte: die Mitmenschlichkeit und die moralische Größe, der Respekt vor allem Leben und der unbeirrbare Wille zum Frieden in einer bedrohten Welt.“
 
Aus der Philosophie und der Ethik Albert Schweitzers ist sein Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“ am bekanntesten.
Diese Ehrfurcht macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem Leben; und sie gilt nicht nur dem menschlichen Leben, sondern ebenso Pflanzen und Tieren.
 
Schweitzer sagt: 
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
 
Er erkennt, dass die Existenz alles Lebenden bedroht ist, wenn der Mensch nicht umdenkt.
Der Mensch muss lernen, von seinen eigenen Interessen abzusehen.
Er muss auch die Bedürfnisse der Mitgeschöpfe – Menschen, Tiere und Pflanzen – achten und berücksichtigen.
 
Aus der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben ist Albert Schweitzer zu einem Mahner für den Frieden geworden.
 
Albert Schweitzers Friedensbotschaft lautet:
„Die Werte der Liebe und der Wahrheit sind mächtiger als jede Gewalt und werden letztendlich siegen.“
 
Ich stelle diesen Worten eine der Seligpreisungen Jesu zur Seite,
wie wir sie eben in der Schriftlesung gehört haben.
Sie hat auch Albert Schweitzer inspiriert.
Jesus sagt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes
Kinder heißen.“ (Mt. 5, 9)
 
Besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, war der Wunsch nach Vorbildern für das Gute und nach Menschlichkeit groß.
Albert Schweitzer galt vielen, gerade unter den Jüngeren, als „der größte Mensch der Welt“.
Seine Arbeit wurde bewundert, sein Wort hatte Gewicht.
Im Jahr 1953 (für 1952) wurde ihm der Friedensnobelpreis übergeben.
 
Albert Schweitzer nutzte diese öffentliche Anerkennung,
um auf das aufmerksam zu machen,
was er als die größte Gefahr für die Menschheit erkannte.
Das waren der Kalte Krieg und die Atombombe.
Das Wettrüsten der Atommächte und die zahlreichen überirdischen Atomtests ließen Schweitzer nicht ruhen,
sich vielfältig öffentlich für Abrüstung und Frieden einzusetzen.
 
„Was ist Atomkrieg?“, fragte Albert Schweitzer in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und antwortete selbst: 
„Keine politische Frage … kann durch Atomkrieg entschieden werden. Krieg mit Atomwaffen ist … nur grenzenlose, sinnlose Vernichtung.“
 
In dem schon erwähnten Oratorium heißt es in einem Chorlied:
 
„1. Wie soll denn Frieden werden in unsrer Welt und Zeit,
wenn wir nicht friedlich werden in unsrem Zorn und Streit?
 
2. Wer kann Versöhnung lernen, wenn er nicht Hände reicht,
wenn Menschen sich entfernen, wenn alle Liebe weicht?
 
5. Wird nicht der Krieg zerstören, was Gott so herrlich schuf,
weil wir Menschen nicht hören auf den dringlichen Ruf?
 
Refrain:
„Befreie uns Gott, zu dem Frieden,
den du in unsre Herzen gelegt.
In unsrer Hoffnung stärke uns,
dass Sanftmut über die Feindschaft trägt.“
 
Schweitzers Friedensbotschaft ist, dass wir „den Krieg aus ethischem Grund verwerfen, nämlich weil er uns der Unmenschlichkeit schuldig werden lässt.“
 
Er spricht von „Unmenschlichkeit“,
weil wir es hinnehmen und uns daran gewöhnt haben,
dass mit den modernen Waffen Millionen Menschen,
ganze Städte und Landschaften vernichtet und zerstört werden können und schon zerstört worden sind.
 
Schweitzers Forderung lautet daher:
„Das Ziel, auf das von jetzt bis in alle Zukunft der Blick gerichtet sein muss, ist, dass völkerentzweiende Fragen nicht mehr durch Kriege entschieden werden können. Die Entscheidung muss friedlich gefunden werden.“
 
Und: „Nur das Denken, in dem die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht kommt, ist fähig, die Zeit des Friedens in unserer Welt anbrechen zu lassen.“
 
Und auf den Staat und die Staatengemeinschaft bezogen, fordert er:
„Nur dadurch, daß eine neue Gesinnung im Staate waltet, kann er im Innern zum Frieden kommen; nur dadurch, daß eine neue Gesinnung zwischen den Staaten entsteht, kommen sie zur Verständigung und hören auf, einer dem anderen Verderben zu bringen; nur dadurch, daß die modernen Staaten der überseeischen Welt in anderer Gesinnung als bisher begegnen, hören sie auf, sich dort mit Schuld zu beladen …“
 
Wir heute erkennen, wie aktuell Albert Schweitzers Gedanken auch 60 Jahre nach seinem Tod noch sind.
 
Vielleicht aber haben wir resigniert
und fühlen uns nur noch hilflos, machtlos und wie gelähmt,
wenn wir sehen, wie auch ehrliche Friedensbemühungen scheitern. Vielleicht möchten wir angesichts von all den Machthabern und autoritären Regierungen, die das Völkerrecht und die allgemeinen Menschenrechte mit Füßen treten, sagen:
In dieser Situation hat eine solche Friedensbotschaft wie die von Albert Schweitzer, die auf eine veränderte Gesinnung setzt, keine Chance.
 
