Predigt Gott.Voll

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
GOTT.VOLL – 40 Tage aufmerksam durch den Alltag, so steht es auf der Schachtel mit den 40 kleinen Karten.
 
Ich habe es ausprobiert. Ein paar meiner Erfahrungen möchte ich Ihnen berichten. Aber Vorsicht, es sind meine ganz persönlichen Erfahrungen. Wenn Sie es selbst ausprobieren, wird es wieder anders aussehen. Und ich berichte nur von wenigen der 40 Tage.
Dann werden Sie einen Eindruck gewinnen.
Los geht’s mit
 
TAG 1: Achte heute besonders auf die Menschen, denen du begegnest.
Was könnte sie beschäftigen? Welche Freuden und welche
Bedürfnisse haben sie wohl? Wie könnte Gott bereits bei ihnen
präsent sein?
 
Im Rückblick auf Tag 1 erstaunt mich, wieviele unterschiedliche Begegnungen mit Menschen ich an einem Tag habe, an dem morgens kein einziger fester Termin im Kalender steht. Denn ich treffe jede Menge Menschen: Meinen Mann beim Frühstück, die Sekretärin im Büro, an meinem Schreibtisch im Geiste Albert Schweitzer, dessen Kindheit und Jugend mich tief beeindruckt, dann noch einen 80-jährigen, dem ich zum Geburtstag gratuliere. Außerdem einen ganz schlecht deutsch sprechenden Mann, der am Bahnhof in Maulburg nach dem Weg zur Firma Busch fragt… und dem ich den Weg zum Glück auch freundlich erkläre, nachdem ich vorher eher vermutet hatte, dass er mich anbetteln will. Dann noch ein Telefonat mit einer Freundin, weil wir ausmachen wollen, wann wir uns endlich malwieder sehen.
Doch die erstaunlichste und längste Begegnung ist eine, die ich ganz gerne kürzer erledigt hätte. Denn, ich will an diesem Tag eine Vertragsänderung bei meinem Handy durchführen, die schon viele Jahre fällig ist. Mein Handyvertrag soll unter meinem eigenen Namen geführt werden.
Doch so einfach geht das nicht. Ein „Vertragsinhaberwechsel“ braucht eine „Identifizierung“. Und da ich mir nicht zutraue, die Identifizierung zuhause alleine „digital“ zu bewältigen, rüste ich mich an diesem Tag mit allen Ausweisdokumenten und Nummern aus, um mich persönlich identifizieren zu lassen. Hoffnungsfroh betrete ich den passenden Laden. Doch leider ist die zuständige Mitarbeiterin einfach nur erstaunt, dass Sie mich jetzt „identifizieren“ soll. So etwas hat sie noch nie gemacht. Sie ist in etwa in meinem Alter. Also ist sie in etwa gleich kompetent wie ich, was digitale Aktionen angeht. Meine Hoffnung schwindet.
Ich zeige ihr das Schreiben, dass ich mich hier im Laden von ihr identifizieren lassen kann. Eine andere Mitarbeiterin eilt zu Hilfe.
 
Und was jetzt beginnt, dauert über eine Stunde und unterhält nebenbei alle Leute, die in diesem Moment in diesem Laden unterwegs sind.
 
Schon der erste Versuch der Mitarbeiterin mit dem Digitalgerät scheitert kläglich. Vermutlich hat sie eine meiner Nummern falsch eingegeben. Nach mehreren Telefonaten mit einem weiteren Mitarbeiter stellt sich heraus, dass meine Nummern komplett richtig sind, worauf die weitere Eingabe noch mehrere Anläufe braucht.
 
Inzwischen weiß der ganze Laden bescheid, dass es irgendwie schwierig ist, mich zu identifizieren, obwohl ich doch mit allen Papieren und höchstpersönlich am Tresen stehe.
 
Doch die größte Hürde kommt erst noch. Denn als Krönung des Ganzen muss ich mit der künstlichen Intelligenz identifiziert werden. Es reicht heutzutage nicht, dass die Mitarbeiterin mich mit meinem Ausweis vergleicht. Also muss mein Passbild mit dem Originalfoto des schlauen Geräts verglichen werden. Da ich das Foto nicht selbst aufnehmen kann, weil ich ohne Brille so nahe vor der Nase keine Chance habe, die Anweisungen zu lesen, turnt nun die Mitarbeiterin mit dem Gerät um mich herum, um dieses zu bewerkstelligen.
 
