Predigt zu I. Mose 8, 15-17

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
Ein Jahr und zehn Tage, so lange, erzählt die Bibel, waren Noah und seine Familie in der Arche. Ein Jahr und zehn Tage eingeschlossen in einem Schiff, ausgesetzt auf einem riesigen Meer. Meist stellt man sich die Arche ja idyllisch vor, als ein großes Schiff aus Holz mit vielen Fenstern, aus denen die Giraffenhälse ragen, während weiter unten in den Gängen die Mäuse friedlich umher trippeln. Doch die Bibel malt ein anderes Bild:
 
Ein Kasten aus Holz, innen und außen mit Pech abgedichtet, 150 Meter lang, 25 Meter breit, 15 Meter hoch. Nur eine Tür, nur ein Fenster, beide verschlossen. Keine Sonne kommt herein, selbst wenn sie scheinen würde. Aber die Sonne scheint nicht, stattdessen fällt strömender Regen von oben auf das Dach der Arche, während von den Seiten hohe Wellen gegen die Bordwände schlagen. Dunkel war es in der Arche und stickig, laut war es und vermutlich stank es fürchterlich.
 
Da haben sich ein paar vor der Katastrophe gerettet, doch um welchen Preis? Sie haben sich eingeschlossen in ihre eigene Welt, haben Mauern gebaut zwischen sich und der brutalen Wirklichkeit dort draußen.
 
Manchmal, wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, würde ich mich auch gerne zurückziehen, so wie Noah und seine Familie. Mich verkriechen in einen geschützten Raum, in dem ich von von den ganzen schlimmen Nachrichten, die jeden Tag auf mich einprasseln nichts mehr mitbekomme, und ich nicht mehr unter dem Stress der Erwartungen und Anforderungen stehe, die von überall her an mich herangetragen werden.
 
Ich denke, ein solcher Rückzug ist ganz normal. Wenn jemand enttäuscht wurde, wenn jemand einen andern Menschen verloren hat, wenn jemand beruflich auf die Nase gefallen ist, oder wenn jemand in der Schule gemobbt wird. Erst einmal einen Schritt zurück gehen, dorthin wo man sich sicher fühlt. Sich zurückziehen in sein eigenes Schneckenhaus, wo alles da ist, was man zum Leben braucht.
 
Fast so wie Noah in seiner Arche. Und nur das Schaukeln des Schiffes zeigt einem noch von Ferne, dass es jenseits dieses Schneckenhauses noch ein Draußen gibt. Doch die Türen und Fenster zu diesem Draußen sind verschlossen.
 
Nur, wie lange will man so leben? So in sich verschlossen? Und wie kommt man von diesem Schneckenhaus wieder heraus? Was gibt einem dann die Kraft, sich wieder neu ins Leben aufzumachen? Was gab damals Noah die Kraft, nachdem seine ganze Welt untergegangen war, die Schwelle zurück ins Leben zu überschreiten?
 
Die Bibel erzählt, dass dieser Weg für Noah nicht einfach war. Nein. Es war vielmehr ein langer, ja ein mühsamer Weg.
 
Alles fing damit an, so erzählt die Bibel, dass der Regen aufhörte. Kein endloses Geprassel der Tropfen mehr auf dem Dach. Weder laut. Noch leise.
Wer wohl die Stille zuerst wahrgenommen hat, mitten in dem Lärm, den die Tiere machten? War es Noah? Oder war es seine Frau? Oder war es eines seiner Kinder? Wie es auch war, sie hörten es. Doch verstrichen noch vierzig Tage, bis sie endlich glauben konnten, dass der Regen tatsächlich vorbei war. Erst dann öffnete Noah das Fenster und ließ einen Raben nach draußen fliegen. Doch der Rabe kehrte schon bald wieder zu ihm zurück. Er hatte keinen Platz gefunden, an dem er landen konnte. So schloss Noah das Fenster wieder. Es hat noch keinen Sinn, sagte er sich vielleicht. Ja, vielleicht hat das Ganze ja überhaupt keinen Sinn. Vielleicht ist es nur eine kurze Regenpause und die Katastrophe geht noch immer unverändert weiter. So schließt er das Fenster wieder.
Alles war wieder dunkel. Die Luft stickig. So wie es schon die ganze Zeit über war. Ob sich seine Familie bei ihm beschwert hat? Mach´ das Fenster noch mal auf! Hier stinkt es! Lass es uns noch einmal probieren! Wer weiß, vielleicht war es ja gar nicht Noah, sondern seine Kinder, die ihm Mut machten, nach einigen Tagen das Fenster noch einmal zu öffnen? Was hat er schon groß zu verlieren? Es ist ein überschaubarer Akt. Außerdem kann er das Fenster ja sofort wieder zu machen, wenn der Regen erneut beginnen würde.
 
