Predigt Mk. 3, 31-35 (Pfr. Paul Wassmer)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne reden und hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Jede Familie ist anders. Jede Familie ist wie ein Mikrokosmos, der nach seinen ganz eigenen Regeln funktioniert. Oft sind diese Gesetze und Regeln nicht einmal ausgesprochen - trotzdem weiß jede und jeder, was in der eigenen Familie geht - und was nicht. Denn wir haben diese Regeln mit der Muttermilch aufgesogen.
Was ist aber nun, wenn jemand die vielen ungeschriebenen Regeln einfach ignoriert und so tut, als ginge ihn das alles gar nichts an? Davon erzählt die heutige Geschichte aus der Bibel. Wir hören aus dem Markusevangelium, Kapitel 3. Dort heißt es:
„Es kamen die Mutter von Jesus und seine Geschwister und sie standen vor dem Haus (in dem Jesus war) und sie schickten jemand, um ihn herauszurufen. Im Haus saßen viele Menschen um Jesus. Sie sprachen zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und fragen nach dir." Da antwortete Jesus und sprach: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?" Und er sah ringsum auf die Menschen, die um ihn im Kreis sassen, und sprach: „Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Geschwister! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.
Liebe Gemeinde
Ganz schön hart, was Jesus da macht. Ganz schön abgebrüht, ja fast gemein. Er verleugnet seine eigene Mutter und lässt sie mit seinen Geschwistern draußen vor der Tür stehen. Was ist da im Vorfeld passiert?, möchte man fragen. Oder hat das alles gar nichts mit seiner Familie zu tun, sondern hat ganz andere Gründe?
Solche Fragen haben sich damals bestimmt auch seine Mutter und seine Geschwister gestellt. Ebenso wie viele andere Menschen sich diese Fragen stellen, die in ihrer Familie etwas Ähnliches erlebt haben: dass sich ein Familienmitglied von ihnen losgesagt hat und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte; ja, dass es vielleicht sogar zu einem Kontaktabbruch kam, so dass niemand mehr wusste, was mit dem anderen los war. War er oder sie in eine obskure Sekte geraten? Oder im Sumpf irgendwelcher Drogen abgetaucht? Nahm er oder sie einem etwas übel, von dem man selbst vielleicht gar nichts wusste? Irgendein Wort, vielleicht einmal flapsig daher gesagt, das aber für den anderen mit einer unheimlichen Bedeutung aufgeladen wurde, so dass es zu dieser Trennung führte? Was war nur los? Spinne ich - oder spinnt der andere?
Für die Mutter von Jesus und seine Geschwister war die Sache damals klar. Wer hier verrückt war, das war Jesus. Sie dachten, er sei von Sinnen, so heißt es in der Bibel (Mk. 3,21). Ja, es kam ihnen verrückt vor, was er alles machte. Dämonen austreiben, Jünger um sich versammeln, ohne Geld durch das Land ziehen, Menschen heilen und dabei immer wieder alle möglichen Gebote missachten, ... nein, der Junge war eindeutig auf die schiefe Bahn geraten und es war höchste Zeit, um seinetwillen - und um der Ehre der Familie willen - der ganzen Sache Einhalt zu gebieten.
Nur, dass sich Jesus um die Intervention seiner Familie nicht kümmert. Er lässt sie auflaufen, lässt sie einfach draußen vor der Tür stehen, so dass sie sich vorkommen, als wären sie bestellt und nicht abgeholt. Ihre Vorstellungen von einem rechtschaffenen Leben, von einem Leben, wie es sein soll, wird in diesem Moment noch einmal mit Füßen getreten. Was sollen sie machen? Sollen sie nun zurücktreten? Ihn nicht nur festhalten, sondern zu stärkeren Mitteln greifen? Ihm heimlich auflauern, nachts, und nach Hause verschleppen? Wer weiß, was seine Brüder damals dachten? Wir könnten das tun, dachten sie vielleicht. Für uns und unsere Familie. Damit die Schande ein Ende hat, in unserem kleinen Dorf, in dem schon alle reden. Und ja, auch wegen ihm. Das alles kann ja nicht gut sein.
