Predigt Gen. 28, 10-19 (Pfrin. Bärbel Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
von einem Traum erzählt der heutige Predigttext.

Ich weiß nicht, ob Sie sich am Morgen an Ihre Träume erinnern. Ich weiß manchmal nur noch, dass ich nachts geträumt habe, aber nicht mehr, was es war.
 
Meistens weiß ich aber, ob es ein schöner oder ein beängstigender Traum war.

Bei den schönen Träumen möchte ich am liebsten noch ein bisschen weiterträumen, auch nach dem Aufwachen. Die Acappella Gruppe „Wise Guys" hat einmal ein köstliches Lied zu so einem schönen Traum gesungen. Es fängt an mit der Zeile: „Ich hab geträumt, ich hätte sie geküsst…." Und beschreibt dann, wie der Träumer ganz beschwingt aufwacht und sich fragt, ob er sich verliebt hat, nur weil der Kuss im Traum so schön war.

Die schlimmen Träume sind solche, von denen ich schweißgebadet aufwache und einfach nur froh bin, dass es nur ein Albtraum war, der mir den Schlaf geraubt hat. Bei mir sind das meistens solche Träume, bei denen nichts klappt. Ich muss irgendwo hin und komme nie an. Oder ich stehe im Schlafanzug und mit Hausschuhen in der Öffentlichkeit, auf der Kanzel zum Beispiel. O wie peinlich.

Im heutigen Predigttext aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 28, träumt Jakob.

Und er träumt diesen Traum nicht zuhause im Bett. Jakob ist auf der Flucht, weil er seinen Bruder Esau ausgetrickst hat. Und dabei geht es nicht um eine Kleinigkeit, sondern einen großen Betrug. Er hat seinen Bruder um den Segen des Vaters betrogen. Sein Bruder Esau will ihm jetzt an den Kragen. Deshalb flüchtet Jakob Hals über Kopf, denn nun ist er zuhause in Lebensgefahr.

Als es dunkel wird, bleibt Jakob nichts anderes übrig, als unter freiem Himmel zu übernachten. In seiner Angst nimmt er sich einen Stein als Kopfkissen. Nicht weil der so sonderlich bequem wäre… Aber falls in der Nacht wilde Tiere kommen, hat er den Stein wenigstens schnell zur Hand, um sie zu verjagen. Doch hören Sie selbst, was Jakob in dieser Nacht unter freiem Himmel träumt.

Ich lese aus dem 1.Buch Mose, im 28. Kapitel, die Verse 10-19 :

Dann ging Jakob weg von Beërscheba und zog in Richtung Haran. Und er stieß auf eine Stätte und übernachtete dort, denn die Sonne ging unter. Er nahm einen von den Steinen der Stätte, machte ihn zu seiner Kopfstütze und legte sich an jener Stätte hin. Da träumte er: Schau, eine Leiter, gestellt auf die Erde, und ihre Spitze berührt den Himmel. Schau, da sind Engel, Boten Gottes. Sie steigen auf der Leiter hinauf und kommen herab auf ihr. Schau, Adonaj, Gott steht oben auf der Leiter und spricht: „Ich bin Adonaj , Gott Abrahams, auch deiner Eltern, Isaaks Gott. Das Land, auf dem du liegst, dir gebe ich es und deinen Nachkommen. Und deine Nachkommen werden sein wie der Staub der Erde. Du wirst dich ausbreiten nach Westen und nach Osten, nach Norden und nach Süden. In dir sollen sich segnen lassen alle Völker der Erde – und in deinen Nachkommen. Schau, ich bin bei dir und ich behüte dich überall, wohin du gehst, und ich bringe dich zurück auf diesen Boden. Ja, ich verlasse dich nicht, bis ich getan habe, was ich dir zusage." Da erwachte Jakob aus seinem Schlaf und sagte: „Ja wirklich, Adonaj, Gott ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht." Er fürchtete sich und sprach: „Wie ist diese Stätte furchterregend! Nichts anderes ist dies als das Haus Gottes, dies ist das Tor zum Himmel."
Früh am Morgen stand Jakob auf, nahm den Stein, den er zu seiner Kopfstütze gemacht hatte, richtete ihn zu einer Kultstele auf und goss Öl auf seine Spitze. Und er gab jener Stätte den Namen Bet-El, Haus Gottes,

