Predigt Lk. 18, 1-8
Lesung:
„Jesus ermutigte seine Jüngerinnen und Jünger, sie sollten mit dem Beten nicht nachlassen. Dazu erzählte er ihnen folgendes Gleichnis:
„In einer Stadt lebte ein Richter, der weder von Gottesfurcht, noch von Menschenliebe etwas hielt. In der gleichen Stadt wohnte aber auch eine Witwe, die kam zu ihm und sprach: „Verschaffe mir Recht gegenüber meinen Widersachern.“ Der Richter verschleppte das Verfahren lange Zeit, aber dann sagte er sich: „Gott und die Menschen sind mir egal. Doch diese Witwe geht mir langsam auf die Nerven. Ich will das Verfahren wieder aufnehmen, damit sie am Ende nicht noch kommt und mir ins Gesicht schlägt.“ Jesus sprach dazu: „Hört genau hin, was der ungerechte Richter sagt! Um wie viel mehr wird Gott seinen Auserwählten Recht schaffen, wenn sie ihn am Tag und in der Nacht rufen. Meint ihr nicht, dass er sich ihrer erbarmen wird? Ich sage euch: Ganz sicher wird er ihnen Recht schaffen in Kürze.“ (Lk. 18, 1-8)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne reden und hören. Amen.
Liebe Gemeinde! Wenn ein Baum wächst, so tut er das möglichst gerade. Er streckt sich mit allem, was er hat, nach dem Licht aus. Der Stamm wächst der Sonne entgegen - und die Äste strecken sich nach allen Seiten aus – so dass die Blätter möglichst viel Licht aufnehmen können.
Manche Bäume wachsen genau so. Sie stehen allein auf einer Wiese und sehen von allen Seiten rund und schön aus. Andere Bäume stehen im Wald und sind von größeren Bäumen umgeben. Sie mussten sich im Laufe ihres Wachstums einen Ort suchen, an dem es für sie einen Platz gab - ein Stückchen Erde für ihre Wurzeln – ein Stückchen Himmel, für ihre Blätter oder Nadeln.
Bäume, die so aufwachsen, sehen meist nicht rund und schön aus, sondern haben meist nur auf der einen Seite Äste, während die andere Seite kahl ist. So wie die Bäume, die am Wandrand stehen.
Ich denke, Sie kennen solche Bäume - Bäume, die manchmal ein wenig seltsam aussehen. Wie auch die Bäume, die allein stehen und gleichmäßig gewachsen sind.
Und vielleicht - während sie mir so zuhören und sich diese Bäume vorstellen - überlegen Sie: Was hat das alles mit unserer Geschichte von Jesus zu tun, die sie eben in der Lesung gehört haben? Aber haben Sie Geduld. Es kommt noch.
Also: um bei den Bäumen zu bleiben:
Ich ging während meines Zivildienstes viel im Odenwald spazieren. Dort gibt es vor allem Buchen. Buchen besitzen ein sehr hartes Holz. Mit diesem harten Holz können sie beim Wachstum manchmal ihre ganz eigenen Wege gehen.
Eine Buche war zum Beispiel an einer Stelle gewachsen, an der es für sie, wegen eines Überhangs, keinen Platz nach oben gab. So wuchs sie - nach nur wenigen Zentimetern - zur Seite. Aber dort, wo es Platz und Licht von oben gab, änderte sie ihre Richtung. Fast so, als ob nichts gewesen wäre.
Bäume sind manchmal wie Menschen - oder Menschen wie Bäume. Wenn es uns gut geht und alles optimal läuft, entwickeln wir uns rundum gut. Manche Menschen haben so etwas Rundes - in sich Abgeschlossenes - im positiven Sinn. Sie sind sich von allen Seiten ähnlich - andere gleichen eher Bäumen, die am Waldrand stehen: sie sind aufgeteilt - in eine starke Seite auf der einen Hälfte - und einer schwachen Seite auf der anderen.
Manche Menschen ähneln vielleicht auch der Buche, von der ich gerade erzählt habe. Denn es ist im Leben ja nicht immer so, dass alles optimal läuft. Wenn wir ehrlich sind, ist das sogar eher die Ausnahme. Meist gibt es irgendetwas, das an uns zehrt oder zieht. Manchmal verdunkelt auch etwas das eigene Leben.