So oder so ähnlich denken manche Familien. Mir fällt ein Bericht von einem türkischen Mädchen ein, das nicht mehr so leben wollte, wie es sich seine Familie vorstellte. Kein ewiges Ja sagen, keine Heirat mit einem Mann, den der Vater für sie heraussucht. Sie will sie selbst sein, ihr eigenes Leben leben. So zog sie fort. In die große Stadt. Sie zog kurze Kleider an, amüsierte sich, verliebte sich in einen Mann, der kein Muslime war. Bis dann die Brüder kamen und all´ dem ein Ende bereiteten. Sie brachten sie um, um die Ehre der Familie wieder herzustellen, die angeblich verletzt war. Immer wieder kommen solche Taten vor, auch hier in Deutschland. Opfer sind meist die eigenen Schwestern ... oder Töchter.
Wer weiß, was damals also die Brüder von Jesus dachten? Denn die Gesellschaft damals war auch patriarchal. Ja, sie war mindestens genauso von Männern und eigenartigen Ehrbegriffen bestimmt, wie viele Gesellschaften noch heute. Und trotzdem ist manches anders. Das fängt schon mit dem Vater an. Er ist nicht da. Da ist kein Josef, der wütend vor der Tür steht. Nur Maria. Und ihre Kinder. Das ist das Erste. Die Familie ist nicht komplett. Ist der Mann von Maria vielleicht gestorben? Schließlich taucht er in keinem Evangelium außerhalb der Kindheitsgeschichten auf. Irgendetwas muss also mit ihm geschehen sein. Sein Tod erklärt seine Abwesenheit am Einfachsten. Schließlich war Maria jung, als sie ihn heiratete - oder umgekehrt gedacht - er war ein gutes Stück älter als sie. Und allzu alt wurde man damals nicht, schließlich gab es zur Zeit Jesu noch keine moderne Medizin. Das ist das Erste, was mir auffällt. Jesus macht seine Abkehr von seiner Familie in einer vaterlosen Welt. Und wenn er von einem Vater spricht, dann von seinem Vater im Himmel. Und der ist nicht wütend. Der hat keine seltsamen Ehrbegriffe, die sich darum drehen, dass die eigenen männlichen Machtansprüche nicht beschnitten werden, sondern der ist die Liebe, so wie wir es in der Lesung gehört haben.
Was ist noch anders?
Jesus ist nicht allein. Um ihn herum sind ständig Leute. So viele, dass niemand an ihn herankommt. Die Brüder nicht, genauso wenig wie die Pharisäer, die Jesus aus ganz anderen Gründen greifen wollen. Nein, solange Jesus sich in Galiläa aufhielt, war er durch seine Freunde geschützt. Sie waren seine neue Familie. Die Menschen, die ständig um ihn waren, wie zuvor seine Mutter, seine Schwestern und Brüder. Von daher passen seine Worte. Seine neuen Bezugspersonen sind für ihn da, so wie früher seine Familie für ihn da war.
Was war noch anders?
Ich glaube Jesus war anders. Auch wenn er in dieser Geschichte überaus schroff erscheint. Trotzdem glaube ich: er war nicht so. Nicht in seinem Herzen. Ich glaube, es tat ihm genauso weh, wie es seiner Mutter und seinen Geschwistern vor der Tür weh tat. Aber es musste sein, dachte er. Es ging nicht anders. Nur so konnte er, er selbst sein. Nur so konnte er seinen eigenen Weg gehen. Den Weg, den er bei Johannes dem Täufer in der Wüste entdeckt hatte. Und auch wenn es hart war: besser so, als gar nicht.
Denn es ist eine Illusion zu glauben, man könnten sich innerlich weiterentwickeln, ohne die Menschen zu enttäuschen, die man liebt. Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte den eigenen Weg finden, ohne nicht auch durch Scherben zu gehen.
