Predigt Mk. 9,24 (Jahreslosung 2020) (Pfr. Paul Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.

Liebe Gemeinde
Abschied und Neuanfang stehen heute gemeinsam im Raum. Gerade eben haben wir den alten Kirchengemeinderat, der in den vergangenen Jahren mit viel Liebe und Kraft diese Gemeinde geleitet hat, verabschiedet - und gleich, im Anschluss an diese Predigt werden die neuen Kirchengemeinderäte in ihr Amt eingeführt - neugierig, gespannt, auf das, was kommt.

Mitten zwischen diesem Abschied und Neuanfang hören wir auf Worte aus der Bibel. Es ist eine Geschichte aus dem Markusevangelium, Kapitel Neun. Dort wird von einem Mann erzählt, der zu Jesus kommt. Dieser Mann sucht Hilfe. Sein Sohn ist krank. Nach unseren heutigen medizinischen Kenntnissen zeigt der Sohn alle Symptome einer epileptischen Erkrankung: Er wälzt sich auf dem Boden, er hat Schaum vor dem Mund, er ist nicht mehr ansprechbar. Die Menschen damals konnten diese Symptome nicht einordnen und so machte es ihnen, wie alles Fremde, das plötzlich und unerwartet über einen hereinbricht, Angst. Ein böser Geist, so sagten sie, hätte den Jungen befallen. Hoffnungslos sei es, etwas dagegen zu unternehmen. Diese Geschichte erzählt der Mann auch Jesus. Er hat sie von seiner Umgebung aufgesogen und sie zu seiner eigenen Geschichte gemacht. Aber Jesus widerspricht: „Alle Dinge sind da möglich ....", sagt er und macht dem Vater Hoffnung.
 Was aber macht der Vater? Stürzt er sich auf diese Hoffnung, wie ein Ertrinkender auf ein Rettungsfloß? Nein, das tut er nicht. Vielleicht hat er ja schon zu oft erlebt, wie ihm Menschen das Blaue vom Himmel herab versprachen, um einfach so noch hoffen zu können? So glaubt er nicht, dass alles von einem Moment auf den anderen wieder gut wird. Diese Zeit hat er längst hinter sich gelassen. Was aber macht er dann? Geht er weg, enttäuscht, dass noch so einer daher kommt, der meint, alle seine Probleme auf einen Schlag lösen zu können? Nein, auch das tut er nicht. Statt dessen sagt er die Worte, die auch als Jahreslosung über dieses neue Jahr stehen:

                             „Ich glaube; hilf meinem Unglauben" (Mk. 9,24)

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Was für Worte! Da steht einer auf Messers Schneide und weiß nicht Hüh oder Hott. Soll er springen, soll er vertrauen, soll er glauben? Es wäre ja schön ... aber ... wäre nur dieses „aber" nicht. Also nein, lieber den Zweifeln folgen. Aber wo führen uns diese Zweifel hin? Wo landen wir, wenn wir immer nur den Zweifeln und den Ängsten folgen? Nein, das kann es auch nicht sein. Was aber dann? Er weiß es nicht. Bis er einfach das sagt, was in ihm ist: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben."

