Predigt Mk. 4, 35-41

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
voller Zuversicht sollen diese 7 Wochen der Passionszeit sein, und wir befinden uns  nun schon in der zweiten Woche voller Zuversicht. Oder etwa nicht? Haben Sie in der letzten Woche auch geschwankt zwischen Zuversicht und Angst, was von der Corona-Epidemie nun wirklich zu halten ist? Da passt es, dass uns der heutige Predigttext in ein wackeliges Boot führt, das in den Sturm kommt. Doch hören Sie selbst, aus dem Markusevangelium, im 4. Kapitel, die  die Verse 35-41:

Am Abend desselben Tages sprach Jesus zu den Jüngern: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind.

Liebe Gemeinde,
so kann es manchmal gehen. Ein beschaulicher Abend am See Genezareth. Das Boot schaukelt friedlich vor sich hin und hinten im Boot schläft Jesus ganz ruhig auf einem Kissen. Und während er noch schläft, wird es plötzlich unruhig auf dem Wasser, die Wellen werden höher und höher. Das Wasser kommt schon ins Boot hinein.

Wer kann da schon ruhig bleiben?

Ich behaupte mal, da wäre niemand von uns ganz ruhig. Und was die Freunde Jesu tun, das ist das Vernünftigste, was sie tun können – in dieser Situation. Es entsteht eine gewisse Hektik. Aktionismus. Sie fangen schon einmal an mit ersten Notmaßnahmen. Vielleicht kann man ja das hereingeschwappte Wasser schnell wieder rausschöpfen aus dem Boot.

Da sind jetzt viele Hände und praktischer Sachverstand gefragt, dann wird das Boot schon nicht untergehen.

Nichts anderes täten wir in so einer Situation, behaupte ich mal. Und zwar nicht nur, wenn eine Krankheitswelle droht – sondern auch in anderen Notsituationen, die jeder Mensch im Leben zu bewältigen hat. Denn wer hat nicht schon erlebt, dass auch im eigenen Leben ein Sturm losbrechen kann. Oft dann, wenn man ihn gar nicht erwartet hat: Eine plötzliche Krankheit, die alles verändert. Eine berufliche Krise mit ungewissem Ausgang. Sorgen um einen geliebten Menschen. Abschiede von Menschen, die ich mir ganz anders vorgestellt hätten.

Wir geraten als Einzelne und als Gesellschaft immer wieder in Situationen in denen wir uns nicht zurechtfinden und das Gefühl haben, dass das Wasser wie im Sturm über uns zusammenschlägt. Und die weiteren Nachrichten aus der letzten Woche waren ja auch alle zum Fürchten. Da stehen schon wieder Menschen zwischen den Grenzen von Ländern, die Krieg führen und die flüchtenden Menschen auch noch als Druckmittel benutzen. Klar, dass man erst mal alles tut was man kann. Und wenn das nichts hilft, dass man schreien möchte vor Angst und Gott wachrütteln: Hilf uns!!

Die Jünger im Boot fürchten sich zu Recht, denn sie sehen, dass die Wellen hochschlagen und im Boot das Wasser steht. Deswegen wecken sie Jesus auf. Sie wenden sich an den, von dem sie Hilfe erwarten. Mit anderen Worten: Sie gehen mit ihrer Angst vernünftig um. Und Jesus sorgt dafür, dass das Getöse ringsumher aufhört.
 
„Es entstand eine große Stille."

Was für ein Satz!
Neue Zuversicht entsteht anscheinend nicht im Herumlärmen. Nicht in wildem Tatendrang.
Erst recht nicht darin, dass man Panik predigt – denn so werden Menschen blind vor Angst und wissen sich nicht mehr zu helfen oder fuhrwerken ohne Sinn und Verstand herum.

Diese Art von Pessimismus ist die Pest.  Pessimismus als „Pestizismus" malt Horrorgemälde, die den Untergang der Welt heraufbeschwören. Das lähmt oder macht aggressiv. Zuversicht kommt anders zustande. Und genau das will die Fastenaktion „ Mit Zuversicht -7 Wochen ohne Pessimismus" wieder neu einüben.