Jesus geht in dieser Geschichte durch Scherben. Dabei glaube ich, er selbst spürte den Schmerz genauso, wie seine Mutter und seine Geschwister. Wenn nicht sogar noch mehr. Trotzdem tut er es. Weil manchmal nur etwas Neues anfängt, wenn etwas Altes zerbricht. Weil manchmal Stillstand und Stillhalten keine Alternative ist. Das macht uns Mut. Denn es zeigt uns, dass auch wir nicht immer nur lieb sein müssen, nicht immer nur brav, wenn wir heranwachsen. Es zeigt uns, dass wir uns nicht verbiegen lassen müssen, unter den Ansprüchen und Anforderungen der Menschen, die uns lieben, sondern dass wir zu uns selbst stehen dürfen, auch wenn wir nicht immer wissen, wer wir sind. Wir dürfen es trotzdem. Weil es auch Jesus tat.
Keiner muss, nur weil der Vater studiert hat, auch selbst studieren. Man kann auch mit seiner Hände Arbeit glücklich werden.
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne reden und hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Jede Familie ist anders. Jede Familie ist wie ein Mikrokosmos, der nach seinen ganz eigenen Regeln funktioniert. Oft sind diese Gesetze und Regeln nicht einmal ausgesprochen - trotzdem weiß jede und jeder, was in der eigenen Familie geht - und was nicht. Denn wir haben diese Regeln mit der Muttermilch aufgesogen.
Was ist aber nun, wenn jemand die vielen ungeschriebenen Regeln einfach ignoriert und so tut, als ginge ihn das alles gar nichts an? Davon erzählt die heutige Geschichte aus der Bibel. Wir hören aus dem Markusevangelium, Kapitel 3. Dort heißt es:
„Es kamen die Mutter von Jesus und seine Geschwister und sie standen vor dem Haus (in dem Jesus war) und sie schickten jemand, um ihn herauszurufen. Im Haus saßen viele Menschen um Jesus. Sie sprachen zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und fragen nach dir." Da antwortete Jesus und sprach: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?" Und er sah ringsum auf die Menschen, die um ihn im Kreis sassen, und sprach: „Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Geschwister! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.
Liebe Gemeinde
Ganz schön hart, was Jesus da macht. Ganz schön abgebrüht, ja fast gemein. Er verleugnet seine eigene Mutter und lässt sie mit seinen Geschwistern draußen vor der Tür stehen. Was ist da im Vorfeld passiert?, möchte man fragen. Oder hat das alles gar nichts mit seiner Familie zu tun, sondern hat ganz andere Gründe?
Solche Fragen haben sich damals bestimmt auch seine Mutter und seine Geschwister gestellt. Ebenso wie viele andere Menschen sich diese Fragen stellen, die in ihrer Familie etwas Ähnliches erlebt haben: dass sich ein Familienmitglied von ihnen losgesagt hat und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte; ja, dass es vielleicht sogar zu einem Kontaktabbruch kam, so dass niemand mehr wusste, was mit dem anderen los war. War er oder sie in eine obskure Sekte geraten? Oder im Sumpf irgendwelcher Drogen abgetaucht? Nahm er oder sie einem etwas übel, von dem man selbst vielleicht gar nichts wusste? Irgendein Wort, vielleicht einmal flapsig daher gesagt, das aber für den anderen mit einer unheimlichen Bedeutung aufgeladen wurde, so dass es zu dieser Trennung führte? Was war nur los? Spinne ich - oder spinnt der andere?
Für die Mutter von Jesus und seine Geschwister war die Sache damals klar. Wer hier verrückt war, das war Jesus. Sie dachten, er sei von Sinnen, so heißt es in der Bibel (Mk. 3,21). Ja, es kam ihnen verrückt vor, was er alles machte. Dämonen austreiben, Jünger um sich versammeln, ohne Geld durch das Land ziehen, Menschen heilen und dabei immer wieder alle möglichen Gebote missachten, ... nein, der Junge war eindeutig auf die schiefe Bahn geraten und es war höchste Zeit, um seinetwillen - und um der Ehre der Familie willen - der ganzen Sache Einhalt zu gebieten.