Wobei? Das, was er sagt, ist mehr, als nur zu sagen, was in ihm ist. Da ist eine Bitte mit dabei, die dem Chaos, das in ihm tobt, eine Richtung gibt. Hilf mir, sagt der Mann. Lass mich nicht im Stich, mit meinem kranken Kind, auch wenn ich nicht mehr der starke Mann bin, der alles im Griff hat und nie die Hoffnung verliert.
Genau so erzählt es die Bibel. Sie erzählt damit eine Geschichte voller Menschlichkeit und Tiefe. Nur wenige Sätze, verdichtet, komprimiert. Und doch ist alles gesagt. Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Die Bibel ist voller solcher Geschichten. Geschichten, die sich die Menschen damals, in den ersten Tagen der Christenheit, mündlich weiter erzählten. Schließlich sind wir Menschen vor allem eines: Geschichtenerzählerinnen und Geschichtenerzähler. Wir erzählen immer wieder alle möglichen Geschichten. Wir erfinden uns in den Geschichten, die wir erzählen. Und wir finden uns in diesen Geschichten. Geschichten von unseren Erfolgen ... von der gelungenen Mathematik-Arbeit in der Schule oder dem bestandenen Führerschein ... von der erfolgreichen Bewerbung oder der Anerkennung, die wir in unserem Beruf bekommen ... wie auch von dem Glück, das wir in unseren Beziehungen erleben, oder, oder, oder ... Lauter kleine Geschichten, die wir uns und anderen erzählen, um uns in diesen Geschichten selbst zu finden und uns unseres Erfolgs zu vergewissern. Solche Geschichten sind wichtig. Sie helfen uns, durch unser Leben zu kommen.
 Denn schließlich hat das Leben ja auch noch etwas anderes zu bieten, als solche Erfolgsgeschichten. Es geht nicht immer alles gut. Da gibt es Enttäuschungen ... da läuft etwas aus dem Ruder ... da kommen wir an unsere Grenzen. Auch dazu gibt es Geschichten. Und auch diese Geschichten kennen wir. Geschichten von Krankheiten oder Abstürzen ... Geschichten vom Tod oder vom Untergang. Manchmal bekommen wir solche Geschichten erzählt und sie lassen uns fassungslos zurück. Manchmal erzählen wir sie uns selbst und sie entwickeln dabei leicht einen Sog, der uns mit sich zieht, dorthin, wo das Dunkle wohnt. So pendeln wir Menschen oft zwischen diesen beiden Arten von Geschichten hin und her. Manchmal sind wir Teil der einen Geschichte, und dann wieder Teil der anderen. Wir sind darin nichts Besonderes, sondern ein Spiegel unserer Gesellschaft. Denn auch sie pendelt zwischen diesen beiden Polen hin und her. Mal erzählt sie uns Fortschrittsgeschichten: von einer Technik, die sich immer weiter entwickelt oder von unserer Gesellschaft, die immer gerechter wird. Aber dann, wenn an diesem Mythos vom ständigen Fortschritt zu lange gekratzt wird, fällt sie plötzlich ins Gegenteil. Dann geht auf einmal alle Hoffnung verloren und es werden Untergangsgeschichten geschrieben: von einer Technik, die alles kaputt macht und einer Gesellschaft, die zerfällt und kurz vor dem Ende steht. Es sind, auf der einen wie auf der anderen Seite, sehr einseitige Geschichten, die da erzählt werden. Sie lassen uns Menschen nur wenig Luft zum Atmen. Sie sind wie ein Zug, in dem man, wenn man erst einmal eingestiegen ist, immer nur in eine Richtung fahren kann: entweder dem leuchtenden Licht des Fortschritts entgegen oder aber mitten in den Abgrund, gegen den jeder Widerstand zwecklos ist.

Dabei wissen wir, Geschichtenerzählerinnen und Geschichtenerzähler, die wir sind, dass beides nur Geschichten sind. Mythen unserer Zeit, die wir uns erzählen, um uns darin zu finden. Aber es sind schlichte Mythen, mit nur wenig Tiefe und Weisheit. Es sind Mythen einer modernen, technischen Welt, die keine Zeit und Kraft für ihre Geschichten aufwendet, so dass diese Geschichten blass und farblos bleiben.

Zum Glück sind sie nicht die einzigen Geschichten, die wir haben. Zum Glück haben wir die Bibel, die uns ganz andere Geschichten erzählt. Geschichten mit einem größeren inneren Reichtum. Geschichten, die ambivalenter sind, so dass sie auch Platz für unterschiedliche Gefühle haben. Geschichten, die dadurch menschlicher sind und letztlich auch weiter und tiefer, weiter und tiefer auch in der Hoffnung. Denn sie legen uns nicht auf ein entweder - oder fest, sondern öffnen uns Wege.

So wie bei dem Mann aus unserer Geschichte. Auch er könnte an seiner Fortschrittsgeschichte schreiben. Und vielleicht hat er das ja auch getan. Hat an dem Mythos des erfolgreichen Geschäftsmannes gearbeitet, der nur zufriedene Kunden hat oder an dem Mythos einer glücklichen Familie, mit seiner schönen Frau und seinen Kindern? Bis dieser Mythos auf einmal bröckelte ... bis plötzlich gar nichts mehr passte. Sein Sohn fällt immer wieder aus der Rolle. Er wälzt sich auf den Boden. Er hat Schaum vor dem Mund. Alle haben Angst. Angst um ihn. Aber auch Angst vor ihm. Was kommt als Nächstes?, fragen die Leute. So beginnen sie zu reden. Wie das eben so ist. Und schon bald ist seine Erfolgsgeschichte umgeschrieben. Nun heißt es nicht mehr: der erfolgreiche Geschäftsmann mit seiner glücklichen Familie. Nein, nun heißt es: der Mann mit dem kranken Kind, von dem man besser Abstand hält. Man weiß ja nie. Vielleicht springt einen der böse Geist ja sonst auch an? So bekommt der Mann Mitleid, statt Anerkennung. Und statt Erfolg bekommt er gute Ratschläge. Das zermürbt. Das lässt die Hoffnung sterben. Also schlägt das Pendel um. Wenn man schon nichts mehr machen kann, dann ist es doch besser, man stürzt sich gleich selbst in den Abgrund. Dann hat man zumindest etwas getan und ist nicht nur ein Opfer. Also Untergang. Es ist beschlossen. Jeder Widerstand ist zwecklos. Diese Gedanken, diese Verzweiflung ... hat der Mann damals bestimmt auch gekannt, ... wie auch den letzten Funken Hoffnung dagegen.

