Predigt zu II. Kor. 4, 6-10

 
Lesung: Die Frau mit dem Krug 
 
In einem Dorf in einem weit abgelegenen Winkel dieser Erde gingen die Frauen des Dorfes jeden Tag einen steinigen Weg hinunter zum Fluss, um von dort in großen Tonkrügen Wasser zum Trinken und zum Kochen zu holen. Denn in ihrem Dorf gab es keinen Brunnen.
 Eines Morgens sah eine der Frauen verträumt einem Schmetterling hinterher. Dabei stolperte sie. Ihr Krug fiel auf den Boden und bekam einen Riss. Sie hatte keinen zweiten Krug und auch kein Geld, sich einen neuen Krug zu kaufen. So umwickelte sie den Krug notdürftig mit einem Tuch. Aber das Wasser tropfte an den Bruchstellen heraus, und als sie im Dorf ankam, war die Hälfte von dem Wasser nicht mehr da. 
 „Ach“ klagte sie, „Was für ein Unglück! Warum war ich bloß so unvorsichtig? Alle anderen Frauen bringen mehr Wasser nach Hause! Meine Mutter hat Recht, ich bin zu nichts nütze!“ 
Tag für Tag machte sie sich wegen ihres Missgeschicks Vorwürfe. Tag für Tag sah sie verbitterter in den Krug mit Wasser, der im Gegensatz zu den Krügen der anderen Frauen immer nur halbvoll war. 
 Eines Morgens aber, als die Frauen hinunter zum Fluss gingen, war der schmale Pfad von grünen Gräsern und kleinen Blumen gesäumt. Sie leuchteten rot, gelb und weiß. Es war eine wahre Pracht. 
 „Das waren deine Wassertropfen“ lachten die Frauen, „sie haben den staubigen Weg zum Blühen gebracht.“ 

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Von einem Krug, der einen Riss hatte, erzählte die Geschichte, die Sie gerade eben gehört haben. Solche Risse tragen auch wir Menschen im Laufe unseres Lebens mit uns herum. Manchmal helfen sie uns, dass etwas von dem, was wir uns tragen, an Freude oder Schmerz, an Kraft oder Ohnmacht, heraus darf und wir es mit anderen teilen können – und so Segen wächst. Oft aber sind uns diese Risse peinlich. Wir wollen nach außen hin möglichst perfekt sein. Ein Riss hat da nichts zu suchen. Und doch spricht auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag von solchen Rissen. 

Wir hören auf Worte des Apostel Paulus aus dem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth.
Der Apostel schreibt dort:
 
Denn Gott, der sprach: „Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, hat einen hellen Lichtschein in unserem Herzen verankert, damit durch uns die Menschen erleuchtet werden, und sie die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi erkennen. Dieses Licht in unseren Herzen ist ein unermesslicher Schatz, den wir in unserem Leib wie in einem zerbrechlichen Tongefäß aufbewahren. Daran wird deutlich, dass die überschwängliche Kraft, die in uns wohnt, von Gott kommt und nicht aus uns selbst. Das zeigt sich auch an meinem Leben:
Immer wieder gerate ich in Bedrängnis, trotzdem bin ich nicht verzweifelt. Ich gerate in Nöte, und versinke doch nicht in Hoffnungslosigkeit. Ich werde verfolgt und bin doch nicht von Gott verlassen. Ich werde unterdrückt,  gehe aber nicht unter. So trage ich das Leiden Jesu und sein Sterben an meinem Leib, damit auch die Kraft des Lebens, die von Jesus ausgeht, in meinem Leben sichtbar werde. 
                                                         
Liebe Gemeinde
Wir alle tragen etwas von dem Licht Gottes in unseren Herzen, dies sagen uns die Worte der Bibel für den heutigen Sonntag zu. Dieses Licht ist wie ein Schatz – doch tragen wir diesen Schatz in einem ziemlich zerbrechlichen Gefäß – ein Tongefäß nennt es der Apostel Paulus - Martin Luther hat es mit den Worten „irdenes Gefäß“ übersetzt. Eine Formulierung, die manche vielleicht noch aus der Luther-Übersetzung im Ohr haben. 
 
Dabei scheint mir ein solches „tönerne Gefäß“ nicht der beste Aufbewahrungsort für einen Schatz zu sein. Wird ein Schatz nicht besser in einer Kiste aufbewahrt, wie in dem Buch „Die Schatzinsel“, das ich in meiner Jugendzeit verschlungen habe? Und wird diese Kiste nicht am besten irgendwo auf einer einsamen Insel vergraben, so dass niemand sie finden kann?
Scheinbar nicht. 
 
Denn der Apostel Paulus spricht von keiner stabilen Kiste aus Holz, die man vergraben kann, die auch einmal herunterfallen kann, ohne dass etwas passiert, sondern von einem tönernen Gefäß. Also eher von einer Art von Vase, die, wenn man sie fallen lässt, zu Bruch gehen kann. Schon seltsam, oder nicht? Etwas so Wertvolles wie einen Schatz gerade in einem so zerbrechlichen Gefäß aufzubewahren? 
 