Nur, dass sich Jesus um die Intervention seiner Familie nicht kümmert. Er lässt sie auflaufen, lässt sie einfach draußen vor der Tür stehen, so dass sie sich vorkommen, als wären sie bestellt und nicht abgeholt. Ihre Vorstellungen von einem rechtschaffenen Leben, von einem Leben, wie es sein soll, wird in diesem Moment noch einmal mit Füßen getreten. Was sollen sie machen? Sollen sie nun zurücktreten? Ihn nicht nur festhalten, sondern zu stärkeren Mitteln greifen? Ihm heimlich auflauern, nachts, und nach Hause verschleppen? Wer weiß, was seine Brüder damals dachten? Wir könnten das tun, dachten sie vielleicht. Für uns und unsere Familie. Damit die Schande ein Ende hat, in unserem kleinen Dorf, in dem schon alle reden. Und ja, auch wegen ihm. Das alles kann ja nicht gut sein.
So oder so ähnlich denken manche Familien. Mir fällt ein Bericht von einem türkischen Mädchen ein, das nicht mehr so leben wollte, wie es sich seine Familie vorstellte. Kein ewiges Ja sagen, keine Heirat mit einem Mann, den der Vater für sie heraussucht. Sie will sie selbst sein, ihr eigenes Leben leben. So zog sie fort. In die große Stadt. Sie zog kurze Kleider an, amüsierte sich, verliebte sich in einen Mann, der kein Muslime war. Bis dann die Brüder kamen und all´ dem ein Ende bereiteten. Sie brachten sie um, um die Ehre der Familie wieder herzustellen, die angeblich verletzt war. Immer wieder kommen solche Taten vor, auch hier in Deutschland. Opfer sind meist die eigenen Schwestern ... oder Töchter.
Wer weiß, was damals also die Brüder von Jesus dachten? Denn die Gesellschaft damals war auch patriarchal. Ja, sie war mindestens genauso von Männern und eigenartigen Ehrbegriffen bestimmt, wie viele Gesellschaften noch heute. Und trotzdem ist manches anders. Das fängt schon mit dem Vater an. Er ist nicht da. Da ist kein Josef, der wütend vor der Tür steht. Nur Maria. Und ihre Kinder. Das ist das Erste. Die Familie ist nicht komplett. Ist der Mann von Maria vielleicht gestorben? Schließlich taucht er in keinem Evangelium außerhalb der Kindheitsgeschichten auf. Irgendetwas muss also mit ihm geschehen sein. Sein Tod erklärt seine Abwesenheit am Einfachsten. Schließlich war Maria jung, als sie ihn heiratete - oder umgekehrt gedacht - er war ein gutes Stück älter als sie. Und allzu alt wurde man damals nicht, schließlich gab es zur Zeit Jesu noch keine moderne Medizin. Das ist das Erste, was mir auffällt. Jesus macht seine Abkehr von seiner Familie in einer vaterlosen Welt. Und wenn er von einem Vater spricht, dann von seinem Vater im Himmel. Und der ist nicht wütend. Der hat keine seltsamen Ehrbegriffe, die sich darum drehen, dass die eigenen männlichen Machtansprüche nicht beschnitten werden, sondern der ist die Liebe, so wie wir es in der Lesung gehört haben.
Was ist noch anders?
Jesus ist nicht allein. Um ihn herum sind ständig Leute. So viele, dass niemand an ihn herankommt. Die Brüder nicht, genauso wenig wie die Pharisäer, die Jesus aus ganz anderen Gründen greifen wollen. Nein, solange Jesus sich in Galiläa aufhielt, war er durch seine Freunde geschützt. Sie waren seine neue Familie. Die Menschen, die ständig um ihn waren, wie zuvor seine Mutter, seine Schwestern und Brüder. Von daher passen seine Worte. Seine neuen Bezugspersonen sind für ihn da, so wie früher seine Familie für ihn da war.
Was war noch anders?
