Predigt zu Lk. 13,44 (Der Schatz im Acker)

 
Lesung: Seligpreisungen 
 
Selig sind, die sich nicht immer überall vordrängen,
denn durch sie wird die Welt freundlicher.
    Selig sind die Dünnhäutigen, 
    denn sie spüren, wenn sie von anderen verletzt werden.
Selig sind die Menschen,
die nicht nur auf die Worte hören, sondern auch auf die Töne dazwischen
denn durch sie wächst ein gegenseitiges Verständnis.
    Selig sind, die sich in die Dinge der Welt einmischen,
    denn sie haben die Hoffnung noch nicht verloren.
Selig sind, die anderen Menschen Lasten abnehmen,
denn durch sie wird für viele das Leben leichter.
    Selig sind, die nicht immer alles gleich verstehen,
    denn durch ihr Nachfragen werden Irrtümer vermieden.
Selig sind, die für andere Menschen Verständnis zeigen,
denn durch sie wird die Welt barmherziger.
    Selig sind, die anderen Menschen einen fröhlichen Blick zuwerfen,
    denn durch sie bekommen viele neuen Mut.
Selig sind, die andere erfahren lassen, dass sie geachtet und nicht allein gelassen sind,
denn durch sie wird Gottes Liebe in die Welt getragen.
    Ja, selig sind alle, die Güte, Wahrheit und Barmherzig leben,
    denn sie werden Gottes Kinder heißen. Amen.
 
    
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Im Mittelpunkt der heutigen Predigt steht das Gleichnis vom Schatz im Acker. Jesus hat oft in solchen Gleichnissen gesprochen. Vielleicht, weil er wusste, dass Geschichten manchmal mehr sagen, als Worte, ja, weil er darauf vertraute, dass sich seine Geschichten in den Köpfen der Menschen festsetzen und die Gedanken, Einstellungen und Vorstellungen der Menschen verändern? 
 Wer weiß? Vielleicht macht diese Geschichte ja auch etwas mit Ihnen? Vielleicht berührt Sie diese Geschichte und rührt etwas in ihnen an? Ja, vielleicht nimmt es Sie mit auf eine Reise, an deren Ende Sie jemand anderes sind, als am Anfang? Wer kann dies schon im Voraus sagen?
 
Jesus erzählt:
 
    Das Himmelreich ist wie ein Schatz, der in einem Acker vergraben war.
    Einer fand den Schatz, doch er verbarg ihn gleich wieder.
    Voller Freude machte er sich daraufhin auf den Weg und verkaufte seinen ganzen Besitz.
    Und mit dem Erlös davon kaufte er den Acker mit dem Schatz.  (Lk. 13,44)
 
Liebe Gemeinde
Da ist ein Mensch, der auf einem Acker arbeitet, ein einfacher Bauer, der sich auf den Feldern des benachbarten Großgrundbesitzers etwas dazu verdient. Hart ist diese Arbeit - und nicht unbedingt gut bezahlt. „Aber was soll man schon machen“, denkt sich der Mann vielleicht. „Wer kann heutzutage schon von seiner Arbeit gut leben?“ 
 Da stößt er beim Pflügen auf ein Hindernis. Etwas Hartes ist dem Pflug im Weg. Vielleicht ein Stein, der ihn bei der Arbeit hindert? Es kann sein, dass sich der Mann über dieses unliebsame Hindernis erst einmal aufgeregt hat. Man will mit seiner Arbeit ja möglichst schnell fertig werden, damit man danach Zeit für seine Familie hat. Da stört jede unliebsame Unterbrechung. Vor allem, wenn sie mit neuer Arbeit verbunden ist. 
 So beugt sich der Mann nach unten, um das Hindernis zu beseitigen. Aber was ist das? Da liegt gar kein Stein im Weg. Und auch keine Wurzel. Nein, es ist eine lehmverschmierte Truhe. Wie kommt diese Truhe denn hierher? 
 Der Mann gräbt die Truhe aus und als er sie öffnet, wird ihm fast schwindlig. Die Truhe ist mit unzähligen Silberstücken gefüllt. Wie kann das sein? Hat vielleicht jemand diesen Schatz in Kriegszeiten hier vergraben und ist darüber verstorben? So  dass der Schatz hier schon viele Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhunderte liegt, ohne dass jemand etwas von ihm weiß? Und nun hat ausgerechnet er, ein einfacher Landarbeiter, der sich gerade noch über dieses Hindernis geärgert hat, diesen Schatz gefunden? Das kann doch nicht sein!
 