Beim zweiten Mal lässt Noah eine Taube fliegen. Doch auch sie kehrt bald wieder zurück. Wieder nichts. Wer weiß, vielleicht würde es ja auch nie wieder etwas werden? Manchmal hat man ja so Gedanken. Gedanken, die einen immer weiter nach unten ziehen. Die alles nur noch schlimmer machen. Es ist einfach so, sagen diese Gedanken. Finde dich damit ab. Das Leben wird ewig so dunkel bleiben.
 
Noah versucht es nach einigen Tagen trotzdem noch einmal. Wieder lässt er eine Taube aus dem Fenster seiner Arche fliegen. Und nun, beim dritten Mal, kommt die Taube mit einem Ölzweig zurück. Da weiß er, irgendwo hier in der Nähe gibt es Land. Ja. Nicht nur Land, sondern auch Pflanzen. Es gibt Leben. Ein neues Leben. Auch für ihn.
Ob Noah und seine Familie die Rückkehr der Taube gefeiert haben, dort in der Arche? Die Rückkehr der Hoffnung auf ein Leben jenseits von allem, was sie im letzten Jahr erlebt haben? Kein schwankender Boden mehr unter den Füßen, keine Dunkelheit mehr, dafür Luft zum Atmen. Weite. Die Sonne auf der Haut. Licht.
 
Trotzdem ließ Noah noch weitere sieben Tage verstreichen, bis er die nächste Taube fliegen ließ. Die Erfahrung des vergangenen Jahres hat ihn vorsichtig gemacht. Wie oft wollte er vielleicht schon das Fenster öffnen? Und tat es dann doch nicht. Aus Angst, dass der Regen das Schiff flutet und alle untergehen. Jetzt hat er es getan. Doch jetzt nur nicht zu viel riskieren. Nein. Immer nur ein Schritt nach dem anderen. So lässt er noch einmal eine Taube fliegen. Doch diese Taube kehrt nicht mehr zu ihm zurück. Da wächst in ihm ganz langsam die Erkenntnis, dass die Zeit der Katastrophe vielleicht doch zu Ende sein könnte.
 
Ja, hat das Schiff nicht in der letzten Zeit gar nicht mehr geschwankt? Selbst als sich die Elefanten von einer Ecke ihrer Kammer in die andere bewegten? Jetzt fällt es plötzlich allen auf. Sie müssen mit der Arche auf festem Boden gestrandet sein. Schon lange. Nur dass es keiner bemerkt hatte, vor lauter Hektik und Stress.
 
Doch jetzt ist eine neue Zeit angebrochen. So entfernt Noah das Dach von der Arche und lässt das Licht der Sonne in die Arche scheinen. Er lehnt sich von oben über die Reling und sieht zum ersten Mal wieder in die große weite Welt hinaus. Wie hat die Welt sich doch im vergangenen Jahr gewandelt? Keinen Berg, keinen Baum, keinen Strauch erkennt er wieder. Aber das ist ihm egal. Hauptsache, das Wasser ist verschwunden. Hauptsache, die Erde ist wieder trocken.
 
Trotzdem stürmt noch immer keiner hinaus. Zu groß erscheint allen das Risiko. Nein. so, wie es jetzt ist, ist doch alles schon viel besser als zuvor. Da ist Licht. Da ist Luft. Dazu die schöne Aussicht. Warum also hinausgehen? Warum das alte Leben aufgeben, an das man sich im letzten Jahr unter so großen Mühen gewöhnt hat? Die ganzen Routinen und gewohnten Abläufe, die einem Sicherheit geben. Ja überhaupt! Wer garantiert einem, dass die Flut nicht morgen schon wieder zurückkommt? Nein. Wer eine Katastrophe erlebt hat, der wird dem Leben gegenüber misstrauisch. Besser, man geht kein unnötiges Risiko ein. Besser, man bleibt in der Arche und freut sich dort an den neugewonnenen Freiheiten. Schließlich sagt einem die Erfahrung, dass das Leben Sicherheit braucht. Gerade in diesen unruhigen Zeiten.
 
Sie merken, liebe Gemeinde, dass einen die eigenen Erfahrungen, so hilfreich sie oft sind, an manchen Stellen auch schrecklich täuschen können. Ja, dass sich ein Leben leicht im Kreis dreht, das sich nur auf die eigenen Erfahrungen stützt.
 
