Predigt zu I. Mose 32, 23-32 (Der Kampf am Jabbok)

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
„Mutig - stark - beherzt“ – unter diesem Motto steht die Sommerkirche in diesem Jahr. Dabei geht es in dem heutigen Gottesdienst um die Geschichte Jakobs, aus dem alten Testament.
Dieser Jakob, so erzählt die Bibel, lebte vor vielen tausend Jahren mit seinem Bruder Esau im Lande Israel, dort, wo im Moment die Waffen reden, und nicht die Menschen. Auch zwischen Jakob und seinem älteren Bruder Esau waren damals nicht mehr viele Worte möglich. Nein. Ihr Verhältnis war angespannt. Zum Zerreißen angespannt.
 
 Da war auf der einen Seite Esau, der Liebling seines Vaters, der Sonnenschein, der mutige Jäger, der seinem Vater jeden Tag leckeres Fleisch aus der Wildnis mitbrachte, der starke Krieger, der allen Feinden trotzte, der unbekümmerte, ja manchmal auch übermütige Kerl, der sein Herz offen vor sich hertrug und dem niemand lange böse sein konnte. 
 
 Und da war auf der anderen Seite Jakob, der lieber bei seiner Mutter im Garten blieb, als mit seinem Bruder auf die Jagd zu gehen und der entgegen aller klassischen Männlichkeits-Idealen allen Kämpfen möglichst aus dem Weg ging. 
 
 Einen Feigling, nannte ihn sein älterer Bruder deswegen. Ja, einen Hasenfuß. Jakob hatte viele Namen. Später kamen zu diesen Namen noch Lügner dazu. Oder Betrüger. Das war, nachdem er seinem Bruder den Segen ihres Vaters gestohlen hatte und wegen seiner Tat aus seiner Heimat fliehen musste. Er hatte hoch gepokert. Und alles verspielt. 
 
Lichtblicke im Leben von Jakob gab es trotzdem. Einen davon haben sie in der Lesung gehört (I. Buch Mose 28, 10-22). So träumte Jakob auf seiner Flucht, dass sich der Himmel über ihn geöffnet hätte und Gottes Engel auf einer Leiter zu ihm herabstiegen. Ja, er träumte davon, dass er irgendwann wieder in sein Heimatland zurückkehren könnte. 
 
Aber zuerst kam die Fremde. Dort ging er zu seinem Onkel Laban, bei dem er es schaffte, sich ein kleines Vermögen anzuhäufen. Ob das immer so ganz legal geschehen war, lässt die Bibel offen. Dort heißt es nur, dass seine Herden überproportional gediehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 
 
Trotzdem war sein Leben in der Fremde nicht nur von Erfolgen gekrönt. Nein. Er, der seinen Bruder betrogen hatte, ja, der vielleicht auch seinen Onkel Laban hereingelegt hatte, wurde in der Fremde selbst betrogen. Als sich Jakob unsterblich in die schöne Rahel verliebte, wurde ihm bei der Hochzeitszeremonie von seinem Onkel ihre ältere Schwester Lea untergeschoben. 
 
War Jakob betrunken, vom Alkohol oder von der Liebe? War es der dichte Hochzeitsschleier, der ihm den Blick vernebelte oder die ausgefuchste List seines Onkels Laban, der jedes Wort zwischen ihm und seiner Braut während der Hochzeitsfeier verhinderte? Wer weiß? Auf jeden Fall musste Jakob noch weitere sieben Jahre Frondienst leisten, bis er seine geliebte Rahel in die Arme schließen konnte.
 
Und dann? Was dann? Was sollte er tun, nachdem er alles erreicht hatte? Frau, Haus. Kinder. Geld. 
 
Er will heim. Heim zu seinen Eltern. Ja, zurück in seine alte Heimat, nach der sich sein Herz mit jedem Jahr mehr sehnte. Er bereitet sich vor. Packt die Koffer. Macht sich auf den Weg. Mit seinen Mägden und Knechten, seinen Herden und seinen beiden Frauen und seinen Kindern.
 
Ich fragte mich, wie es Jakob auf dieser Reise wohl ging? Hatte er Angst? Vor der Rache seines Bruders? Schließlich hatte ihm Esau den Tod geschworen, sollte er ihm je in die Finger geraten?
Oder dachte Jakob, es wird schon alles irgendwie gut gehen? So wie es bis jetzt immer gut gegangen ist? Was soll ihm schon groß passieren? Schließlich hat er sich bisher doch immer irgendwie durchgeschlängelt.
Aber dann kommt er an die Grenze. Und dort, an der Grenze, geschieht Folgendes. Die Bibel erzählt:
 
