Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
so einschränkend, wie eine Krise ist – wenn es gut geht, hilft eine Krise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vielleicht habe ich mich deshalb plötzlich daran erinnert, dass ich das Vater unser, das wesentliche Gebet unseres Glaubens, schon einmal in Form einer großen Sonnenblume gesehen habe. Ich habe diese Sonnenblume deshalb heute hier vorne an die Stellwand gepinnt. Ich weiß, dass Sie von den hinteren Plätzen aus die einzelnen Worte nicht entziffern können, die auf den gelben Blättern stehen. Das macht aber gar nichts, denn Sie kennen das Vater Unser.
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
so einschränkend, wie eine Krise ist – wenn es gut geht, hilft eine Krise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vielleicht habe ich mich deshalb plötzlich daran erinnert, dass ich das Vater unser, das wesentliche Gebet unseres Glaubens, schon einmal in Form einer großen Sonnenblume gesehen habe. Ich habe diese Sonnenblume deshalb heute hier vorne an die Stellwand gepinnt. Ich weiß, dass Sie von den hinteren Plätzen aus die einzelnen Worte nicht entziffern können, die auf den gelben Blättern stehen. Das macht aber gar nichts, denn Sie kennen das Vater Unser.

Um die runde Blütenmitte herum stehen die sechs Bitten des Vater unsers. Auf jedem Blütenblatt steht eine Bitte: von „Geheiligt werde dein Name." … bis hin zu „und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen." In der runden gelben Mitte sind nur der Anfang und der Schluss zu lesen. Also: „Vater unser im Himmel." -die Anrede Und: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen" - der Schluss
Ich will mich heute auf die Mitte der Sonnenblume konzentrieren: Auf das Wesentliche. Also genau darauf, was wir von Gott erwarten können, von Gott, der hier als „Vater im Himmel" angeredet wird und von Gott, dem am Schluss drei große Worte zugeordnet werden: Reich, Kraft und Herrlichkeit.
Als erstes also nun : Gedanken zum Beginn des Vater Unsers: Vater unser im Himmel
Wir haben eben in der Lesung schon gehört, was Jesus selbst zum Beten sagt. Im Matthäusevangelium heißt es:
„Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer; schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen. ….Wenn ihr dann betet, dann leiert nicht Gebetsworte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie viele Worte machen. Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was hier braucht, bevor ihr ihn bittet." (Matthäus 6,6-7)
Soweit das Matthäusevangelium. Schon in der Anrede von Gott als „Vater" steckt für Jesus eine unglaubliche Nähe zu Gott. Er will uns begreiflich machen, dass wir zu Gott so reden können, wie zu den Menschen, die uns von Geburt an die allervertrautesten sind: Unsere Eltern.
Vater, das hört sich in unserem Sprachgebrauch so ernst und streng an. Im Aramäischen, der Muttersprache Jesu, klingt das gar nicht so. Jesus redet Gott in seiner Muttersprache mit „Abba" an. Das ist ein Kosewort und bedeutet soviel wie Papa oder Papi oder wie auch immer die Papas angesprochen werden. Eines jedenfalls ist klar: Für Jesus ist Gott ein ganz naher Gesprächspartner. So nah, dass wir Gott auch nicht viel erklären müssen – so ähnlich, wie wir guten Freundinnen und Freunden auch keine langen Erklärungen liefern müssen. So wie bei der der besten Freundin oder dem besten Freund manchmal ein Blick oder ein Seufzer oder ein Grinsen ausreicht um sich zu verständigen – so stellt sich Jesus vor, dass wir uns mit Gott verständigen können. Gott ist dann eine weitere nahe Bezugsperson für uns, eine, die immer ansprechbar ist. Gott, also, ganz nah, ganz greifbar, ganz konkret. Und genau deshalb, weil Jesus einfach so von Gott und zu Gott spricht, als direkt gegenüber, haben etliche Menschen Schwierigkeiten damit.
Ich will nur zwei Probleme nennen:
Das eine: Alle, die schlechte Erfahrungen mit ihrem Elternhaus, mit Vater oder Mutter gemacht haben, die im Elternhaus Prügel und Ungerechtigkeit, Kälte oder Missbrauch erlebt haben – denen ist der Zugang versperrt, warum Gott ausgerechnet als Vater angeredet wird. Leicht schieben sich die eigenen schlechten Erfahrungen dazwischen und zerstören das, was Jesus eigentlich über Gott sagen wollte, nämlich, dass wir Gott unbedingt vertrauen können.