Die Bibel hält beides fest. Sie lässt diese Geschichte nicht unerzählt, als ob nur die, die fest und unerschütterlich glauben, am Ende gerettet werden. Nein, sagt sie, diesem Mann, in seiner ganzen Zerrissenheit, hat Jesus am Ende geholfen.

Denn das Wunder geschieht. Als Jesus den Jungen berührt, bekommt der Junge zwar  einen seiner Anfälle. Er zuckt und schreit. Er fällt auf den Boden und liegt dort ganz ruhig, so dass alle denken, er wäre tot. Aber auch Jesus bleibt ruhig. Er schreit nicht. Er geht nicht weg. Er ist einfach da und legt dem Kind seine Hand auf.  Und am Ende hilft er dem Kind auf, mit seiner Hand, so dass der Junge wieder stehen kann.

Er ist geheilt, rufen die Leute und jubeln. Ihre Angst ist verschwunden. Der Junge ist geheilt. Genauso wie die Leute geheilt sind, vor ihrer Angst. Vor dem Dämon, der in dem Kind stecken sollte und der jetzt war weg. Er konnte ihnen nichts mehr tun. Sie konnten nun wieder frei atmen und aus dem Zug der alten Geschichten, die alle in den Untergang führten, aussteigen, um neue Geschichten zu erzählen. Von einem Kind, das fröhlich ist, das manchmal vielleicht auch noch immer auf den Boden fällt, weil früher einmal ein böser Geist in ihm wohnte, der aber schon lange vertrieben ist.

Nicht immer gibt es ein solches Wunder, auch wenn das schön wäre. Aber ein Wunder ist immer eine Ausnahme, nie die Regel. Sonst wäre es nicht ein Wunder, sondern Gewohnheit und damit alltäglich. Trotzdem gibt es auch heute immer wieder solche Wunder. Wunder, wie zum Beispiel die Geschichte von Brot für die Welt. Diese Geschichte begann vor über sechzig Jahren als einmalige Hilfsaktion und hat seitdem Millionen von Menschen mit Nahrung, Wasser, und Hilfe zur Selbsthilfe beigestanden. Ein modernes Wunder, jedes Jahr neu.
So wie es auch bis heute immer wieder medizinische Wunder gibt. Da ist eine Spontanheilung, die sich niemand erklären kann. Da ist eine gelungenen Not-Operation nach einem Unfall, bei der selbst die beteiligten Ärzte keine Hoffnung mehr hatten. Auch so etwas gibt es immer wieder. Aber auch sie sind nicht die Regel.

Von daher sollten wir, die wir hier und heute die Geschichtenerzähler sind, diese Geschichten auch nicht gleich als modernen Fortschritts-Mythen weitererzählen, von einer Welt, in der Dank neuer Erkenntnisse bald alles möglich sein wird, genauso wenig wie wir dort, wo solche Wunder nicht geschehen, in Untergangsvisionen verfallen sollten. Nein, wir sollten der Bibel folgen, die uns mit ihren Geschichten mehr Freiheit zum Atmen lässt. Die uns Raum gibt zum Staunen, über die Wunder des Lebens, wenn uns diese Wunder begegnen, und das tun sie immer wieder, die aber auch Trauer, Zorn und Tod nicht ausklammert. Und die trotzdem hofft. Tiefer hofft, als alle Fortschrittsmythen das je können. Weil sie die Zweifel nicht ausschließt, sondern durch den Zweifel hindurch hofft. So wie der Mann aus der Geschichte, der sagte: Ich glaube, hilf meinem Unglauben.
                                
So wünsche ich nun uns zum Abschluss dieser Predigt, und ganz besonders euch,  den alten und neuen Kirchengemeinderäten, dass wir alle aus dieser Schatzkiste der Bibel immer wieder für unsere eigenen Geschichten schöpfen und aus diesen Geschichten die Weite und den Reichtum der Bibel in euer Leben übernehmen. Denn, wie gesagt, wir erfinden uns mit jede Geschichte, die wir erzählen, selbst immer wieder neu. Und ich wünsche uns, dass wir durch diese Geschichten in der Hoffnung verankert werden: tief und fest, weit und stark, im Glauben und im Zweifel. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer  (1. So. n. Epiphanias, 12.1.2020 Maulburg)
 
 

Quelle: Stefan Meyer