Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne reden und hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Der Bibeltext des heutigen Sonntags entführt uns an einen fernen Ort in einer weit von uns entfernten Zeit. Dort befand sich ein Garten. Genauer gesagt, ein ganz besonderer Garten. Der Garten Eden. Wie in jedem Garten wuchsen auch in diesem Garten alle möglichen Früchte. Vielleicht waren dort ja Äpfel, Birnen, oder Pflaumen zu finden, vielleicht gab es dort aber auch Bananen und Datteln oder Pfirsiche und Melonen? Wer kann dies schon sagen? Schließlich lässt die Bibel die Frage offen, welche Früchte der Garten Eden damals beherbergt hat.
Nicht so in der Kunst. Sie füllt diese Lücke mit allen möglichen Bildern. In vielen dieser Bilder hält Eva einen Apfel in der Hand, während sie gerade von der Schlange umgarnt wird. Gärten regen unsere Phantasie an - und aus irgendwelchen Gründen hat in der Phantasie der Künstler der Apfel gewonnen. Vielleicht, weil Äpfel in Europa überall zu finden sind - und die Maler mit der Wahl dieser Frucht ausdrücken wollten, dass die Versuchung jedem und jeder nah ist.
Gärten regen zur Phantasie an - und auch diese Gartengeschichte aus der Bibel regt die Phantasie an. Da ist zum Beispiel die Schlange. Warum umgarnt sie Eva auf so verführerische Weise? Ist sie etwa neidisch auf die Menschen, weil sich Gott mit ihnen ständig unterhält – während er sie links liegenlässt? Oder treibt sie ein skurriler Wissensdrang an? Will sie wissen, was geschieht, wenn jemand eine von den verbotenen Früchten isst und verwickelt sie Eva in ein grausames Experiment, um herauszufinden, ob Eva stirbt, wenn sie von der Frucht isst? Oder hat sie noch einmal ganz andere Gründe?
Schließlich spielt die Schlange in vielen Geschichten im Alten Orient eine ganz besondere Rolle: Im Schöpfungsmythos Enuma Elisch aus Babylonien zum Beispiel ist die Schlange eine Gottheit, aus deren Leib - nach ihrem Tod bei einem Kampf – die Welt geformt wird. Ist die Schlange also ein geheimer Widersacher zu Gott, eine Art Gegenspieler, der nur deshalb in dieser biblischen Geschichte auftaucht, um Ärger zu machen?
Wer kann dies schon sagen? Die Geschichte in der Bibel lässt uns auch mit dieser Frage allein – Sie beschreibt zwar das Böse – und seine Auswirkungen auf uns Menschen, aber sie gibt uns keine Antwort auf die Frage, wo der Ursprung des Bösen zu finden ist.
Aber die Geschichte hat ja noch viel mehr zu bieten, als nur die Schlange. Schließlich können wir in ihr den Menschen bei ihren ersten Schritten in die Welt zusehen. Wie war das noch mit Neil Armstrong auf dem Mond? „Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Sprung für die Menschheit?“
Auch Adam und Eva haben einen großen Sprung gemacht. Einen Sprung ins Leben.
Alles fing damit an, dass Gott ein wenig Lehm nahm und mit der Hinzufügung von Wasser eine Gestalt formte. Dieser Gestalt hauchte Gott dann – quasi per Mund zu Mund Beatmung – das Leben ein.
Diese Gestalt war Adam. Sein Name stammt von Adama – der Erde. Doch Adam war einsam. Und so entnahm Gott einen Teil seines Oberkörpers und formte daraus einen zweiten Menschen: Eva. Ihr Name bedeutet Leben. Beide bekamen den Auftrag, den Paradiesgarten zu behüten und zu bewahren. Dabei hatten sie sich an zwei Regeln zu halten. Erstens: „Esst nicht vom Baum der Erkenntnis von gut und böse.“ Und zweitens: „Esst nicht vom Baum des ewigen Lebens.“
Warum diese Regeln? – mag man fragen. Hätte Gott diese Bäume nicht auch außerhalb des Gartens pflanzen können, um die Menschen gar nicht erst in Versuchung zu führen? Oder wollte Gott, dass die Menschen von diesen Bäumen essen, nur noch nicht jetzt, sondern später, wenn sie reif dafür wären? Wollte er ihnen erst noch etwas Zeit geben in ihrem neuen Leben anzukommen, bevor er sie mit dieser Last beschwerte?
