Predigt Jesaja 55, 1-3a

 
Lesung Jes. 55, 1-3a:
 
"Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und ihr, die ihr kein Geld habt, kommt her und kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was
nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Hört, so werdet ihr leben!“
 
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. 
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Wie ein orientalischer Händler, mit lautem Geschrei und wild gestikulierend, preist der Prophet Jesaja in dem Bibeltext für den heutigen Sonntag seine Waren an.
 
Er macht sich damit mit denen gleich, die man damals überall auf den Märkten und Plätzen antreffen konnte. Den flinken Wasserverkäufern, die immer dort, wo sich in der heißen Sonne Menschen versammelten, mit lautem Geschrei den durstigen Kehlen ihr köstliches Nass anpriesen, das sie in großen Behältern aus Ziegenfell mit sich führten und das sie in die nicht immer sonderlich saubere Gläser gossen. Und den Zuckerbäckern, die sich direkt daneben aufstellten und die auf großen Blechen ihre kuchenartigen Gebäckstücke bereithielten. Wiederum nicht immer auf der höchsten Stufe mitteleuropäischer Hygiene, dafür aber mit umso durchdringenderem Rufen: „Hey, Ihr da! Hier gibt es etwas zu essen. Leckeren, süßen Kuchen, der euren Gaumen entzückt. Kommt her und esst!“
 
Mitten in diesem Getümmel steht auch der Prophet Jesaja, und bietet mit lauter Stimme für alle, die durstig sind, Wasser an. Und etwas zu essen, für alle, die hungrig sind.
 
Aber der Prophet spricht nicht von keinem Durst, der sich mit einem Schluck Wasser stillen ließe. Und von keinem Hunger, der sich durch ein Knurren im Magen bemerkbar macht. Nein, ihm geht es um einen Durst und Hunger unserer Seele. Einem Durst nach Leben. Einem Hunger nach mehr.
 
Kennen Sie einen solchen Durst? Und einen solchen Hunger? 
Und nach was dürstet es Sie?
 
Nach etwas Abkühlung, in der Hitze dieser Tage?
Nach Ruhe? Mitten in dem Stress des Alltags?
Nach Frieden? Mitten in dem Streit, zu Hause, in der Firma, oder in der Welt?
Nach Hoffnung? Dass nicht alles in unserer Welt immer nur schlechter wird, sondern manches auch besser?
 
Oder nach Gerechtigkeit und nach einem Sinn im Leben? Dass sich nicht immer die Lautesten und Rüpelhaftesten am Ende durchsetzen, sondern diejenigen, die auf die Gerechtigkeit achten. Und auf den Frieden.
 
Nach was dürstet es Sie? Und welchen Hunger verspüren Sie, wenn Sie in sich hineinhorchen?
 
Ernesto Cardenal, ein Dichter und katholischer Priester aus Lateinamerika, der im Jahr 2020 im Alter von 95 Jahren verstorben ist, schreibt von diesem Durst und Hunger nach Leben. Er sagt, dass in allen Menschen „der gleiche Funke unstillbaren Verlangens wohnt, das gleiche heimliche Feuer, der gleiche tiefe Abgrund“.
 
Das heißt, dieser Durst, dieser Hunger verbindet uns Menschen, auch wenn jede und jeder diesen Durst und diesen Hunger an einer anderen Stelle spürt … und auf eine andere Art und Weise.
Aber was ist das für ein Durst, der uns so umtreibt? Und den wir Menschen immer wieder zudecken, überspielen, zur Seite schieben, weil er quer steht zu unserem Leben. Quer zu den normalen Dingen, die wir sonst machen. Kochen und Spülen. Arbeiten und Schlafen. Essen und uns vor den Fernseher setzen. Das ist unser Leben, sagen wir. Und doch wissen wir dabei: Das ist es nicht. Das ist nur die äußere Hülle. Aber innen, innen, da ist noch mehr. Da ist dieser Durst. 
 
Ernesto Cardenal schreibt: Um diesen Durst zu stillen „werden alle Verbrechen begangen und alle Kriege gekämpft“ um diesen Durst zu stillen „lieben und hassen sich die Menschen“. Um diesen Durst zu stillen „werden Berge bestiegen und die Tiefen der Meere erforscht“, es wird „geherrscht und intrigiert, gebaut und geschrieben, gesungen, geweint und geliebt. Alles menschliche Tun, sogar die Sünde“, sagt er, ist ein Versuch, diesen Durst zu stillen.
 
Aber alle diese Versuche scheitern. Über andere zu herrschen, sei es im Großen, wie Donald Trump oder Wladimir Putin es tun, oder sei es im Kleinen, als Hausdrache in der eigenen Familie oder als Firmenchef seinen Untergebenen gegenüber, stillt diesen Durst nicht. Genauso wenig wie er sich durch das Besteigen von Bergen stillen lässt, durch das Schreiben von Romanen oder das Bauen von Häusern. Das alles hilft vielleicht diesen Durst eine Zeit lang zu übertünchen, ja, ihn für eine gewisse Zeit zur Seite zu schieben, aber stillen, nein stillen lässt sich dieser Durst dadurch nicht.
 