Was soll der Mann tun? Mit dieser Truhe voller Silbermünzen, die da vor ihm liegt? Was soll er machen?
 
Einfach weiter pflügen, als wäre nichts geschehen und den Schatz ignorieren, über den er da gestolpert ist? Schließlich hat er ja noch immer seine Aufgabe zu erfüllen. Er muss den Acker pflügen, sonst bekommt er Ärger mit dem Gutsbesitzer. Ja, nicht nur das. Wenn er mit seiner Arbeit nicht rechtzeitig fertig wird, wird ihm vielleicht sogar ein Teil seines Lohnes abgezogen. Also: Augen zu und durch? Den Schatz schnell wieder im Boden versenken, als wäre nichts geschehen, und dann weiter den gewohnten Bahnen des eigenen Lebens folgen?
 
 Ein solches Verhalten, liebe Gemeinde, wäre höchst unangemessen. Und doch, mag es Menschen geben, die genau so reagieren. Die nicht mehr auf das Leben sehen, das vor ihnen liegt und achtlos an dem Glück vorbeigehen, das ihnen auf ihrem Weg begegnet. Die keinen freundlichen Blick mehr sehen, keine ausgestreckte Hand. Die ganz und gar in ihrem festen Ablauf gefangen sind. Arme Menschen sind das, und doch steckt ein wenig von dieser Armut in jeder und jedem von uns. 
 Vielleicht erzählt Jesus ja auch deshalb dieses Gleichnis? Um uns von dieser Armut zu befreien? Damit wir wieder hinsehen und die Augen öffnen. Und das Glück sehen, dort, wo es uns begegnet.
 
Was aber, wenn wir das Glück gesehen haben, so wie der Mann in der Geschichte? Was sollen wir dann tun? Das Glück einfach nehmen, auch wenn es uns gar nicht gehört? Alle Skrupel beiseite legen, egal wie laut sie sind?  Hauptsache mir geht es gut?
   
Auch der Mann auf dem Acker hat vielleicht solche Gedanken. Wer würde es schon merken, wenn er den Schatz einfach mitnimmt? Ja, wenn er es geschickt genug anstellt, könnte er das Geld nehmen und es langsam, nach und nach ausgeben, so dass es niemandem auffällt. Oder mit dem Schatz das Weite suchen und irgendwohin gehen, wo ihn niemand kennt.
 So starten in seinem Kopf vielleicht alle möglichen Gedanken. Krumme Gedanken. Gedanken, die einem selbst aber immer besser vorkommen, je länger man sie denkt. Alles ist möglich, sagen einem diese Gedanken. Du musst nur zugreifen. Hier und jetzt.
Einige dieser Gedanken stecken ja vielleicht auch in unseren Köpfen? Und wer weiß, vielleicht erzählt Jesus ja auch deshalb diese Geschichte? Damit wir diesen dummen Gedanken nicht folgen, die uns auf einen falschen Weg bringen wollen. Einem Weg, bei dem wir die Achtung vor uns selbst verlieren und unsere Integrität.
 
Der Mann in dem Gleichnis widersteht dieser Versuchung. Trotzdem gibt er den Schatz nicht auf. Er geht auch nicht zu dem Gutsbesitzer und erzählt ihm, dass er auf dem Acker einen Schatz gefunden hat, in der Hoffnung, vielleicht vom Gutsbesitzer einen angemessenen Finderlohn zu erhalten, nein, auch das tut er nicht. 
 Der Mann will den Schatz behalten, aber auf einem geraden Weg. Dazu setzt er alle seine Kräfte ein. Seinen ganzen Verstand. Seinen ganzen Mut. Und seine ganze Findigkeit.
 Als Erstes versteckt er den Schatz wieder in der Erde und tut so, als wäre nichts geschehen. Dann rennt er so schnell wie er kann nach Hause und kratzt dort alles Geld zusammen, das er hat, ja, er verkauft sogar seinen ganzen Besitz.
 
