Predigt Hiob 14, 1-6 ff (Pfr. Paul Wassmer)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wir hören heute einen Ausschnitt aus dem Buch Hiob im Alten Testament. Im Buch Hiob wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der ohne eigenes Verschulden in eine Auseinandersetzung gerät, in der er zum Spielball fremder Mächte wird. Diese Mächte zerstören nach und nach sein Leben. Er selbst weiß nicht, warum ihm das geschieht. Trotzdem resigniert er nicht. Er kämpft, gibt nicht auf. Auch gegen Gott kämpft er. Er klagt ihn an, fragt: „Warum legst du so viel Leid in mein Leben?" Und er bittet Gott um einen Moment der Ruhe, um neue Kraft zu finden. Doch hören sie selbst, auf seine Worte aus dem 14. Kapitel des Hiobbuchs. Hiob klagt:
 
Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Nur kurz ist sein Leben und doch voller Unruhe. Er blüht auf wie eine Blume, doch bald verwelkt er wieder und ist plötzlich fort, als wäre er nicht mehr als ein Schatten. Du aber lässt ihn trotzdem nicht aus deinen Augen und zerrst ihn vor dein Gericht. Du musst doch wissen: er ist unrein und es wird niemals etwas Reines von ihm ausgehen. Trotzdem bestimmst du im Voraus die Zahl seiner Tage und Monate und setzt ihm eine Grenze für sein Leben. (So bitte ich dich:) Blicke weg von mir und schenke mir Ruhe. Gönne mir das bisschen Lebensfreude, das mir geschenkt ist.  ... Oder bring´ mich ins Totenreich und verstecke mich dort, bis dein Zorn sich legt. Bestimme, wie lange ich warten muss, bis du mir deine Güte wieder zeigst. ... Dann könntest du mich rufen und ich würde dir antworten. Dann würdest du wieder Freude haben an dem Werk deiner Hände. Dann würdest du alle meine Schritte zählen, aber nicht mehr eine Liste führen über meine Sünden. Für immer würdest du die Schuld verschließen und decktest alle meine Fehler zu.
 
                                                                                               (Hiob 14, 1-6, 13, 15-17)
Liebe Gemeinde
Nackte Verzweiflung spricht aus den Worten von Hiob. Er kann nicht mehr. Selbst der Tod wäre ihm lieber, als eine Fortsetzung des täglichen Schreckens. Und doch gibt er nicht auf, das ist das Erstaunliche an seiner Geschichte. Er lässt sich einfach nicht unterkriegen.

Nicht von seinen Freunden, die zu ihm kommen und ihm alle möglichen Ratschläge geben. Ratschläge, die alle gut gemeint sind, die letztlich aber mehr oder weniger immer nur ihm selbst die Schuld an seinem Unglück geben: ... irgendetwas musst du doch getan haben ... das alles kann doch kein Zufall sein ... Sie können diese Sätze beliebig fortsetzen. Es sind Worte, die nicht helfen, die sein Leid eher noch schwerer machen.

Er lässt sich auch vom Leid und vom Bösen nicht unterkriegen. Hiob ist kein Bündel trockenen Reisigs, das leicht zu zerbrechen ist. Er ist eher wie ein biegsamer junger Ast, der selbst unter der größten Last zwar ächzt und knarrt, aber trotzdem nicht bricht. In der heutigen Forschung würde man sagen: er hat eine hohe Resilienz - eine hohe Widerstandskraft. Woher kommt diese Kraft? Und warum hat sie der eine, die eine - und der andere, die andere nicht?

Familie ist wichtig, sagt die Forschung: Bindungen und Beziehungen schenken uns Kraft. Selbstachtung ist ein anderer Teil: dass wir uns selbst wertschätzen, uns nicht andauernd klein machen, sondern unsere positiven Seiten wahrnehmen. Der Glaube trägt einen Teil dazu bei: dass wir uns getragen wissen von etwas, das größer ist als wir, auch dort, wo wir nicht alles verstehen. Und nicht zuletzt, dass wir unsere Grenzen achten und nicht andauernd über unser Kräfte leben, sondern uns Ruhepausen gönnen, um neue Kraft zu schöpfen.

Um genau eine solche Ruhepause bittet Hiob Gott in den Worten des heutigen Predigttextes. Er legt Gott sein Leben vor die Füße und sagt zu ihm:
 „Ich kann nach deinen Maßstäben eh´ nicht genügen. Schließlich bin ich ein Mensch, nicht Gott. Bei mir läuft immer etwas schief, selbst wenn ich alles gut meine. Und auch wenn ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich niemandem absichtlich etwas Böses getan habe, so weiß ich trotzdem, dass ich deshalb noch lange nicht schuldlos bin. Also wenn du mich dafür bestrafen willst, bitte, ich kann dich nicht daran hindern, aber wenn dir auch nur ein wenig an mir liegt, dann schenk´ mir eine Pause. Gönn´ mir ein klein wenig Lebensfreude, damit ich wieder zu Atem komme. Ja, deck´ meine Fehler zu und hör´auf über alles, was in meinem Leben schief läuft, eine Strichliste zu führen. Freu´ dich lieber an meinen Schritten und an dem, was ich Gutes tue."

