Predigt Jak. 2, 14-20,26 (Pfr. Paul Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Es geht an diesem Sonntag um den Glauben. Um den Glauben, den wir haben - und der uns manchmal fehlt. Um den Glauben, der uns trägt - und der uns manchmal zum Verzweifeln bringt. Um den Glauben, der lebt und Früchte trägt - und um den, der nur in unserem Kopf existiert und tot ist - um mit den Worten des heutigen Predigttextes zu sprechen. Wir hören auf Worte aus dem zweiten Kapitel des Jakobusbriefes. Dort heißt es:

Liebe Schwestern und Brüder! Was hilft es, wenn einer sagt: „Ich glaube" und lässt diesem Satz keine Taten folgen? Kann ihn dieser Glaube selig machen? Angenommen, ein Bruder oder eine Schwester hätte nichts anzuziehen oder nichts zu essen, und einer von euch erklärte ihnen: „Geht in Frieden, wir wünschen euch Wärme und Nahrung!" und gibt ihnen nicht, was sie nötig brauchen - was könnte ihnen das helfen? So ist auch mit dem Glauben: wenn er sich nicht im Handeln äußert, dann ist er in sich tot. Nun könnte aber jemand auf die Idee kommen und sagen: Wir teilen es auf. Du hast den Glauben und ich bin der, der etwas tut. Aber damit bin ich nicht einverstanden. Zeige mir den Glauben, der ohne Handeln auskommt. Das Gleiche gilt umgekehrt: man kann unmöglich am bloßen Handeln den Glauben erkennen. Du glaubst, dass es nur einen Gott gibt? Meinen Glückwunsch. Aber auch die Dämonen glauben daran und zittern doch vor Angst. Darum sieh ein, du törichter Mensch, dass ein Glaube ohne Taten sinnlos ist. ... Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne entsprechendes Handeln  tot.

Liebe Gemeinde
Ein Glaube ohne Handeln ist tot. Denn wenn man vom Glauben nichts nach außen hin merkt, wenn der Glaube nur im eigenen Kopf stattfindet, dann kann es mit ihm nicht weit her sein. Dann ist er nicht viel mehr als eine Luftnummer, ein Gedankenexperiment, ein gutes Gefühl. Er ist so vielleicht schön für einen selbst, aber er ist kein richtiger Glaube. Aber wenn der Glaube dagegen anfängt, das eigene Handeln zu beeinflussen, wenn er einen dazu bringt, an der einen oder anderen Stelle nachzudenken und die Dinge des Lebens ein wenig anders zu sehen - und sie auch ein wenig anders zu machen - dann fängt der Glaube an, eine Gestalt zu bekommen. Diese Gestalt wächst mit dem Handeln, so wie auch der Glaube daran wächst. Dabei bekommt der Glaube vom Anfang vielleicht die eine oder andere Delle ab, den einen oder anderen Kratzer, er erlebt so manche Enttäuschung und bleibt nicht mehr so rein und naiv wie am Anfang, ... aber er lebt. Er ist lebendig, weil er in das Leben hineinwirkt. Ein Glaube dagegen, der dies nicht tut, ist tot.

Jakobus, der Apostel, der so absolut vom Glauben spricht, ist sich seiner Sache sicher. Ja, für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, wie auch für die Menschen um ihn herum. Denn diese waren, wie viele Christinnen und Christen in der Zeit des frühen Christentums Juden. Und das hieß, sie hielten sich ganz selbstverständlich an das jüdische Gesetz, das genau regelte, wie sich der Glaube im Leben auswirken sollte. Sie kennen viele dieser Regeln: du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen. Man könnte also meinen, alles wäre klar.

War es aber nicht. So wie es auch bei uns heute nicht klar ist.

Was war damals das Problem bei Jakobus? Wer den Jakobus-Brief genauer liest, stellt fest, dass ganz unterschiedliche Probleme die Gemeinde quälen. Zwei davon möchte ich an dieser Stelle nennen:

Da gibt es zum Einen in der Gemeinde Menschen, die zwei Seelen in ihrer Brust haben. Sie schielen auf der einen Seite nach denen, die erfolgreich sind im Leben, nach den Reichen und Angesehenen. So wollen sie auch sein. Genau so. Egal, ob die reichen Leute Sklaven halten und diese Sklaven misshandeln, egal, ob sie nur durch Ausbeutung oder durch Erpressung zu ihrem Reichtum gekommen sind. Der Glanz hält sie trotzdem gefangen. Auf der anderen Seite wollen sie aber trotzdem Christinnen und Christen sein. Sie wollen ein Leben führen, wie es Gott gefällt. Beides zusammen geht aber nicht, sagt Jakokus und legt seinen Finger in die Wunde. Denn für ihn sind diese Menschen gespaltene Persönlichkeiten. Jakobus kann dabei in seinen Worten sehr massiv sein. Er klagt das Unrecht des Reichtums so laut an, wie sonst kaum jemand im Neuen Testament. Die größte Sünde ist für ihn ein Reichtum, der nicht wissen will, wo er herkommt und der nicht bereit ist, mit den Menschen zu teilen, denen es am Nötigsten zum Leben mangelt.