Inzwischen schaut der ganze Laden interessiert zu. Auch hier scheitern die ersten Versuche kläglich. Im fünften Anlauf und nach immer mehr Verrenkungen, ist das Bild endlich im Kasten. Ich verlasse den Laden erfolgreich. Vermutlich braucht die Mitarbeiterin nach dieser Stunde einen Schnaps.
 
Warum ich diese Stunde hier so ausführlich schildere?
Für mich war diese Begegnung des ersten Tages nicht nur die längste, sondern auch die spannendste.
Ich schwankte eine ganze Stunde lange hin und her, zwischen Verständnis mit der unkundigen Mitarbeiterin – und Unmut, dass es so schwierig ist, ein einfaches Anliegen zu erledigen.
Ich schwankte zwischen Belustigung und Wut. Wobei der Humor meine Rettung war, sonst hätte ich diese Stunde nicht überstanden.
 
Am Ende war ich stolz auf mich, denn ich bin die ganze Zeit einigermaßen freundlich geblieben. Ich bin nicht ausgerastet. Aber ich habe stur auf meinem Anliegen beharrt und mehrmals freundlich erklärt, dass ich nicht nach Hause gehe, bevor das Ziel erreicht ist.
 
Ich habe mich also ein bisschen benommen wie die bittende Witwe in der Bibel, die solange hartnäckig ist und nicht locker lässt, bis sie ihr Recht bekommt.
 
Und ich habe mir gemerkt, dass es manchmal ganz gut ist, mehreres gleichzeitig zu fühlen: Verständnis, Wut, Ungeduld, aber vor allem Beharrlichkeit und Humor. So habe ich mein Ziel erreicht.
 
Tag 6: Welche Botschaften entdeckst Du heute in Deinem Alltag?
Vielleicht in der Werbung oder auf Plakaten? Begegnet dir Gott in ihnen?
Was verraten sie dir über deine Welt?
 
Tag 6 ist ein Feiertag. Wir wandern durch den Schwarzwald zu einer Hütte. Ich frage mich noch, wo ich ausgerechnet am freien Tag, mitten im Wald, irgendwelchen Botschaften und Werbeplakaten begegnen kann.
Auch der Computer ist den ganzen Tag ausgeschaltet. Das Handy hat keinen Empfang.
Wir kommen an der Hütte an. Und das erste, was ich sehe, ist ein großes Werbeplakat an der Hüttenwand: UNDERBERG – und du fühlst dich wohl. Weltweit im Dienste des Wohlbefindens. Kräuter aus 43 Ländern.
 
Was nicht da steht, ist natürlich, dass Underberg ein Schnaps mit hohem Alkoholgehalt ist. Die Kräuter sind eher nebensächlich.
 
Und ich denke mir: Das kann doch nicht wahr sein. Die erste Botschaft, die mir in der schönsten Natur an einem freien Tag schriftlich begegnet, ist eine, die mir vormachen will: Um mich wohlzufühlen, brauche ich Alkohol. In was für einer Welt leben wir eigentlich!
 
Tag 7: Suche dir heute einen Ort in deiner Nachbarschaft, und nimm dir 15 Minuten, um dort still zu sein. Was nimmst du an diesem Ort wahr?
Begegnen dir Menschen? Auf welchem Weg sind sie wohl? Begegnet dir Gott? Auf welchem Weg ist er wohl?
 
Typisch für mich, dass ich mich dieser Aufgabe gerne auf der schönsten Bank Maulburgs, oben auf Dachsig widme.
Aber hätten Sie gedacht, dass 15 Minuten still sitzen so lange sein können? Kaum zu glauben.
Ich schaffe genau 10 Minuten, während viele kleine Schmetterlinge um mich herumflattern und die Vögel zwitschern.
Danach verordne ich mir noch die fehlenden 5 Minuten auf einem Hochsitz. Menschen treffe ich keine.
Und wie trifft man Gott? Gott ist wohl überall in der Natur zu sehen, zu hören und zu fühlen. War dann Gott in den Schmetterlingen?
 
Tag 15: Welche Menschen, denen du heute begegnest, haben gute Nachrichten?
Welche brauchen gute Nachrichten? Was für gute Nachrichten sind das?
 
Diese Frage gefällt mir. Denn genau einen Tag vorher gibt es in meiner Familie eine wirklich gute Nachricht, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hätte. Und gleichzeitig höre ich von einer Person, die gerade ganz dringend Ermutigung braucht. Ich nehme mir vor, diese Person so bald wie möglich anzurufen.
 