Diese Bitte um eine Ruhepausen passt in diese Jahreszeit, in der sich das Jahr langsam schließt und zu seinem Ende kommt. Denn während draußen die Blätter fallen und die Natur sich langsam zur Winterruhe begibt, tut es auch uns Menschen gut, einen Gang herunterzuschalten und nicht immer weiter im Turbo voran zu stürmen.

Warum auch? Sicher, der Druck ist hoch. Von allen Seiten. Aber wenn wir immer nur dem Druck nachgeben, werden wir irgendwann von diesem Druck zerrieben. Weil wir dann nicht mehr wissen, wer wir sind und wir so uns und unsere Kraft verlieren. Hiob mahnt uns mit seinen Worten, auch für uns nach einer Ruhepause zu suchen, in der wir Atem schöpfen können.

Denn was ist der Mensch?, fragt Hiob. Er ist ein endliches Geschöpf. Eines, das nur eine bestimmte Anzahl von Tagen hat und an dieser Zahl auch nichts verändern kann. Also:  verhalte dich auch so, Mensch. Denke nicht, du könntest immer alles tun, grenzenlos, zeitenlos, hemmungslos. Nein. Finde zu deinen Wurzeln zurück. Zu dir selbst und deinem eigenen Rhythmus. Dann kannst du neue Kraft finden.

In der Bibel gibt es die Geschichte von Samson und Delilah. Samson wird in der Bibel als ein Mann beschrieben, der auf fast magische Weise seine eigene Kraft gefunden hatte. Diese Kraft lag in seinen Haaren. Solange er sie wachsen ließ, war seine Kraft unermesslich. Er hütete dieses Geheimnis gut, denn es erlaubte ihm, alle seine Feinde zu besiegen. Aber dann, in einem Moment des falschen Vertrauens, verrät er sein Geheimnis an Delila, die ihm im Schlaf die Haare abschneidet. So verliert er seine Kraft. Die Geschichte von Samson ist die tragische Variante eines Lebens, das seine eigene Kraftquelle gefunden hat, diese aber wieder verliert.

Hiob, der in seinem Leben unermessliches Leid erfahren hat, ist dagegen die glückliche Variante eines solchen Lebens. Denn auch er hat, so unglaublich es klingen mag - mitten in dem Leid  - am Ende seinen Ruhepunkt gefunden. Nicht in seinen Haaren - ich glaube, Hiob hätte darüber nur gelacht - nein, er fand seinen Ruhepunkt im Streit mit Gott. In der Auseinandersetzung ... indem er Gott anklagte ... indem er ihm seine ganze Verzweiflung vor die Füße warf ... genau dort fand er seine Kraft. Weil er in seinen Klagen spürte: ich bin mit meinem Leid nicht allein. Gott steht zu mir. Und am Ende, da stand Gott ihm auch ganz offen bei, indem er ihn von den Vorwürfen seiner Freunde, er trüge irgendwie selbst die Schuld an seinem Schicksal, freisprach.

Hiob ist für mich darum, trotz des Leides, das er erlebt hat, ein Vorbild. Mehr als Samson, und das nicht nur, weil meine Haare nur noch spärlich sprießen. Nein, Hiob ist für mich ein Vorbild, weil er auf seine Weise weise war. Er dachte nach, über sich und die anderen, er blieb sich treu, dem, was er an Wahrheit in sich spürte, und er blieb im Gespräch. Das ist viel. Viel mehr, als viele schaffen.

Und er ist ein Vorbild, weil er selbst mitten im größten Chaos sich um sich selbst sorgt. Er bemühte sich um eine Ruhepause - eine Auszeit - auch wenn um ihn herum nirgends Ruhe zu finden ist.

Beides wünsche ich auch ihnen. Ich wünsche Ihnen, dort, wo ihnen Leid begegnet, dass sie nicht verstummen, sondern im Gespräch bleiben. Im Gespräch mit den Menschen um sie herum, auch wenn diese manchmal das Falsche sagen. Und im Gespräch mit Gott, mit dem man auch streiten kann, der das aushält.

Und ich wünsche ihnen in unserer schnellebigen Zeit, in der wir Menschen leicht zerrieben werden, dass sie sich eine Ruhepause gönnen. Denn so wie die Natur in dieser Jahreszeit langsam zur Ruhe kommt, so tun auch uns Menschen solche Pausen gut.

Dazu stärke und bewahre uns der barmherzige Gott. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer (Vorl. So. i. Kirchj.,17.11.2019, Maulburg)