Aber solche Menschen, die immer nur nach dem Reichtum schielten, waren nicht das Einzige Problem in seiner Gemeinde. Denn da gab es auch einige Menschen, die nicht gut übereinander redeten. Sie machten Unterschiede. Zwischen gut angezogen und schlechter Kleidung. Zwischen arm und reich. Zwischen denen, die von hier waren und denen, die von außerhalb kamen. Sie benutzten ihre Worte, um andere herabzusetzen und sich selbst zu erhöhen. Jakobus fällt das unangenehm auf. Er sagt: Die Zunge ist wie ein Steuermann. Sie gibt dem Schiff unseres Lebens die Richtung vor. Und wenn wir nicht auf unsere Zunge achten, steuert sie unser Schiff in eine völlig falsche Richtung. Nämlich dorthin, wo der Hass und die Verachtung wohnen. Das ist nicht gut, sagt er, und legt auch hier seinen Finger in die Wunde.

Das, was Jakobus damals beklagte, ist auch uns heute nicht fremd. So ist das Schielen nach Reichtum bis heute weit verbreitet und über den Preis dieses Reichtums wird bis heute gern geschwiegen. Und auch was das zweite Problem angeht, das Jakobus anspricht, die Verrohung der Sprache, könnte man meinen, dass seine Worte mitten in unsere Zeit hinein gesprochen sind. Denn seit der Erfindung der sozialen Medien ist dem Hass scheinbar keine Grenzen mehr gesetzt. Eine solche Sprache bleibt aber nicht ohne Folgen. Denn was zuerst nur ein Hass in Worten war, sucht irgendwann nach Taten, so wie bei dem rechtsextremen Mann, der in Halle eine jüdische Gemeinde überfallen wollte und dabei zwei Menschen zu Tode brachte.

Was kann unser Glaube da schon ausrichten? Mag jemand fragen. Was kann er tun, in dieser Welt, die scheinbar nach ganz anderen Regeln funktioniert?

Als Erstes:     
Nicht aufgeben. Denn nicht was groß ist, überlebt am Ende. Und auch nicht das, was stark ist. Ansonsten müssten heute noch die Dinosaurier die Welt beherrschen. Nein, was am Ende zählt, ist etwas anderes. Und das hat oft etwas mit dem Glauben zu tun. Denn Hass und Gewalt können zwar viel Unheil anrichten, aber am Ende zerstören sie sich oft selbst. Und das manchmal in erstaunlich kurzer Zeit. Aber das, was wir an Liebe, an Hoffnung und an Vertrauen in uns tragen, das, was uns heilig ist und das uns trägt, das bleibt. Es hilft uns, in dieser Welt zu leben, ohne dem Hass zu folgen. Von daher ist der Glaube nicht umsonst. Auch wenn er manchmal klein und unscheinbar wirkt.

Und zum Zweiten:    
Aus dem Glauben leben - in Wort und Tat. Jakobus sagt: achtet auf die Gerechtigkeit. Also, wenn ihr Entscheidungen fällt, nehmt nicht einfach das, was am Schönsten aussieht, oder das, was am einfachsten funktioniert, sondern das, was die Gerechtigkeit voran treibt. Auch wenn es vielleicht am Anfang mühsamer ist, es wird auf Dauer die bessere Lösung sein, die eine ganz eigene Schönheit in sich trägt.
 
Und: Achtet auf eure Sprache. Dass ihr andere nicht abwertet, sondern ihnen ebenerdig begegnet, als Schwestern und Brüder des einen Gottes, der uns alle erschaffen hat.

Das alles können wir nicht aus uns allein. Wir brauchen dazu Glauben. Den Glauben in uns. Genauso wie den Glauben anderer. Eine Gemeinschaft, in der wir uns aufgehoben fühlen. Denn allein zu glauben, ist manchmal schwer. Und nicht zuletzt: wir brauchen jemand, der an uns glaubt. Wir brauchen Gott, der die Hoffnung für uns Menschen nicht aufgibt, sondern an uns festhält, auch dort, wo wir manchmal in die falsche Richtung rennen. Von daher gehört zum Glauben auch immer das Ausstrecken unserer leeren Hände nach oben und die Bitte an Gott, uns diese Hände füllen.

Mit einer solchen Bitte möchte ich die Predigt enden. Es sind Worte von Hartmut Birkelbach, die ich in leicht veränderte Form zum Abschluss vorlese. Er schreibt:

Wenn unser Glaube nicht mehr als ein Standpunkt ist,
den wir einmal für immer bezogen,
und nicht lebt und gelebt und erfahren wird,
dann ist er tot und wir selbst sind betrogen.

Wenn unsre Liebe nicht mehr ist als ein Gefühl,
reserviert für besondere Stunden,
und nicht die treibende Kraft unseres Lebens,
dann ist sie tot und schlägt tödliche Wunden.

Und wenn unsre Hoffnung nicht mehr als ein Weltbild ist,
mit dem wir uns und andere vertrösten,
und nicht Richtschnur für unsere Arbeit,
dann ist sie tot, weil wir sie von dir lösten.

Und hinter jeder dieser großen „Wenn´s", die von den Gefahren berichten, im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung in die Irre zu gehen, bittet er Gott:
    
Vater, lehr uns, was glauben, hoffen, lieben heißt,
und überwinde so den Tod!
Vater, gib uns deinen Geist,
und schaffe in uns Leben durch dein Wort.

Dazu stärke und bewahre uns alle der barmherzige Gott. Amen.
 
Pfr.Paul Wassmer (18. So. n. Trin., 20.10.2019, Maulburg)