Predigt Röm 2, 1-10 (Pfr. Paul Wassmer)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wir hören heute einen Ausschnitt aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer. Der Apostel schreibt dort am Anfang des zweiten Kapitels:

Es gibt für dich, Mensch, keine Entschuldigung, wenn du andere verurteilst. Denn das, was du anderen vorwirfst, das tust du auch selbst. Mit deinem Urteil gegen andere verurteilst du daher letztlich nur dich selbst. Wer so etwas tut, der wird unweigerlich vor Gottes Strafgericht kommen. Oder glaubst du, du könntest diesem Strafgericht entgehen, wenn du genau das gleiche tust, was du bei den anderen verurteilst? Ja, meinst du gar, du könntest Gottes freundliches Entgegenkommen und seine geduldige Nachsicht in den Wind schlagen, wo dich der gütige Gott geradezu zum Umkehren drängt?
 Aber du bist hart und unzugänglich. Du bist nicht zur Umkehr bereit und sorgst so selbst dafür, dass sich der Zorn Gottes gegen dich wendet, so dass sich bis zum Tag des Zorns und der Abrechnung immer mehr anhäuft. Dann wird Gott jedem das geben, was seinen Werken entspricht. Denen, die geduldig durch gute Werke Ansehen, Ehre und Unvergänglichkeit gesucht haben, wird er das ewige Leben schenken. Denen aber, die ihr Leben lang Unfrieden gestiftet haben und nicht der Wahrheit folgten, sondern der Ungerechtigkeit gehorcht haben, wird er seinen Zorn und seine Wut spüren lassen. Denn jeder, der Böses tut, wird Qual und Angst erben. ... Aber all´ jene, die Gutes tun, werden Herrlichkeit, Ehre und Frieden erlangen.  ...
 
                                                                                             Röm. 2, 1-10 (in Auszügen) 

Liebe Gemeinde
Heute ist der Buß- und Bettag. Ein Tag, um innezuhalten und sich zu fragen: was läuft eigentlich schief in unserer Welt? Wo müssen wir in unserer Welt umkehren und die Dinge anders machen? Dabei ist es immer leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Die da sind Schuld! All´ die anderen, die an der einen oder anderen Stelle nicht das tun, was wir tun. Aber Vorsicht. Schließlich zeigt jede Hand, die auf einen anderen zeigt, mit nur einem Finger auf das Gegenüber, aber mit mindestens drei Finger auf einen selbst zurück. Und auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag bläst ins gleiche Horn. „Sei vorsichtig mit deinen Verurteilungen der anderen", sagt er. „Denn wenn du genau hinsiehst, steckst du genauso mit drin. Denn alles, was du den anderen vorwirfst, tust du ganz genauso. Also komm´ von deinem hohen Ross herunter und mach´ das Einzige, was wirklich zählt. Nämlich selbst umzukehren, denn nur so verändert sich die Welt."

Fassen wir uns also an die eigene Nase und sehen uns an, wo wir in die falsche Richtung laufen. Dabei können uns andere Menschen durchaus als Spiegel dienen. Denn was unsere eigene Fehler angeht, sind wir Menschen meist blind. Wir sehen den Splitter im Auge des anderen, aber den Balken, der uns selbst in unseren Augen die Sicht versperrt, den sehen wir nicht.

Einer, der sich wie kaum ein anderer anbietet, als Spiegel - wie auch als Zerrbild für unsere Fehler, ist Donald Trump. Es scheint so leicht, sich über ihn lustig zu machen ... es tut dem eigenen Ego scheinbar so gut, sich moralisch über ihn zu stellen, dass wir oft gar nicht mehr merken, dass auch in jedem und jeder von uns so manches von dem steckt, was wir bei Donald Trump so gern kritisieren. Von daher möchte ich heute über Donald Trump predigen. Aber nicht über den Präsidenten Donald Trump im weißen Haus, sondern über den kleinen Donald Trump, der in uns allen steckt.
    