Stillen lässt er sich nur durch eines.
 
Durch die Liebe. 
 
Durch eine Liebe, die einen von innen her erfüllt.
Für die wir nicht kämpfen müssen,
die wir uns auch nicht erarbeiten müssen.
Die uns einfach geschenkt wird.
So, wie wir sind.
 
Durch eine Liebe,
die uns annimmt, mit unseren Ecken und Kanten
und manchmal auch trotz unserer Ecken und Kanten,
einer Liebe,
die sich selbst nicht verkantet,
sich nicht verhakt im Klein-Klein des Lebens,
die auch die Schrammen des Leben aushält, 
die großen, wie die kleinen,
und die trotzdem noch da ist,
unerschütterlich,
großmütig,
sanft.
 
Eine Liebe,
die nicht aufzählt
und uns auch keine Rechnung präsentiert,
weder für den Sonnenschein am Morgen,
noch für das Rauschen der Blätter im Wind,
nicht für den Schnee
und auch nicht für die Schmetterlinge.
Nicht für die Luft, die wir atmen,
Tag für Tag, und Zug für Zug, 
und auch nicht für den Blick auf die Sterne,
die unendlich weit von uns entfernt für uns leuchten.
Nicht für die Tage,
die uns geschenkt sind,
die Minuten und Stunden,
die wir mit allem Möglichen füllen,
Und auch nicht für die Abende und Nächte,
die wir verfeiert oder verschlafen haben,
Eine Liebe, die das alles nicht aufzählt
und uns dafür auch keine Rechnung präsentiert,
sondern die sagt: 

"Es war mir ein Vergnügen.
 Ich habe es gern gemacht.
 Für dich."
 
Eine solche Liebe löscht den Durst. Eine solche Liebe stillt den Hunger.
 
Was es dazu braucht?
 
Nur ein Ohr, sagt der Prophet Jesaja. 
Nicht mehr.
 
Nur ein Ohr zum Hören.
Und zum Aufnehmen.
 
Es kostet kein Geld, es gibt auch keine langen Anmeldefristen und auch keine Aufnahmeprüfung. Nein. Diese Liebe ist umsonst. Absolut umsonst.
 
Sicher, es gibt auf dem religiösen Markt viele Anbieter, bei denen man kräftig zahlen muss. Da gibt es Coaching-Kurse für die Seele hier, da gibt es eine siebentägige Wellness-Kur für den Körper und den Geist da. Auf dem Markt der Möglichkeiten ist alles vorhanden. 
 
Aber brauchen, sagt der Prophet, brauchen tun wir das alles nicht.
Wir brauchen nur zu Hören. Das ist alles.
 
Hört her, ruft er, und der Durst eurer Seele wird gelöscht.
Hört her, und der Hunger in euch wird gestillt.
Gott selbst wird den Durst und den Hunger in eurer Seele stillen.
 
Den Durst nach Hoffnung. Einer Hoffnung, die daran festhält, dass selbst das schlimmste Elend, der schrecklichste Krieg, die brutalsten Krankheit, den schrecklichsten Verlust, noch nicht das Ende ist. Nicht bei Gott, und auch nicht bei uns Menschen. 
 
Den Hunger nach Frieden. Einem Frieden, der es nicht nötig hat, über andere zu herrschen, um glücklich zu sein, ein Friede, der sich daran freut, wenn sich die Menschen verstehen, wenn sie lachen, und glücklich sind.
 
Und den Hunger nach Gerechtigkeit. Einer Gerechtigkeit, hier und jetzt, mögen die Herrscher auch noch so toben. Mögen sie sich auch noch so selbstherrlich über alle Gesetze stellen, die Gesetze des Anstands und der Moral, die Gesetze ihrer Länder oder des internationalen Rechts. Am Ende werden diese Herrscher nicht triumphieren, sagt Gott, nicht bei mir – und auch nicht unter den Menschen.
 
Gott schenkt uns eine solche Hoffnung, der über unsere Welt hinausgeht. 
Er schenkt uns einen solchen Frieden, der in uns beginnt und von dort aus in die Welt hinein wachsen kann.
Und er schenkt uns ein Herz für die Gerechtigkeit.
 
Darum hört auf Gottes Worte, denn sie stillen euren Durst und löschen euren Hunger. Ja, hört auf Gottes Worte, die euch Leben schenken. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
(Zitate Ernesto Cardenal aus: Ernesto Cardenal; Die Stunde Null, S. 277 ff, 1.Auflage 1980, Peter Hammer Verlag, Wuppertal.)
 
Pfr. Paul Wassmer, 2. So. n. Trinitatas, 29. Juni 2025, Maulburg