Und das zweite: Wieso nur „Vater Unser" und nicht auch „Mutter Unser"? Ganz sicher hat die Anrede Vater dazu beigetragen, dass sich die meisten Menschen Gott als Mann vorstellen, obwohl Gott in der Bibel genauso als „tröstende Mutter" beschrieben wird. Auch hier also hinkt der Vergleich – so wie alle Vergleiche hinken – denn Gott ist viel mehr als das, wie wir ihn oder sie anreden. Gott selbst ist ja nicht ein Mann oder eine Frau, eine Mutter oder ein Vater. All diese Bilder von Gott brauchen wir ja nur als Hilfskrücken, um uns überhaupt etwas unter Gott vorstellen zu können. Und sicher wäre es der Gerechtigkeit halber ganz gut, die nächsten 2000 Jahre zur Abwechslung mit „Mutter unser" zu beginnen.
Wie auch immer. Eins will ich zu den ersten Worten des zentralen christlichen Gebets festhalten: Jesus ermutigt uns schon in den ersten Worten dazu, Gott ganz ungeniert und vertrauensvoll anzusprechen, genau so, wie wir die Menschen ansprechen, denen wir ohne Vorbehalt vertrauen – ob sie nun Mama, Papa, beste Freundin oder bester Freund heißen. Gott also, so verstehe ich die ersten vier Worte, verdient uneingeschränktes Vertrauen als einer oder eine, die uns versteht und hört, besser als wir uns manchmal selbst verstehen.
Und nun zum zweiten Satz, der heute im Mittelpunkt steht. Dem Schlusssatz. Er heißt:
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen"
Hier geht es am Schluss um die großen Hoffnungen, die wir mit Gott verbinden.
Reich Gottes – der Traum von einer Welt und einem Leben, in dem es gerecht, friedlich und liebevoll zugeht. Kraft Gottes – die Hoffnung darauf, dass Gott uns die Kraft verleiht, unser Leben zu bewältigen, auch in einer Krise. Herrlichkeit in Ewigkeit – ein weiter Blick über unseren kleinen Lebenshorizont hinaus, hin zu einem Aufgehobensein in Gottes Ewigkeit.
Aus dem letzten Satz des Vater unsers spricht die Hoffnung, dass Gott uns mit unseren Sorgen nicht allein lässt. Auch nicht in Corona-Zeiten. Allerdings hilft Gott oft nicht so, wie wir das gerne hätten. Mir ist zu diesem letzten Satz eine rabbinische Geschichte eingefallen.
Diese Geschichte möchte ich Ihnen nun zum Schluss erzählen. Sie geht so:
Es war Hochwasser in der Stadt. Der Wasserpegel stieg. Leute kamen zum Rabbi und riefen: „Komm weg von hier, Du bist in Gefahr!"
Der Rabbi schüttelte den Kopf, blieb in seinem Haus und sagte:
„Gott wird helfen.‘‘
Das Wasser stieg weiter, so hoch, dass es über die Fensterrahmen ins Haus hineinfloss. Da kamen Schulkinder in einem Boot herangefahren und riefen: „Rabbi, komm‘ heraus, bring‘ dich in Sicherheit!". Der Rabbi aber schüttelte abermals energisch den Kopf und sagte:
„Gott wird helfen!"
Inzwischen stieg das Wasser so hoch, dass der Rabbi aufs Dach klettern musste, um nicht zu ertrinken. Da kamen Leute im Rettungshubschrauber und rollten eine Rettungsleiter aus. Der Rabbi aber weigerte sich, blieb auf seinem Dach und sagte: „Gott wird helfen."
Bald darauf kam der Rabbi im Himmel an. Er war sehr wütend und beschwerte sich heftig bei Gott: „Immer habe ich dir vertraut, mein ganzes Leben lang habe ich dich geliebt und geachtet – und du hast mir nicht geholfen!"
Gott antwortete: Ich habe dir zuerst deine Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Dorf, dann die Schulkinder mit dem Boot und zum Schluss sogar einen Rettungshubschrauber geschickt. Was hätte ich denn noch tun sollen?
