Predigt Lk. 18, 31-43 (Pfr. Paul Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Stellen Sie sich vor, sie machen eine Reise: eine Wanderung, zu Fuß, quer durch das Land. Sie packen alles ein, was sie für die Reise brauchen, Proviant, etwas zu trinken, das richtige Schuhwerk und eine Kopfbedeckung als Schutz vor der Sonne - dann geht es los. Kaum sind Sie losgelaufen, begegnen Sie den ersten Leuten. Sie kommen miteinander ins Gespräch und die Zeit vergeht wie im Flug.
 So geht es auch den Jüngern Jesu. Sie haben sich mit Jesus zu Fuß von Galiläa in Richtung Jerusalem aufgemacht. Aber dauernd treffen sie jemanden, dauernd ist etwas anderes los, so dass nicht dazukommen, sich über das Ziel und den Zweck ihrer Reise auszutauschen. Aber dann, kurz vor der letzten Etappe, ruft Jesus seine Freude zu sich. Im 18. Kapitel des Lukasevangeliums heißt es:

„Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: „Seht, wir gehen jetzt hinauf nach Jerusalem. Dort wird sich alles erfüllen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben. Der Menschensohn wird den Heiden ausgeliefert werden. Sie werden ihn verspotten, misshandeln und anspucken, dann werden sie ihn geißeln und töten. Und am dritten Tage wird er auferstehen." Die Jünger aber verstanden nichts von dem, was Jesus sagte. Sie begriffen nicht, wovon er redete und was er meinte.

So gelangten sie nach Jericho. Dort saß ein Blinder am Rande des Weges und bettelte. Als der Blinde die vielen Menschen an sich vorbei gehen hörte, fragte er, was da los sei. Man sagte ihm: „Jesus von Nazareth kommt gerade vorbei!" Da begann er zu schreien: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Die an der Spitze des Zuges Laufenden fuhren ihn an und sagten, er solle still sein. Er aber schrie umso mehr: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!"
 Da blieb Jesus stehen und ließ den Mann zu sich bringen. Als der Blinde näher herangekommen war, fragte ihn Jesus: „Was ist dein Wunsch? Was soll ich für dich tun?" Der Blinde antwortete: „Herr, mach, dass ich sehen kann." Da sagte Jesus ihm: „Sei wieder sehend! Dein Glaube hat dir geholfen." Im selben Augenblick konnte der Blinde wieder sehen und er folgte Jesus auf dem Weg nach und lobte Gott. Und auch alle Leute, die das mit angesehen hatten, lobten mit ihm Gott."
    

Liebe Gemeinde
die heutige Geschichte aus der Bibel ist voller Gegensätze. Da sind auf der einen Seite die Menschen, die Jesus nahe stehen. Ihnen verrät Jesus vor der letzten Etappe der Reise, was er in Jerusalem auf sich zukommen sieht. Nicht von einem triumphalen Einzug ist da die Rede, nichts von Ruhm und Macht, sondern davon, dass die, die von Gott auserwählt sind, manchmal Schmerz und Tod auf sich nehmen müssen, dass am Ende aber alles gut wird. Was aber geschieht? Hören die Jünger, was Jesus sagt? Nein. Obwohl sie ihm so nah stehen, begreifen sie nichts. Sie verstehen nicht, was er ihnen erzählt. Oder wollen es nicht verstehen. Sie sind blind.

Zu viel Nähe kann manchmal zu einer solchen Blindheit führen. Sie können das ganz einfach bei sich zu Hause ausprobieren: stellen Sie sich dort ganz nah vor einen Spiegel. Was können sie dann noch von sich sehen? So gut wie nichts. So ist das auch mit anderen Menschen: wenn wir tagtäglich mit ihnen zu tun haben, wird unser Blick leicht müde. Wir meinen dann schon alles zu wissen und sehen nicht mehr so genau hin. So übersehen wir - wie die Freunde von Jesus - leicht die wichtigen Signale, in unserer Familie, wie auch in unserem Land.

In der Geschichte in der Bibel ist deshalb auf der anderen Seite noch jemand anderes zu sehen. Er ist der Gegenpol in der Geschichte. Der Mann, von dem an dieser Stelle erzählt wird, ist ein Bettler. Ein blinder Bettler. Trotzdem bekommt er mit, dass etwas Besonderes um ihn herum geschieht. Als er erfährt, dass der Lärm um ihn herum daher stammt, dass Jesus in die Stadt kommt, ruft und schreit er solange, bis Jesus ihn schließlich zu sich bringen lässt.
 So geht sie los, die Geschichte: Mit den einen, die ganz nah sind und doch nichts sehen, und dem einen anderen, der von außen kommt, der blind ist, und der doch in Jesus etwas sieht, das allen anderen verborgen bleibt.

