Predigt Apg. 8, 26-39 (Pfr. Paul Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wir hören heute einen Ausschnitt aus dem achten Kapitel der Apostelgeschichte. Es heißt dort:
 
Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinab führt und öde ist. Und Philippus stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, war nach Jerusalem gekommen, um dort zu beten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass der Mann aus dem Propheten Jesaja las, und Philippus fragte: Verstehst du denn, was du da liest?
 
Der Mann aber sprach: Wie kann ich es verstehen, wenn mich niemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
 
Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): 

»Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt und wie ein Lamm,
das im Angesicht seines Scherers verstummt, tat er seinen Mund nicht auf. 
Als er aber am tiefsten erniedrigt war, wurde das Urteil gegen ihn aufgehoben.
Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben ist von der Erde weggenommen.«

Da fragte der Kämmerer Philippus: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet da? Von sich selbst oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte dem Kämmerer das Evangelium von Jesus.
Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und Philippus taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
        
Liebe Gemeinde
Was für eine seltsame Geschichte! Ein Engel kommt darin vor und ein mächtiger Mann aus dem Hof der Königin von Äthiopien. Da spricht Gottes Geist höchstpersönlich zu Philippus und öffnet ihm die Augen, während jemand anderes bei dem Versuch ein Schriftstück zu verstehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Doch am Ende geht er seinen Weg trotzdem fröhlich. Und was lässt sich Schöneres über jemanden sagen?
 
Doch machen wir langsam. Wie heißt es doch so schön. Immer eines nach dem anderen. Beginnen wir die Geschichte also nicht von hinten, sondern von vorn. 

Doch, so mag man fragen, wo fängt die Geschichte an?
 
Vielleicht ja bei dem Schatzmeister, dem Kämmerer aus dem Morgenland, wie er in der Apostelgeschichte genannt wird. Seinen Namen kennen wir nicht. Zumindest taucht er in der Bibel nicht auf. Nur sein Beruf wird genannt. Kämmerer am Hof der Königin von Äthiopien, heute würden wir vielleicht sagen: er war Finanzminister. Also jemand, der politisch eine hohe Stellung einnahm. Schließlich hat, wer für das Geld zuständig ist, viel Macht. Dabei müssen Finanzminister vor allem eines können: Nein sagen.
 „Nein, Frau Verteidigungsministerin, Sie bekommen kein neues Geld für Soldaten und Waffen.
 „Nein, Frau Staatssekretärin für Kultur: die Kosten für den Theaterneubau bezahle ich nicht."
 Ich vermute, dass Finanzmenschen viel von der Schlechtigkeit der Welt erfahren. Von den geheimen Wünschen der Menschen und - von ihren nicht immer ganz legalen Versuchen, sich diese Wünsche zu erfüllen. Stichwort: kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. 
 So müssen Finanzmenschen manchmal hart sein - gegenüber sich selbst, wie auch gegenüber anderen, damit sie ihre Auftraggeber - in diesem Fall die Königin Kandake - zufriedenzustellen.
 
Doch ist umgekehrt auch der Kämmerer mit seinem Job zufrieden? Oder ist der Preis, den er für sein Amt zahlt, nicht viel zu hoch? Gerade in seinem Fall? 
 
 „Eunouchos", so wird er im griechischen Urtext genannt. Ja, der Schatzmeister musste sich einem höchst unerquicklichen operativen Eingriff unterziehen, um Karriere zu machen. Das war damals bei höheren Beamten an manchen Orten üblich. Wer keine Kinder bekommen konnte, konnte seine Ämter auch nicht weitervererben. Der war weniger in Gefahr, Gelder abzuzweigen, um für seinen Nachwuchs Machtpositionen aufzubauen. Der war weniger erpressbar. Doch war die Karriere das alles wert?
 
Manchmal gibt es ja so etwas, liebe Gemeinde, dass der Preis zu hoch ist.
Dass wir zu viel bezahlen, für das, was wir dafür bekommen. Doch oft haben
wir im Leben keine große Wahl. Wir müssen es tun, ob wir wollen oder nicht.
 
Doch zum Glück gibt es ja auch immer wieder kleine Schlupflöcher. Atempausen für die Seele. Momente, in denen wir ganz wir selbst sein können, unabhängig von den Ansprüchen, die andere an uns stellen.
 
