Predigt Röm. 8, 24-25 zum Thema Licht (Pfrin. Bärbel Wassmer)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
wie halten Sie es denn mit dem LICHT?
Gehören Sie zu denen, die ganz gern mal im Dunkeln sitzen, mit einer kleinen Kerze an – und sich daran freuen, dass es nicht immer grell hell ist?
 
Oder hassen Sie die dunkle Jahreszeit und nutzen jede Gelegenheit, der Dunkelheit zu entkommen? Steigen Sie im Winter in den Flieger Richtung Süden und freuen sich daran, dass es dort wärmer und heller ist? Oder erleuchten Sie Ihren Garten und Ihr Haus in der Adventszeit mit so viel Adventsbeleuchtung wie möglich, damit das Dunkle heller wird?
 
Im Advent spielt das Licht eine große Rolle. Wir hoffen auf das Licht von Weihnachten. Und wir zünden vorher schon an jedem Sonntag eine Kerze mehr an, damit die Dunkelheit langsam heller wird.
 
Auf das Licht hoffen, genau dann, wenn es besonders dunkel ist.
Das ist die Kunst der Hoffnung im Advent.
Paulus schreibt im Römerbrief:
 
Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. (Römer 8, 24-25)
 
Advent ist so eine Hoffnungszeit, in der wir im Dunkeln sitzen, auf das Licht hoffen und ab und zu ein kleines Licht anzünden. Wir hoffen in der Dunkelheit auf das Licht, trotz allem.
 
Unser altehrwürdiges Pfarrhaus hier in Maulburg wurde zu Zeiten erbaut, als es noch kein elektrisches Licht gab. Vor etwa zweihundert Jahren. Ich merke das heute noch, weil viele Lichtschalter an völlig unpraktischen Stellen sitzen und ganz klar ist, dass die Lichtschalter erst eingebaut wurden, als das Haus schon 100 Jahre stand.
 
Wie war das Leben damals, als man noch nicht mit einem Druck auf den Lichtschalter alles hell machen konnte?
Ganz klar, die Menschen haben viel mehr als heute ihren Tagesablauf an das Tageslicht und an die Dunkelheit in der Nacht angepasst. Wenn es abends dunkel wurde, dann waren viele Tätigkeiten schon nicht mehr möglich, denn es gab nur trübes Licht von Kerzen oder Laternen. Und wenn morgens die Sonne aufging, dann war das neue Licht ein echtes Ereignis. Das Leben konnte weitergehen und die Arbeit draußen konnte bei Tageslicht erledigt werden. Die Menschen haben sich dem Rhythmus von Tag und Nacht angepasst. Wohl oder übel. Sie sind mit den Hühnern aufgestanden und mit den Hühnern schlafen gegangen.
 
Vermutlich deshalb war auch das Schlafen in der Nacht anders aufgeteilt. Die Leute haben meist keine acht Stunden am Stück geschlafen, so wie wir das heute für selbstverständlich halten.
Sondern, es gab einen ersten Schlaf, so ungefähr 4 Stunden vom Dunkelwerden an. Nach diesem ersten Schlaf sind viele Leute wieder aufgestanden, haben einfache Dinge in der Küche erledigt, Wäsche gefaltet, den Ofen angefeuert oder Nachtschicht gearbeitet. Und sich dann, zum zweiten Schlaf hingelegt, bis es am frühen Morgen wieder hell wurde.
 
So eine Nacht kann ganzschön lang sein.
Ich durfte kürzlich bei Mendelssohns Lobgesang mitsingen. Im Zentrum dieses Werks steht ein Stück, in dem es darum geht, dass die Nacht vergangen und der Tag gekommen ist.
 
Zuerst sieht man vor dem inneren Auge Leute an einem Lagerfeuer vor sich. Sie löchern den Hüter mit Fragen. Der Hüter, das ist der, der die Nachtwache bei den Tieren übernommen hat.
Hüter ist die Nacht schon hin?
 
Diese flehentliche Frage kommt nicht nur einmal. Nein, sie kommt viele Male: Hüter ist die Nacht schon hin?
 
