Predigt Eph. 1,18a (Goldene und Diamentene Konfirmation)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
ich habe für den heutigen Festtag einen einzigen Vers aus dem Predigttext für Christi Himmelfahrt ausgewählt. Er ist kurz, so wie ein Konfirmandenspruch. Und er hat alles Wichtige drin. 
Er steht im Epheserbrief, Kapitel 1, Vers 18 und heißt:
 
"Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens,
damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid."
 
Erleuchtete Augen des Herzens… was für eine interessante Kombination von Worten.
Wenn etwas leuchtet, ist das schon mal wunderbar.
Kennen Sie es, wie der Himmel leuchtet, kurz bevor die Sonne aufgeht? 
Dieses Leuchten würde ich am liebsten an jedem Morgen erleben.
Besser kann ein Morgen nicht beginnen.
 
Erleuchtete Augen, naja, ich kann mir leuchtende Augen vorstellen.
So wie ein Kind leuchtende Augen kriegt, weil es sich so über ein Mitbringsel  freut.
Bei leuchtenden Augen muss auch an meine Oma denken. 
An ihrem 90. Geburtstag schaute sie mich mit noch immer leuchtenden Augen an, lächelte verschmitzt und sagte: „Weißt Du, Bärbel, ich fühle mich gar nicht so, als ob ich 90 Jahre alt wäre.“ 
Und genau so war es, denn Ihre Augen leuchteten auch im hohen Alter, weil sie sich die Neugier aufs Leben bewahrt hatte. Sie schaute nicht viel zurück, aber sie war tagesaktuell informiert. Vor allem wusste sie ganz genau, welches ihrer 8 Enkelkinder heute ein Bewerbungsgespräch führte und welches andere Enkelkind ihr gerade eine ganz persönlichen Sorge anvertraut hatte.
Ihre leuchtenden Augen hatten damit zu tun, dass sie neugierig lebte, aber auch, dass sie sich an kleinen Dingen freuen konnte. Sie kam vom Bauernhof und ist bis zum Lebensende in ihrem Innern eine Bäuerin geblieben. Am liebsten wühlte sie in der Erde und schaute, was wächst. Am zweitliebsten werkelte sie in der Küche und brachte im Handumdrehen einen duftenden Apfelkuchen auf den Tisch.
Leuchtende Augen, neugierige Augen, liebevolle Augen, mitfühlende Augen, das kann ich mir alles vorstellen. Und Sie sicher auch. 
 
Aber erleuchtete Augen des Herzens, … was soll das sein?
Das Herz hat üblicherweise keine Augen, oder doch? 
 
„Der hat das Herz auf dem rechten Fleck“ sage ich von einem Menschen, bei dem ich wirklich Vertrauen habe, dass er oder sie schwer in Ordnung ist und aus dem Herzen heraus genau das Richtige tut. 
Antoine de Saint Exupéry schreibt in seiner Erzählung vom Kleinen Prinzen einen Satz, der viele Menschen beeindruckt: 
 
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
 
Darauf scheint es also hinauszulaufen mit den erleuchteten Augen des Herzens.   
 
Wer solche besonderen inneren Augen hat, der schaut nicht nur mit neugierigen und leuchtenden Augen in die Welt, sondern sieht auch von innen heraus, mitten aus dem Herzen sozusagen, das was gut ist. 
So ein Mensch hat tatsächlich erleuchtete Augen das Herzens.
 
Das würde ja auch bedeuten, dass die Augen im Gesicht nicht unbedingt leuchten müssen, aber, dass es sein kann, dass ein Mensch von innen heraus leuchtet.
Sicher kennen Sie auch solche Menschen, bei denen leuchtet auf den ersten Blick nicht viel. Vielleicht waren diesen Menschen auch noch nie eine große Leuchte. Doch wenn sie nur von innen heraus leuchten, dann kommt es auf das äußere Leuchten, die äußere Schönheit, den äußeren Glanz gar nicht so an. 
 
Hauptsache also, ein Mensch leuchtet von innen heraus, eben mit genau diesen erleuchteten Augen des Herzens.
 
Es sind heute einige unter uns, die Ihr Konfirmationsjubiläum feiern.
 
Genauer gesagt, die Goldkonfirmandinnen und Konfirmanden, die 1975 in Maulburg konfirmiert wurden.
Und die Diamantkonfirmandinnen und Konfirmanden, die 1965 hier konfirmiert wurden.
 
50 oder sogar 60 Lebensjahre sind seitdem vergangen. 
Eine lange Zeit, vor allem, wenn Sie daran denken, was alles in Ihrem Leben so geschehen ist, seitdem Sie 14 Jahre alt waren. 
 
Mit 14, da lag das ganze Leben noch vor Ihnen. 
Vor 60 Jahren, also 1965, war Konfirmation noch eine sehr strenge Sache. Man sieht es den Mädels und Jungs auf Ihrem Konfirmandenfoto an. Die Mädels sitzen gesittet mit geschlossenen Beinen in ihren schwarzen Röcken in der ersten Reihe. Die Jungs tragen ihren ersten schwarzen Anzug. Pfarrer Fiand hat ein strenges Regiment geführt, aber in diesem Jahrgang nicht ganz so streng moralische Konfirmandensprüche verteilt, wie im Jahr zuvor. Da gab es immerhin auch sehr positive Worte, wie z. B. „Seid allezeit fröhlich!“ oder aber sehr passende Sprüche, die darauf hinwiesen, nicht zurückzuschauen, sondern nach vorne. 
 