Dieser besondere Aufbewahrungsort lässt mich an alles mögliche denken, das kostbar ist – und das wir an höchst zerbrechlichen Orten aufbewahren: 
 
Da ist zum Beispiel die Demokratie in unserem Land. Seit der Corona-Pandemie steht sie unter besonderem Druck. Die Menschen sind gereizter, sie neigen schneller dazu, „die da oben“, wie es immer ganz schnell heißt, für alles verantwortlich zu machen. Es fehlt die Geduld, angesichts der Größe der Probleme, mit denen wir es zu tun haben – gemeinsam Stück für Stück den richtigen Weg zu suchen, statt dessen stecken viele lieber den Kopf in den Sand und rufen nach einem starken Mann, einer starken Frau, der oder die alles richten soll.
Immer seltsamere Lösungen werden von solchen starken Männern und Frauen präsentiert. Manche treffen sich in rechten Kreisen und weisen extremen Gedanken den Weg: Menschen aus anderen Ländern sollen Deutschland verlassen. Sie tun so, als wäre dies die Lösung aller Probleme, dabei brauchen wir, angesichts unserer Bevölkerung, die immer älter wird, immer mehr Menschen, die von außen zu uns kommen und uns helfen, unser Land vorwärts zu bringen. 
So geht ein immer tieferer Riss durch unsere Gesellschaft. Und keiner weiß, wie dieser Riss zu kitten ist. Je zerbrechlicher der Friede in unserer Gesellschaft ist, je zerbrechlicher auch unsere Demokratie selbst ist, die die gleichen Rechte für alle Menschen garantiert, die freie Rede, oder auch die freie Presse, umso mehr merke ich, wie groß der Schatz ist, den wir in ihr haben. Dabei nützt es uns nichts, wenn wir diesen Schatz in einer stabilen Kiste irgendwo auf einer fernen Insel vergraben würden. Nein. Wir müssen diesen Schatz leben, gemeinsam miteinander, in all seiner Zerbrechlichkeit. Nur so kommen er zum Leuchten.
 
Tönern - und zerbrechlich - erleben manche Menschen auch ihre Gesundheit. Was viele Menschen als ganz selbstverständlich erachten - dass alle Organe funktionieren und das Leben wie von selbst läuft – kann sich auf einmal von einem Augenblick auf den anderen ändern. 
 
Eine Frau erzählt: „Als der Arzt zu mir sagte, ich hätte Krebs, konnte ich ihm zuerst gar nicht glauben. Es fühlte sich nicht so an. Aber dann, als er einfach schwieg, begriff ich, dass er es ernst meinte. Und plötzlich war alles anders. Krebs, das Wort geisterte in meinem Kopf umher. Sicher, ich weiß, dass diese Krankheit heute in vielen Fällen heilbar ist, trotzdem stürzte ich zuerst einfach nur in eine dunkle Tiefe voller Angst.“
 
Unser Gesundheit ist ein Schatz, den wir - solange er uns wie selbstverständlich zur Verfügung steht, kaum bemerken, der uns aber, kaum gerät er in Gefahr, umso wertvoller erscheint.
 
Tönern - und zerbrechlich - erleben wir manchmal auch die Liebe. Zuerst ist sie stark. Sie bestimmt jeden unserer Gedanken. Alles zieht einen zum anderen hin. Und jeder Tag ohne ihn - ohne sie - ist ein verlorener Tag. Doch dann, nach einigen Wochen oder Monaten schleicht sich die Gewöhnung ein. Die Liebesgefühle verlieren ihren  Überschwang und bei manchen Paaren geht mit diesem Überschwang die Liebe selbst verloren. „Einander zu lieben“, so habe ich in einem Buch gelesen, „heißt miteinander zu kämpfen. Aber so, dass man will, dass der andere dabei gewinnt.“ (Buch: Superhero; Anthony McCarten). Mir gefällt diese Definition von Liebe. Weil sie kein romantisches Bild von der Liebe malt, und doch etwas Wesentliches von dem beschreibt, was Liebe ausmacht. Dass der andere  - die andere - mir das Beste will und dafür auch kämpft.
Eine solche Liebe ist ein großer Schatz. Einer der Schätze, die das Leben schön macht. Und das nicht nur an den lauten Tagen des Lebens, sondern manchmal gerade in den leisen.
 
Drei Schätze in tönernen, zerbrechlichen Gefäßen, liebe Gemeinde, habe ich ihnen jetzt aufgezählt. Es sind alles Schätze, die in keiner Schatztruhe auf irgendeiner Südseeinsel zu finden sind, sondern die ganz nah sind - und: die  - wenn es gut geht - uns täglich umgeben - und dabei unser Leben leuchten lassen. Von einem solchen Schatz - der leuchtet - aber auch zerbrechlich ist - redet auch der Apostel Paulus. 
 