Die Frage, wann etwas endlich endet: das Anstrengende, das Dunkle, das Schwierige, das Nervige ….. erinnert mich an Kinder bei einer langen Autofahrt: Mama, wann sind wir da? Papa, wann kommen wir an? Mama, fahren wir noch lange? Papa, wann sind wir da?
Hüter ist die Nacht schon hin?
 
Auch Trauer und andere schwierige Zeiten sind wie eine lange Nacht.
Wie oft frage ich: Geht es irgendwann vorbei? Werde ich mich wieder freuen können? Gibt es eine Lösung für dieses Problem?
Hüter ist die Nacht schon hin?
 
Wie gut aber ist das: Auf jede lange Nacht folgt der nächste Morgen. Auch wenn die Nacht gefühlt noch so lange dauert. Irgendwann wird es wieder hell. Zunächst dämmert es nur, ganz unscheinbar. Der Himmel ist nicht mehr ganz schwarz, sondern eher grau und bekommt dann viele Farben. Die blaue Stunde oder die goldene Stunde wird dieser Übergang genannt. Schließlich ist die Nacht wirklich vorbei und der Tag beginnt.
Bei Mendelssohn wird es nach den vielen Fragen:
Hüter, ist die Nacht bald hin? ……… plötzlich ganz still.
 
In die Stille hinein fängt ein einzelner, heller Solosopran zu singen an, ganz allein, wie ein Engel, der direkt vom Himmel gekommen ist:
Die Nacht ist vergangen, vergangen……., die Instrumente und der Chor setzen mit der gleichen Melodie ein, so dass es mir jedes Mal den Rücken herunterläuft: Die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeigekommen.
 
Der Tag ist gekommen.
Das Leben kann weitergehen. Das Arbeiten kann weitergehen. Die Gemeinschaft und das Zusammenleben kann weitergehen. Der Tag ist gekommen.
 
Im Advent warten wir auf das Licht Gottes, mitten in der dunkelsten Jahreszeit. Wir warten, so ähnlich wie die Menschen in den vielen Jahrhunderten, die kein elektrisches Licht hatten, dass die Nacht endet und der Tag beginnt.
 
Wir warten auch darauf, sehnlichst, dass alles, was auf unserer Erde wie Nacht ist, endlich gut wird.
Dass es Frieden wird, dort wo sich Menschen bekriegen, Bomben und Drohnen werfen, Gewalt ausüben, alles kaputt machen, was an Gutem gewachsen ist.
Wir warten, dass die Menschen, die im Elend sitzen, in der Armut, in der Krankheit, in Schwerem, das kein Ende zu nehmen scheint, endlich sagen können: Der Tag ist gekommen, an dem ich aufatmen kann. Der Tag ist gekommen, an dem ich eine Chance habe. Der Tag ist gekommen, an dem ich frei bin.
 
Jesus Christus hat in der Bergpredigt gesagt:
Ihr seid das Licht der Welt (Mt. 5, 14.)
Damit hat er gesagt, dass wir nicht nur warten, sondern selbst leuchten sollen.
Nicht umsonst kommt bei Mendelssohn, nachdem der Tag gekommen ist, ein extrem bewegtes, schwieriges und schnelles Chorstück, in dem es darum geht, jetzt zu den „Waffen des Lichts“ zu greifen.
Wohlgemerkt, die Waffen des Lichts sind keine Drohnen oder Bomben, keine Gewalt, sondern, nach Paulus: Glaube, Liebe und Hoffnung.
 
Oder, anders gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Also verhaltet euch auch so: Greift zu Glaube, Liebe und Hoffnung, selbst dann, wenn alles dunkel ist und Ihr kein Licht seht.
Ihr seid das Licht der Welt.!
 
In diesem Sinne wünsche ich uns heute eine Adventszeit voller Licht.
 
Eine Zeit, in der wir die Hoffnung nicht verlieren, ganz egal, wie dunkel es ist.
 
Eine Zeit, in der wir uns an Glaube, Liebe und Hoffnung festhalten, auch wenn uns die Nachrichten jeden Tag Krieg, Machtmissbrauch und andere Katastrophen präsentieren.
Wir halten uns am Licht Gottes fest und an der Hoffnung, ganz so wie Paulus, der uns ins Herz schreibt:
 
Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. (Römer 8, 24-25)
 
Amen
 
2. Advent, 7.12.2025, Maulburg,