So wie bei der Buche, die unter ihrem dunklen Überhang aufgewachsen ist. Jahrelang wuchs sie - mit nur wenig Licht - zur Seite. Und nur weil sie so hart war - und belastbar, war es überhaupt möglich, dass sie diese Zeit überleben konnte. Und nur durch ihre Beharrlichkeit - und ihre Härte - hat sie dann - nach Jahren, in denen vieles Dunkel blieb, die Stelle erreicht, an der der Himmel über ihr plötzlich frei wurde und sie ihr Wachstum wieder nach oben lenken konnte - von wo sie neues Licht, Kraft und Leben erfuhr.
Manche Menschen sind wie diese Buche. Sie sind hart und kräftig. Sie passen sich auch widrigen Umständen an und wachsen, wenn es nicht anders möglich ist, innerlich zur Seite. Menschen sind Überlebenskünstler - irgendwie wursteln sie sich immer durch.
Ein berühmter Theologe hat einmal ein Buch über die Menschen geschrieben, das ganz ähnlich klingt. Es heißt: „Krummes Holz - aufrechter Gang.“ In diesem Titel steckt etwas von dem Wissen, dass wir als Menschen meist nicht gerade wachsen. Schließlich gibt es immer etwas, das uns im Weg steht - aber zugleich ist in dem Titel des Buches die Hoffnung zu finden, dass trotz unserem manchmal krummen Holz, aus dem wir bestehen, für uns ein aufrechter Gang möglich ist.
Nur: Wie geht das? Wie soll jemand aufrecht gehen – der sich in seinem Leben immer nur gekrümmt hat?
Ist es nicht eher so, dass irgendwann dieses „Gekrümmtsein“ die Oberhand gewinnt? So dass wir uns nur immer noch mehr krümmen, und uns immer mehr in uns verkriechen, wie in einem Schneckenhaus – weil wir die Erfahrung verinnerlicht haben, dass wir überall wohin wir uns ausstrecken, nur anstoßen?
So dass wir am Ende völlig in uns selbst verkrümmt leben?
Martin Luther, der Begründer unserer evangelischen Kirche, hat nicht das Mensch-Sein, aber die Sünde so beschrieben: als ein „In-sich-verkrümmt-Sein!“ Und dort, wo die Sünde zu übermächtig wird - da sieht manchmal auch unser Leben so aus.
Bäume schaffen das nicht, sich ganz in sich einzuigeln - irgendwo hören Vergleiche auf und beginnen zu hinken. Bäume können nicht im Kreis wachsen - wie wir Menschen es manchmal tun. Sie richten sich immer wieder nach dem Licht aus.
Darin sind sie uns Menschen ein Vorbild. Denn auch wir können dem Licht entgegenwachsen. Wenn wir uns nach ihm ausrichten.
Und hier, liebe Gemeinde, komme ich an die Stelle, in der wir bei unserem Beispiel - den Bäumen - die Kurve nehmen und in Richtung der Geschichte aus der Bibel einbiegen. Denn so, wie Jesus mit seinem Beispiel vom ungerechten Richter die Menschen aufrief, mit dem Beten nicht nachzulassen, so möchte ich dies in dieser Predigt mit dem Beispiel von den Bäumen tun.
Denn das Beten lohnt sich - auch und gerade dann - wenn alles um einem dunkel ist. Es lohnt sich, weil wir beim Beten - ähnlich wie die Bäume – uns dem Licht entgegenstrecken. Wir öffnen Gott unser Herz und unseren Verstand – ja, wir strecken uns ihm mit allem, was wir haben - entgegen - und nehmen so die Gegenbewegung ein, zu dem „In-sich-verkrümmt-Sein“, das uns nur lähmt und zerstört. Und wir tun das nicht allein. Sondern gemeinsam mit Gott.
Wenn man profan veranlagt wäre, könnte man das Beten auch als eine Art von seelischer Gymnastik nennen. So wie andere Morgens eine Runde Joggen gehen, damit ihr Körper nicht einrostet, so strecken wir uns beim Beten Gott entgegen – und arbeiten so der inneren Verkrümmung unserer Seele entgegen.