Soweit die Geschichte.
Für mich ist an ihr bemerkenswert, dass wir es oft gerne so hätten wie dieser Rabbi. Wenn das Wasser höher und höher steigt, wenn sich die Epidemie zu einer weltweiten Pandemie steigert, wenn ein Land nach dem anderen vor einem kleinen Virus in die Knie zu gehen droht: Dann hätten wir gerne, dass Gott das Elend stoppt. Schließlich glauben wir, dass Gottes Kraft viel größer ist als alles, was unser Leben auf unserer kleinen Erde bestimmt. Warum tut Gott nicht endlich was, um das Leid und das Sterben zu stoppen?
Die Rabbigeschichte antwortet ganz behutsam: Überlasst es Gott, wie er oder sie eingreifen will. Haltet lieber Augen und Ohren offen, ob nicht schon längst Hilfe unterwegs ist, die Ihr so vielleicht gar nicht erwartet habt. Gott ist schon längst mitten unter Euch und sieht, was Euch fehlt.
Gottes Reich und Gottes Kraft entwickeln sich mitten in Eurem Leben – auch durch andere Menschen, die Euch unterstützen, wenn Euch das Wasser bis zum Hals steht. Traut Gott zu, dass er euch hilft – aber seid offen dafür, wie diese Hilfe aussieht.
Wenn ich mir nun zum Schluss die Mitte der Sonnenblume anschaue, dann lese ich aus ihr:
Vater unser im Himmel – Gott ist als ganz naher Vertrauter, als ganz nahe Vertraute, für uns da. Gott hört und versteht uns, manchmal besser, als wir uns selbst verstehen
Und: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit - Gottes Kraft wird uns aus der Krise helfen, auch wenn Gottes Hilfe oft anders aussieht als erwartet.
Deshalb beten wir weiter, mit all unserer kleinen Kraft und hoffen auf Gottes große Kraft. Amen.
Pfrin. Bärbel Wassmer, Sonntag Rogate, 17. Mai 2020
Das eine: Alle, die schlechte Erfahrungen mit ihrem Elternhaus, mit Vater oder Mutter gemacht haben, die im Elternhaus Prügel und Ungerechtigkeit, Kälte oder Missbrauch erlebt haben – denen ist der Zugang versperrt, warum Gott ausgerechnet als Vater angeredet wird. Leicht schieben sich die eigenen schlechten Erfahrungen dazwischen und zerstören das, was Jesus eigentlich über Gott sagen wollte, nämlich, dass wir Gott unbedingt vertrauen können.
Und das zweite: Wieso nur „Vater Unser" und nicht auch „Mutter Unser"? Ganz sicher hat die Anrede Vater dazu beigetragen, dass sich die meisten Menschen Gott als Mann vorstellen, obwohl Gott in der Bibel genauso als „tröstende Mutter" beschrieben wird. Auch hier also hinkt der Vergleich – so wie alle Vergleiche hinken – denn Gott ist viel mehr als das, wie wir ihn oder sie anreden. Gott selbst ist ja nicht ein Mann oder eine Frau, eine Mutter oder ein Vater. All diese Bilder von Gott brauchen wir ja nur als Hilfskrücken, um uns überhaupt etwas unter Gott vorstellen zu können. Und sicher wäre es der Gerechtigkeit halber ganz gut, die nächsten 2000 Jahre zur Abwechslung mit „Mutter unser" zu beginnen.
Wie auch immer. Eins will ich zu den ersten Worten des zentralen christlichen Gebets festhalten: Jesus ermutigt uns schon in den ersten Worten dazu, Gott ganz ungeniert und vertrauensvoll anzusprechen, genau so, wie wir die Menschen ansprechen, denen wir ohne Vorbehalt vertrauen – ob sie nun Mama, Papa, beste Freundin oder bester Freund heißen. Gott also, so verstehe ich die ersten vier Worte, verdient uneingeschränktes Vertrauen als einer oder eine, die uns versteht und hört, besser als wir uns manchmal selbst verstehen.
Und nun zum zweiten Satz, der heute im Mittelpunkt steht. Dem Schlusssatz. Er heißt:
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen"
Hier geht es am Schluss um die großen Hoffnungen, die wir mit Gott verbinden.