„Jakob stand in der Nacht auf und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als der Mann sah, dass er Jakob nicht bezwingen mochte, schlug der Mann Jakob auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und der Mann sprach: Lass´ mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Der Mann sprach: Wie heißt du? Jakob antwortete: Jakob. Der Mann sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob frage ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Der Mann aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete Jakob an diesem Ort.“
 
Liebe Gemeinde
Unter den Psychologen gibt es ein Sprichwort. In ihm heißt es, dass wir Menschen uns vor allen an unseren Grenzen weiterentwickeln. Dieses Sprichwort hat seine eigene Logik. Denn solange alles gut läuft, müssen wir unser Leben und uns selbst nicht ändern. Aber wenn wir an unsere Grenzen stoßen, reichen unsere alten Muster der Lebensbewältigung nicht mehr aus. Dann müssen wir improvisieren und Neues ausprobieren. Dann lernen wir dazu und wachsen. Oder zerbrechen.
 
Jakob ist an dieser Stelle an seine Grenze gestoßen. Ja, er hängt an dieser Grenze regelrecht fest. Dabei hat er sich diese Grenze selbst ausgesucht. Alle hat er sicher über diese Grenze gebracht, nur er selbst blieb noch zurück.
 
Warum? Warum ist er dort stehengeblieben, anstatt den Ort der Unsicherheit möglichst schnell wieder zu verlassen? Ja, was trieb ihn dazu, mitten in der Nacht ausgerechnet hier, auf der Grenze, stehen zu bleiben?
 
War es seine Angst, seinem Bruder gegenüberzutreten? Hielt ihn diese Angst davor ab, das Land auf der anderen Seite des Flusses zu betreten?
Oder sagte ihm Gefühl, sein Instinkt, dass er noch nicht bereit war, diese Grenze zu überschreiten, dass ihn noch etwas auf der anderen Seite festhielt, um das er sich erst noch kümmern musste?
 
Was es auch war, sein Zögern blieb nicht ohne Folgen. 
 
Plötzlich ist da jemand bei ihm, in der Dunkelheit, und ringt mit ihm. Ein Schatten, der nicht zu greifen ist. Ein Wesen der Nacht, das Angst und Schrecken verbreitet. Jakob ringt mit dieser dunklen Gestalt. Und gleichzeitig ringt er mit sich selbst.
Wie soll er seinem Bruder entgegentreten? 
 
 Als der, der er war? Schließlich kann keiner aus seiner Haut. Soll er also weiter der Betrüger sein, der noch immer alles darauf ansetzt, seinem Bruder das rechtmäßige Erbe wegzunehmen? Das Land. Und den Segen. Soll er genauso weitermachen, wie er angefangen hat und sein Ränkespiel weiter betreiben? Nur auf einer höheren Ebene? 
 Oder soll er ein anderer werden? Kein Lügner mehr. Auch keiner, der aus Neid seinem älteren Bruder alles wegnehmen will, sondern einer, der auf das Land und auf den Segen verzichten? Um des lieben Friedens willen? 
 
Ja, Jakob ringt dort am Fluss nicht nur mit einer dunklen Gestalt. Er ringt auch mit sich selbst.
 
Wann haben sie zuletzt so mit sich gerungen? Wann standen Sie in ihrem Leben an einer Grenze, an der sie nicht mehr weiterwussten und sie sich fragten:
 
Gehen oder bleiben? 
Kämpfen oder Nachgeben? 
Reden oder schweigen? 
 
Alles kann richtig sein. Aber alles kann auch falsch sein.
 
Jedes Wort kostet in solchen Momenten Kraft. Jeder Schritt kostet Mut. Und oft schlägt das Herz dabei laut.
 
Das geht uns nicht nur in unserem privaten Leben so. Nein, was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen. Auch dort wird gerungen. Und auch dort weiß oft niemand, wie es weitergehen soll.
 
Wie soll der Frieden in Israel gelingen, bei so viel Hass, der von allen Seiten befeuert wird? Oder der Frieden in der Ukraine? Was soll man da tun? 
Reden? Aber mit wem? Und was ist, wenn von der anderen Seite immer nur neue Forderungen gestellt werden, wenn immer nur nach Rache und Vergeltung gerufen wird, aber nicht nach Frieden? Was dann? 
 
Da braucht es Mut. Mut, sich für eine Richtung zu entscheiden.
Da braucht es Stärke. Stärke, diese Entscheidung im Anschluss durchzustehen.
Da braucht es ein Herz. Eines, auf das man hören kann, auch wenn die Angst in einem laut schreit.
 
Mutig – stark – beherzt – das ist man nicht einfach so. Nein, mutig, stark und beherzt zu sein, muss man immer wieder lernen. An den Grenzen des eigenen Lebens. Dort, wo es für einen eng wird. Wo alles Spitz auf Knopf steht und es kein Rettungsnetz gibt, wenn man die falsche Wahl trifft.
 