Ich glaube Jesus war anders. Auch wenn er in dieser Geschichte überaus schroff erscheint. Trotzdem glaube ich: er war nicht so. Nicht in seinem Herzen. Ich glaube, es tat ihm genauso weh, wie es seiner Mutter und seinen Geschwistern vor der Tür weh tat. Aber es musste sein, dachte er. Es ging nicht anders. Nur so konnte er, er selbst sein. Nur so konnte er seinen eigenen Weg gehen. Den Weg, den er bei Johannes dem Täufer in der Wüste entdeckt hatte. Und auch wenn es hart war: besser so, als gar nicht.
Denn es ist eine Illusion zu glauben, man könnten sich innerlich weiterentwickeln, ohne die Menschen zu enttäuschen, die man liebt. Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte den eigenen Weg finden, ohne nicht auch durch Scherben zu gehen.
Jesus geht in dieser Geschichte durch Scherben. Dabei glaube ich, er selbst spürte den Schmerz genauso, wie seine Mutter und seine Geschwister. Wenn nicht sogar noch mehr. Trotzdem tut er es. Weil manchmal nur etwas Neues anfängt, wenn etwas Altes zerbricht. Weil manchmal Stillstand und Stillhalten keine Alternative ist. Das macht uns Mut. Denn es zeigt uns, dass auch wir nicht immer nur lieb sein müssen, nicht immer nur brav, wenn wir heranwachsen. Es zeigt uns, dass wir uns nicht verbiegen lassen müssen, unter den Ansprüchen und Anforderungen der Menschen, die uns lieben, sondern dass wir zu uns selbst stehen dürfen, auch wenn wir nicht immer wissen, wer wir sind. Wir dürfen es trotzdem. Weil es auch Jesus tat.
Keiner muss, nur weil der Vater studiert hat, auch selbst studieren. Man kann auch mit seiner Hände Arbeit glücklich werden.
Keiner muss, nur weil die ganze Familie Sport treibt, auch selbst sportlich sein. Manche suchen die Welt eher in Büchern ... oder in der Musik.
Keiner muss ... ich könnte diese Reihe noch ewig fortsetzen ... denn, was immer es ist, wir dürfen es sein, wenn es ein Teil von uns ist und wir das Leben der anderen damit nicht zerstören. Wir dürfen es sein, auch wenn wir damit die Menschen, die uns lieben, erst einmal enttäuschen. Enttäuschen, weil wir nicht so sind, wie sie. Weil wir ihre Erwartungen in uns nicht erfüllen. Trotzdem dürfen wir es. Ja, manchmal müssen wir es sogar, so wie damals Jesus. Damit wir innerlich nicht zerbrechen. Das ist das Eine.
Und das andere? Was ist das andere?
Das wir es dabei nicht belassen. Denn sonst wären wir irgendwann alle allein. Gerade wenn uns jemand liebt, kann er oder sie auf Dauer hoffentlich damit umgehen, dass wir nicht so sind, wie er oder sie es sich vorgestellt hat. Weil die konkrete Liebe größer ist als die Vorstellung einer solchen Liebe zum anderen. Und weil diese Liebe, wenn wir ihr den Weg bahnen, am Ende uns wieder zusammenführt. Durch alle Scherben hindurch. Über alle Gräben hinweg. Trotz aller Verletzungen.
Wie Jesus das damals wohl gemacht hat? Ich weiß es nicht. Aber ich wäre gern Mäuschen gewesen und hätte gelauscht. In der Bibel jedenfalls wird nichts davon berichtet. Aber es muss zu einer Art von Versöhnung gekommen sein. Denn nicht einmal ein oder zwei Jahre später begleitet seine Mutter Maria ihn auf seinem Zug nach Jerusalem. Sie geht an seiner Seite, voller Stolz. Und sein jüngerer Bruder Jakobus übernimmt nach seinem Tod sogar die Leitung der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Er macht es gut. Jakobus der Gerechte wird er von Allen nur genannt. Er leitet die Gemeinde auf seine eigene Art, nicht als eine Kopie von Jesus. Aber vielleicht hat er ja auch das bei Jesus gelernt. Dass das in Ordnung ist. Weil Gott nicht will, dass wir uns verbiegen, sondern dass wir aufrecht durch unser Leben gehen.