Reich Gottes – der Traum von einer Welt und einem Leben, in dem es gerecht, friedlich und liebevoll zugeht. Kraft Gottes – die Hoffnung darauf, dass Gott uns die Kraft verleiht, unser Leben zu bewältigen, auch in einer Krise. Herrlichkeit in Ewigkeit – ein weiter Blick über unseren kleinen Lebenshorizont hinaus, hin zu einem Aufgehobensein in Gottes Ewigkeit.
Aus dem letzten Satz des Vater unsers spricht die Hoffnung, dass Gott uns mit unseren Sorgen nicht allein lässt. Auch nicht in Corona-Zeiten. Allerdings hilft Gott oft nicht so, wie wir das gerne hätten. Mir ist zu diesem letzten Satz eine rabbinische Geschichte eingefallen.
Diese Geschichte möchte ich Ihnen nun zum Schluss erzählen. Sie geht so:
Es war Hochwasser in der Stadt. Der Wasserpegel stieg. Leute kamen zum Rabbi und riefen: „Komm weg von hier, Du bist in Gefahr!"
Der Rabbi schüttelte den Kopf, blieb in seinem Haus und sagte:
„Gott wird helfen.‘‘
Das Wasser stieg weiter, so hoch, dass es über die Fensterrahmen ins Haus hineinfloss. Da kamen Schulkinder in einem Boot herangefahren und riefen: „Rabbi, komm‘ heraus, bring‘ dich in Sicherheit!". Der Rabbi aber schüttelte abermals energisch den Kopf und sagte:
„Gott wird helfen!"
Inzwischen stieg das Wasser so hoch, dass der Rabbi aufs Dach klettern musste, um nicht zu ertrinken. Da kamen Leute im Rettungshubschrauber und rollten eine Rettungsleiter aus. Der Rabbi aber weigerte sich, blieb auf seinem Dach und sagte: „Gott wird helfen."
Bald darauf kam der Rabbi im Himmel an. Er war sehr wütend und beschwerte sich heftig bei Gott: „Immer habe ich dir vertraut, mein ganzes Leben lang habe ich dich geliebt und geachtet – und du hast mir nicht geholfen!"
Gott antwortete: Ich habe dir zuerst deine Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Dorf, dann die Schulkinder mit dem Boot und zum Schluss sogar einen Rettungshubschrauber geschickt. Was hätte ich denn noch tun sollen?
Soweit die Geschichte.
Für mich ist an ihr bemerkenswert, dass wir es oft gerne so hätten wie dieser Rabbi. Wenn das Wasser höher und höher steigt, wenn sich die Epidemie zu einer weltweiten Pandemie steigert, wenn ein Land nach dem anderen vor einem kleinen Virus in die Knie zu gehen droht: Dann hätten wir gerne, dass Gott das Elend stoppt. Schließlich glauben wir, dass Gottes Kraft viel größer ist als alles, was unser Leben auf unserer kleinen Erde bestimmt. Warum tut Gott nicht endlich was, um das Leid und das Sterben zu stoppen?
Die Rabbigeschichte antwortet ganz behutsam: Überlasst es Gott, wie er oder sie eingreifen will. Haltet lieber Augen und Ohren offen, ob nicht schon längst Hilfe unterwegs ist, die Ihr so vielleicht gar nicht erwartet habt. Gott ist schon längst mitten unter Euch und sieht, was Euch fehlt.
Gottes Reich und Gottes Kraft entwickeln sich mitten in Eurem Leben – auch durch andere Menschen, die Euch unterstützen, wenn Euch das Wasser bis zum Hals steht. Traut Gott zu, dass er euch hilft – aber seid offen dafür, wie diese Hilfe aussieht.
Wenn ich mir nun zum Schluss die Mitte der Sonnenblume anschaue, dann lese ich aus ihr:
Vater unser im Himmel – Gott ist als ganz naher Vertrauter, als ganz nahe Vertraute, für uns da. Gott hört und versteht uns, manchmal besser, als wir uns selbst verstehen
Und: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit - Gottes Kraft wird uns aus der Krise helfen, auch wenn Gottes Hilfe oft anders aussieht als erwartet.
Deshalb beten wir weiter, mit all unserer kleinen Kraft und hoffen auf Gottes große Kraft. Amen.
Pfrin. Bärbel Wassmer, Sonntag Rogate, 17. Mai 2020
