Predigt zu Psalm 24

 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
 
Gott segne reden und hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Der Advent ist eine besondere Zeit. Er ist voller Erwartungen. Er schürt Sehnsüchte und er macht Mut, über das hinaus zu denken, was ist. Die Welt wird in der Adventszeit durchscheinender für das, was uns Leben schenkt. Gleichzeitig werden wir in dieser Zeit aber auch empfindlicher für das, was das Leben zerstört. So suchen wir in diesen Tagen ganz besonders nach Frieden. Nach einem Frieden in uns, mitten in der Hektik der vorweihnachtlichen Zeit. Aber auch nach einem Frieden in der Welt, deren Konflikte wir in diesen Tagen besonders schmerzhaft spüren.
 
Doch woher kommt ein solcher Friede? Und wie kommt Gott zu uns, auf dessen Kommen wir uns in der Adventszeit doch vorbereiten?
 
Eine ganz eigene Antwort auf diese Fragen gibt uns der Psalm 24, den Sie in der Lesung gehört haben. Es heißt dort:
 
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe“
 
Unsere Tore und Türen sollen wir also aufmachen, damit Gott bei uns einziehen kann. Doch durch welche Tür kommt Gott zu uns? Und wie bekommen wir diese Tür auf?
 
Es handelt sich bei dieser Tür ja schwerlich um eine ganz normale Tür, so wie wir sie aus unseren Häusern oder Wohnungen kennen. Und auch wenn in dem Psalm neben den Türen noch die Tore genannt werden, ist damit wohl auch kein Stadttor gemeint. Auch der Hinweis, dass es sich bei Psalm 24 um ein altes Wallfahrtslied handelt - und dass mit den Türen in dem Psalm die Türen des Tempels in Jerusalem gemeint sind -  hilft uns an dieser Stelle nicht wirklich weiter. Schließlich ging es den Menschen damals nicht darum, durch welche Tür sie in den Tempel hineinkamen, sondern darum, durch welche Tür Gott zu ihnen kommt. Und das ist definitiv eine andere Tür. Doch welche?
 
Eine, die Innen von Außen trennt. So wie das jede Tür macht. Die Haustür trennt die Welt draußen von der Welt drinnen. Draußen, das ist der Ort, an dem alles Mögliche geschieht. Wunderbares wie Schreckliches. Draußen, da ist es kalt, da muss man sich an manchen Tagen warm anziehen. Draußen, da ist es im Sommer aber auch herrlich warm oder auch einmal angenehm frisch. Wind und Weite sind dort draußen zu finden, aber da sind auch andere Menschen, da ist Leben. Drinnen dagegen ist die Welt überschaubarer. Drinnen ist der Ort, in dem wir uns selbst eingerichtet haben. Jede und jeder ein wenig anders. Drinnen, da findet das private Leben statt. Da lassen wir nicht jeden herein. Drinnen ist sicher. Da haben wir die Kontrolle darüber, was dort geschieht. Drinnen ist kuschelig und gemütlich. Da stört uns niemand.
 
Doch zwischen diesem Drinnen und Draußen ist eine Tür. Diese Tür trennt die beiden Welten. Und jedes Mal, wenn wir von einer Welt zur anderen gelangen wollen, von drinnen nach draußen, oder von draußen nach drinnen, müssen wir zuerst diese Tür öffnen und die Schwelle überschreiten, die dazwischen liegt. Manchmal machen wir das ohne viel nachzudenken, einfach so. Ein kurzer Schritt, und wir sind draußen. Und ein ebenso kurzer Schritt, und wir sind wieder drinnen. An anderen Tagen bereiten wir uns dagegen lange darauf vor, durch diese Tür zu gehen. Wir ziehen uns warm an. Oder nehmen das eine oder andere mit, das wir auf der anderen Seite der Tür brauchen. Manchmal gehen wir vielleicht auch mit bangem Herzen über diese Schwelle, weil uns ein schwerer Gang bevorsteht. Und an anderen Tagen wiederum zieht es uns geradewegs nach draußen, oder umgekehrt zurück nach drinnen.
 
