Predigt zu I. Mose 6, 9ff (Thema Klimafasten)

 
Lesung I:     Text zum Thema Klimafasten
 
Liebe Gemeinde
„Weniger ist mehr!“, unter diesem Motto steht der Gottesdienst heute Abend. Doch stimmt das überhaupt? Ist weniger wirklich mehr? Oder ist das nicht wieder nur einer dieser dummen Sprüche, mit denen uns ein Verzicht schmackhaft gemacht werden soll, den wir eigentlich gar nicht leisten wollen? Schließlich ist mehr zu haben doch oft viel besser: mehr Geld, mehr Zeit, mehr Lebensqualität. Warum also auf etwas verzichten?
Vielleicht, weil wir so, wie wir jetzt leben, auf Dauer nicht weiterleben können?
Das sagt uns zumindest die Wissenschaft.  Sie sagt, dass wir uns - angesichts des von uns Menschen verursachten Klimawandels - mit offenen Augen auf eine Katastrophe zubewegen. Wenn wir in den nächsten zwanzig Jahren das Ruder nicht herumreißen, werden wir die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad hoffnungslos verfehlen. Verfehlen wir aber dieses Ziel, setzten wir damit einen weiteren Kreislauf der Erwärmung in Gang, der das Leben auf unserer Erde komplett verändern wird.
Weniger ist also tatsächlich mehr. Weniger Kohlendioxid jetzt, ermöglicht es uns und unseren Kindern, auch in der Zukunft in einer Welt zu leben, in der das Leben nicht durch Hitzewellen, Sturmfluten und andere Naturereignisse zu einer täglichen Qual wird.
Doch wie bekommen wir das hin? Was hilft uns, den Klimawandel zu stoppen? 
Was sagt die Wissenschaft? Woher kommt das Kohlendioxid in unserer Luft?
 
Für Deutschland lauten die Zahlen wie folgt:
 
Energiewirtschaft: fast 40 Prozent
Industrie: rund 20 Prozent
Verkehr :18 Prozent
Haushalte: 10 Prozent
Landwirtschaft: rund 8 Prozent
dazu Gewerbe, Handel und Abfallwirtschaft: rund 5 Prozent.
 
Was können Sie oder ich tun, um diesen Ausstoß von Kohlendioxid am schnellsten zu vermindern? Ja, welche Maßnahmen helfen am meisten?
 
 
Lesung II: Die Geschichte von Noah
 
Liebe Gemeinde
Die Menschheit steht in den nächsten zwanzig Jahren vor der Aufgabe, unsere Welt vor den schlimmsten Folgen der Erderwärmung zu bewahren. 
 Sich selbst und das Leben zu bewahren - vor dieser Aufgabe stand auch Noah, von dem in der Bibel erzählt wird. Damals drohte eine Sintflut das Leben auf der Erde zu vernichten. Doch Noah legte seine Hände nicht in den Schoß, sondern hörte auf Gott und baute ein riesiges Schiff. Wir hören aus dem ersten Buch Mose, Kapitel sechs:
 
Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; … Aber die Erde war verderbt vor Gott und voller Frevel. ...
 Da sprach Gott zu Noah: ... Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen. Und mache ihn so: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. Ein Fenster sollst du für den Kasten machen obenan, eine Elle groß. Die Tür sollst du mitten in seine Seite setzen. Und er soll drei Stockwerke haben, eines unten, das zweite in der Mitte, das dritte oben. ...
 Und du sollst in die Arche bringen von allen Tieren, … , je ein Paar, Männchen und Weibchen, dass sie am Leben bleiben mit dir. Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allem Gewürm auf Erden nach seiner Art... Und du sollst dir von jeder Speise nehmen, die gegessen wird, und sollst sie bei dir sammeln, dass sie dir und ihnen zur Nahrung diene. Und Noah tat alles, was ihm Gott gebot.
 
 
Predigt
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. 
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Stellen Sie sich vor, Sie wären Noah, von dem Sie eben in der Lesung gehört haben. Stellen Sie sich vor, Sie würden von Gott höchstpersönlich den Auftrage erhalten, ein riesiges Schiff zu bauen, um das Leben auf der Erde vor einer Sintflut zu retten. Was würden Sie tun? 
 