Jesus sorgt für eine große Stille und fragt die Leute im Boot nach ihrer Furcht, danach ob sie – noch! – keinen Glauben haben. Der Kleinglaube, den er kritisiert, besteht darin, nicht zu vertrauen und stattdessen in wilde, hektische und vielleicht blinde Aktivität zu verfallen. Solcher Kleinglaube und die Angst lassen das Meer nur immer bedrohlicher werden. Je mehr man sich hineinsteigert, desto schlimmer wird es. Wir kennen das. Jesus selber zeigt einen Ausweg.

Er ist nicht etwa abwesend, er ruht. Im Schlaf, in den Bildern der Träume und in den Tiefen seiner Seele sammelt er neue Kraft und gewinnt an Stärke. Er ist verankert in Gott – deshalb wirft es ihn nicht so hin und her. Als es das doch einmal tut, später, im Garten Gethsemane, als seine Gefangennahme kurz bevorsteht und Jesus weint vor Angst, – wirft er seinen inneren Anker neu. Um all dem zu begegnen, was da so tobt und tost, braucht es innere Ruhe. Was uns weiter bringt, was uns Land sehen und neue Ufer entdecken lässt, ist nicht der liebe Gott, der mit großem Gedöns vom Himmel her eingreift. Es ist das Vertrauen darauf, dass Gott uns nie verlässt  und dass er immer mit im Boot sitzt und wir ihn nicht erst wachrütteln müssen. Diese Haltung, diese Einstellung verändert Leben.

Jesus weiß, dass Angst und Furcht etwas Normales sind und dass man erst lernen muss, damit umzugehen. Das Vertrauen, dass Gott unverbrüchlich an unserer Seite ist, muss wachsen. Deshalb sagt der Gottessohn an anderer Stelle: „In der Welt habt ihr Angst." Und zugleich sagt er: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Ich habe am letzten Sonntag eine sehr persönliche Geschichte dazu von Pfarrer Markus Rahn gehört.

Markus Rahn erzählte, wie er vor 20 Jahren plötzlich beim Arzt erfahren musste, dass er an Multiple Sklerose leidet. In ihm brach ein Sturm los, in den alle gerissen werden, die plötzlich so eine Diagnose erhalten. Angst, Unsicherheit, viele Fragen und nur wenig Zuversicht. Nach einer von vielen unruhigen Nächten wachte er an einem Morgen auf und hatte ein ganz klares Bild aus einem nächtlichen Traum vor Augen. Er träumte von einem kleinen Boot, das ruhig auf dem Wasser lag. In dem kleinen Boot lag ein ruhig schlafender Mensch auf einem Kissen. Und direkt neben ihm war ein Platz frei, mit einem zweiten Kissen. Markus Rahn hat ziemlich bald zum Pinsel gegriffen und hat das Boot mit den zwei Kissen gemalt, so wie er es im Traum vor sich gesehen hat.

Er wusste am Morgen sofort, dass er im Traum die Geschichte von Jesus im Boot neu gesehen hatte. Da war ein zweites Kissen! Warum sich nicht in Ruhe auf dem zweiten Kissen niederlassen und darauf vertrauen: Ich bin nicht allein in meinem Boot. Gott ist bei mir, ganz egal was kommt. Darauf kann ich mich verlassen.

Diese Zuversicht wünsche ich uns allen, nicht nur für die nächsten 6 Wochen. Ich wünsche diese Zuversicht der kleinen Klara, die heute mit Wasser getauft worden ist. Möge sie auch in Zeiten ihres Lebens, in denen das Wasser gefährlich ins Boot schwappt,  immer vertrauen können: Gott ist mit mir im Boot. Und mögen wir alle so zuversichtlich unsere Wege gehen, wie wir es gleich in der 7. Strophe des nächsten Liedes singen werden:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Amen
Pfrin. Bärbel Wassmer (Predigt zur Eröffnung der Aktion: Sieben Wochen mit Zuversicht, 8.3.2020, Maulburg)