Was ist das für ein Kerl? Dieser kleine Donald in uns?

Er ist wie ein Kind. Wie einer, der nie richtig erwachsen geworden ist. Und der das auch gar nicht will. Weil das Erwachsensein viel anstrengender ist, als ein Kind zu bleiben. Er hat sich deshalb bewusst oder unbewusst dafür entschieden, in vielem ein Kind zu bleiben. Mich berührt das irgendwie. Denn dieses Kindliche macht einen Teil seines Charmes aus. Dabei sehe ich, dass auch ich viele kindliche Anteile in mir trage. Eine kindliche Begeisterungsfähigkeit für Schönes zum Beispiel. Oder eine kindliche Freude am Spielen. Es sind nicht meine schlechtesten Seiten, die ich mit dem „Kind" in mir verbinde. Aber da ist eben auch noch etwas anderes. Da sind die Momente, in denen es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Und da sträubt sich das Kind in mir regelmäßig. Es ist offen egoistisch und sagt: sollen doch die anderen alles bezahlen. Was geht mich das an? Es leugnet alles ab, was an Vorwürfen auf es zukommt. Nein, das war ich nicht. Das ist alles nur Lüge und Betrug. Ja, es hat keine Hemmungen, notfalls auch die ganze Welt in seinem Sinne umzuformen, so wie in dem Lied von Pippi Langstrumpf, in dem es heißt: zwei mal drei macht vier - widde widde witt und drei macht neune! Ich mach' mir die Welt - widde widde, wie sie mir gefällt ... Donald Trump geht diesen Weg. Alles, was in seiner Welt keinen Platz hat, sind für ihn fake news. Es sind nur Dinge, die andere Menschen erfunden haben, um ihn zu ärgern und mit denen er sich deshalb nicht ernsthaft auseinander setzen muss. Der Klimawandel - alles Unsinn. Eine Erfindung von Moralaposteln, die das eigene Land in seiner Entfaltung hindern wollen. Bilaterale Verträge - alles hinderlich. Besser ist es, mit jedem direkt zu verhandeln. Von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, Auge in Auge sozusagen. Und die eigene Fehler? Die gibt es nicht. Schließlich ist er der Beste und Größte. Darum macht er keine Fehler. Fehler machen immer nur die anderen. Und darüber twittert er dann ausführlich und gibt jeden auf der Welt seinem Spott Preis.

Dieses Kind, das Donald Trump so hemmungslos nach außen hin auslebt, das steckt auch in mir. Auch ich bin nur zu gern bereit, mich meiner Verantwortung zu entziehen. Sollen sich doch die anderen um die Probleme der Welt kümmern, nicht immer ich. Ich bin nur zu gern bereit, mir meine Welt so zurecht zu biegen, dass ich der Gute bin - und die anderen die Bösen. Und auch ich kann höchst allergisch darauf reagieren, wenn ich von anderen in meinen Freiheiten beschnitten werde. Da schreit das Kind in mir ganz laut: „Ungerechtigkeit!" und ist bereit, Gott und die Welt in Bewegung zu setzen, um diese gefühlte Ungerechtigkeit wieder zu beseitigen. Denn dieses Kind in mir sieht nur sich selbst. In seiner Welt ist immer nur es selbst der Mittelpunkt.

Und doch reicht mir dieses Kind nicht zum Leben aus, so bequem es manchmal auch ist, sich in diese Rolle zurückfallen zu lassen. Denn dieses Kind in mir führt mich leicht in Scheinkämpfe an den falschen Orten, für die falschen Dinge. Es macht mich zu einem Don Quichotte, der gegen Windmühlenflügel kämpft, aber vom wahren Leben keine Ahnung hat. Und es hindert mich, eine erwachsene Beziehung zu führen. Mit anderen Menschen ... mit der Welt ... und mit Gott.