Würden Sie Holz sammeln, so wie Noah? Würden Sie ihre Familie mit einspannen, ihre Töchter und Söhne, dass sie Ihnen helfen, das riesige Schiff zu bauen? Schließlich handelt es sich ja beim Bau dieser Arche um eine Mammutaufgabe. Ja, um ein echtes Jahrhundertwerk. So lange hat zumindest Noah, einer Legende nach, für den Bau der Arche gebraucht. Fünfhundert Jahre war er alt, so heißt es in der Bibel, als seine Kinder geboren wurden. Hundert Jahre später, im sechshundertsten Lebensjahr von Noah, begann der große Regen. Dazwischen lag die Zeit, in der er mit seiner Familie die Arche baute. Hundert Jahre. Stellen Sie sich das vor! Hundert Jahre lang nach  Bauholz suchen. Hundert Jahre lang immer wieder vor dem gleichen Problem zu stehen, wie sich der Bau des riesigen Schiffes auch in der nächsten Woche noch finanzieren lässt. Hundert Jahre lang den Spott der Leute ertragen, die sich über ihn und sein Vorhaben lustig machten. Hätten Sie das durchgehalten? Selbst wenn Gott mit ihnen – ganz am Anfang – persönlich gesprochen hätte?
 
Ich weiß es für mich nicht. Ich denke, es braucht schon einen starken Glauben, um bei diesem Bau an der Stange zu bleiben. Um durchzuhalten und nicht einfach das Werkzeug auf den Boden zu schmeißen und zu sagen: „Jetzt reicht es mir aber! Was soll das Ganze? Der Himmel ist blau und die Wiesen sind grün! Wo in aller Welt soll hier eine Sintflut herkommen?“ Und wer weiß, vielleicht hat Noah das genau ja auch getan? Vielleicht hat er sein Werkzeug nicht nur einmal wutentbrannt auf den Boden geschleudert. Doch weitergemacht hat er trotzdem. Tag für Tag. Bis das Schiff am Ende fertig war.
 
Vor einer ähnlichen Aufgabe wie Noah stehen auch wir. Doch haben wir nicht wie Noah hundert Jahre Zeit, sondern nur zwanzig. In diesen zwanzig Jahren entscheidet sich, wie die Welt in den hundert Jahren danach aussehen wird. Unerträglich heiß, mit großer Trockenheit auf der einen Seite, und heftigen Starkregen auf der anderen, oder so, dass sich unsere Erde klimatechnisch gesehen in einem Korridor bewegt, in dem die Erwärmung keine so dramatischen Auswirkungen hat.
 
Was wollen Sie dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen? Was will ich dafür tun? Ja, können wir überhaupt etwas dagegen tun, oder ist alles, was wir tun, nicht sowieso nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Fehlt uns also der Glaube, unseren Planeten noch retten zu können? Hören wir deshalb nicht mehr so genau hin, wenn die nächsten Meldungen kommen? Schließlich können wir doch eh nichts machen.
 
Noah hat nicht so gedacht. Wobei, was er gedacht hat, wissen wir nicht? Vielleicht hat er ja auch damals gedacht, dass alles umsonst ist, was er tut. Dass die Flut gar nicht kommt. Dass das Holz nicht reicht. Und dass er am Ende sowieso daran scheitern wird, die vielen Tiere einzufangen und sie auf die Arche zu bringen. Von der Bereitstellung des für die Tiere notwendigen Futters ganz zu schweigen. Trotzdem tat er etwas. Tag für Tag. Und nur darauf kam es an.
 
Auch bei uns kommt es nur darauf an, was wir tun. Was wir glauben, was wir hoffen, was wir denken, ist das eine. Doch was wir tun, das ist das andere. Und dieses andere entscheidet über unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder.
 
Was also können wir tun? Was hilft am Meisten? Und was hilft am Schnellsten?
 
