Predigt zu Lk. 22, 54-62 (Sonntag Lätare 2024)

 
      
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus 
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes 
sei mit euch allen. 
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
ich wohne im Pfarrhaus direkt neben den Hühnern. Wenn eins der Hühner ein Ei gelegt hat und stolz gackert, dann kann ich das meistens hören. Leider ist kein Hahn bei den Hühnern. Als Frühaufsteherin fände ich das schön, wenn frühmorgens der Hahn kräht, sobald es hell wird. Aber manche Nachbarinnen und Nachbarn sind da anderer Meinung.
 
Vom Schreibtisch aus sehe ich zum Kirchturm unserer schönen Kirche. Weiß jemand von Ihnen, ob dort oben ein goldener Hahn zu sehen ist, wie auf vielen anderen Kirchtürmen?
Nein, da ist kein Hahn, oben auf unserem Kirchturm ist nur ein runder Drahtkorb für ein Storchennest. Und eine goldene Weltkugel mit goldener Wetterfahne. Sie bewegt sich sogar, wie ich jetzt erst festgestellt habe.
 
Wenn da oben ein Hahn wäre, dann würde er an folgende Begebenheit aus dem Lukasevangelium Kapitel 22, Verse 54-62 erinnern: 
 
Nachdem sie Jesus ergriffen hatten, führten sie ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters.
Petrus aber folgte von ferne. 
Als sie im Hof ein Feuer angezündet und sich zueinander gesetzt hatten, setzte sich Petrus mitten unter sie. 
Da sah ihn eine Sklavin beim Feuer sitzen, blickte ihn an und sagte: „Auch dieser war mit ihm.“ 
Er aber leugnete und sagte: „Frau, ich kenne ihn nicht.“ 
Und kurz nachher sah ihn ein anderer und sagte: „Auch du bist einer von ihnen.“
Petrus aber sagte: „Mann, ich bin's nicht.“
Ungefähr nach einer Stunde versicherte ein anderer:
„In Wahrheit: auch dieser war mit ihm, denn er ist ein Galiläer.“ 
Petrus aber sagte: „Mann, ich weiß nicht, was du meinst.“
Und während er noch sprach, krähte ein Hahn. 
Und Jesus wandte sich um und blickte Petrus an. Da erinnerte sich Petrus an seineWorte,
wie er zu ihm gesagt hatte: „Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ 
Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. 
 
Ich habe bei dieser Begebenheit schon immer gedacht, dass der arme Petrus hier ganz einfach schwach wird, so wie wir manchmal schwach werden, weil kein Mensch immer stark ist.  
Und ich habe schon immer mit ihm mitgelitten, denn das, was er an diesem Abend erleben muss, ist nichts für schwache Nerven.
 
Jesus, sein Freund und sein Meister wird verhaftet. Einfach so, ohne, dass er irgendein Verbrechen begangen hätte. Und Petrus muss zuschauen und kann nichts machen.
 
Ich musste in diesem Jahr sofort an die Regimekritikerinnen und Kritiker in Russland denken. Auch sie mussten zuschauen, als ihr Freund Alexej Nawalny verhaftet wurde. Sie mussten das Unrecht, das ihm geschah, still ertragen und konnten so gut wie nichts machen, selbst dann, als Nawalny nach brutaler Haft gestorben ist und niemand wusste, unter welchen Umständen. Selbst da durften sie sich nicht zeigen. Und diejenigen, die trotzdem nach seinem Tod öffentlich Blumen für Nawalny ablegten, mussten damit rechnen, selbst verhaftet zu werden. 
 
So ähnlich geht es Petrus. Er platzt fast vor Wut und Enttäuschung und soll sich trotzdem so ruhig und unauffällig wie möglich verhalten. 
 
Er schleicht hinterher auf diesen Hof mit dem Feuer. Aber er weiß auch, dass schon ein falsches Wort reicht, um selbst verhaftet zu werden. Wem würde das schon nützen?
Petrus versucht, am Feuer mitzukriegen, was da vor sich geht mit Jesus. Aber dauernd sprechen ihn Leute an, die wissen wollen, ob er auch dazugehört. Ob er auch dabei gewesen ist? Ob er nicht auch aus Galiläa kommt?
 
Dreimal lügt er, aus der Not heraus. Er ist wie in einem Schockzustand gefangen. In so einem Schockzustand handelt man nur noch wie vom Autopiloten gesteuert. Man macht irgendwie weiter, weil es weitergehen muss. Denn eigentlich ist für Petrus schon mit der Verhaftung von Jesus fast alles zu Ende gegangen, worauf er seine Hoffnung setzte. Er weiß sowieso nicht, wie es weitergehen soll. Er bewegt sich wie in einem Tunnel, ohne ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
 
Da weckt ihn der Hahn mit seinem morgendlichen Hahnenschrei. Der Hahn weckt ihn gleichzeitig aus seinem Schockzustand. Denn Petrus kann endlich weinen. Die Tränen fließen, als ob sie kein Ende nehmen wollten. Petrus weint bitterlich. 
 