(Bibel in gerechter Sprache, leicht verändert, Leiter statt „Aufgang")

Liebe Gemeinde,
eindeutig und erstaunlicherweise ein guter und ermutigender Traum!
Jakob träumt von einer Leiter, die Himmel und Erde verbindet. Engel bewegen sich auf dieser Leiter von unten nach oben und von oben nach unten. Gott selbst, den kein Mensch jemals gesehen hat, ist in diesem Traum sichtbar und hörbar. Gott spricht tröstliche Worte.

Wirklich ein erstaunlich guter Traum!
Schließlich ist Jakob in dieser Nacht ganz allein, irgendwo im Niemandsland. Er hat keine Ahnung, wohin ihn der nächste Tag führen wird, wenn er diese Nacht überlebt. Er ist erschöpft, getrennt von seiner Familie. Er ist auch noch selbst schuld daran, denn er weiß genau, dass er die anderen betrogen hat. Er ist gottverlassen allein, als er seinen Kopf auf diesen Stein bettet. Aber: Er ist wohl doch nicht gottverlassen an diesem scheinbar gottverlassenen Ort. In einer seiner dunkelsten Nächte träumt Jakob einen seiner hellsten Träume.

Der Himmel über ihm ist offen und hell. Mehr noch: Himmel und Erde sind verbunden. Die Engel haben zu tun. Sie sitzen nicht bloß im Himmel herum oder spielen für Gott himmlisch schöne Lieder, so wie man sich das manchmal auch vorstellt.

Diese Engel auf der Leiter in Jakobs Traum schaffen eine direkte Verbindung für die Menschen zu Gott. Sie sind auf der Erde unterwegs und stehen denen bei, die dunkelste Nächte und Tage erleben müssen. Die Engel tragen das Irdische zu Gott. Sie sind aber auch vom Himmel her unterwegs und tragen das Himmlische zu den Menschen.
Sie sind ganzschön in Bewegung, diese Engel. Und Jakob merkt ganz schnell, als hätte ihn einer dieser Engel sachte mit dem Flügel berührt: ich bin wohl doch nicht allein, selbst in dieser dunklen Nacht nicht, in der ich mich so gottverlassen allein gefühlt habe. Der Himmel ist offen. Es gibt eine Verbindung, eine Leiter zu Gott. Gott schickt mir im dunkelsten Moment eben keinen Albtraum, sondern Licht und Engel, neuen Mut und neue Zuversicht.

So beginnt sein Traum. Doch damit nicht genug. Denn ganz oben auf der Leiter sieht Jakob Gott selbst. Gott spricht mit ihm. Und wie Gott mit ihm spricht. Jakob hat vorher so viele Grübeleien und trübsinnige Gedanken im Kopf gehabt. Er hat sich das Hirn zermartert, wie er bloß aus dieser Sackgasse wieder herauskommen könnte, in die er sich selbst manövriert hat. Er hat sich vor seiner Mutter, seinem Vater, seinem Bruder in Grund und Boden geschämt und doch keine Lösung gefunden. Er hat geglaubt, dass nie wieder gut werden kann, was er schlecht gemacht hat.

Vielleicht kennen Sie auch solche Gedanken, wie Jakob sie in dieser Nacht gehabt haben muss. Vielleicht haben Sie auch schon einmal in so einer Sackgasse gesessen, von der Sie dachten: Da gibt es keinen Weg mehr raus. Das wird nicht mehr gut. Für mich ist gerade eine ganze Welt zusammengebrochen, die Welt untergegangen. Was soll daraus noch werden? Das wird nicht mehr gut. Manche zermartern sich in solchen Zeiten den Kopf darüber, was sie selbst falsch gemacht haben und können es in diesem Moment ja doch nicht mehr ändern.