Ein Punkt, mit dem wir das Klima unseres Planeten vermutlich am effektivsten schützen können, ist, sagt die Wissenschaft, unsere Ernährung. So macht die Landwirtschaft in Deutschland zwar nur rund 8 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes aus, doch liegen die Zahlen weltweit bereits bei rund 15 Prozent. Doch ist dies noch nicht die ganze Wahrheit. So brauchen Kühe Futter. Und dieses Futter wird, vor allem in der Massentierhaltung, vor allem aus Ländern wie Brasilien importiert. Dort werden für den Anbau der Futterpflanzen für die Tiere die Regenwälder abgeholzt. Dazu erzeugen Kühe durch ihre Verdauung große Mengen an Methan. Schweine und Ziegen tun dies auch, doch deutlich weniger. Dieses Methan treibt den Klimawandel jedoch weitaus stärker an, als Kohlendioxid. Es gibt Forscher, die, wenn sie alle Faktoren zusammenrechnen, auf einen Anteil von rund 50 % des weltweiten Kohlendioxidausstoßes kommen, die mit dem Fleischkonsum zusammenhängen. Ob diese Zahlen so stimmen, ist schwer zu überprüfen. Aber so ganz unrecht haben sie nicht. Wenn wir also möglichst schnell etwas gegen die Klimaerwärmung tun wollen, dann können wir dies am einfachsten durch die Art unserer Ernährung erreichen. Es ist ganz einfach. Kein Fleisch, dazu möglichst wenig Tierprodukte, und dafür eine Ernährung, die auf Pflanzen setzt. Wenn viele Menschen sich auf diese Weise ernähren würden, wären wir alle vermutlich deutlich gesünder. So hilft eine Ernährung mit Getreide, Reis, Soja, Gemüse und Obst, Bluthochdruck und einen Herzinfarkt vorzubeugen. Und es würde durch eine solche Ernährung ohne oder mit wenig Fleisch auf Dauer Unmengen von Kohlendioxid eingespart werden.
Doch was nützt es, wenn einer ganz allein damit anfängt? Nicht viel, würde ich sagen. Doch ganz umsonst ist es trotzdem nicht. Denn ohne dass wir einzeln etwas machen, wird sich die Welt auf Dauer nie verändern. Denken Sie dabei an Noah. Noah hat auch durchgehalten, obwohl der sich beim Bau der Arche bestimmt immer wieder furchtbar allein gefühlt hat. 
Außerdem müssen wir ja nicht allein bleiben. Manchmal steckt ja die Aktion eines Einzelnen andere an. Denken Sie an Greta Thunberg. Sie war am Anfang auch ganz allein. Doch mittlerweile ist aus dem, was sie getan hat, eine ganze Bewegung entstanden. Oder denken Sie an eine La-Ohla-Welle im Fußballstadium. Eine solche Welle fängt auch immer damit an, dass einer oder eine aufsteht und die Hände hochreißt. Der Mann, die Frau daneben, macht dann mit. So sind es schon zwei. Für den oder die Dritten ist es so schon viel einfacher, aufzustehen und mitzumachen. Und am Schluss sind alle mit dabei. Einfach, weil es dazugehört.
 
Eine solche Welle können vielleicht auch wir lostreten? Erst einmal in den nächsten sieben Wochen. Indem wir ausprobieren, wie das gehen könnte, weniger Kohlendioxid auszustoßen. Durch weniger Autofahren und den Verzicht auf das Fliegen. Durch kluges Handeln, so dass wir Energie sparen und regenerative Energie erzeugen. Und, und das könnte dasjenige sein, was kurzfristig am meisten Erfolg bringt, durch eine andere Ernährung. Möglichst vegetarisch, mit möglichst wenig Tierprodukten.
 
Probieren Sie es in den nächsten sieben Wochen bis Ostern doch einmal aus. Machen Sie mit beim Klimafasten und üben Sie für sich neue Verhaltensweisen ein. Sicher, das wird nicht jeden Tag klappen. Und sicher, das tut manchmal auch weh. Doch gibt es ja auch Kompromisse. So ist ein wenig Speck im Grüne-Bohnen-Auflauf immer noch besser als ein Rinder-Steak. Und denken Sie dabei an Noah. Einmal oder auch immer wieder das Werkzeug wutentbrannt auf den Boden zu werfen ist eine ganz normale menschliche Reaktion. Sie ist auch in Ordnung. Solange man am nächsten Morgen das Werkzeug vom Boden wieder aufhebt und weitermacht, unsere Erde zu retten. 
 
Und wer weiß? Vielleicht bleibt ja die eine oder andere Verhaltensweise, die Sie in diesen sieben Wochen ausprobiert haben, auch danach noch hängen? So dass Sie einen Schritt mehr gemacht haben und Teil der großen Welle geworden sind, die wir alle brauchen, um unsere Welt zu retten. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer (Sonntag Invocavit; 26.2.2023, Maulburg)