Für ihn ist der Glaube ein solcher Schatz. Denn indem wir glauben, öffnen wir Gott unser Herz, so dass Gott in uns wohnen kann. Mit seiner Kraft. Mit seinem Licht. Mit seiner Hoffnung. 
 Dieser Glaube steht manchmal auf tönernen Füßen. Er ist zerbrechlich - wer wüsste das nicht. Denn wo der Glaube ist, da ist auch der Zweifel. Wie sein dunkler Bruder gehören beide zusammen. Der eine ist nicht ohne den anderen zu haben. 
 Der Zweifel macht es sich dabei manchmal leicht. Er muss ja nur widersprechen. Er kann auf die Lücken und Schwächen des anderen zielen, ohne sich selbst angreifbar zu machen. Keiner verlangt vom Zweifel, dass er einem ein sinnvolles Lebenskonzept anbietet. Keiner verlangt vom Zweifel, dass er einen durch die dunklen Stunden des Lebens trägt. Keiner verlangt vom Zweifel, dass einem hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. 
 Der Glaube dagegen soll am Besten alles zugleich tun - und ist damit oft hoffnungslos überfordert. Und doch ist er ein Schatz, weil in ihm Gott selbst zu uns kommt und sein Licht zu uns bringt. Dieses Licht ist vielleicht nicht immer so groß und stark, wie wir es uns gerne wünschten. Es ist aber auch kein Flutlicht, das unbarmherzig jede kleinste Ritze unseres Lebens von innen her ausleuchtet, wie manch andere es befürchten. Es ist eher wie das Licht einer Kerze, das in uns brennt und das uns von innen her Kraft und Hoffnung schenkt.
 
Kraft und Hoffnung, sich auch für die anderen Schätze in ihren tönernen Gefäßen einzusetzen.
 
Denn dort, wo der gesellschaftliche Friede bedroht ist, wo Stimmen auftauchen, die nach einem starken Mann, einer starken Frau rufen, und die Demokratie in Gefahr gerät, verlorenzugehen, macht uns der Glaube Mut, uns für die Demokratie einzusetzen. Weil in ihr jeder Mensch geachtet wird, egal woher er oder sie kommt.
 
Kraft und Hoffnung macht der Glaube auch dort, wo uns unsere Gesundheit im Stich lässt. Ich selbst habe die sechzig mittlerweile überschritten und weiß, wovon ich rede. Älter zu werden hat sehr viel Gutes, aber es bringt immer auch das eine oder andere Handycap mit sich. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Aber es kommt. Wie damit umgehen? Lamentieren? Nur noch über Krankheiten reden? An Wunderheilungen glauben? Auf den Astrologen in München, den Guru in der Schweiz oder die Gebetsgruppe im Schwarzwald?  Nein. Für mich ist der Glaube etwas, das mich in einem tieferen Sinn bewahrt. Er schenkt mir Gelassenheit, dort, wo sich mein Körper verändert. Und er schenkt mir Hoffnung, dort, wo mich Krankheiten direkt bedrohen. 
Die Frau, die im ersten Teil der Predigt von ihrem Krebs erzählt hat, meinte an anderer Stelle: „Was mir am Ende geholfen hat zu überleben? Die moderne Medizin. Ja. Ohne sie gäbe es mich heute nicht mehr. Mein Glaube? Ja. Ganz genau so. Denn ohne ihn gäbe es mich genauso wenig. Ohne ihn hätte ich mich aufgegeben, mitten auf dem Weg.“
 
Kraft und Hoffnung schenkt der Glaube auch für die Liebe. Denn seien wir ehrlich. Im tiefsten Herzen verbirgt sich in jedem Menschen immer auch ein kleiner Egoist. Einer, der immer nur „Ich. Ich. Ich.“ ruft und am liebsten nur für sich selbst kämpft. Doch das Licht in unserem Herzen zeigt uns, dass da noch jemand anders da ist – und dass ein Leben, das nur um sich selbst kreist, am Ende langweilig ist, während ein Leben, das sich traut, das eigene Herz zu verschenken, etwas von dem erfährt, was man mit keinem Geld der Welt kaufen kann. Echte Liebe, die einem zurück geschenkt wird, einfach so.
 
Einen Schatz in einem tönernen Gefäß, so nennt der Apostel Paulus einen solchen Glauben.
 
Möge dieser Glaube in uns leuchten und uns Kraft und Mut schenken, so dass wir - wie der Apostel – mit den Rissen in unserem Leben zu leben lernen - und vielleicht zwar in Bedrängnis geraten, aber nicht verzweifeln, in Nöte kommen, aber nicht in Hoffnungslosigkeit versinken, uns von der Welt verfolgt fühlen, aber nie von Gott verlassen sind, von anderen drangsaliert und unterdrückt werden, aber nicht untergehen, das Leiden und Sterben Jesu an unserem Leib mittragen, aber auch die Auferstehung erleben und das Leben in uns tragen, das von Gott kommt, der mit seinem Licht in unserem Herzen wohnt. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer, 28.1.2024, Maulburg