Von daher liebe Gemeinde, wünsche ich Ihnen anhand dieser Geschichte aus der Bibel zwei Dinge:
Zum Einen, den Mut, zu sich selbst zu stehen, so wie dies auch Jesus in der Geschichte getan hat. Den Mut, ihren eigenen Weg zu suchen, der ihnen hilft, aufrecht durch ihr Leben zu gehen, inmitten aller Ansprüche, die auf uns einprasseln.
Und zum Anderen: dass sie nicht dem Irrtum verfallen und glauben, das ginge nur allein. Als könnten wir nur bindungslos glücklich werden, nur ohne die anderen zu uns selbst finden. Nein. Oft ist es genau anders herum. Wir finden erst im anderen zu uns selbst. Wir finden zu uns, indem wir einem anderen unsere Liebe schenken - und von ihm oder ihr Liebe zurückerhalten. Und uns dabei nicht in unseren gegenseitigen Vorstellungen voneinander einsperren, sondern Türen öffnen, damit wir uns entwickeln können.
Zu einem solchen Leben - in dem wir uns selbst und einander finden - segne und behüte uns der barmherzige Gott. Amen.
Und das andere? Was ist das andere?
Das wir es dabei nicht belassen. Denn sonst wären wir irgendwann alle allein. Gerade wenn uns jemand liebt, kann er oder sie auf Dauer hoffentlich damit umgehen, dass wir nicht so sind, wie er oder sie es sich vorgestellt hat. Weil die konkrete Liebe größer ist als die Vorstellung einer solchen Liebe zum anderen. Und weil diese Liebe, wenn wir ihr den Weg bahnen, am Ende uns wieder zusammenführt. Durch alle Scherben hindurch. Über alle Gräben hinweg. Trotz aller Verletzungen.
Wie Jesus das damals wohl gemacht hat? Ich weiß es nicht. Aber ich wäre gern Mäuschen gewesen und hätte gelauscht. In der Bibel jedenfalls wird nichts davon berichtet. Aber es muss zu einer Art von Versöhnung gekommen sein. Denn nicht einmal ein oder zwei Jahre später begleitet seine Mutter Maria ihn auf seinem Zug nach Jerusalem. Sie geht an seiner Seite, voller Stolz. Und sein jüngerer Bruder Jakobus übernimmt nach seinem Tod sogar die Leitung der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Er macht es gut. Jakobus der Gerechte wird er von Allen nur genannt. Er leitet die Gemeinde auf seine eigene Art, nicht als eine Kopie von Jesus. Aber vielleicht hat er ja auch das bei Jesus gelernt. Dass das in Ordnung ist. Weil Gott nicht will, dass wir uns verbiegen, sondern dass wir aufrecht durch unser Leben gehen.
Von daher liebe Gemeinde, wünsche ich Ihnen anhand dieser Geschichte aus der Bibel zwei Dinge:
Zum Einen, den Mut, zu sich selbst zu stehen, so wie dies auch Jesus in der Geschichte getan hat. Den Mut, ihren eigenen Weg zu suchen, der ihnen hilft, aufrecht durch ihr Leben zu gehen, inmitten aller Ansprüche, die auf uns einprasseln.
Und zum Anderen: dass sie nicht dem Irrtum verfallen und glauben, das ginge nur allein. Als könnten wir nur bindungslos glücklich werden, nur ohne die anderen zu uns selbst finden. Nein. Oft ist es genau anders herum. Wir finden erst im anderen zu uns selbst. Wir finden zu uns, indem wir einem anderen unsere Liebe schenken - und von ihm oder ihr Liebe zurückerhalten. Und uns dabei nicht in unseren gegenseitigen Vorstellungen voneinander einsperren, sondern Türen öffnen, damit wir uns entwickeln können.
Zu einem solchen Leben - in dem wir uns selbst und einander finden - segne und behüte uns der barmherzige Gott. Amen.
Pfr. Paul Wassmer (13. So. n. Trin.15. Sept. 2019, Maulburg)