Und doch: Albert Schweitzer war von der Hoffnung getragen,
dass Menschlichkeit und Frieden am Ende stärker sind als Unterdrückung und Gewalt.
 
Immerhin durfte er 1963, als die Gefahr eines Atomkriegs in greifbare Nähe gerückt war, erleben, dass die Atommächte ein Kernwaffenversuchsverbot in der Atmosphäre beschlossen.
Und die Versöhnung zwischen Franzosen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war für Albert Schweitzer ein ermutigendes Beispiel und ein wichtiges Zeichen:
Nach endlosen Zeiten bitterer Feindschaft haben zwei Völker zu einem friedlichen, grenzüberschreitenden Zusammenleben gefunden.
 
Schauen wir noch auf das Bibelwort, das auch Albert Schweitzer motiviert hat: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
 
Hören wir dieses Wort Jesu als Verheißung und Trost – oder als Vertröstung auf eine ferne Zukunft?
 
Dieser Satz und die anderen Seligpreisungen sind im Laufe der Jahrhunderte zu einem der bekanntesten Texte des Neuen Testaments geworden.
Aber es wurde auch immer wieder diskutiert,
wie tauglich sie sind für eine Welt,
die von so anderen Spielregeln beherrscht wird.
Manche haben darum gesagt:
Das vielfache „Selig“ bezieht sich auf eine ferne Zukunft,
auf das zukünftige Reich Gottes.
 
Dabei wird übersehen und überhört, dass Jesus sagt:
Mit meinem Kommen und Wirken bricht das Reich Gottes jetzt schon an. Es ist noch nicht vollendet.
Aber es fängt an und zeigt jetzt schon Wirkung.
 
Schon jetzt will Jesus mit seiner Predigt die Menschen und die Welt verändern. Darum gibt er seinen Freunden und Anhängern solche Worte als Leitlinien mit auf den Weg.
 
Doch zuallererst sind die Seligpreisungen Zuspruch.
Zuspruch an die, die arm sind in vielerlei Hinsicht:
arm an irdischem Glück,
arm an Macht und Gewaltmitteln,
die arm dran sind, weil sie keine Gerechtigkeit erfahren,
die arm dran sind,
wenn sie als Friedensstifter zwischen die Fronten der
verfeindeten Gruppen geraten.
Auch alle, die mit ihren vielen guten Vorsätzen immer wieder scheitern,
alle, die merken, wie sie mit leeren Händen vor Gott stehen, -
all die sind gemeint.
Sie alle preist Jesus selig;
ihnen spricht er zu, dass Gott besonders auf sie achtet.
 
Noch einmal:
Die Seligpreisungen können gehört werden als billige Trostsprüche.
 
Tatsächlich haben Mächtige und Reiche diese Worte schon oft dazu benutzt, um die Armen auf ein Jenseits zu vertrösten.
Den Entrechteten wurde der Himmel versprochen,
damit sie sich auf der Erde nicht gegen die Unterdrückung wehren.
Da wurde Religion zum Hilfsmittel der Unterdrückung.
Auch die christliche Religion ist vielfach dazu missbraucht worden.
 
Aber Jesus wollte nicht irgendeine weltliche Herrschaft befestigen,
und er hat niemanden unterdrückt.
Er hat Partei ergriffen für die Armen.
Er ist selbst ein Friedensstifter und ist zwischen die Fronten geraten.
Jesus verändert und sagt:
Gott wirkt gerade bei denen und beschenkt die,
die ihm nichts Großartiges vorzuweisen haben.
Und dieses Geschenk, diese ungeheure Veränderung,
geschieht nicht erst in ferner Zukunft oder im Jenseits,
sondern jetzt.
Veränderung geschieht durch den anderen Blick Gottes.
Veränderung geschieht seit damals,
als Jesus die Glückwünsche an die „Armen“, wie die Seligpreisungen auch genannt wurden, zum ersten Mal aussprach.
 
Was heißt das für uns im Hinblick auf die Friedensbotschaft?
Wir müssen unsere Hoffnung nicht aufgeben,
dass Frieden möglich ist;
dass es sich lohnt, sich dafür einzusetzen, wo immer es geht.
Wir können mutig Partei ergreifen für die Armen, für die Leidenden,
für die, die keine Lobby haben,
für die, die nach Gerechtigkeit und nach Brot hungern.
 
Und wenn wir gerade gar nichts Praktisches für irgendjemanden von den Genannten tun können,
dann ist es trotzdem wichtig,
dass wir mit Worten Partei für sie ergreifen:
am Familientisch und am Stammtisch,
am Schreibtisch und am Ratstisch.
 
Solche Menschen braucht unsere Welt.
Und Gott lässt uns mit dem veränderten Blick der Seligpreisungen auf die Welt schauen.
 
Die Seligpreisungen sind Lebensworte,
die wir zuallererst für uns selbst hören dürfen,
als Trost und als Stärkung dann,
wenn wir uns selbst als „arm“ vor Gott empfinden.
Darüber hinaus ermutigen sie uns,
solchen Trost und solche Stärkung an andere weiterzugeben.
 
Und wir dürfen Gott immer wieder bitten,
wie es in dem Chorlied im Albert Schweitzer Oratorium heißt:
 
„Befreie uns Gott, zu dem Frieden,
den du in unsre Herzen gelegt.
In unsrer Hoffnung stärke uns,
dass Sanftmut über die Feindschaft trägt.“
 
Amen.