Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Im Mittelpunkt der heutigen Predigt stehen Worte aus dem dreizehnten Psalm. Im Eingangsteil des Gottesdienstes haben wir diese Worte bereits gemeinsam gebetet. Wir haben die Worte des Psalms zu unseren Worten gemacht und haben unsere Fragen, unsere Ängste, und unsere Verzweiflung in die Worte des Psalms hineingelegt. Die Psalmen stellen uns dafür ihre Worte zur Verfügung. Dabei lassen sie keine Gefühle aus. Weder Wut noch Trauer. Weder Hoffnung noch Zuversicht.
Gleichzeitig stehen die Psalmen aber auch in der Bibel. Sie sind also nicht nur unser Wort an Gott, sondern immer auch Gottes Wort an uns. Gott selbst spricht durch sie zu uns, manchmal vielleicht auch in in uns, so wie es der Apostel Paulus im Römerbrief beschreibt (vgl. Röm. 8, 26), wo er sagt: „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen …, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“
Mit unaussprechlichem Seufzen, schreibt der Apostel Paulus, vertritt der Geist Gottes uns vor Gott. Und manchmal legt der Geist Gottes dieses Seufzen auch in die Worte der Psalmen und hilft uns so, Worte zu finden, dort, wo wir nicht wissen, wie wir beten sollen – was ja immer wieder vorkommt.
Vielleicht werden die Psalmen auch deshalb von so vielen Menschen geliebt, weil durch sie die Sprachlosigkeit überwunden wird, die uns immer wieder befällt, wenn wir mit Gott reden wollen?
Dabei bleiben die Psalmen nie bei einem Gefühl stehen. Sie wechseln die Gefühle, wie manche Teenager ihre Kleider. Kaum hat man sich an den einen Anblick gewöhnt – sich in ein Gefühl „eingefühlt“ – kommt schon ein neues Gefühl vorbei und wartet darauf, dass wir uns ihm zuwenden. Dieser Wechsel der Gefühle macht die Psalmen so lebendig und so lebensnah.
Auf diese Weise – die Gefühle nicht ausschließend und ihre Ambivalenzen zulassend - tasten sich die Psalmen auch an heikle Themen heran. So wie auch der dreizehnte Psalm. In ihm heißt es:
Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele
und mich ängstigen in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass sich nicht mein Feind rühme, er sei meiner mächtig geworden,
und sich meine Widersacher freuen, dass ich wanke.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.
„Herr, wie lange noch …“, diese Worte aus den ersten Versen des Psalms haben sich mir beim Hören eingeprägt. Wer weiß, vielleicht ging es ihnen ja ähnlich?
Wie lange noch, soll das so gehen, dass ich alleine bin und niemand mich hört? Wie lange noch, sollen sich die Sorgen auf meinem Kopf ein Nest bauen und mich Tag und Nacht wachhalten? Wie lange noch soll ich vor allem, was kommt, Angst haben, während sich die anderen über mich lustig machen? Wie lange noch …?
Wer kennt diese Frage nicht? Diesen Schrei nach Gerechtigkeit? Diesen verzweifelten Ruf, der seinem Gegenüber zeigt, ich kann nicht mehr ... ja, ich bin mit meinen Kräften am Ende?
Dabei bemühe ich mich doch, alles richtig zu machen. Ich schlage niemanden, ich quäle niemanden, mein Herz ist nicht voller Hass … und trotzdem stehe ich mit meinem Leben immer wieder vor unüberwindbaren Mauern. Was soll das Gott? Warum hilfst du mir nicht? Habe ich etwas falsch gemacht? Liegt es an mir?
Wer kennt diese Frage nicht? Wer steht nicht in Gefahr, die Schuld erst einmal bei sich zu suchen? Irgendwo muss es ja herkommen. Und wäre es nicht auf eine verquere Art auch ein tröstlicher Gedanke, dass alles an einem selbst liegt? Schließlich könnte man dann auch alles wieder selbst bereinigen. Man bräuchte niemand anderen mehr. Keine anderen Menschen. Keinen Gott. Das eigene Leben läge komplett in der eigenen Hand. Man müsste es nur endlich auch in die Hand nehmen.
Der Psalm geht einen anderen Weg. Der Mensch, der dort zu Gott betet, will sich nicht selbst erlösen. Er glaubt nicht an die Allmacht der Menschen. Nicht daran, dass einem alles möglich ist, wenn man es nur will und es oft genug versucht. Auch wenn er weiß, dass überaus sinnvoll ist, mit seinem Handeln die Türen in seinem Leben zu öffnen, und sie nicht zu schließen. Doch er weiß auch um die Grenzen unseres menschlichen Tuns. Trotzdem glaubt er. Er glaubt an Gott. Und er glaubt an die Gerechtigkeit, die er von Gott einfordert.