Aber wie auch immer wir diese Schwelle überschreiten, wir nehmen immer uns selbst mit. Auch wenn wir drinnen und draußen jeweils andere Menschen sind. Wobei das so nicht ganz stimmt. Wir zeigen nur andere Seiten von uns. Draußen ziehen wir oft nicht nur einen Mantel an, sondern wir schützen uns auch auf andere Weise. Wir ziehen gleichsam unserer Seele einen Schutzpanzer über, damit sie nicht so leicht verletzt wird, zum Beispiel durch unüberlegte Worte anderer Menschen. Drinnen legen wir diesen Schutzpanzer wieder ab, weil wir ihn dort nicht mehr brauchen. Dafür lassen sich manche Menschen drinnen leichter gehen. Weil niemand mehr da ist, der sie beobachtet. Da ist es einfacher, ein paar Süßigkeiten mehr zu naschen, als einem vielleicht gut tut. Wobei das die harmlose Variante des sich Gehen-lassens ist. Denn bei manchen Menschen führt die mangelnde Kontrolle durch außen auch dazu, dass sie sich drinnen Dinge trauen, die sie draußen niemals tun würden. So führen sich manche drinnen als kleiner Tyrann auf, der über alles bestimmt. Drinnen kann manchmal ein ganz schrecklicher Ort sein, je nachdem, welche Geister wir in uns selbst geweckt haben. Denn tief in uns drin, sind wir Menschen ja nicht immer nur nett. Tief in uns drin haust auch oft ganz viel Wut und Frust. Es wohnt dort manchmal eine tiefe Trauer, über einen Verlust, den wir erfahren haben. Oder auch eine Resignation oder ein Zynismus, weil wir enttäuscht worden sind. Innendrin sind wir Menschen manchmal furchtbar einsam, obwohl um uns herum viele Menschen sind. Innendrin sind wir immer wieder ganz anders, als draußen. Und manchmal wissen wir selbst nicht einmal so genau, wie es innendrin in uns aussieht.
 
Es ist, als gäbe es dort noch eine weitere Tür. Eine unsichtbare Tür, die wir mit unseren Händen nicht öffnen können. Als wäre dort, tief in uns drin, hinter dieser Tür, alles Mögliche versteckt, von dem wir nur manchmal etwas mitbekommen. Dunkles und Trauriges auf der einen Seite, aber auch Helles und Fröhliches auf der anderen. Und nur manchmal öffnet sich diese Tür, oft auch nur einen Spalt breit, und lässt uns einen Blick in unser Innersten werfen.
 
Um diese Tür geht es Gott. Zumindest, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Diese Tür, hinter der wir uns manchmal vor uns selbst verstecken – oder hinter der wir uns selbst einsperren, oder auch vor uns aussperren, so dass wir uns selbst fremd werden – diese Tür sollen wir Gott öffnen, damit er in uns wohnen kann.
 
Denn Gott gibt sich nicht damit zufrieden, dass wir ihm nur die Kirchentüren öffnen und ihm in unserer Welt einen besonderen, abgegrenzten Bereich einräumen, in dem wir  ihn feiern, auf sein Wort hören und zu ihm beten, nur um diese Tür nach dem Besuch der Kirche wieder zuzumachen und den Rest unserer Zeit wieder ohne ihn zu leben. Nein.
 
Gott gibt sich auch nicht zufrieden, dass wir ihm nur die Tür zu unserem Haus öffnen. Die Tür zu unserem privaten Leben. Zu unserem Drinnen, in dem wir uns häuslich eingerichtet haben und in dem wir unser Leben nach den Worten ausrichten. So dass wir uns in unserm privaten Umfeld lieben, uns gegenseitig achten und wir einander in unseren Schwächen tragen, während wir draußen in der Welt wieder unsere Ellbogen ausfahren und nicht mehr nach gut und böse fragen, sondern nur noch, ob es Gewinn verspricht, oder möglichste wenig Arbeit macht. Nein.
 
Ja, Gott gäbe sich selbst damit nicht zufrieden, wenn wir ihm die Tür zu unserer Welt weit aufstoßen würden. Wenn wir alle gerecht lebten. In Frieden miteinander, so dass es keine Kriege mehr gäbe und jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, ob Kind oder Greis, nicht mehr um sein Leben fürchten müsste. Wenn alle Menschen etwas zu essen hätten und wir unsere Wirtschaft so organisierten, dass wir unsere Erde durch sie nicht länger zerstörten, sondern im Einklang mit der Natur lebten. Nein, selbst dann wäre Gott nicht zufrieden. Weil es ihm um mehr geht, als um Moral. Mehr, als auch um Gerechtigkeit. Oder Frieden. So wichtig und gut beide auch sind. Nein.
 