Tag 18: Welchen Müll (äußerlich und innerlich) entdeckst du heute?
Wer tut etwas gegen diesen Müll? Was könnte gegen diesen Müll getan werden?
 
Diese Frage beschäftigt mich. Ich habe beim Morgenspaziergang Glasscherben und Bierflaschen mitten zwischen trockenem Stroh auf einem asphaltierten Weg oben auf dem Dinkelberg entdeckt. Ich bin wütend über diese Gedankenlosigkeit, denn es ist einer der heißesten Tage des Jahres. Wenn die Sonne auf die Glasscherben brennt und das Stroh sich entzündet, dann brennt der Dinkelberg. Also überlege ich beim Frühstück, ob ich jetzt lieber die Feuerwehr anrufe. Dann entscheide ich mich stattdessen, um 8.00 Uhr im Rathaus Maulburg anzurufen und zu bitten, dass jemand mit Schaufel und Besen den Müll der anderen wegräumt, bevor er sich entzündet.
Überraschung: Das Rathaus weiß bereits bescheid, weil eine weitere aufmerksame Bürgerin ebenfalls angerufen hat. Es wird sich jemand darum kümmern.
Soviel zum äußerlichen Müll.
 
Doch wie ist das mit innerlichen Müll? Was alles liegt mir auf der Seele und ist doch Müll und kann weg? Wie macht man das, die eigene Seele von Seelenmüll zu befreien? Und was für eine Rolle spielt Gott dabei?
Kann es sein, dass der Seelenmüll bei Gott gut aufgehoben ist, dass wir also all unseren Seelenmüll auf Gott werfen können?
Diese Fragen werden mich weiter beschäftigen.
 
Ich könnte noch einiges erzählen. Darüber, dass ich beim Thema Natur mindestens 30 Störche in der Nähe eines Traktors zwischen Maulburg und Schopfheim auf dem Feld gesehen habe. Könnte nicht einer davon das Storchennest auf unserer Kirche besiedeln?
 
Doch ich will am Ende zu Tag 38 kommen. Denn diese Aufgabe erscheint mir zu Beginn vollkommen leicht:
Grüße heute Menschen besonders aufmerksam.
Gar kein Problem, denke ich mir. Ich grüße doch sowieso immer aufmerksam. Zumindest im Dorf. Aber es stellt sich heraus: So einfach ist das an diesem Tag nicht. Die erste, die ich zu grüßen versuche, ist wieder eine Mitarbeiterin hinter einem Tresen. Sie reagiert überhaupt nicht, als ich ihr freundlich einen „Guten Morgen“ wünsche. Sie schaut mich noch nicht einmal an. Stattdessen schaut sie auf den Bildschirm ihres Computers und murmelt, ich könne erst mal da Platz nehmen. Ich bin irritiert. Von wegen freundliche Reaktion auf freundliche Begrüßung. Im Laufe des Tages stelle ich fest, dass auch auf der Straße fast alle Menschen mit dem Blick auf ihre kleinen Bildschirme beschäftigt sind. Sie können gar nicht merken, dass ich sie grüße. Also versuche ich es an der Kasse eines Supermarkts, verbunden mit einem netten Halbsatz. Fehlanzeige. Die Kassiererin hat Hektik. Sie hat keine Zeit, auf freundliche Halbsätze zu reagieren. Am Ende des Tages frage ich mich: Wie sollen freundliche Begegnungen zwischen Menschen stattfinden, wenn alle nur auf Bildschirme starren oder sowieso keine Zeit haben?
In was für einer Welt leben wir eigentlich?
 
Soweit meine Eindrücke aus 40 Tagen.
Vielleicht sind Sie neugierig geworden.
Deshalb habe ich nun eine Aufgabe für Sie. Wenn jetzt gleich Orgelmusik ertönt, dann machen Sie einen kleinen Spaziergang in der Kirche, entlang an den Stellwänden mit den 40 Fragen.
Schauen Sie mal, was da noch alles dabei ist.
Schauen Sie, ob es eine Frage gibt, die Sie besonders interessiert.
Und wenn Sie so eine Frage gefunden haben. Dann merken Sie sich diese Frage und verbringen den morgigen Montag mit Ihrer Frage.
Ich bin gespannt, was Sie hinterher erzählen werden.
 
Gott begleite unser Suchen und Fragen aufmerksam. Amen.
 
Themapredigt GOTT.VOLL am 14.n. Trin, 21.09.2025,Abendgd Maulb.
Pfarrerin Bärbel Wassmer