Wie oft geht es uns wie Noah, dass wir an Schwellen stehen, und nicht wissen, ob wir diese Schwellen überschreiten sollen? Die guten Erfahrungen in unserem Leben sagen uns: Ja, mach es. Doch die schlechten Erfahrungen sagen uns: Lass die Finger davon. Wie Noah halten wir in der einer Hand das grüne Ölblatt der Hoffnung, doch mit der anderen Hand zeigen wir auf all` die Katastrophen, die wir schon erlebt haben oder die wir um uns herum sehen.
 
Wem sollen wir mehr trauen? Wir wissen es nicht. So siegt im Zweifelsfall oft der Gedanke an die Sicherheit. So wie bei Noah, der in seiner Arche sitzen bleibt.
Doch dort, wo wir uns nach einer Katastrophe in unsere Angst einrichten, kommt Gott und zeigt uns dem Weg zum Leben.
 
Damals sprach Gott direkt mit Noah. In der Bibel heißt es:
 
Da redete Gott mit Noah und sprach:
Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir.
Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh und allem Gewürm,
das auf Erden kriecht, das lass mit dir herausgehen,
dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.
(I. Mose 8, 15-17)
 
Manchmal, liebe Gemeinde, braucht es ein solches Wort von außen. Dass einer kommt, dem wir vertrauen, und uns aus dem Schneckenhaus wieder herauslockt, in das wir uns verkrochen haben. Dass jemand zu uns sagt: „Jetzt ist die Zeit gekommen. Mach´ den nächsten Schritt. Trau´ dich. Mach´ es nicht allein, sondern gemeinsam mit den anderen.“
 
Noah wagt diesen Schritt. Er öffnet die Tür der Arche und alles strömt hinaus. Alle Tiere. Die Großen wie die Kleinen. Und auch die Menschen. Etwas zögerlicher vielleicht. Aber auch sie kommen nach draußen.
 
Sie sehen die Tiere, die sich an der neuen Freiheit freuen. Die rennen und hüpfen. Und sich der Sonne entgegenstrecken. Genauso wie die Menschen, auch sie rennen und hüpfen. Sie freuen sich an der neuen Freiheit. Und den wärmenden Sonnenstrahlen. Jetzt erst spüren sie, wie gut es war, die Arche zu verlassen. Denn sie spüren nur das Leben wieder in seiner ganzen Kraft.
Auf einmal kommt ihnen der Gedanke gar nicht mehr verführerisch vor, zurück in die Arche zu gehen, nur, weil das Leben dort sicherer ist. Auf einmal kommen ihnen die Wände dort viel zu eng vor, die Räume viel zu dunkel, im Vergleich zu der Weite und der Freiheit, die sie nun erleben. Manchmal erkennt man erst im Rückblick, wo und wie man am eigenen Leben vorbeigelebt hat. Aus Angst, aus Wut, oder aus irgendwelchen anderen Gründen.
 
Doch allein ist ein solcher Schritt zurück ins Leben manchmal schwer. Vor allem nach einer Katastrophe. Vielleicht ruft uns Gott auch deshalb immer wieder genau zu diesem Schritt auf.
 
„Steh auf und iss!“, sagt der Engel zum Propheten Elia, der sein Leben aufgegeben hat und sich in der Wüste zum Sterben hingelegt hat.
 
„Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt sein sollst. Dass du nicht nicht ängstigen lässt und dich nicht entsetzt“ , sagt Gott zu Josua, der das Volk Israel in das gelobte Land führen soll, „Denn ich Gott bin mit dir in allem, was du tun wirst.“
 
Manchmal spricht Gott diese Worte auch durch andere Menschen. So dass ihr Wort für uns zu Gottes Wort wird und uns den Schubs gibt, den nächsten Schritt in unserem Leben zu wagen.
Denn unsere Erfahrungen reichen uns allein oft nicht zum Leben aus. Wir brauchen jemand, der von außen kommt und sagt: Jetzt ist die Zeit gekommen. Jetzt ist die Zeit zu leben. Die Zeit Frieden zu schließen. In der Ukraine, wie auch in Israel. Die Zeit der Gerechtigkeit. Dass sich die Mächtigen mit ihrem Unrecht nicht davonstehlen können, sondern zur Rechenschaft gezogen werden. Jetzt ist Zeit auch zur Versöhnung. Weil sein Leben dem Hass und der Vergeltung zu widmen, keinem Menschen gut tut.
 
Möge Gott uns helfen, auf diese Rufe zu hören. Damit wir uns aus unseren Schneckenhäusern heraus trauen und nach dem Leben suchen. Einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden. In Hoffnung und Liebe. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Pfr. Paul Wasmmer, 22.10.2023 Maulburg