Predigt zu Eph. 2, 08-10 (Thema Gnade)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus 
Und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes 
Sei mit euch allen. 
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
wir feiern heute Sommerfestgottesdienst. 
Und weil es ein evangelischer Sommerfestgottesdienst ist, habe ich mich erinnert, was eigentlich bei den Evangelischen entscheidend wichtig ist. Weswegen wir Grund zum Feiern haben. 
Da gab es in der Reformation vier sehr griffige Gründe. Die hießen:
 
Allein Christus. Allein aus Gnade . Allein die Schrift. Allein der Glaube.
 
Und ich habe gemerkt, so ein Fest hat ganz viel mit „Allein aus GNADE“ zu tun, dem, was uns einfach so geschenkt ist und was die Reformatoren auf Latein: Sola Gratia nannten: Allein aus Gnade.
Deshalb wird sich die heutige Predigt um GNADE drehen.
 
Hören Sie dazu aus dem Epheserbrief im 2. Kapitel, die Verse 8-10. Paulus schreibt dort:
 
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben,
und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
nicht aus Werken, damit sich niemand rühme.
Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus, zu guten Werken,
die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
 
Wie ist das also mit der Gnade? Ich weiß nicht, ob Sie oft das Wort Gnade im Mund führen. Aus dem lateinischen Wort gratia ist bei uns noch das Wort „gratis“ vorhanden – und das ist ganz passend, denn Gnade bedeutet immer, dass es etwas umsonst gibt, gratis, ohne zu bezahlen, als Geschenk. 
Das deutsche Wort Gnade hat etwas mit „sich neigen“ zu tun, und auch das macht Sinn, denn bei Gnade geht es darum, dass Gott sich uns zuneigt, einfach so, ohne dass wir etwas dafür getan hätten. 
 
Manchmal kommt Gnade bei uns im Rechtssystem vor. Da kann man nämlich „Gnade vor Recht ergehen lassen“. Außerdem können Menschen nach einer Weile statt weiterer Strafe „begnadigt“ werden, einfach so. Gnade gibt es geschenkt, ganz ohne Gegenleistung. Und viele kennen den Gnadenhof. Das ist ein Bauernhof, auf dem alte und kranke Tiere, Pferde, Esel, Kühe, Ziegen, ihr Gnadenbrot bekommen. Sie müssen keine Milch mehr geben und keine Kutschen mehr ziehen, sondern dürfen, ganz ohne weitere Anforderungen auf dem Gnadenhof einen ruhigen Lebensabend verbringen.In meinem Berufsalltag sage ich öfter mal das Wort gnädig. Seien Sie „gnädig“ mit sich selbst - sage ich oft zu Trauernden, die so durcheinandergerüttelt sind, dass sie sich selbst kaum wiedererkennen. Sie wissen vor Trauer kaum was mit sich anzufangen und schlingern durch ihren Alltag, der vorher wohlgeordnet war. „Seien Sie gnädig mit sich selbst.“  
 
Die Kehrseite von Gnade ist gnadenlos. 
 
Unsere Leistungsgesellschaft kann ziemlich gnadenlos sein. 
Wir sollen funktionieren. Alles im Griff haben. Unseren Beruf, unser Familienleben, unsere Gesundheit und unseren Körper.
Wir sollen hübsch sein. Schlank. Wir sollen jung aussehen, auch wenn wir alt sind. Und uns fit halten. Wir sollen organisiert sein, vernetzt und flexibel. Uns gut verkaufen, erfolgreich sein. Und immer gut gelaunt. Und wenn's mal nicht so läuft, soll‘s bloß keiner merken.
Alles sollen wir selbst hinkriegen.
 
Gnaden-los.
 
Viele Menschen leben unter dauerndem Druck. Auch unter dem Druck ihrer eigenen Ansprüche und Ideale. Manche zerbrechen an diesem Druck. 
Martin Luther hat selbst viele Jahre um Gnade gerungen. Es war sein Lebensthema. 
In ihm bohrte die immer gleiche Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie mache ich es Gott recht? Wie werde ich gerecht vor Gott?
Er strengte sich an. Er betete. Er fastete. Er ging ins Kloster. Er studierte die Bibel. Nichts, was er nicht versucht hätte. Er war mit sich selber gnaden-los. Und immer unter Druck und in Angst.
Bis es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel.
Das mit der Gerechtigkeit Gottes war ganz andersherum, als er bisher vermutet hatte. Gott war gerecht, aber nicht so, dass er wie ein unbarmherziger Richter über der Welt thront und Druck macht. 
Nein, Gott macht die Menschen gerecht, er neigt sich den Menschen zu in Jesus Christus, allein aus Gnade, so dass die Menschen, die an Gott glauben, ganz aufrecht durchs Leben gehen können, ohne Druck – Sola Gratia.
 
Als er das durch und durch begriffen hatte, da kam er sich vor, wie neu geboren und als sei er, so hat er später gesagt: „durch die offenen Tore ins Paradies selbst eingegangen."
 
Sola gratia.
 
Gnade lässt sich noch viel weiter fassen. Auch das haben die Reformatoren damals schnell gemerkt. 
Denn das ganze Leben und das Entscheidende im Leben, ist, sobald man darüber nachdenkt, immer Gnade.
Dass wir auf dieser Erde leben können, dass es die Erde und die ganze Schöpfung überhaupt gibt, kommt aus Gottes Gnade.
Dass ich lebe und atme, war nicht meine eigene Idee. Wir sind Geschöpfe Gottes und wurden ins Leben geliebt. Jemand hat uns am Anfang einen Namen gegeben und uns umhergetragen.
Dass es Menschen gibt, die mich lieben, das ist Gnade, ein Geschenk.
 
Sola gratia. Allein aus Gnade.
 
Eigentlich ist das Entscheidende unseres Lebens immer Gnade.
Dass wir jeden Tag genug zu essen und zu trinken haben, das ist Gnade.
Die Talente und die Möglichkeiten, die uns mitgegeben sind, das Glück, das wir erlebt haben, das ist Gnade.
Die Gnade sagt dir: Du muss nicht immer funktionieren. Du darfst müde sein. Vergesslich. Schlecht gelaunt. Du musst nichts beweisen. Du musst nicht immer alles im Griff haben. Du darfst weinen, wenn dir danach ist. Du bist was wert, auch wenn du dir nicht viel leisten kannst und dir nicht alles glückt und du dem Schönheitsideal nicht entsprichst.
Denn Du bist schon wer. Du bist Gottes geliebtest Kind. Du musst dich dazu nicht anstrengen und nicht unter Druck setzen. Versuch, es einfach zu glauben, so wie man ein Geschenk annimmt, denn es ist ein echtes Geschenk. Das gibt es einfach so: 
 
Sola Gratia. Allein aus Gnade. 
 
Und deshalb wünsche ich Ihnen heute, an diesem Sommerfestsonntag, dass Sie den Aha-Effekt erleben, den Martin Luther nach viel Mühe hatte:  
Alles Wichtige im Leben ist Gnade, von Gott geschenkt, einfach so. Ich kann aufrecht stehen, aufrecht weitergehen, auf Gottes Gnade vertrauen, genau so, wie es im heutigen Predigttext heißt, den wir nun zum Schluss noch einmal hören:
 
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben,
und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
nicht aus Werken, damit sich niemand rühme.
Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus, zu guten Werken,
die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
 
Allein aus Gnade, Sola Gratia!, Grund genug zum Feiern.
Amen.
 
Predigt zum Thema GNADE zu Epheser 2, 8-10 beim Sommerfest, 9.7.23, Maulburg, Pfrin. Bärbel Wassmer