 Würden Sie an seiner Stelle auch so handeln? Alles auf eine Karte setzen? Schließlich ist der mögliche Gewinn groß. Aber was ist, wenn etwas schief geht? Wenn zum Beispiel der Gutsbesitzer den Acker nicht verkauft? Oder den Preis immer höher treibt? Was, wenn sie jemand beobachtet hat und in der Zwischenzeit den Schatz ausgräbt und sich mit ihm auf und davon macht? So dass sie, wenn sie den Schatz am Ende heben wollen, leer ausgehen? Würden Sie dieses Risiko eingehen?
 
Der Mann tut es. Und er tut es, und das hat mich beim Lesen der Geschichte an dieser Stelle zutiefst erstaunt, voller Freude. Diese Freude ist es, die dem Mann antreibt. Diese Freude lässt ihn alle äußeren und inneren Widerstände überwinden, alle Sorgen, alle Ängste und alle Zweifel. Diese Freude füllt ihn von innen heraus mit Hoffnung an. Der Hoffnung, dass sein Leben noch nicht zu Ende ist. Ja, dass da noch ein Leben auf ihn wartet, das nicht nur aus Arbeit und Mühe besteht, nicht nur aus Leid und Schmerz, das mehr ist, als nur ein Überleben.
 Diese Freude macht ihm Mut, alles auf eine Karte zu setzen. So lässt er seinen gesamten Besitz los. Sein altes Leben, mit allem, was er sich darin aufgebaut hat. Ohne den Dingen, die er dabei zurücklässt, hinterher zu trauern. Und dann kauft er mit dem Erlös den Acker. So dass er jetzt - dank seiner Geistesgegenwart und seinem Verhandlungsgeschick - der rechtmäßige Eigentümer des Schatzes ist. Jetzt kann er den Schatz ausgraben. Jetzt kann er sich mit allen darüber freuen. Jetzt kann er sein Leben neu beginnen.
 
Was aber ist das nun für ein Schatz, von dem Jesus in dem Gleichnis spricht? Was hat der Mann dort in seinem Acker gefunden?
 
Die Antwort auf diese Frage liegt ganz am Anfang der Geschichte. Dort sagt Jesus: 
 
Das Himmelreich – oder auch das Reich Gottes - ist wie ein Schatz, der in einem Acker vergraben war. 
 
Der Schatz, von dem Jesus hier spricht, ist das Reich Gottes. Es ist das Reich, für dessen Kommen wir im „Vater unser“ beten. Das Reich, in dem Gottes Wille geschieht, nicht nur im Himmel, sondern hier auf der Erde. Und das deshalb auch nicht irgendwo weit von uns entfernt liegt – so dass wir über das Meer fahren müssten, um es zu erreichen, oder wir ein Gebirge überqueren müssten, um dorthin zu gelangen – sondern das mitten unter uns ist, gleichsam nur ein Wimpernschlag von uns entfernt.
Allerdings nur, wenn wir uns auch trauen, nach diesem Reich auch zu greifen, dort, wo es uns begegnet, so wie es auch der Mann in der Geschichte getan hat. Ja, nur, wenn wir auch bereit sind, für dieses Reich Gottes etwas zu riskieren. Ja, vielleicht sogar alles auf eine Karte zu setzen. 
 