Dieser blinde Mann, so erzählt die Bibel, fällt mit seinem Verhalten auf. Dafür muss er erst einmal Kritik einstecken. Er soll still sein, heißt es. Vielleicht auch weniger freundlich: Er solle sein Maul halten. Wer weiß schon, wie die Leute damals sprachen? Zu Bettlern und Blinden, zu Menschen, die nichts mehr für die Gesellschaft taten? Was konnte er schon wollen? Bestimmt wieder nur Geld. Das kannte man ja schon. Das will keiner mehr hören. So soll er still sein! Genauso wie die Menschen in unserem Land, die am Rand stehen, still sein sollen, die, über die man abwertend spricht, nur weil sie nicht so viel Geld haben, aus einem anderen Land stammen oder irgendein Handycup haben. Aber der Mann in der Geschichte kümmert sich nicht darum.

Mir macht dieser Mann Mut. Mut, ebenfalls nicht still zu sein und mich nicht mit irgendwelchen billigen Vertröstungen abspeisen zu lassen, dort, wo etwas nicht stimmt. Er macht mir Mut, mich zu trauen, hin zu stehen und mich nicht mundtot machen zu lassen. Sicher, solche Leute nerven. Aber noch mehr nervt es, sich an das Unrecht zu gewöhnen. Noch mehr nervt es, gar nichts mehr zu wollen und sich alle Wünsche bereits im Vorfeld ausreden zu lassen.

Und dann treffen der Mann und Jesus aufeinander. Mittlerweile ist die Luft schon voller Anspannung. Die einen wollen, dass nun endlich Ruhe ist und alles wie gewohnt weitergeht, während die anderen neugierig sind, was sich aus der ganzen Sache noch entwickelt. Schließlich geschieht ja sonst kaum etwas in der Gegend, da muss man nehmen, was man bekommt.

Und Jesus? Der lässt sich von dieser Anspannung nicht weiter beeindrucken, sondern fragt den Mann ganz offen: „Was ist dein Wunsch? Was soll ich für dich tun?"

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich berührt die Offenheit, mit der Jesus diesem blinden Bettler begegnet. Jesus stellt sich nicht über den anderen, sondern neben ihn, da ist keine Bevormundung zu spüren, kein schon vorher Wissen, was der andere braucht, da ist nur das Ich und das Du - und die Begegnung der beiden. Offen, frei, für alles, was kommt.

Ich habe in meiner alten Gemeinde ein Musical zu dieser Geschichte aufgeführt. Dort kamen an dieser Stelle Leute zu Wort, die schon immer zu wissen glaubten, was der Blinde will. In dem Musical findet sich Jesus mit diesem übergriffigem Verhalten nicht ab, sondern geht auf die Leute zu und stellt ihnen die gleiche Frage, wie dem Bettler: Was willst du? Direkt nach dieser Frage traten die einzelnen Schauspieler nach vorne an den Bühnenrand und sahen in das Publikum. Dort überlegten sie. „Was will ich? Was will ich wirklich? Will ich Geld? Oder  Einfluss? Will ich Macht oder will ich beliebt sein? Was will ich wirklich? Vielleicht will ich ja einfach nur meine Oma wiedersehen, die ich als Kind geliebt habe und die schon lange tot ist? Oder fünfzehn Minuten, in denen niemand etwas von mir will und die ganz allein mir gehören? Was will ich wirklich?

    Es war ein magischer Momente auf der Bühne. Ein Moment der Begegnung. Und der Klärung.

Solche Momente der Klärung bräuchten wir viel mehr in unserer Welt. Was würde zum Beispiel jemand aus Hanau auf diese Frage antworten, jemand, der selbst vielleicht aus einem anderen Land stammt und aus nächster Nähe miterlebte, wie der Terror in der Stadt wütete. Was würde er antworten, auf die Frage, was willst du?