Trauernde kennen das oft auch. Mit dem Tod eines geliebten Menschen geht eine ganze Welt unter und es bleibt ein dunkles Loch. Und sie zweifeln daran, ob dieses dunkle Loch sich je wieder mit Licht füllen wird.

 Doch was sagt Gott zu Jakob im Traum, da ganz oben auf der Leiter. Oder vielmehr, was sagt Gott nicht. Denn aus Gottes Mund kommt kein Vorwurf, keine Strafpredigt, keine Vorhaltungen, was Jakob alles verbrochen hat. Kein: Mit dir, Lügner und Betrüger will auch ich, Gott nichts mehr zu tun haben. Nichts, gar nichts davon.

Gott redet mit ihm ganz anders als erwartet. Damit hätte Jakob in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Gott bestraft ihn nicht, sondern gibt ihm an diesem einsamen Ort, mitten in der Nacht, neue Kraft und neue Zuversicht.

Gott sagt ihm: „Ich werde dir beistehen. Ich bewahre dich, wo du auch hingehst. Und von dir soll Gutes ausgehen für alle Menschen. Ich bringe dich auch wieder in dieses Land zurück. Ich lasse dich nicht im Stich."

Für Jakob ist alles wie verwandelt, als er aus dem Traum von der Himmelsleiter aufwacht. Denn mitten im Traum ist ihm der lebendige Gott begegnet. Und zwar so, wie Jakob es in diesem Augenblick am wenigsten erwartet hätte. Dem Gott, dessen Nähe, wenn wir sie spüren, so unendlich gut tut. Jakob spürt, dass Gott trotzdem noch da ist. Trotz allem. Und dass er sich mit Gott weiter auf den Weg machen kann, obwohl er immer noch keine Ahnung hat, wohin ihn dieser Weg führt.

Jakob wacht auf und sagt: „Hier wohnt Gott und ich wusste es nicht." Lassen Sie sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. „Hier wohnt Gott, und ich wusste es nicht."

Ich denke bei diesem Satz an etliche Situationen in meinem Leben, in denen ich, oft auch erst im Nachhinein, so etwas sagen konnte.

„Hier wohnt Gott, und ich wusste es nicht."

Das waren die Situationen, die besonders hart und unerklärlich waren – in denen ich beim besten Willen keinen Sinn gesehen habe. Und doch, es ging weiter – und im Nachhinein konnte auch ich, manchmal zögernd sagen. Ja, vielleicht war es gut so und wahrscheinlich war Gott die ganze Zeit da – besonders da, als ich nichts davon gemerkt habe.

„Hier wohnt Gott, und ich wusste es nicht."

Jakob hat diese Erkenntnis beim Aufwachen am Morgen nach seinem Traum. Er baut einen Altar, denn der scheinbar gottverlassene Ort ist für ihn ein besonderer Ort geworden. Den Stein, den er als Kopfkissen verwendet hat, baut er mit ein. Er will es nicht vergessen, sondern weitererzählen: Auch an diesem Ort ist Gott. Denk doch nicht, du seist von Gott verlassen, nur weil es dir so vorkommt. Gottes Engel sind da. Gott ist da, wo du bist. Und dann kann Jakob seinen Weg mit neuem Mut weitergehen, so wie wir gestärkt weitergehen können, wenn uns neue Hoffnung zugesprochen wurde und wir wieder gemerkt haben, dass der Himmel offen ist und unser Weg eine neue Zukunft hat.

Im Taufspruch des kleinen Noah, der heute getauft worden ist, heißt es:

„Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele" (Ps 121,7)

Möge Gott uns und unsere Seele behüten.
Möge Gott uns auch in den schwierigsten Momenten zusprechen:
Ich bin da und schenke dir eine neue Zukunft. Amen

Pfrin. Bärbel Wassmer (14. Sonntag n. Trinitatis, 22.9.2019 Maulburg)