Dabei beruft er sich auf den Bund, den er und sein Volk mit Gott geschlossen hat. Dieser Bund ist wie ein „Vertrag“. In ihm haben sich die Israeliten verpflichtet, sich an die Gebote Gottes zu halten, genauso wie sich Gott verpflichtet hat, seinem Volk beizustehen. Gott, der die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, sichert in diesem Bund seinem Volk zu, auch weiterhin für es da zu sein und für es zu sorgen. Das Verhältnis zwischen Gott und dem Israelischen Volk hat durch diesen Bund also einen rechtlichen Rahmen bekommen, mit beiderseitigen Verpflichtungen.
Was aber ist nun, wenn sich Gott nicht an diese Verpflichtungen hält? Wenn die Ungerechtigkeit, die einen trifft, nichts damit zu tun hat, dass man eines der Gebote Gottes übertreten hätte? Sollen wir dann schweigen? Um Gott nicht zu beschämen? Oder weil es unser Glaube nicht zulässt, Gott zu kritisieren? Oder sollen wir mit Gott ins Gericht gehen? Auch wenn es uns bei diesem Gedanken vielleicht nicht wohl ist? Wer will schon jemanden verklagen, der so viel mächtiger ist als man selbst? Und welches Gericht soll über jemanden ein Urteil sprechen, der von seinem Wesen her eine Macht besitzt, die die Macht des Gerichtes tausend und zehntausend Mal, ja millionenfach übersteigt? Wer wäre so vermessen?
Der Beter des Psalms ist es. Als Israelit zerrt er Gott vor Gericht und nimmt ihn ins Kreuzverhör. Er schenkt Gott nichts, sondern bringt in seiner Anklage einen Punkt nach dem anderen gegen Gott vor:
Wie lange noch lässt du mich allein und hörst nicht auf meine Worte? Wie lange noch soll ich mich sorgen und Nacht für Nacht von allen möglichen Ängsten gequält werden, während die Menschen, die mir Unrecht zufügen, ungestraft davonkommen? Wie lange noch … Sag´ schon. Zeig´ dich endlich.
Es braucht Mut, jemandem so gegenüberzutreten. Mut, sich auf die Hinterbeine zu stellen und nicht einzuknicken. Mut, auf die eigene Wahrnehmung zu vertrauen, und nicht auf die Stimmen, die einem von außen einflüstern, es könnte ja alles auch ganz anders sein.
Mir fallen die Freunde Hiobs ein, die - als Hiob Gott wegen der Ungerechtigkeit anklagt - ihm weis machen wollen, dass da vielleicht ja doch auch ein Fitzelchen Unrecht an seinen Kleidern hängt. Und dass er deshalb kein Recht hätte, Gott mit einer solchen Wut entgegenzutreten.
Wie oft haben wir solche Stimmen in unserm Kopf? Stimmen, die uns einreden, dass wir ja selbst Schuld daran sind, dass die Welt so aussieht, wie sie es tut? Doch ist es richtig, die Wut immer nur auf uns Menschen zu richten? Oder geben wir unseren Glauben an Gott nicht auf, wenn wir diese Wut immer nur auf uns oder auf andere Menschen richten?
Gott will das nicht. Er will nicht, dass wir uns selbst zerfleischen und uns kleiner machen, als wir es sind. Und er will auch nicht, dass wir unsere Wut an anderen Menschen auslassen und sie zu Opfern unserer Wut machen. Seien es die Politiker, die versuchen, in diesen turbulenten Zeiten unser Land zu regieren, oder seien es Menschen, die aus irgendwelchen Gründen anders sind als wir, vielleicht, weil sie aus einem andern Land kommen oder eine andere politische Meinung vertreten als wir. Weil sie rechts sind, wo wir links sind. Oder umgekehrt. Unser Land lebt seit vielen Jahren in einer aufgeheizten Stimmung. Wir machen diese Welt nicht besser, wenn wir diese Stimmung mit unserer Wut weiter anheizen.
Wohin sollen wir aber mit dieser Wut gehen?
Zeigen wir sie Gott. Trauen wir uns, sie Gott entgegenzuschleudern. So, wie es der Beter des Psalms tut. Er nimmt Gott in die Mangel. Er klagt ihn an. Er hält seien Wut nicht zurück, sondern zeigt sie Gott. Zusammen mit seiner Verzweiflung, und seiner Angst.
Und dann?
Dann wird alles anders.
Denn unsere menschlichen Gefühle dauern meist nur ein oder zwei Minuten an. Dann schwellen sie wieder ab. Wenn wir unsere Gefühle aber in uns hinunterschlucken und in unserem Inneren verstecken, fangen sie oft an zu gären. Sie wachsen und werden immer größer und verhärten sich. So kann die Angst, die Trauer oder die Wut sich immer mehr in uns verfestigen, bis sie irgendwann die Macht über uns übernimmt.
Doch wenn wir unsere Gefühle jemand anderem anvertrauen, wenn wir sie Gott anvertrauen, können sich diese Gefühle wandeln. Aus Angst kann dann Vertrauen werden. Aus Wut kann Mut erwachsen. Aus Verzweiflung Hoffnung.
Psalmen erzählen von diesem Wandel. Ja, sie nehmen uns auf diesem Weg des Wandels mit. So kippt auch im Psalm 13 auf einmal die Stimmung. Nachdem der Beter des Psalms Gott angeklagt hat, nachdem er Gott alles vor die Füße gekippt hat, was ihm auf dem Herzen liegt, kommen auf einmal ganz andere Worte aus seinem Mund. Bittende Worte. Vertrauende Worte.
Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
- ruft er.
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass sich nicht mein Feind rühme, er sei meiner mächtig geworden,
und sich meine Widersacher freuen, dass ich wanke.
Auf einmal ist da Hoffnung. Schaue doch … erhöre mich … erleuchte meine Augen …
Das ist ein ganz anderer Ton, als in der Anklage von gerade eben. Der Blick hat sich geweitet. Weg, von dem eigenen Unglück, weg, von dem Selbstmitleid, in dem sich der Beter des Psalms gebadet hat, hin zu einem Gegenüber. Dieses Gegenüber ist noch immer Gott. Doch auch dieser Gott hat sich gewandelt. Er ist nun nicht mehr der Angeklagte. Er ist der Richter. Er ist der, der für Gerechtigkeit sorgt.
Der Beter des Psalms schwingt sich an dieser Stelle nicht selbst zum Richter auf, er macht nicht sich selbst zum Maßstab aller Dinge, sondern sieht von seinem Unglück - seinem Ich auf - und findet in Gott ein Du – ein Gegenüber, dem er sich anvertraut. Und in diesem Du weitet sich seine Welt. Dieses Du kann er um Hilfe bitten. Diesem Du kann er alles erzählen. Mit diesem Du kann er sich austauschen.
Eine solche Erweiterung unseres Blicks tut auch uns gut. Damit wir nicht immer nur Defizit-orientiert leben, und unsern Blick von den Ungerechtigkeiten und Unglücken in dieser Welt bannen lassen, sondern auf Gott blicken, der uns durch unser Leben trägt. Der uns Hoffnung schenkt. Und uns Mut macht.
Der Beter des Psalms geht diesen Weg. Es ist ein mühsamer Weg, zugegeben. Es ist ein Weg, den wir immer nur Schritt für Schritt gehen können. Doch ist es ein Weg, an dessen Ende wir jemand anders sind, als wir im Anfang waren. So wie auch der Beter des Psalm am Endes seines Gebets, jemand anderes ist, als an seinem Anfang.
Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist;
- sagt er.
(und) mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
(Ja,)Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.
Plötzlich ist da ein Lob zu hören. Plötzlich ist da von Gnade die Rede, von Freude und Hilfe. Plötzlich will der Beter Gott für die Wohltaten preisen, die er von ihm empfangen hat.
Noch einmal hat sich seine Welt geweitet. Noch einmal hat sich seine Perspektive verändert. Neben dem Unrecht, das er erlitten hat, sieht er auf einmal die Momente der Gnade, die ihm in seinem Leben geschenkt wurden. Neben den Unglücken, die er in seinem Leben erlitten hat, sieht er auf einmal die Momente des Glücks, die sein Leben gekrönt haben. Und neben den Momenten, in denen er allein und von Gott und der Welt verlassen war, sieht er auf einmal die Momente, in denen er in seinem Leben Gemeinschaft und Geborgenheit erlebt hat.
Wenn er all diese unterschiedlichen Momente auf eine Waage legen wollte, wenn er abwägen wollte, was mehr ist, das Unrecht oder das Recht, die Verzweiflung oder die Hilfe, die er erfahren hat, das Unglück oder das Glück, das ihn getroffen hat, so weiß er auf diese Frage keine Antwort. Es lässt sich nicht abwiegen. Es würde das Unrecht ins Recht setzen. Und das Recht ins Unrecht. Es würde Glück und Unglück, Freude und Leid auf eine Art miteinander vermengen, dass beiden nicht gerecht würde. Aber trotz allem Unrecht, trotz allem Leid und trotz aller Verzweiflung, kann der Beter des Psalms nicht leugnen, wie viel Gutes Gott ihm in seinem Leben geschenkt hat, ohne dass er etwas dafür getan hätte.
Den eigenen Blick auf dieses Gute zu wenden, das einem im eigenen Leben widerfahren ist, schenkt Kraft. Den Blick auf das Schöne zu lenken, das man im eigenen Leben geschenkt bekommen hat, gibt einem Vertrauen und lässt einen mit neuer Hoffnung ins Leben gehen. So, wie auch der Beter des Psalms am Ende seines Gebets mit neuer Hoffnung in sein Leben geht.
Liebe Gemeinde
Die Psalmen sind ein großer Schatz für unseren Glauben.
Sie lassen die unterschiedlichsten Gefühle zu und halten die Ambivalenzen in diesen Gefühlen aus und schenken so unserem Glauben Luft zum Atmen.
Sie wagen sich auch an die heiklen Punkte im Leben und im Glauben heran und machen so auch uns Mut, uns an die heiklen Punkte in unserem Leben und Glauben heranzuwagen.
Und sie nehmen uns auf einen Weg mit, an dessen Ende wir jemand anderes sind, als wir am Anfang waren: Versöhnter, hoffnungsfroher, und friedvoller. Amen.
Pfr. Paul Wassmer, Sept. 2026