Vielleicht dies? Ich will, dass keiner hier in Deutschland Angst haben muss, Gewalt zu erleiden oder erschossen zu werden, nur weil er oder sie etwas anders aussieht, als die anderen. Ich will, dass die Hetze gegen Ausländer aufhört. Und dass das unterschwellige Klima, das Menschen aus anderen Ländern zu Menschen zweiter Klasse macht, von einem Sturm der Empörung weggeweht wird. Ich will, dass sich die Menschen in Deutschland gegen jede Herabsetzung anderer Menschen wehren und nicht heimlich Beifall klatschen. Und dass jeder, der eine gefährliche Waffe besitzt, regelmäßig daraufhin überprüft wird, ob er diese Waffe wirklich braucht und ob er oder sie fähig ist, die Verantwortung für diese Waffe zu tragen.

Ja, es könnte einem so manches einfallen, auf die Frage, was willst du.

Was wäre es bei Ihnen? Was ist ihr Wunsch? Was würden Sie antworten, wenn Jesus Sie fragen würde. „Was willst du?"

Der Mann in der Geschichte damals sagte: „Ich will sehen. Das ist mein Wunsch, seit meinen Kindheitstagen. Ich will die Farben wieder sehen und das Lachen in den Augen der Menschen. Ich will sehen, wie die Kinder spielen und wie die Sonne auf und untergeht. Ich will am Leben teilhaben, mit allem, was dazugehört und nicht nur am Rand stehen. Ich will sehen und die Welt begreifen, will erkennen, was sie im Innersten zusammenhält. Also heile mich. Mach mich wieder sehend."

Und Jesus? Er sagt: „So soll es sein. Dein Wunsch soll sich erfüllen. Sei wieder sehend.  Dein Glaube hat dir schon geholfen." Und im gleichen Moment, so heißt es in der Geschichte, konnte der Mann wieder sehen.

Dein Glaube, sagt Jesus, hat das Wunder vollbracht. Nicht ich, Jesus war es, und auch nicht du, sondern das, was sich an Vertrauen, an Liebe, an Kraft in dir angesammelt hat, das hat dir geholfen. Nicht deine Macht und auch nicht dein Wille oder dein mühsam gesammeltes Geld. Nein, der Glaube war es, der dir die Tür zum Heilwerden geöffnet hat.

Mein Glaube, liebe Gemeinde, ist selten so groß, dass ich ihm so etwas zutrauen würde. Das glaube ich zumindest. Obwohl mich diese Geschichte etwas anderes lehrt. Denn sie sagt: Manchmal kann dein Glaube viel mehr, als das, was du glaubst. Er hilft dir zum Beispiel zu sehen. Er hilft dir, die Menschen zu sehen. Er hilft dir zu vertrauen und zu sehen, dass dieses Vertrauen zu dir zurück kommt. Er hilft dir, nicht auf Geld, auf Macht und auf Zahlen zu sehen, sondern auf Menschen, und so das Leben zu finden.

Es gibt eine Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry, in der - in einer entscheidenden Szene - der Satz fällt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Denn das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Eben mit diesem Herzen zu sehen, dazu hilft der Glaube. Weil er sich nicht mit der Oberfläche der Welt zufrieden gibt, sondern tiefer blickt.

Und so sind wir, liebe Gemeinde, an das Ende der Geschichte angekommen, in der der Blinde sieht, während die Sehenden um ihn herum noch immer nichts begreifen.

Und die spannende Frage am Schluss ist: Wo sind wir in dieser Geschichte? Sind wir bei den Freunden Jesu? Vielleicht ganz nah, aber doch blind, weil wir das, was uns nicht gefällt, nicht sehen wollen? Oder sind wir bei dem Bettler? Dem Außenseiter, der voller Schwächen ist, der sich auch ´mal danebenbenimmt, dem aber am Ende die Augen geöffnet werden und der mit offenen Augen Jesus nachfolgt?

Wo sind wir in dieser Geschichte?

Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: dass auch ich oft blind bin für mich und meine Wünsche. Und darum auch blind für meine Nächsten. Und dass ich so jemanden wie Jesus brauche, der mich fragt: Was willst du? Der mir die Augen öffnet, für das tagtägliche Unrecht, an das ich mich gewöhnt habe oder bei dem ich meine, nichts dagegen tun zu können. Und der mir die Augen dafür öffnet, mit dem Herzen zu sehen. Denn nur mit dem Herzen sehen wir wirklich. Ansonsten sind wir blind. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer (Estomihi, 23.2.2020, Maulburg)