Es geht ihn um uns. Um jede und jeden. Es geht ihm um sie, und es geht ihm um mich.
 
In uns will Gott wohnen. Doch dazu müssen wir ihm die Tür zu unserem Innersten öffnen. Und das mehr als nur einen Spalt breit. Doch wie sollen wir diese Tür aufbekommen, die doch keine Klinke hat wie die anderen Türen? Ständig dagegen zu schlagen nützt nichts, so viel kann ich Ihnen sagen. Mit Druck und Gewalt lässt sich diese Tür nicht öffnen. Da schließt sie sich nur noch fester zu. 
 
Es sind ganz eigene Tugenden, die helfen, dass sich die Tür zu unserem Innern öffnet.
 
Kindheitserinnerungen gehören dazu. Schließlich sind wir in unserer Kindheit zu dem geworden, wer wir sind. Zumindest im Kern. Dabei tauchen in der Advents- und Weihnachtszeit bei vielen Menschen Erinnerungen aus ihrer Kindheit wieder auf. Vielleicht kann eine davon ja auch ihnen helfen, die Tür zu ihrem Inneren zu öffnen. Schließlich liegen in unserer Kindheit oft große Schätze verborgen, gerade in der Advents und Weihnachtszeit. Das Glück, das wir damals erlebt haben, prägt uns bis heute und es kann uns helfen, heute offener zu leben. 
 
Hoffnung kann helfen, die Tür zu unserm Ich zu öffnen. Eine Hoffnung, die sich nicht nur an der einen oder anderen guten Meldung festmacht, die wir gerade irgendwo gehört haben, sondern eine Hoffnung, die tiefer reicht. Die Hoffnung, dass wir in unserer Welt, egal was in ihr geschieht, gehalten sind von einer Macht, die es gut mit uns meint. Dass wir getragen sind von einer Kraft, die freundlich ist und barmherzig. Eine solche Hoffnung hilft uns, dass sich unsere innere Tür öffnet.
 
Beten kann helfen, die Tür zu unserem Ich zu öffnen. Ein Reden mit Gott, das sich traut, auch die Sachen anzusprechen, um die wir ansonsten gern einen Bogen machen, weil sie uns herausfordern, oder weil sie die Routine der normalen Tage durchbrechen. Im Reden mit Gott Worte zu finden für das, was sich uns selbst erst einmal entzieht, uns aber doch auf der Seele liegt. Und diese Worte Gott dann auch zu sagen, auch wenn man nicht weiß, ob die Worte stimmen, oder völlig an der Sache vorbeigehen. Es trotzdem wagen, zu reden. Und darauf zu hoffen, dass in uns nach und nach eine Antwort wächst. Und sich so eine Tür öffnet, so dass plötzlich Dinge möglich sind, die vorher noch nicht vorstellbar waren. Anderen zu vertrauen. Hoffnung zu haben, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Nicht mehr allein zu sein, weil sich in uns die Tür zu unserem Innersten geöffnet hat und wir wieder verbunden sind: mit uns selbst – mit Gott – und mit den anderen Menschen.
 
„Machet die Tore auf und die Türen in der Welt hoch“, heißt es in dem Psalm. In diesen Worten liegt nicht nur eine Aufforderung, sondern auch eine Verheißung. Gott kommt und er hilft uns, die Tür in uns zu öffnen. 
 
Damit wir uns selbst besser verstehen können 
und in Frieden mit uns selbst leben können.
Damit wir uns anderen Menschen öffnen
und wir  nicht mehr alleine sind, sondern verbunden sind mit anderen.
Und damit wir uns Gott öffnen. 
Seiner Liebe. Seiner Gnade. Und seiner Freundlichkeit. 
So dass er selbst in uns wohnt und wir einen Vorgeschmack des Himmels schon hier auf der Erde erleben. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer, I. Advent, 3. Dezember 2023, Maulburg.
 
 
 
 
Amen.