Nur dass sich die Menschen diese Zeit nicht nahmen, sondern, in ihrer üblichen Eile - es muss ja immer alles schnell gehen - wieder einmal den zweiten Schritt vor dem ersten machten. So biss Eva in den Apfel und als sie erkennt, dass dies falsch war, reicht sie den Apfel trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen - weil sie mit ihrer Schuld nicht allein sein wollte - an Adam weiter. Der beißt ebenfalls zu.
Im gleichen Moment merken sie, dass dies falsch war. So wie man ja meist in dem Moment, in dem man etwas gemacht hat, merkt, was man da gerade getan hat.
Nackt kommen sie sich vor, in diesem Moment. Nackt, nicht nur im körperlichen Sinn, sondern auch im Geistigen. Sie spüren nichts mehr von dem Vertrauen, mit dem Gott sie umhüllt hatte, und auch nichts mehr von der Liebe, mit der sie Gott ins Leben gerufen hatte und die sie kleidete wie ein Mantel. Das alles war weg.
Was sollten sie nur tun? Viel Zeit zum Überlegen haben sie nicht. Denn schon kurz darauf tritt Gott auf den Plan. Er geht in dem Garten spazieren und wundert sich, wo die Menschen sind. Haben sie sich etwa vor ihm versteckt?
Das haben sie, muss er schon bald feststellen. Und nicht nur das, sie haben auch eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen. Sie wissen nun, was gut und böse ist. Sie wissen auch, dass das, was sie getan haben, nicht richtig war. Die Frage ist nun: Wie gehen sie mit diesem Wissen um?
Was macht Adam, als Gott ihn fragt, ob er von der verbotenen Frucht gegessen hat? Verhält er sich, wie es sich für die Krone der Schöpfung gehört, und steht zu seiner Schuld? Nein. Vielmehr entpuppt er sich als ein Gebirge voller Feigheit und schiebt die Schuld von sich. Nicht er soll es gewesen sein, sondern Eva - und wenn man auf die Untertöne bei seiner Antwort achtet – schiebt er einen Teil der Schuld auch auf Gott. „Sie war es“, ruft er Gott zu. „Sie, die Frau, die du mir gegeben hast, sie gab mir die Frucht. Was also kann ich dafür, dass ich davon aß?“
Und was macht Eva? Hat sie den Mut, die Größe, oder auch die Weisheit, zu ihrer Schuld zu stehen? Nein. Sie macht Adam alles nach und schiebt die Verantwortung ebenfalls weiter. „Die Schlange war es“, antwortet sie. „Sie hat mich verführt.“ Nein. Mut sieht anders aus.
Und wieder fängt in dieser Gartengeschichte die Phantasie an, zu arbeiten. Was wäre, so fragt sie sich, wenn die beiden es damals gewagt hätten, zu ihrem Fehler zu stehen? Wenn sie Gott ihre Schuld eingestanden hätten und gesagt hätten: „Es tut uns leid. Wir haben etwas falsch gemacht. Es ist unsere Schuld und wir tragen dafür die Verantwortung.“
Hätte Gott sie dann auch mit Strafen überhäuft?
Ich glaube nicht. Ich glaube, Gott hätte ihnen verziehen. So wie er allen verzeiht, die ihre Schuld aufrichtig bereuen und ihn um Gnade bitten. Vielleicht hätte er dabei sogar gelächelt und sich gedacht: Die Menschen können mit dem Wissen von Gut und Böse umgehen. Sie haben sich als würdig erwiesen.
Aber so ist es nicht gekommen, sagt uns die Geschichte aus der Bibel. Und so kommt es auch bis heute meist noch immer nicht. Denn obwohl wir Menschen normalerweise recht gut wissen, wenn wir etwas falsch gemacht haben – schieben wir die Verantwortung trotzdem gern auf andere ab.
Der Klimawandel? – Da können wir doch nichts dafür. Die ungerechte Verteilung von Arm und Reich? – Da sind wir doch nicht der richtige Ansprechpartner. Und auch wenn die Schuld in unseren zwischenmenschlichen Bereich auftritt, schieben wir sie gern von uns. Was, ich muss dir noch Geld zurückzahlen? – Das habe ich doch glatt vergessen. Und mein rauer Ton vorhin, das war keine Absicht, da musst du dich verhört haben. Nein, ein ehrlicher und verantwortungsvoller Umgang mit unserer Schuld, und unseren Schattenseiten, fällt uns Menschen noch immer schwer.
Warum?
Haben wir Angst, die dunklen Seiten in uns anzusehen? Haben wir Angst, dass uns die anderen Menschen auf diese dunklen Seiten festlegen? Oder haben wir Angst, dass wir uns selbst in dieser Dunkelheit verlieren?