Wer betet, streckt seine Seele aus, und schenkt ihr so Luft und Platz zum Wachsen, so dass sie sich entfalten kann, wie ein Baum, der auf einer Wiese steht. Das Beten hilft uns die Zeiten durchzuhalten, die dunkel sind – und in denen uns das Licht fehlt. Denn im Beten halten wir die Hoffnung aufrecht, dass dieses Licht wiederkommt.
In der Natur fangen viele Vögel früh am Morgen, wenn es noch dunkel ist, an zu singen. Beten ist manchmal wie ein Singen in der Nacht. In der Hoffnung, dass der Morgen kommt. Dass Gott kommt - und uns hört.
„Hört nicht auf zu Beten“ ruft Jesus - „auch wenn ihr nicht sofort eine Antwort auf euer Gebet bekommt. Gott hört euch.
Ihm könnt ihr alles erzählen. Das tut gut - in einer Welt, in der sonst vieles verschwiegen wird. Ein solches offenes Sprechen klärt den Geist. Vor Gott sieht unser Leben oft noch einmal ganz anders aus.
Manches, was einem eben noch wichtig erschien, wird plötzlich nichtig und klein, während anderes auf einmal Bedeutung bekommt. Vertrauen, das man anderen geschenkt hat. Das zählt. Das Geld auf der Bank. Naja. Es ist angenehm ja, aber es macht letztlich nicht unser Leben aus. Vor und mit Gott das eigene Leben zu bedenken, hilft, das eigene Leben an den Ort zu rücken, wo es hingehört, so dass wir mit unserem Leben nicht ins Leere laufen. Und manchmal finden wir – im Beten – auch etwas von dem Leben zurück, das uns zuvor an anderer Stelle verloren gegangen ist.
Kein Wunder, dass viele Wege so beginnen. Mit einem Gebet.
„Hört mit dem Beten nicht auf!“ ruft Jesus uns zu. Denn das Beten hilft uns - krummes Holz das wir sind, nicht in unserem Schneckenhaus verkrümmt zu leben, sondern uns mit unserem Leben zu öffnen. Es hilft uns, aufrecht zu gehen, auch in unsicheren oder turbulenten Zeiten.
Dazu stärke und behüte euch der barmherzige Gott. Amen.
Lasst uns miteinander und füreinander beten:
Barmherziger Gott
Manchmal fehlen uns die Worte – Unser Herz quillt über, aber wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Sei du bei uns und hilf uns zu beten. Schenke uns Kraft und Licht. Wir rufen zu dir:
Manchmal fehlen uns die Worte – Unser Herz quillt über, aber wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Sei du bei uns und hilf uns zu beten. Schenke uns Kraft und Licht. Wir rufen zu dir:
Herr, erhöre uns.
Wenn uns von außen ein kalter Wind umweht, schließen wir Menschen uns gerne ein. Befreie uns Gott aus dem Schneckenhaus der Angst und der Sorgen. Und hilf uns, krummes Holz, das wir sind, zu einem aufrechten Gang. Wir rufen zu dir:
Herr, erhöre uns.
Menschen sind nicht wie Bäume. Menschen haben Beine, sie können Situationen verlassen, die unerträglich sind. Menschen haben Hände, sie können Situationen verändern. Menschen haben einander. Sie können etwas füreinander und miteinander tun. Hilf uns, in diesen turbulenten Zeiten, füreinander da zu sein. Wir rufen zu dir:
Herr, erhöre uns.
Barmherziger Gott
wir bitten dich um Frieden. Um Frieden, für die Menschen in der Ukraine. Um Frieden, für die Menschen in Israel. Um Frieden, für die Menschen in Russland. Und für die Menschen in Palästina. Lass du in dieser Welt einen Frieden wachsen, der auf Gerechtigkeit beruht und nicht auf Macht. Der Leben schenkt und nicht die Wurzel für neuen Unfrieden in sich trägt. Wir rufen zu dir:
wir bitten dich um Frieden. Um Frieden, für die Menschen in der Ukraine. Um Frieden, für die Menschen in Israel. Um Frieden, für die Menschen in Russland. Und für die Menschen in Palästina. Lass du in dieser Welt einen Frieden wachsen, der auf Gerechtigkeit beruht und nicht auf Macht. Der Leben schenkt und nicht die Wurzel für neuen Unfrieden in sich trägt. Wir rufen zu dir:
Herr, erhöre uns
Pfr. Paul Wassmer, Maulburg 10. Nov. 2024