Zehn Jahre später, im Jahr 1975, hat sich einiges gewandelt, Schon das Gruppenfoto sieht viel lockerer aus. Da ist zwischen 1965 und 1975 die 68er Bewegung durchs ganze Land gezogen und hat einigen frischen Wind gebracht, auch in die Kirche. Man sieht es an der Kleidung, die jetzt viel individueller geworden ist. Jetzt dürfen Mädchen auch Hosen tragen und alle ein klein wenig mitbestimmen, was sie schön und passend finden. Pfarrer Ackermann, der Ihre Gruppe konfirmiert hat, war gleichzeitig derjenige, der für die Kirchenrenovierung zuständig war. Ihr Konfirmandenjahrgang ist der erste, der in der frisch renovierten Maulburger Kirche konfirmiert wurde. Auch hier wehte also ein frischer Wind. Und ich kann mir vorstellen, dass bei Ihrer Konfirmation viele Menschen gestaunt haben, wie hell die Kirche durch den weißen Innenanstrich mit den blauen Bemalungen plötzlich aussah. 
 
Die Kirche muss direkt nach der Renovierung regelrecht von innen geleuchtet haben. Und das tut sie auch 50 Jahre später noch. Oft sitze ich hier drinnen und bestaune die vielen blauen Schnörkel, die mit so viel Liebe aufgemalt worden sind, auch an der Orgel und selbst an der Decke, wo die Lampen befestigt sind. Und vor allem sieht es hell und freundlich aus. Genauso hell und freundlich, wie ich mir diese inneren leuchtenden Augen des Herzens vorstelle.
 
50 oder 60 Jahre sind seit Ihrer Konfirmation vergangen
 
Wenn Sie heute zurückschauen, auf die Jahre und Jahrzehnte, die Sie seitdem gemeistert haben, dann schrumpft die Zeit in sich zusammen. Dann fragen Sie sich: „Wie kann das sein? Das ist doch noch gar nicht so lange her! Wo ist bloß die Zeit geblieben?“ 
 
Es wird Ihnen vermutlich nicht anders gehen als meiner Oma mit 90. 
Sie werden sagen, was? Ich bin jetzt schon Mitte 60 oder Mitte 70?
Wie kann das sein?
Und gleichzeitig wissen Sie, wie radikal sich das Leben in 50 oder 60 Jahren verändert hat.
 
Wenn Sie mit heutigen 14-jährigen Jugendlichen reden, dann werden Sie großes Staunen ernten. Denn damals, als Sie jung waren, da gab es noch keine Computer, kein Internet, keine Smartphones und viel weniger Autos auf den Straßen. 
Sie waren Kriegskinder und Nachkriegskinder. Da mitten hinein geboren. Kinder der Hoffnung, dass es irgendwie doch einen Weg geben würde. In Ihren Familien hat der Krieg Spuren hinterlassen, manche Väter sind nicht zurückgekehrt, andere als Ihnen fremde oder kranke Männer zurückgekommen.
 
Als Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger sind Sie ins Leben gestartet. Sie mussten schon als Kinder mit anpacken und Verantwortung übernehmen. Es gab viel zu tun. Ein ganzes Land wieder aufbauen. Die Geister der Vergangenheit geisterten noch überall herum. Hoffentlich haben Sie im Konfirmandenunterricht einen Ort gehabt, an dem Sie Kraft schöpfen konnten. Vielleicht hat ihnen jemand Glauben vorgelebt und Ihnen gesagt: Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.
 
Am heutigen Tag Ihres Konfirmationsjubiläums ist es schön, nach über einen halben Jahrhundert zurückzublicken und sagen zu können. So viel haben Sie geschafft. So weit sind Sie gekommen.
Ich hoffe, dass Ihnen niemand die Hoffnung geraubt hat für Ihr Leben. 
Ich hoffe, dass Sie noch immer mit neugierigen Augen in die Welt schauen und sich auch an dem Kleinen freuen können, was Gott uns jeden Tag schenkt. 
Ich komme gerade erst vom Kirchentag aus Hannover zurück. Es waren fünf Tage voller Hoffnung, unter dem Kirchentagsmotto: mutig-stark-beherzt
 
Da ist es wieder das Herz, von dem wir heute gehört haben. Und da waren tausende von Menschen, die mit erleuchteten Augen des Herzens in Hannover waren. Manche habe ich getroffen, sich begegnen war ganz einfach, beim Schlangestehen oder mit der fremden Person auf dem Papphocker nebenan. Mutig, stark, beherzt kamen wir ins Gespräch. Fast so, wie Sie heute auch Klassenkameradinnen und Klassenkameraden treffen, die extra angereist sind oder, die Sie jahrelang nicht gesehen haben.
Ich wünsche ich Ihnen heute, und vor allen denen, die heute Ihr Konfirmationsjubiläum feiern: Leben Sie Ihr Leben, mutig, stark und beherzt, mit neugierigen Augen und leuchtenden Herzen, oder, so wie es Paulus im Epheserbrief schreibt: 

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens,
damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.
Amen
 
Predigt Christi Himmelfahrt, 29.5.2025, Goldene und Diamantene Konfirmation Maulburg, Pfrin. Bärbel Wassmer