Mutig – stark – beherzt – so kämpft Jakob gegen die dunkle Gestalt. Gegen seinen Schatten. Sein altes Ich. Er sieht seiner eigenen Dunkelheit in die Augen. Und gibt trotzdem nicht auf, obwohl er sein ganzes Leben jedem offenen Kampf immer aus dem Weg gegangen ist. Selbst als er einen Schlag auf die Hüfte bekommt und humpelt, macht er weiter. Obwohl er von dem Schlag gezeichnet ist. Obwohl er nun einen guten Grund hätte, aufzugeben. Trotzdem kämpft er weiter. Selbst als der Morgen kommt und sich die Sonne am Horizont abzeichnet. Ja, selbst als die dunkle Gestalt um Gnade bittet. Selbst da wählt er nicht den leichteren Weg.
 
„Ich lasse dich nicht, ehe du mich nicht segnest“, sagt er stattdessen. 
 
Er will einen Segen. Vielleicht, weil er einen neuen Segen braucht, da er den alten Segen, den gestohlenen Segen, an seinen Bruder zurückgeben will. Ja, weil er diesen Segen braucht, auch wenn er aus der Dunkelheit kommt, also aus dem, was er loslassen will, aber nicht loslassen kann, ohne den Segen dafür zu bekommen. 
 
„Ich lasse dich nicht, ehe du mich nicht segnest.“
 
Jakob bekommt den Segen. Und er bekommt noch mehr. Er bekommt einen neuen Namen. Er soll nicht mehr Jakob der Lügner heißen, der Betrüger und Hasenfuß. Nein. Ab jetzt soll er Israel heißen, der, der mit Gott kämpft und der gegen Gott gewonnen hat.
So humpelt Jakob als Sieger vom Platz. Und humpelnd begegnet Jakob später auch seinem Bruder Esau. Jakob will seinem Bruder den schönsten Teil seiner Herde schenken, er will ihm zeigen, dass er ein anderer geworden ist, einer, der seinem Bruder nichts mehr wegnehmen will, sondern ihn vielmehr beschenken möchte. Aber er muss dies seinem Bruder gar nicht zeigen. Sein Bruder sieht es auch so. 
 
Aber noch mehr. Auch sein Bruder hat sich verändert. Esau will das Erbe gar nicht mehr haben, um das sie früher so erbittert gestritten haben. 
 Esau will weder das Land, das bewirtschaftet werden muss, noch will er den Segen seines Vaters, mit dem die Verantwortung für die Zukunft der Familie verbunden ist. Nein. Esau will endlich frei sein, er will das Abenteuer. 
 
 So einigen sich die beiden ungleichen Brüder, und am Ende erhalten beide das, von sie ein Leben lang geträumt haben.
 
Ein solches Happy End wünsche ich auch ihnen. Dort, wo sie an ihre Grenzen stoßen und nicht mehr weiter wissen.Wo Sie vielleicht der eigenen Dunkelheit in die Augen sehen und vor lauter Fragen nicht mehr weiterwissen. Ich wünsche Ihnen dann den nötigen Mut, die nötige Stärke und die nötige Beherztheit, um auch in ihrem Leben zu einem solchen Happy End zu gelangen.
 
Und ein solches Happy End wünsche ich auch unserer Welt, die wir Menschen immer wieder an ihre Grenzen bringen. An die Grenzen der Vernunft. An die Grenzen des Anstands. An die Grenzen des Lebens, wenn wir an die vielen Kriege hier auf der Welt denken oder an den Klimawandel. Mögen sich auch dort genügend Menschen mit Mut, Stärke und Beherztheit finden, um alles zum Guten zu wenden.
Amen.
 
Lied:   EG 430, 1-4    Gib Frieden, Herr, gib Frieden
 
Fürbittengebet:
 
Barmherziger Gott
Steh du uns und unserer Welt bei, 
dort, wo wir an unsre Grenzen stoßen.
An unsere Belastungsgrenzen. 
An die Grenzen unserer Geduld.
An die Grenzen von Leben und Tod.
Von Recht und Unrecht.
Von Wahrheit und Lüge.
Gib uns Mut, den Kampf an diesen Grenzen aufzunehmen.
Und die Stärke, dabei auch unserer eigenen Dunkelheit 
in die Augen zu sehen.
Gib uns ein Herz, das für das Leben schlägt,
und dem wir folgen können, 
so dass wir am Ende an diesen Grenzen nicht zerbrechen, 
sondern an ihnen wachsen.
Steh uns bei,
dass aus dem, was wir dabei tun,
und was wir dabei lassen,
Segen wächst,
für uns und für andere.
Bewahre so uns,
und unsere Welt,
und schenke uns allen Frieden.
 
Pfr. Paul Wassmer (August 2024, zum Thema der Sommerkirche "Mutig-Stark-Beherzt)