Und das heißt, ich muss Erwachsen werden, auch wenn das mühsam ist. Es heißt, ich muss Verantwortung übernehmen, auch für Dinge, die ich selbst gar nicht verursacht habe, aber genau das heißt ja verantwortlich leben: Weil die Welt, wenn wir Verantwortung übernehmen, eben nicht nur um das eigene kleine Ego kreist, sondern auch die anderen mit im Blick hat. Ein solches Erwachsenwerden heißt auch, die eigenen Größenphantasien zu erden ... sie mit der Welt und den eigenen Möglichkeiten, diese Welt zu verändern, anzupassen. Auch wenn das bedeutet, dass wir am Ende alle nur kleine Brötchen backen und darin unsere Erfüllung finden. Denn das eine, große Brot, mit dem man "ein- für allemal" alle Probleme der Welt lösen kann, das gibt es nicht.

Solche kleine Brötchen zu backen in unserer großen Welt, Verantwortung zu übernehmen für Frieden, Gerechtigkeit und für die Bewahrung unserer Schöpfung, die vom Klimawandel bedroht ist, dazu macht uns der Bibeltext für den heutigen Buß- und Bettag Mut. Denn er sagt: jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist nicht nutzlos. Gott sieht ihn. Und er hält ihn fest, in seinem großen Buch des Lebens. Genauso wie Gott sieht, wenn wir uns unserer Verantwortung entziehen. Oder wenn wir Unfrieden und Hass säen, und die Welt um uns herum mit unserer gedankenlosen Art und Weise zu leben zerstören. Auch das sieht Gott. Und auch das wird Konsequenzen haben. Denn wir Menschen leben nicht ins Leere hinein. Und wir sind auch nicht nur uns selbst verantwortlich. Nein, wir haben ein Gegenüber in Gott, der uns am Ende unseres Lebens zur Verantwortung ziehen wird.

Im Mittelalter hatten die Menschen wegen Aussagen wie dieser Angst vor Gott. Denn sie spürten, da häuft sich so manche Schuld in ihrem Leben an. Eine Schuld, die man nicht so einfach wieder mit einer Handbewegung wegwischen kann, wie man das gern mit unangenehmen Nachrichten auf dem Handy macht. In diesem Bewusstsein wuchs ihre Verantwortung - denn sie spürten tief in sich: am Ende ihres Lebens müssen sie Gott eine Antwort geben auf die Fragen, die er ihnen dann stellt.

Heute dagegen scheinen sich die Menschen kaum noch um Gott zu kümmern. Sie fürchten Gott nicht mehr - das ist zum einen gut. Denn Angst ist selten ein guter Ratgeber. Sie lässt uns Menschen panisch werden und Dinge tun, die wir hinterher kaum noch verstehen. Auch denke ich, Gott will nicht, dass wir in Angst vor ihm leben. Zumindest gibt es viele Bibelstellen, die in diese Richtung zielen. Trotzdem: Ehrfurcht vor Gott ist auch für uns Menschen heute noch angesagt. Eine Ehrfurcht, die entsteht, wenn wir begreifen, dass wir Menschen nicht allein für uns leben, sondern ein Gegenüber haben, das dieses Universum und auch unsere Erde erschaffen hat - und das es gern hätte, dass wir daraus etwas Gutes machen.

Darum kehrt um in eurem Leben und handelt verantwortlich. Geht in die richtige Richtung, so dass ihr ein Teil der Lösung seid, und nicht ein Teil des Problems - und seid dabei weise genug, nicht zu verzweifeln, wenn wir Menschen auf diesem Weg zum Guten oft nur kleine Brötchen backen. Denn Gott freut sich an jedem Schritt von uns in die richtige Richtung - und er stärkt uns auf diesem Weg, indem er uns einlädt, an seinen Tisch, um uns in - mit - und unter Brot und Wein nahe zu sein. Kommt, ihr seid alle geladen. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer (Buß- und Bettag.,20.11.2019, Maulburg)