Predigt Röm 15,13 (Konfirmation 2023, Pfr. Paul Wassmer)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden
 
„Innen und außen“ - um dieses Thema ging es bei eurem Gottesdienst, den ihr Ende März mit uns als Gemeinde gefeiert habt. Ihr habt euch in diesem Gottesdienst geöffnet, habt euch getraut, andere in euer Herz blicken zu lassen. Das war mutig und hat mich und viele andere sehr berührt.
 
Heute, bei eurer Konfirmation, soll es deshalb auch um das Thema „Innen und Außen“ gehen. Auch, weil dieses „Innen und Außen“ zu der Ausstellung passt, die im Moment hier in der Kirche zu sehen ist, mit Mänteln der Künstlerin Astrid J. Eichin, zum Thema „Unter die Haut.“
 
Die Künstlerin hat bei der Eröffnung der Ausstellung vor einer Woche eine Geschichte erzählt, die ich euch beim Konfi-Unterricht auch schon erzählt habe. Es ging darin um Hummer. Diese Hummer leben in einer harten Schale, die sie vor allen Gefahren des Lebens schützt. Doch zugleich engt sie diese Schale auch ein. Sie können nicht wachsen, sich nicht weiterentwickeln. So müssen Sie ihre Schale abwerfen, müssen sich mühsam aus ihr herausschälen. Ohne ihre Schale sind sie schutzlos, nackt, nur durch eine dünne Haut von den Gefahren des Lebens geschützt. Doch jetzt können sie wachsen. Bis die Haut nach und nach wieder aushärtet und zu einer neuen Schale wird. Zum Schutz für sie, doch zugleich auch zur Last. Denn ein Wachstum ist nun nicht mehr möglich.
 
Bei uns Menschen ist das ganz ähnlich. Wir wachsen nicht, wenn wir uns verhärten. Wir entwickeln uns nicht, wenn wir uns einen Panzer zulegen, mit dem wir uns vor der Welt abkapseln. Wir wachsen nur, wenn wir unser Herz öffnen.
 
Das kostet Kraft. Das kostet Überwindung. Doch nur so kann etwas Neues in uns wachsen.
 
Doch wie, fragte ihr euch vielleicht, sollen wir jemanden in unser Herz blicken lassen, wenn dort doch das reinste Chaos tobt?
Wenn dort alle möglichen Verletzungen ihre Spuren hinterlassen, Abgründe der Verzweiflung, die unser Leben mit sich reißen, so dass unsere Welt dunkel wird, und wir uns selbst klein machen - so, wie ihr es in eurem Gottesdienst erzählt habt?
Oder – vielleicht nur ein wenig später – uns der Überschwang mit sich fortreißt, so dass wir das Gefühl haben, wir könnten es mit der ganzen Welt aufnehmen?
Und was ist mit dieser Unsicherheit, die während der ganzen Zeit einfach nicht verschwinden will? So dass alles, was wir tun, irgendwie peinlich ist?
Was ist, wenn da nur eine tiefe Leere in uns ist, die sich einfach nicht füllen lässt? Eine Sehnsucht, die wir selbst nicht verstehen, die aber das ganze Herz zerreißt? Wie soll man da jemanden in das Herz hineinsehen lassen?
 
Schließlich gehört unser Herz nur uns selbst. Es ist etwas Privates, manchmal auch Geheimes. Dort haben die Gedanken Platz, die wir nicht mit allen Menschen teilen wollen – oder können. Unfertige Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Gedanken, an denen wir erst noch arbeiten müssen. Gedanken, die wir irgendwann vielleicht auch wieder verwerfen und von denen keiner etwas wissen muss.
 
Wollen wir das alles wirklich mit anderen teilen?
 
Was würden die anderen mit diesem Wissen machen? Würden sie auf unserem Inneren herumtrampeln und uns vor allen anderen lächerlich machen? Oder würden sie ihre Macht dazu missbrauchen, um uns dazu zu bringen, Dinge zu tun, die wir gar nicht tun wollen?
 
Nein, da ist es schon besser, unser Innerstes niemandem zu zeigen und uns in uns selbsts einzuschließen, wie ein Hummer in seiner Schale. Das Risiko ist eindeutig zu groß. Wir wollen nicht verletzt werden. Nicht dünnhäutig sein. Uns nicht schutzlos der Welt entgegenstellen.
 
Doch was, wenn wir in dieser Schale zugrunde gehen, weil niemand mehr da ist, mit dem wir unser Leben teilen können? So wie auch die Hummer zugrunde gehen, wenn sie sich aus ihrer Schale nicht wieder befreien.
 
Doch können wir unsere Schale ablegen? Und wem sollen wir unser Herz zeigen?
 