So wie die beiden Frauen am Friedhof. Zehn Tage nach der Trauerfeier haben sie sich dort mit dem Pfarrer zur Urnenbeisetzung am offenen Grab ihrer Mutter zusammen gefunden. Die Mutter hat die beiden Töchter ihr Leben lang gegeneinander ausgespielt: immer hat sie eine von ihnen bevorzugt – und die andere benachteiligt, nur um etwas später, alles wieder umzukehren. Das Leben der Töchter war ein ständiger Konkurrenzkampf um die Liebe ihrer Mutter. Alles haben sie dafür getan, um diese Liebe zu erwerben. Und doch konnten sie sich nie lange an ihr freuen. Ein falsches Wort, ein kurzes Nachlassen ihrer Bemühungen, reichte aus, dass alles schon wieder zu Ende war. Schließlich gab es da ja noch die andere, die Schwester, die nur darauf wartete, den Platz einzunehmen, den man ihr zuvor weggenommen hatte. 
 Seit vielen Jahren hatten die beiden Schwestern kein Wort mehr miteinander gesprochen. Nun stehen sie da - am Grab der Mutter - und wissen nicht, was sie sagen sollen. Der Pfarrer betet mit ihnen das Vater unser: „...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ 
Ihre Stimmen stocken an dieser Stelle. Nur kurz. Verschämt sehen sie auf den Boden.
 Ganz am Ende, nach dem Segen, spricht sie der Pfarrer auf dieses Stocken an. Er weiß - von dem Trauergespräch mit der einen Tochter - wie es um die Beiden steht. Und dann geschieht es. Dort am Grab. Dass sich beide Schwestern - anstatt sich über das von der Mutter ungerecht verteilte Erbe zu streiten - plötzlich in die Arme fallen. Und die Zwietracht, die ihnen ihr Leben schwer gemacht hat, auf einmal von ihnen abfällt. Ganz leicht ist ihnen nun ums Herz. Nun, wo sie den Schritt aufeinander zu gewagt haben. 
 
 Sie haben ihr Versagen gesehen, einen winzigen Moment, als sie beim Beten des Vater Unser stockten, aber in dem Sehen der eigenen Schuld sahen sie zugleich, dass sie in dieser Schuld vereint waren und dass ihre Mutter mit ihnen beiden gespielt hat. Ja, dass sie keine Feindinnen waren, keine Konkurrentinnen, sondern Schwestern. Gebeutelte Schwestern, um die Liebe ihrer Mutter kämpfende Schwestern, gescheiterte Schwestern, aber Schwestern.
 
  So hörten sie auf, auf die dummen Gedanken zu hören. Die Gedanken der Rache, die Gedanken, die zu ihnen sagten, jetzt zeige ich es dir: das Erbe gehört allein mir. 
 
 Statt dessen gingen sie einen Schritt aufeinander zu. Offen und ehrlich.
 
  Dabei setzten sie alles auf eine Karte Sie ließen sich darauf ein, vor ihrer Schwester ihr Gesicht zu verlieren und sich selbst schwach zu zeigen.
Das alles haben sie getan. Einfach so. In diesem einen Moment dort am Grab. Und haben so alles gewonnen. Sie haben sich selbst zurückgewonnen. Sie haben ihre Schwester zurückgewonnen. Und sie haben ein Leben zurückgewonnen, das sich nicht länger in einem gegenseitigen Konkurrenzkampf zerstört, sondern in dem wieder Friede ist.
 
Sie haben sich getraut, so würde Jesus sagen, nach dem Himmel zu greifen, als er sich für sie öffnete und sich durch ihren Mut ein Stück Himmel auf die Erde geholt.  
 
Tun Sie das auch. Trauen sie sich, nach dem Himmel zu greifen, dort, wo er sich für sie öffnet. Riskieren sie etwas dafür, und werfen Sie den Ballast ab, der ihnen dabei im Weg steht. Aber tun sie auf einem ehrlichen Weg, damit sie sich hinterher auch selbst und den anderen in die Augen sehen können und damit sie sich an diesem Stück Himmel hier auf Erden mit allen freuen können. Mit allen Menschen. Und mit Gott, der sie auf diesem Weg mit seinem Segen begleitet. Jetzt und in Ewigkeit.Amen.
 

Pfr. Paul Wassmer, 9. So. n. Trin., So. 28.7.2024, Maulburg