Ich weiß nicht, in welchen Momenten des Lebens bei Ihnen schon Tränen geflossen sind? Ob Sie eher zu denen gehören, die nahe am Wasser gebaut sind? Oder eher zu denen, bei denen schon viel zusammen kommen muss, damit sie ein paar Tränen vergießen.
 
Tränen sind jedenfalls seltsam. Niemand weint gerne. Aber wenn die Tränen einmal fließen, dann ist das oft eine Erleichterung. Dann kommt etwas ins Fließen. Dann ist der erste Schock überwunden und es kann etwas Neues beginnen. 
 
Tränen sind viel besser als im ersten Moment gedacht. Denn mit jeder Träne löst sich etwas von dem, was so schrecklich oder so traurig oder so peinlich ist. 
 
In Psalm 56,9 betet jemand zu Gott:
 
Gott,
sammle meine Tränen in deinen Krug;
ohne Zweifel, du zählst sie. 
 
Wenn Gott meine Tränen zählt und sie in seinem Krug sammelt, wie eine Kostbarkeit, dann sind Tränen etwas Gutes, etwas Wichtiges, etwas, was dazugehört, damit das Leben fließen kann.
Gar nicht weinen können ist dagegen sehr belastend und hat ganz oft etwas mit einem Schock zu tun. So wie Petrus im Schock war in dieser Verhaftungsnacht.
 
Ich vergesse nie, wie ich an einem Morgen in Heidelberg zu einer Freundin kam. Sie stand unter Schock, denn in der Nacht davor war ihr Mann direkt neben ihr im Bett im Schlaf gestorben. Sein Herz hatte ganz plötzlich aufgehört zu schlagen und sie wachte auf, weil sie spürte, dass irgendetwas nicht stimmt. Helfen konnte sie ihm nicht mehr, nur feststellen, dass er nicht mehr atmet. 
Am Morgen danach stand sie ohne ihn da, plötzlich Witwe mit drei kleinen Kindern. Sie stand so sehr unter Schock, dass sie am Anfang gar nichts fühlen konnte. „Ich kann noch nicht mal weinen!“ wiederholte sie immer und immer wieder. Ich kann noch nicht mal weinen.
 
Petrus kann weinen. Ein Glück. Er weint bitterlich. Über die Verhaftung.
Über seine Angst. Über seine Notlügen. Über alles, was so aussichtslos aussieht. Und über all die verlorenen Hoffnungen.
 
Petrus weint bitterlich. 
 
Wann haben Sie das letzte Mal geweint? 
Vielleicht im Kino, heimlich im Dunkeln, als Sie der Film so berührt hat, beim Happy End?
Oder bei der letzten Beerdigung, als die Musik anfing, oder am Grab, als alles so endgültig war?
Oder als Ihre erwachsenen Kinder ausgezogen sind und Sie alleine in der Haustür standen?
Oder als sich etwas zerschlagen hat, worauf sie so sehr gehofft hatten?
 
Viele vermeiden es, zu weinen und schlucken die Tränen lieber runter. Das gibt dann einen Kloß im Hals.
Dabei gehört das Weinen genauso zum Leben wie das Lachen.

Ich kann manchmal Tränen lachen.
Nur dass das Weinen einen viel schlechteren Ruf hat als das Lachen.  
 
Sprüche wie: 
„Ein Junge weint nicht!“ oder 
„Du Heulsuse“ 
sitzen immer noch tief, obwohl wir es inzwischen besser wissen.
 
Die Passionsgeschichte Jesu ist eine Tränengeschichte. Sie rührt Menschen im innersten an. Sie erlaubt uns zu weinen, genauso wie Petrus geweint hat.
Johann Sebastian Bach dichtet im Schlusschor der Matthäus-Passion: „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“ Ohne Tränen kommen wir wohl nicht durch diese Geschichte hindurch. Ob nun mit geweinten oder unterdrückten Tränen. Ob mit Tränen des Mitgefühls oder des eigenen Versagens, mit Tränen unter dem Kreuz oder Tränen am Grab.
 
Deshalb sage ich heute ganz bewusst: 
 
„Danke, Petrus! Danke, für deine Tränen! 
Danke, dass wir uns zu dir setzen können mit unseren Tränen und dass wir mit dir weinen können über unsere zerbrochenen Hoffnungen
und über alles, was wir nicht geschafft haben und was uns peinlich ist.
 
Danke Petrus, dass du gar nicht lange rumgeredet hast, dich nicht gerechtfertigt hast, nicht lange alles erklärt hast.
Dir war in dem Moment, als der Hahn gekräht hat, schon alles klar. Du hast deinen Gefühlen freien Lauf gelassen und deinen Tränen auch.
 
Danke Petrus, deine ehrlichen Tränen lösen etwas. Die Traurigkeit fließt aus dir heraus. Sie verändern dich. 
 
Hilf uns zu solchen ehrlichen Tränen. Dass wir uns trauen, unsere Tränen fließen zu lassen, weil wir wissen, dass damit alles wieder ins Fließen kommt. Manchmal braucht es einen Weckruf, so wie den vom Hahn, damit wir das begreifen. Und damit wir wieder lachen können. Später. So wie du am Ostermorgen.“
Amen.
 
Pfrin. Bärbel Wassmer, Sonntag Lätare, 10. März 2024, Maulburg)