Vielleicht ja Gott? Er hütet unser Geheimnis, besser als wir es selbst können. Auch klären sich, im Reden mit ihm, manche Gedanken. Weil wir uns im Reden mit Gott nicht immer nur um uns selbst drehen. Beten heißt, sich zu öffnen, auch das Unfertige einem anderen anzuvertrauen. Wie auch einem anderen von dem zu erzählen, was einem auf dem Herzen liegt. Manches können wir vielleicht nur mit Gott bereden. Weil es zu heikel ist, zu gefährlich für uns und unsere Seele. Doch finden wir im Reden mit Gott zumindest Worte, so dass die Last nicht mehr so dumpf auf unsere Seele liegt. Manches verändert sich, indem wir es Gott erzählen. Wut, die ausgesprochen wird, kann verfliegen. Zweifel, die zugelassen werden, können sich verflüchtigen. Ein Teil des Schweren verschwindet so. Neue Gedanken kommen auf, die Licht ins Dunkel bringen. Manches bleibt dabei im Gebet. Anders traut sich vom Gebet aus auch nach draußen, wenn auch in anderer Form. Aber wie es auch ist, es ist nicht umsonst, mit Gott zu reden, weil wir vor ihm unsere Schale abgelegt haben – und so einen Raum gefunden haben, in dem wir wachsen können. Dem Licht entgegen.
 
In dem Bibelvers, den ich euch zu eurer Konfirmation herausgesucht habe, heißt es, dass Gott ein Gott der Hoffnung ist. Diese Hoffnung schenkt er uns. Er sieht das Licht am Ende Tunnels. Er macht uns Mut, dass auch wir auf dieses Licht sehen und nicht immer nur auf die Dunkelheit.
Es heißt dort, dass Gott uns Menschen Freude und Frieden schenkt. Eine Freude, die dort wachsen kann, wo wir uns für andere öffnen. Ein Friede, der dort beginnt, wo wir mit uns selbst und mit den anderen gnädig sind, die Wahrheit aber trotzdem nicht verraten. Solche Erfahrungen eines gelingenden Lebens lassen Hoffnung wachsen. Nicht nur in uns, sondern auch zwischen uns. Wir spüren einen Geist, der uns mit anderen Menschen verbindet, der uns Mut macht und in dem eine Kraft liegt, die größer ist als wir selbst.
 
Gott schenkt euch diesen Geist. Er schenkt ihn euch heute, zu eurer Konfirmation. Damit in eurem Leben Innen und Außen nicht auseinanderfallen, und euer Herz zerreißen. Damit ihr euch nach Verletzungen nicht in euch vergrabt und die Welt um euch herum aufgebt, sondern ihr in diese Welt hinausgeht und die Vielfalt des Lebens in ihr entdeckt.
 
Wenn ihr euch hier in der Kirche umseht, so entdeckt ihr dort ganz unterschiedliche Mäntel der Künstlerin Astrid J. Eichin, die von dieser Vielfalt des Lebens erzählen.
 
Da ist die Glückshaut, hier auf der linken Seite. Sie glänzt golden und hell. In ihr lassen sich all die kleinen und großen Glücksmomente eures Lebens aufbewahren.
 
Da ist der Mantel mit den Kranichen aus Papier hier über dem Altar. In Japan gibt es ein Sprichwort: wer tausend Kraniche faltet, dem wird ein Wunsch erfüllt. Der Mantel besteht aus genau tausend Kranichen. Es hat gedauert, diese Kraniche zu falten. So wie es in eurem Leben dauern wird, bis sich manche eurer Wünsche erfüllen. Doch es lohnt sich zu warten, sagt dieser Mantel. Auch wenn das Leben manchmal scheuert, so wie bei dem Mantel hier auf der rechten Seite, der aus Schleifpapier gefertigt ist.
 
Aber so ist das Leben. Es ist bunt, nicht auf einen Punkt zu bringen. Es ist voller Abgründe, und es ist zugleich wunderschön.
 
So braucht es im Leben immer wieder Momente, in denen wir uns schützen und uns in uns selbst zurückziehen können. Aber damit das Leben gelingt, braucht es auch das andere: dass wir uns aus unserer Schale heraus trauen, uns anderen zeigen, auch wenn wir uns dabei verletzlich machen.
 
Hier, im hinteren Teil der Kirche, hängt der Maulburger Mantel. Er trägt den Titel: Hand in Hand. Auch eure Hände sind dort zu finden. Er ist ein Zeichen, dass miteinander vieles besser geht. Miteinander sind wir nicht allein. Miteinander können wir einander helfen. Miteinander entsteht Hoffnung und Leben.
 
Kirche ist ein Ort, an dem wir dieses Miteinander von Gott her füllen lassen. Damit es ein gutes Miteinander wird - und ein gutes Leben. Ein solches gutes Leben, voller Hoffnung und Liebe, voller Freude und Kraft wünsche ich euch für eurer Leben von ganzem Herzen. Oder, um mit den Worten der Bibel zu sprechen:
 
„Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,
dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.“ (Röm 15,13)
 
Amen.