Ein solches Schlupfloch hat auch der Kämmerer aus dem Morgenland für sich gefunden. Er macht eine Reise. Solange er weg ist, muss er sich von niemanden sagen lassen, wie hart und unverschämt er ist. Solange er weg ist, muss er nicht ständig die Wünsche der anderen ablehnen, sondern kann sich statt dessen auch einmal einen eigenen Wunsch erfüllen.
 
So fährt er nach Jerusalem, das damals wegen seines Tempels in der Welt berühmt war. Und auch wegen des jüdischen Glaubens. Dort gab es keine Vielzahl von Götter, die für alles Mögliche zuständig waren. Nein, es gab nur einen Gott, von dem alles kam, was es in der Welt gab. 
 
Es ist also eine Bildungsreise, die er da unternimmt. Und zugleich ist es mehr. Da wohnt eine Sehnsucht in ihm. Ein Hunger nach mehr, den er in seiner eigenen Welt nicht stillen kann. So scheut er weder Kosten noch Mühen und macht sich auf die Reise. Und die ist nicht ohne: über 3000 Kilometer legt er zurück.
 
Eine solche Sehnsucht kennen auch viele Menschen heute.
Die Sehnsucht nach Sinn. Nach einem inneren Frieden.
Den Hunger nach einem Leben, das nicht durch tausend Vorschriften
eingeengt und durch alle möglichen Zeitvorgaben getaktet ist. 
 
Doch geht es uns meist wie dem Kämmerer. Wir bekommen diese Sehnsucht nicht gestillt. Statt dessen werden wir abgespeist. Mit billigen Ausreden. Oder hohlen Versprechungen. 
 
Auch der Kämmerer aus dem Morgenland macht diese Erfahrung. Als er nach seiner langen Reise endlich in Jerusalem ankommt, darf er den Tempel nicht betreten. 
 „Das ist nur Juden erlaubt", wird ihm gesagt. „Und dass der riesige Tempelplatz schließlich auch schon eine Reise wert ist."
 
Das war nicht gerade das, was sich der Kämmerer erhofft hatte. Doch er gibt die Hoffnung nicht auf. So kauft er sich für viel Geld eine Schriftrolle des berühmten Propheten Jesaja. Vielleicht findet er ja dort, was er im Tempel nicht finden durfte. Frieden für sich selbst. Einen Sinn. Und Hoffnung.
 
Doch als er auf dem Heimweg in der Schriftrolle liest, versteht er kein Wort von dem, was dort steht. Obwohl er sich doch den Text auf seinem Karren, der extra langsam fahrt, Wort für Wort selbst laut vorliest.
 
Aber dann kommt Philippus ins Spiel. Und alles wird anders. Denn Philippus wurde von einem Engel auf den Weg geschickt. Wie dieser Engel aussah? Wir wissen es nicht. Auch darüber schweigt die Bibel.  Das Leben braucht Geheimnisse. Ja, wer immer alles ganz genau wissen will, der weiß manchmal ganz schnell gar nichts mehr. Philippus lässt sich auf seinen Engel ein. Auf die Stimme, die zu ihm sagt, versteck dich nicht länger in Jerusalem, nur weil die Römer Jesus umgebracht haben. Nein, geh in die Welt und lass dir von niemanden mehr Angst machen.
 
So geht Philippus im Süden Israels an der Straße entlang und sieht dabei den Kämmerer auf seinem Wagen an sich vorbeiziehen. Laut lesend. 
 
Was sich Philippus wohl dabei gedacht hat? Ein dunkelhäutiger, gut gekleideter Edelmann liest mühsam Wort für Wort aus dem Propheten Jesaja? Vielleicht: Da macht sich jemand wirklich Mühe. Ja, da gibt jemand nicht einfach klein bei, sondern will es genau wissen.
 
So bietet Philippus seine Hilfe an. Diese Hilfe ist hochwillkommen. Der Kämmerer lädt Philippus ein, aufzusteigen und ihm zu erklären, was die Worte des Propheten zu bedeuten haben.
 
Manchmal, liebe Gemeinde, erleben wir so etwas auch in unserem Leben.
Dass wir verzweifelt nach einer Lösung suchen und plötzlich steht jemand
vor uns, der uns Hilfe anbietet, fast so, als hätte ein Engel ihn geschickt.
Jemand, der zuhört und der sich auskennt. Und der auch etwas zu sagen hat.
Nicht nur BlaBla. 
 