Warum sich also länger als unbedingt nötig mit ihr beschäftigen? Nein, da ist es doch viel einfacher, man schiebt sie möglichst schnell wieder von einem weg, so dass sie einen nicht länger stört.
Doch hilft uns ein solcher Umgang mit unserer Schuld? Wird dadurch irgendetwas besser?
Nein. Es wird alles nur noch schlimmer.
Ein Freund von mir arbeitete viele Jahre in der Autoindustrie in China. Dort traten in der Produktion immer wieder alle möglichen Fehler auf. Doch wenn er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach den Ursachen fragte, sagten alle immer nur: Alles Ok. Keiner sprach die Fehler an. Zu groß war die Gefahr, durch ein Schuldeingeständnis sein Gesicht zu verlieren.
Doch wodurch verlieren wir unser Gesicht? Durch ein Schuldeingeständnis?
Ja. Die eigene Schuld einzugestehen tut weh. Und wir verlieren dabei auch etwas. Aber noch mehr verlieren wir, wenn wir unsere Fehler nicht zugeben können. So wie auch unser Gegenüber sein Gesicht verliert, wenn er unsere Ehrlichkeit dazu missbraucht, um uns auf unsere Fehler zu reduzieren.
Gott tut das nicht. Nein. Statt dessen schützt er die Menschen vor sich selbst. Anstatt sie dem Tod zu übergeben, schickt er sie hinaus ins Leben. Dort – in einer Welt, die wesentlich rauer ist als der paradiesische Garten sollen sie lernen, die Verantwortung für sich zu übernehmen. Dazu gehört, dass sie in diesem Leben – außerhalb des Gartens Eden – Gott nicht jederzeit fragen können. Sie leben also in einer Art von Gottesferne – trotzdem steht Gott ihnen bei. Er sorgt sich weiterhin um sie, gibt ihnen sogar Felle mit auf den Weg, damit sie in der Kälte der Welt nicht erfrieren. Auch gehört zu diesem Leben außerhalb des Gartens Edens, dass alles im Leben etwas kostet. Die Freiheit kostet etwas, genauso wie die Nahrung, die man nun mühsam von der Erde abringen muss, wie auch der eigene Nachwuchs einen etwas kostet. Angefangen von den Schmerzen bei der Geburt, bis hin zu den vielen anderen Lasten, die Eltern tragen. Doch umgekehrt können die Menschen auch die Früchte ihres Handelns ernten. Sie erfahren, alles was sie tun, hat Konsequenzen – und wenn sie die Verantwortung für diese Konsequenzen tragen, können sie daraus eine ganz eigene Würde gewinnen. Eine eigene Kraft. Und eine eigene Schönheit. Etwas, das im Garten Eden so nicht möglich war.
Liebe Gemeinde
Gärten regen zur Phantasie an – und auch die Geschichte vom biblischen Garten Eden hat bei vielen Menschen die Phantasie angeregt. So wurde die Geschichte im Laufe der Jahrhunderte auch auf höchst unterschiedlichste Weise gedeutet.
So haben manche in diese Geschichte hineingedeutet, dass zuerst der Mann erschaffen wurde, und danach die Frau, und dass der Mann darum gegenüber der Frau ein Vorrecht besitzt – eine Deutung, die meiner Meinung nach falsch ist. Denn aus der Erde wurde zuerst nicht etwa ein Mann erschaffen, sondern ein Erdenwesen, das weder Mann noch Frau war. Und der erste Mann entstand erst später, als von diesem Erdenwesen die Frau weggenommen wurde. Das, was übrigblieb, das war der erste Mann. Er war jemand, der jemand brauchte, der ihm beistand. Er war kein Herrscher, auch wenn manche Männer sich so aufführen.
Andere haben in diese Geschichte einen hinterhältigen Gott hineingedeutet, der die Menschen mit sinnlosen Geboten einengt und sie am Ende sadistisch bestraft, doch auch diese Deutung stimmt meiner Meinung nach nicht. Denn für mich zeigt sich Gott in dieser Geschichte gnädig. Er steht zu den Menschen, auch wenn sie vor ihrer Verantwortung fliehen. Doch zwingt er sie – mit der Vertreibung aus dem Garten dazu – zukünftig die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Er tut dies nicht aus irgendwelchen niederen Motiven. Nein, Gott will, dass wir Menschen indem wir die Verantwortung für uns übernehmen, unsere wahre Größe finden. Unsere Würde. Und unsere Kraft.
Das ist ein kleiner Schritt, den wir Menschen Tag für Tag machen können. Doch überall, wo wir diesen Schritt tun, ist es ein großer Sprung für die Menschheit. Amen.
Pfr. Paul Wassmer (22. Febr. 2026)