Philippus ist ein solcher Mensch. Er kennt sich in der Bibel aus. Aber da ist noch mehr. Er zeigt dem Kämmerer auch sein Herz. Er zeigt ihm den Schmerz, der in ihm wohnt. Dass die Römer Jesus ermordet haben. Und dass Jesus, so wie es bei dem Propheten Jesaja hieß, „Wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde, ohne dass er den Mund auftat." Was hätte er auch sagen sollen? Wo das Urteil doch schon feststand!
 Doch Philippus erzählte dem Kämmerer auch von seiner Hoffnung. Dass Einige Jesus gesehen hätten, und sagten, dass Jesus lebe. Und dass auch er schließlich Jesus gesehen hatte, auch wenn er dies selbst noch immer kaum glauben konnte. Doch dass es wahr wäre, auch wenn er nicht wüsste, wie dies alles sein könnte.
Das alles erzählt Philippus, ungeschützt, mit seinen Worten. Und der Kämmerer nimmt seine Worte auf. Das Leid, das ihn in seinem Leid berührt. Wie auch die Hoffnung, die auch in ihm eine Hoffnung weckt.  Die Hoffnung, dass hinter all´ dem was ist, noch etwas Neues kommt. Ein neues Leben, das anders ist. 
 
Und als der Kämmerer Philippus fragt, ob nicht auch er zu Jesus dazugehören könnte, nickt Philippus. Er macht die Tür nicht zu, so wie die Türen des Tempels geschlossen waren, sondern öffnet sie, auch wenn er dafür ein nicht unerhebliches Risiko auf sich nimmt. Schließlich war es zu dieser Zeit noch mit niemanden abgesprochen, auch Nichtjuden durch die Taufe in die Gemeinde Jesu aufzunehmen. Philippus ist das in diesem Moment egal. Er tut es, weil es ihm richtig vorkommt. Es war der Geist Gottes, sagt die Bibel, der ihn dazu leitete. 
 
So lässt sich der Kämmerer taufen. Gleich hier und jetzt. Als sie an einem Fluss vorbeikommen. 
 
Und dann kommt es, wie es am Ende immer kommt. Philippus muss weiter. So verabschiedet er sich und macht sich so schnell auf den Weg, dass der Kämmerer nicht mehr weiß, wo er geblieben ist. 
 
Und doch kommt es nicht ganz so, wie es immer kommt. Denn am Ende zog der Kämmerer fröhlich seinen Weg.
 
Da war kein Hadern mehr. Keine unerfüllte Sehnsucht. Da war ein Ankommen. Bei sich selbst - und bei Gott. Bei allen Einschränkungen und bei allen Lasten, die er noch immer trug. Er hatte seinen Frieden gefunden. So ging er seinen Weg fröhlich.
 
Liebe Gemeinde
diesen Schluss-Satz der Geschichte möchte auch ich Ihnen heute am Schluss dieser Predigt mitgeben. Als guten Wunsch. 
 
Dass auch Sie ihren Weg fröhlich gehen, auch wenn die Aussichten um uns herum im Moment nicht gerade fröhlich aussehen. 
 Aber dass sie sich von den trüben Aussichten nicht niederdrücken lassen. Weder von der Corona-Welle, noch von dem Krieg in der Ukraine. Denn wenn wir am Boden liegen, wird die Welt davon auch nicht besser. Genauso wenig wie die Welt besser wird, wenn wir das, was uns an Dunklem von außen entgegenkommt, in uns nur verdoppeln und es dann wieder genauso an die Welt zurück geben. Auch davon haben weder wir noch die Welt etwas. 
 Aber wenn wir den vielen guten Dingen, die uns begegnen, all´ dem Schönen und Hoffnungsfrohen, die Tür öffnen und sie in uns wirken und wachsen lassen, dann wächst daraus eine Fröhlichkeit, die von innen kommt. Eine Fröhlichkeit, die auch unserer Welt gut tut - und die ihr und uns hilft, ein Stückchen heiler zu werden.
 
Darum gehen Sie ihren Weg fröhlich. Jetzt und alle Zeit. Bis in Ewigkeit. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer, 24. Juli 2022, Maulburg